Ziel des rechts- und sozialwissenschaftlichen Projektes ist die Ausarbeitung von Eckpunkten eines neuartigen nachhaltigen sozialpolitischen Modells für die Gestaltung von Erwerbsverläufen. Das Modell soll Arbeitnehmer/innen im Rahmen von Arbeitsverhältnissen ermöglichen, Erwerbsarbeit mit anderer gesellschaftlicher Arbeit, vor allem der Sorgearbeit, selbstbestimmt und in arbeits- wie sozial­rechtlich abgesicherter Form zu verbinden. Es löst sich von der industriegesellschaftlichen Norm des „Normalarbeitsverhältnisses“: Diese orientiert sich am Idealtypus des männlichen Familienernährers, der ununterbrochen vollzeitig bis ins Rentenalter erwerbstätig ist und die Sorgearbeit (Care) – das heißt erziehen, betreuen und versorgen – an andere (in der Regel Frauen) delegiert. Das Modell will – als neuartige Normalität – Erwerbstätigen beiderlei Geschlechts einen „atmenden Lebenslauf“ ermöglichen, der in seiner zeitlichen Organisation Phasen der Erwerbsarbeit mit Phasen der Sorge, der Bildung, des Ehrenamts usw. vereinbar und wechselseitig fruchtbar macht (Jurczyk 2015). Ein „Zeitbudget“ für nicht-erwerbliche Arbeit in der Erwerbsphase sowie „Ziehungsrechte“ (Mückenberger 2007) aus diesem Budget sollen den Beschäftigten Optionsrechte für eine zweckgebundene Freistellung von der Erwerbsarbeit über die gesamte Biografie hinweg eröffnen und das Tragen der Lasten dafür fair regeln.

Bausteine des Konzepts sollen im Verlauf des Projekts überprüft und konkretisiert werden. Dabei werden unter Berücksichtigung ausländischer Beispiele

(1) Gesetze und Tarifverträge normativ und empirisch darauf überprüft, ob sie ermöglichen oder gerade erschweren, Erwerbs- und damit Lebensverläufe flexibel, sozial abgesichert und selbstbestimmt zu gestalten,

(2) Zeitverwendungsmuster mit Zeitbedarfen für unterschiedliche Tätigkeiten in unterschiedlichen Lebensphasen abgeglichen und Potenziale und Rahmenbedingungen zukünftiger Ziehungsrechte identifiziert und

(3) die Chancen für die Entwicklung eines lebensverlaufsbezogenen Zeitbudgets mit Ziehungsrechten in Deutschland herausgearbeitet.

Das Projekt wird in Kooperation mit Prof. Dr. Ulrich Mückenberger vom Zentrum für Europäische Rechtspolitik der Universität Bremen durchgeführt.