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Wie unterscheiden und wo ähneln sich Vaterschaftskonzepte und -praxen in Deutschland und Polen? Wie und unter welchen Bedingungen verändern sich diese über mehrere Generationen hinweg? Was sind Kontinuitäten und wie verläuft die Transmission zur nächsten Generation? Diesen Fragen widmet sich das DFG-geförderte Projekt in Kooperation mit Kolleg:innen der Universität Breslau. Ziel ist es, durch eine deutsch-polnische, intergenerationell und interkulturell vergleichende Perspektive Brüche, Kontinuitäten und Wandel von Vaterschaftskonzepten und -praxen herauszuarbeiten und so zu einer Diskussion über Vaterschaft im Generationenverlauf beizutragen.

Der Vergleich zwischen den Nachbarländern Deutschland und Polen wurde u.a. gewählt, weil sie einerseits heute die gleichen EU-Regularien berücksichtigen, sich aber andererseits durch ihre jeweilige kulturelle und historisch-politische Prägung unterscheiden. So begünstigt die im Sozialismus geförderte Erwerbsintegration von Frauen in Polen eine egalitäre Erwerbsbeteiligung von Eltern bis heute, während der nach wie vor starke Einfluss der katholischen Kirche und (fehlende) sozialpolitische Maßnahmen traditionell-patriarchale Familienstrukturen fördern. In Deutschland sehen wir erst in den letzten zwanzig Jahren einen sozialpolitischen Wandel hin zu einer egalitären Aufgabenteilung. Dennoch sind ein großer Anteil der deutschen Väter vollzeiterwerbstätig und bringen sich vorwiegend in den Randzeiten abends und am Wochenende aktiv in die Betreuung und Erziehung der Kinder ein.

In beiden Ländern gilt das Konzept der „aktiven Vaterschaft“ mittlerweile als erstrebenswerte soziale Norm, wenngleich die familiären Praxen dies nicht immer abbilden. Für dieses fehlende Passungsverhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit werden in der Literatur individuelle, partnerschaftsbezogene, arbeitsmarktkulturelle und sozialpolitische Rahmenbedingungen als ursächlich beschrieben (Zerle-Elsäßer/Li 2017). Ein weiterer aktueller, wenngleich bislang in Deutschland und Polen wenig beachteter Strang der Forschung konzentriert sich auf konkrete Mechanismen sozialen Lernens, indem er das Verhältnis eines Mannes zum eigenen Vater in den Fokus rückt (Parke 2002). Diese beiden Stränge verbindend, untersucht unser Projekt erstens, wie sich Normen und Praxen aktuell gestalten, aber auch historisch und kulturell wandeln und zweitens, wie die Beziehung zum eigenen Vater, aber auch äußere Umstände dies beeinflussen.

 

Die beiden Fragen nach den Unterschieden in den Konzepten und Praxen von Vaterschaft in Deutschland und Polen sowie nach den interfamilialen Transmissionsprozessen bearbeitenwir mit einem qualitativen Forschungsdesign: Wir nutzen problemzentrierte Interviews, in die wir verschiedene verbale, bildliche und gestalterische Erzählstimuli integrieren, um in beiden Ländern Urgroßväter, deren Söhne und deren Enkel (ebenfalls bereits Väter) zum Thema eigener und erlebter Vaterschaft zu befragen.

Insgesamt sollen ca. 60 Personen, also jeweils zehn Familien (Urgroßvater, Großvater und Vater) aus Polen und Deutschland interviewt werden. Das Sample soll in beiden Ländern westliche und östliche Regionen sowie möglichst die soziale Vielfalt von Vätern abbilden.

 

Parke, Ross D. (2002). Fathers and families. In: Marc H. Bornstein (Hg.), Handbook of parenting: Being and becoming a parent (2. Aufl.), S. 27-73. Mahwah: Lawrence Erlbaum Associates Publishers.

Zerle-Elsäßer, Claudia/Li, Xuan (2017). Väter im Familienalltag - Determinanten einer aktiven Vaterschaft. Zeitschrift für Familienforschung 29 (1), S. 11-31.