Das Projekt „Die Rolle von Elternstress für elterliches und kindliches Wohlbefinden“ ist Teil der Fachgruppe 4 „Frühe Hilfen" der Abteilung „Familie und Familienpolitik" im Deutschen Jugendinstitut (DJI).

Ziel des Forschungsvorhabens ist die Pilotierung einer Untersuchung 1. des erlebten täglichen Elternstresses in Real-Time mittels eines Ecological Momentary Assessments (EMA) sowie 2. der Rolle von Stress in der Elternrolle für das Wohlbefinden der Kinder. Des Weiteren wird 3. die Rolle des subjektiv erlebten Elternstresses für die Eltern-Kind-Interaktion untersucht. Dazu werden Eltern mit minderjährigen Kindern, idealerweise mit Kindern im Alter von 0-3 Jahren, in einem Mixed-Methods-Design sowohl qualitativ als auch quantitativ befragt.

Die Ergebnisse sollen neben einer Testung der Instrumente und der Machbarkeit des Studiendesigns erste Hinweise geben, wie Angebote der Frühen Hilfen an die Bedürfnisse von Eltern mit hohem Stress in der Elternrolle angepasst werden können.

Insgesamt stellt Elternschaft eine Herausforderung für alle Eltern dar. Während dies eine Umstellung und Anpassung für alle Eltern bedeutet, sind nicht alle Eltern in ähnlichem Maße gestresst (Menon/Fauth/Easterbrooks 2020). In der Studienfolge KiD 0-3 kristallisierte sich eine Teilgruppe an Eltern mit Kindern im Alter von 0-3 Jahren heraus, welche ein deutlich erhöhtes Maß an Stress zeigt (Lorenz u.a. 2020). Interessanterweise bleibt diese Gruppe bestehen, wenn man für etablierte Risikofaktoren (z.B. Familien in Armutsrisikolagen, Eltern mit psychischer Erkrankung, alleinerziehende Eltern) kontrolliert. Nach den Ergebnissen der Studie nutzen diese Eltern selektive Präventionsangebote wie eine längerfristige aufsuchende Begleitung durch Gesundheitsfachkräfte der Frühen Hilfen oder Erziehungsberatung nur selten, obwohl ein Bedarf vorliegt. Umso wichtiger erscheint es, einen Zugang und spezifische Präventionsmaßnahmen für diese Gruppe von Eltern zu finden.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der detaillierteren Charakterisierung dieser gestressten Eltern und der Betrachtung weiterer relevanter Risikofaktoren für Stress. Ein noch wenig erforschter Faktor hinsichtlich der individuellen Stress-Reaktion ist die elterliche sensorische Sensibilität bzw. das Konzept der Hochsensitivität (Branjerdporn u.a. 2018). Insbesondere bei aufkommenden Stress in den ersten Lebensjahren eines Kindes stellt sich die Frage, wie sich diese Hochsensitivität auf die Eltern-Kind-Interaktion und das elterliche und kindliche Wohlbefinden auswirkt.

Das Pilotprojekt gliedert sich in zwei Bestandteile, einer EMA-Befragung über drei Wochen (n=50) und begleitend einer qualitativen Befragung mit problemzentrierten Interviews (n=6).

In der EMA-Befragung erhalten Eltern neben einem Eingangs- und Abschlussfragebogen über drei Wochen dreimal täglich einen kurzen Fragebogen. Durch eine EMA-Befragung können Daten, wie z.B. die momentane Stimmung oder das aktuelle Stresslevel, möglichst direkt im Alltag Smartphone-basiert erfasst werden. Neben der unmittelbaren, leicht-zugänglichen Datenerhebung ist ein weiterer Vorteil auch Zeitreihen erfassen und damit Wechselwirkungen im Verlauf beobachten zu können.

In problemzentrierten Interviews möchte die Forschergruppe als Ergänzung zu den quantitativen Daten ein vertieftes Verständnis von der Alltagsgestaltung, Stresserleben und Bewältigungsstrategien der Eltern erlangen. Hierbei soll ein Fokus auf dem Thema Hochsensibilität liegen. Zusätzlich werden die Eltern auch zur Akzeptanz des Studiendesigns und der Instrumente befragt.

Außerdem wird ggf. bei einem Teil der Untersuchungsgruppe durch das Messen der Herzrate mittels eines Wearables (z.B. Smartwatch, Smartband) ein physiologisches, kontinuierliches Stressmaß erhoben. Hierfür nehmen wir Kontakt mit einem Teil der Teilnehmenden auf. Diese können sich daraufhin ohne negative Auswirkungen für oder gegen die Nutzung eines Wearables entscheiden.

Branjerdporn, Grace/Meredith, Pamela/Strong, Jenny/Green, Mandy (2019): Sensory sensitivity and its relationship with adult attachment and parenting styles. In: PloS One, 14. Jg., H. 1, e0209555

Lorenz, Simon/Ulrich, Susanne M./Kindler, Heinz/Liel, Christoph (2020): Wie viele Familien in Deutschland sind in welchem Ausmaß psychosozial belastet? Ein Vergleich verschiedener Klassifizierungsverfahren zur Einschätzung des frühen Hilfebedarfs. In: Kindheit und Entwicklung, 29. Jg., H. 3, S. 128–137

Menon, Meera/Fauth, Rebecca C./Easterbrooks, M. Ann (2020): Exploring trajectories of young mothers’ parenting stress in early childhood: Associations with protective factors and psychological vulnerabilities. In: Parenting, 20. Jg., H. 3, S. 200–228

Kontakt

+49 89 62306-323
Deutsches Jugendinstitut
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