Die PISA-Studien zeigen seit 2001, dass in Deutschland trotz aller zwischenzeitlich unternommenen Bildungsreformen und durchaus zu erkennender Fortschritte die starke Koppelung zwischen Bildungsbeteiligung und ‑erfolg eines Kindes und seiner sozialen Herkunft weiterhin besteht. Mit Blick auf die jüngsten PISA-Ergebnisse wird zudem deutlich, dass der Abbau von Bildungsdisparitäten offenbar kein einfacher, geradliniger Prozess ist.

Die Frage, wie sich die Bildungsbeteiligung von Kindern in prekären und armutsbezogenen Lebenslagen vollzieht, ist damit nicht nur nach wie vor aktuell, sie hat gerade mit der COVID-19-Pandemie an Dringlichkeit gewonnen. Die Forschung zur Armut zeigt, dass insbesondere Kinderarmut mehr bedeutet als über wenig Geld zu verfügen. Armut manifestiert sich in verschiedenen Lebensbereichen und kann mit multiplen Benachteiligungen und Belastungen einhergehen, die nachweislich das Leistungsvermögen und den Bildungsverlauf von Kindern beeinträchtigen (Hußmann u.a. 2017; Biewen/Hillmert 2015; Holz/Hock 2006).

Deutschland zeichnete sich zwar in den vergangenen zehn Jahren durch eine positive wirtschaftliche Entwicklung mit einem kontinuierlichen Wirtschaftswachstum, hohen Beschäftigungszahlen und steigenden Reallöhnen aus, allerdings weisen die Indikatoren im jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung darauf hin, dass der Anteil von Kindern und Jugendlichen in Armut vergleichsweise stabil blieb.

Vor diesem Hintergrund ist das Ziel des Projekts, am Beispiel der Stadt München zu verstehen, wie Eltern und Kinder in armen und armutsgefährdeten Familien das Aufwachsen, ihre Lebenswirklichkeit und schulische sowie außerschulische Bildungskontexte erleben und wie dies dazu beiträgt, dass die Kinder chancenreiche Bildungswege beschreiten können oder ihnen diese verwehrt bleiben. Das Projekt fokussiert dabei auf eine der wichtigsten Weichenstellungen im Bildungsverlauf: den Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule der Sekundarstufe I.

Im Rahmen des Projektes werden sowohl Interviews mit Schulleitungen, Lehrpersonen und sozialpädagogischen Fachkräften an ausgewählten Münchner Grundschulen als auch in von Armut betroffenen oder bedrohten Familien, deren Kind Schüler oder Schülerin an diesen Schulen ist, geführt.

An den Schulen werden mit den thematisch auf Armutslagen und Übergangsvorbereitung fokussierten Interviews sowohl die institutionellen Rahmenbedingungen als auch die pädagogische Auseinandersetzung mit der Armutsbetroffenheit und der Lern- und Leistungsentwicklung von Schülerinnen und Schülern erschlossen werden. Von besonderem Interesse sind dabei unterrichtliche und außerunterrichtliche Angebote zur individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler und zur Unterstützung ihres Übergangs in die Sekundarstufe I.

In den Familien werden mit den Eltern und mit den Kindern zu Beginn und am Ende des letzten Grundschuljahres Interviews zu den (bildungsbezogenen) Alltagspraktiken und Lebensführungsmustern der Familien sowie zu den innerfamiliären und zwischen dem Elternhaus und der Schule stattfindenden Aushandlungsprozessen zur Übergangsentscheidung geführt. Dabei interessieren auch die Inanspruchnahme von öffentlichen, vor allem auch an Schulen vorgehaltenen Angeboten zur Unterstützung von Kindern und Familien mit (vielfach) prekären Lebenslagen.

 

Biewen, Martin; Hillmert, Steffen (2015). Aktuelle Entwicklungen der sozialen Mobilität und Dynamik von Armutsrisiken in Deutschland. Follow Up-Studie zur Armuts- und Reichtumsberichterstattung. Abschlussbericht. Tübingen: Institut für angewandte Wirtschaftsforschung

Holz, Gerda; Hock, Beate (2006). Infantilisierung von Armut greifbar machen: Die AWO-ISS-Studien zur familiären Armut. Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung 75(1), S. 77-88

Hußmann, Anke; Stubbe, Tobias C.; Kasper, Daniel (2017). Soziale Herkunft und Lesekompetenzen von Schülerinnen und Schülern. In Hußmann, Anke u.a. (Hrsg.): IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. (S. 195-218). Münster: Waxmann

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+49 89 62306-227
Deutsches Jugendinstitut
Nockherstr. 2
81541 München

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