Digitale Medien in Kindertageseinrichtungen bekommen, unter anderem verstärkt durch die Entwicklungen der COVID-19-Pandemie, mehr Aufmerksamkeit von Forschung und Politik. Immer häufiger wird thematisiert, ob und wie „digitale Kindheiten“ (Wiesemann u.a. 2020) im pädagogischen Alltag der Kita aufgegriffen werden sollen. Bisher sind digitale Medien im Elementarbereich jedoch nur wenig verbreitet. Sie werden eher als Organisations- und Kommunikationsmittel genutzt und weniger in der pädagogischen Arbeit eingesetzt (Knauf 2019). Dabei wird, nicht nur von Seiten der Forschung, die Frage um eine adäquate und pädagogisch nachhaltige Nutzung digitaler Medien in Kitas virulent. Die Potenziale und Chancen digitaler Medien zur Unterstützung einer chancengerechten frühkindlichen Bildung und Entwicklung werden bisher noch wenig beachtet.

Das Forschungsprojekt „Digitale Bilderbücher in der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung“ fokussiert daher im Speziellen den Einsatz digitaler Bilderbücher und deren Beitrag zur sprachlichen Bildung in der Kindertagesbetreuung. Internationale Forschungsstudien beschäftigen sich bereits seit einigen Jahren mit diesem Thema und konnten beispielsweise positive Sprachfördereffekte beim (Dialogischen) Vorlesen mit digitalen Bilderbüchern (z.B. Takacs/Swart/Bus 2015) oder eine stärkere Beteiligung der Kinder bei Verwendung von e-books im Vergleich zu Printbüchern (Richter/Courage 2017) nachweisen. Im deutschsprachigen Raum mangelt es noch an Erkenntnissen zur Verwendung digitaler Bilderbücher im Bereich der frühkindlichen Bildung. Um zu klären, inwiefern und unter welchen Bedingungen die Potenziale digitaler Bilderbücher im pädagogischen Alltagsgeschehen der Kitas tatsächlich zum Tragen kommen, ist Wissen zu verschiedenen Varianten des Einsatzes und des (auch beiläufigen) Umgangs mit diesem Medium nötig. Das Projekt wendet sich dieser Leerstelle zu und beleuchtet die Frage nach dem Einsatz digitaler Bilderbücher im Kontext einer inklusiven alltagsintegrierten sprachlichen Bildung innerhalb institutioneller Betreuungssettings, d.h. in Abhängigkeit des sozialen Arrangements des Kita-Alltags und seiner Akteure. Aus den Ergebnissen werden im Rahmen einer Handreichung Konzepte und Praxisbeispiele abgeleitet, die das Einbinden digitaler Formate in den pädagogischen Alltag erleichtern und pädagogische Fachkräfte beim Umgang mit und Nutzen von digitalen Bilderbüchern in der pädagogischen Praxis unterstützen sollen.

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ gefördert.

Das Projekt bearbeitet die Fragen, (a) wie genau digitale Bilderbücher in den Kitas nicht nur durch Fachkräfte, sondern auch durch die Kinder verwendet werden, (b) welche Sprachanlässe und andere Aktivitäten diese Medien in unterschiedlichen Settings des Kita-Alltags initiieren und (c) durch welche Strategien der Kitaleitungen und der pädagogischen Fachkräfte sie langfristig in alltägliche Abläufe und Routinen sowie in das pädagogische Konzept der Kitas integriert werden. Das Projekt soll einen Beitrag dazu leisten, die Prozesse von Digitalisierung in Kitas durch konzeptionelle Vorschläge zu begleiten und die Nachhaltigkeit bereits erzielter Erfolge alltagsintegrierter Sprachbildung des Bundesprogramms Sprach-Kitas zu sichern.

Im Rahmen des Forschungsprojektes werden folgende Fragestellungen bearbeitet:

  • Wie und wann werden digitale Bilderbücher im Alltag der Kita genutzt (z.B. mit welchen Kindern, in welchen Situationen)?
  • Welche Sprachanlässe zwischen den Kindern und Fachkräften werden durch digitale Bilderbücher initiiert?
  • Wie gehen die Kinder mit den digitalen Bilderbüchern um?
  • Welche Varianten des Einsatzes und des Umgangs mit digitalen Bilderbüchern zeigen sich bei unterschiedlichen Kindern, wie z.B. Kindern mit verschiedenen Familiensprachen oder niedrigen sozioökonomischen Herkunftsmilieus?
  • Welche Strategien, Ressourcen und organisationalen Strukturen fördern oder behindern den Prozess der Implementation digitaler Bilderbücher in den pädagogischen Alltag?

Um die beteiligten Akteure sowie die Ausgestaltung von Alltagssituationen und Settings, in denen digitale Bilderbücher zum Einsatz kommen, spezifisch untersuchen zu können, setzt das Projekt auf Methodentriangulation im qualitativen Forschungsansatz der Einzelfallstudie. Hierfür werden vier Kitas kriteriengeleitet ausgewählt. Zum einen kommen leitfadengestützte Interviews mit Einrichtungsleitungen und Fokusgruppen mit pädagogischen Fachkräften zum Einsatz. Sie dienen dazu den interaktiven Charakter der einrichtungsbezogenen Teamkommunikation, sowie die subjektiv wahrgenommenen Erfahrungen der Integration digitaler Bilderbücher in alltägliche pädagogische Abläufe und in die konzeptionelle Arbeit der Kita, zu erfassen. Zum anderen wird mit Hilfe von Videoaufnahmen der situative Einsatz von und der Umgang mit digitalen Bilderbüchern in unterschiedlichen Settings des alltäglichen Geschehens in den Einrichtungen mikroanalytisch rekonstruiert.

Die qualitativen Daten der Interviews und Fokusgruppen werden anhand eines vorwiegend induktiv entwickelten Kategoriensystems (Kruse 2015; Kelle/Kluge 2010) in iterativer Vorgehensweise erschlossen, um daraus unter Einbezug des aktuellen theoretischen Kenntnisstandes, Kriterien für eine gelungene Integration digitaler Bilderbücher für alltagsintegrierte sprachliche Bildung abzuleiten. Auf Basis der interpretativen Videoanalyse (Tuma/Schnettler/Knoblauch 2013) erfolgt die Analyse der Settings in denen digitale Bilderbücher zum Einsatz kommen, sowie die darin eingebundenen Interaktionen. Sequenzanalytische Verfahren der Gesprächsanalyse ermöglichen zudem, die sequenziell geordnete Verlaufslogik von Praktiken der Kinder und der pädagogischen Fachkräfte auszuwerten. Zudem wird in ausgewählten Videosequenzen die sprachliche Interaktionsqualität der pädagogischen Fachkräfte eingeschätzt (Fried/Briedigkeit/van Holt 2008). Die Erkenntnisse daraus werden fallbezogen mit den qualitativen Daten der interpretativen Videoanalyse in Verbindung gebracht.

Fried, Lilian/Briedigkeit, Eva/van Holt, Alexandra (2008): Sprachförderkompetenz. Selbst- und Teamqualifizierung für Erzieherinnen, Fachberatungen und Ausbilder. Berlin

Kelle, Udo/Kluge, Susann (2010): Vom Einzelfall zum Typus. Fallvergleich und Fallkontrastierung in der qualitativen Sozialforschung. 2., überarb. Aufl. Wiesbaden

Knauf, Helen (2019): Digitalisierung in Kindertageseinrichtungen. Ergebnisse einer Fragebogenerhebung zum aktuellen Stand der Nutzung digitaler Medien. Frankfurt

Kruse, Jan (2015): Qualitative Interviewforschung. Ein integrativer Ansatz. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. Weinheim/Basel

Richter, Anna/Courage, Mary L. (2017): Comparing electronic and paper storybooks for preschoolers: Attention, engagement, and recall. In: Journal of Applied Developmental Psychology, 48. Jg., S. 92–102

Takacs, Zsofia K./Swart, Elise K./Bus, Adriana G. (2015): Benefits and Pitfalls of Multimedia and Interactive Features in Technology-Enhanced Storybooks: A Meta-Analysis. In: Review of Educational Research, 85. Jg., H. 4, S. 698–739

Tuma, René/Schnettler, Bernt/Knoblauch, Hubert (2013): Videographie. Einführung in die interpretative Videoanalyse sozialer Situationen. Wiesbaden

Wiesemann, Jutta/Eisenmann, Clemens/Fürtig, Inka/Lange, Jochen/Mohn, Bina E. (2020): Digitale Kindheiten. Wiesbaden

Kontakt

+49 89 62306-146
Deutsches Jugendinstitut
Nockherstr. 2
81541 München

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