Digitale Medien in Kindertageseinrichtungen bekommen, unter anderem verstärkt durch die Entwicklungen der COVID-19-Pandemie, mehr Aufmerksamkeit von Forschung und Politik. Immer häufiger wird thematisiert, wie „digitale Kindheiten“ (Wiesemann u.a. 2020) im pädagogischen Alltag der Kitas aufgegriffen werden können. Neben dem Einsatz digitaler Medien für administrative Vorgänge, wie z.B. zur Unterstützung der Zusammenarbeit mit Eltern oder um Bildungs- und Lernprozesse digital zu dokumentieren, bieten digitale Medien in Kitas vielfältige Möglichkeiten der Gestaltung des pädagogischen Alltags, wie beispielsweise kreative Bildungsangebote in naturwissenschaftlichen und ästhetischen Bildungsbereichen, aber auch die Anregung von Kommunikation (Friedrichs-Liesenkötter 2020). Bisher sind digitale Medien im Elementarbereich jedoch nur wenig verbreitet. Sie werden eher als Organisationsmittel genutzt und weniger in der pädagogischen Arbeit eingesetzt (Knauf 2019).

Insbesondere internationale Forschung kann beim Vorlesen mit digitalen Bilderbüchern mit multimedialen Inhalten in meist quasi-experimentellen Designs positive Effekte zur Förderung sprachlicher Fähigkeiten aufzeigen (Takacs/Swart/Bus 2015). Bisher mangelt es jedoch vor allem im deutschsprachigen Raum noch an Erkenntnissen zum Umgang mit digitalen Bilderbüchern im Kontext einer alltagsintegrierten sprachlichen Bildung innerhalb institutioneller Betreuungssettings, die sich nicht nur auf dyadische Vorlesesituationen außerhalb des Kita-Alltags beschränken und die unterschiedliche Struktur und Interaktionsdynamik von alltäglichen pädagogischen Situationen aufgreifen. Um zu klären, inwiefern und unter welchen Bedingungen die Potenziale digitaler Bilderbücher im pädagogischen Alltagsgeschehen der Kindertageseinrichtung tatsächlich zum Tragen kommen, ist Wissen zu verschiedenen Varianten des Einsatzes und des (auch beiläufigen) Umgangs mit diesem Medium nötig.

Das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Projekt wendet sich dieser Leerstelle zu und beleuchtet die Frage nach dem Einsatz digitaler Bilderbücher auch in Abhängigkeit des sozialen Arrangements des Kita-Alltags und seiner Akteure.

Das im Rahmen des Bundesprogramms „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ durchgeführte Projekt bearbeitet die Frage, wie genau digitale Bilderbücher in den Kitas nicht nur durch Fachkräfte, sondern auch durch die Kinder verwendet werden, welche Sprachanlässe und andere Aktivitäten diese Medien in unterschiedlichen Settings des Kita-Alltags initiieren und durch welche Strategien der Kitaleitungen und der pädagogischen Fachkräfte sie langfristig in alltägliche Abläufe und Routinen sowie in das pädagogische Konzept der Kitas integriert werden. Das Projekt soll einen Beitrag dazu leisten, die Prozesse von Digitalisierung in Kitas durch konzeptionelle Vorschläge zu begleiten und die Nachhaltigkeit bereits erzielter Erfolge alltagsintegrierter Sprachbildung des Bundesprogramms Sprach-Kitas zu sichern.

Im Rahmen des Forschungsprojektes werden folgende Fragestellungen bearbeitet:

  • Wie und wann werden digitale Bilderbücher im Alltag der Kita genutzt (z.B. mit welchen Kindern, in welchen Situationen)?
  • Welche Sprachanlässe zwischen den Kindern und Fachkräften werden durch digitale Bilderbücher initiiert?
  • Wie gehen die Kinder mit den digitalen Bilderbüchern um?
  • Welche Varianten des Einsatzes und des Umgangs mit digitalen Bilderbüchern zeigen sich bei unterschiedlichen Kindern, wie z.B. Kindern mit verschiedenen Familiensprachen oder niedrigen sozioökonomischen Herkunftsmilieus?
  • Welche Strategien, Ressourcen und organisationalen Strukturen fördern oder behindern den Prozess der Implementation digitaler Bilderbücher in den pädagogischen Alltag?

Um die beteiligten Akteure sowie die Ausgestaltung von Alltagssituationen und Settings, in denen digitale Bilderbücher zum Einsatz kommen, spezifisch untersuchen zu können, setzt das Projekt auf Methodentriangulation im qualitativen Forschungsansatz der Einzelfallstudie. Hierfür werden vier Kindertageseinrichtungen kriteriengeleitet ausgewählt. Einerseits kommen leitfadengestützte Interviews mit Einrichtungsleitungen und Fokusgruppen mit pädagogischen Fachkräften zum Einsatz, um den interaktiven Charakter der einrichtungsbezogenen Teamkommunikation, die subjektiv wahrgenommenen Erfahrungen der Integration digitaler Bilderbücher in alltägliche pädagogische Abläufe und in die konzeptionelle Arbeit der Kita, zu erfassen. Andererseits wird mit Hilfe der Methode der Videografie der situative Einsatz von und der Umgang mit digitalen Bilderbüchern in unterschiedlichen Settings des alltäglichen Geschehens in den Einrichtungen mikroanalytisch rekonstruiert.

Die qualitativen Daten der Interviews und Fokusgruppen werden anhand eines vorwiegend induktiv entwickelten Kategoriensystems in iterativer Vorgehensweise erschlossen, um daraus unter Einbezug des aktuellen theoretischen Kenntnisstandes Kriterien für eine gelungene Integration digitaler Bilderbücher für alltagsintegrierte sprachliche Bildung abzuleiten. Die Auswertung der Videosequenzen erfolgt auf zwei Wegen. Die Analyse der Settings, in denen digitale Bilderbücher zum Einsatz kommen, sowie der darin eingebundenen Interaktionen, insbesondere der Peerinteraktionen, erfolgt auf Basis der interpretativen Videoanalyse (Tuma/Schnettler/Knoblauch 2013). Es kommen auch sequenzanalytische Verfahren der Gesprächsanalyse zur Anwendung, die es ermöglichen, die sequenziell geordnete Verlaufslogik von Praktiken der Kinder und der pädagogischen Fachkräfte zu analysieren. Zudem werden in ausgewählten Videosequenzen zusätzlich die Interaktionsqualität der pädagogischen Fachkraft unter Sprachbildungsaspekten eingeschätzt. Die Erkenntnisse daraus werden fallbezogen mit den qualitativen Daten der interpretativen Videoanalyse in Verbindung gebracht.

Friedrichs-Liesenkötter, Henrike (2020): Digitalisierung in der frühkindlichen Bildung – von der digitalen Platzvergabe bis zur Medienerziehung und -bildung. In: Kutscher, Nadja/Ley, Thomas/Seelmeyer, Udo/Siller, Friederike/Tillmann, Angela/Zorn, Isabell (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung. Weinheim/Basel, S. 442–456

Knauf, Helen (2019): Digitalisierung in Kindertageseinrichtungen. Ergebnisse einer Fragebogenerhebung zum aktuellen Stand der Nutzung digitaler Medien. Bielefeld

Takacs, Zsofia/Swart, Elise/Bus, Adriana (2015): Benefits and Pitfalls of Multimedia and Interactive Features in Technology-Enhanced Storybooks: A Meta-Analysis. Review of Educational Research, 85 Jg., H. 4, S. 698–739

Tuma, René/Schnettler, Bernt/Knoblauch, Hubert (2013): Videographie. Einführungen in die interpretative Videoanalyse sozialer Situationen. Wiesbaden

Wiesemann, Jutta/ Eisenmann Clemens/Fürtig, Inka/Lange, Jochen/Mohn, Bina Elisabeth (2020): Digitale Kindheiten. Kinder – Familien – Medien. In: Dies. (Hrsg.): Digitale Kindheiten. Wiesbaden. S. 3–18

Kontakt

+49 89 62306-146
Deutsches Jugendinstitut
Nockherstr. 2
81541 München

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