Sexuelle Übergriffe geschehen selten vor den Augen pädagogischer Fachkräfte und beobachtbare Verhaltensanzeichen sind in der Regel nicht eindeutig (Allroggen u.a. 2011). Wenn sexuelle Übergriffe bekannt werden, dann meist, weil sie Fachkräften von Betroffenen oder Mitwissern mitgeteilt werden ("Disclosure") (Priebe/Svedin 2008; Milne/Colin-Vézina 2014). Es stellt sich daher die Frage, inwieweit die Kultur einer Einrichtung dazu beitragen kann, betroffene Kinder und Jugendliche zu ermutigen, sich Fachkräften anzuvertrauen, damit ihnen geholfen werden kann. Dazu untersucht das Projekt, inwieweit Präventionskonzepte, die Einrichtungen und deren Kultur zum Thema machen, geeignet sein können, solches Mitteilungsverhalten zu fördern und sexuelle Übergriffe zu verhindern (Davis/Gidycz 2000; Mosser 2015).

Das im BMBF-Förderprogramm "Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten" angesiedelte Projekt evaluiert ein solches Präventionskonzept. Dieses zielt darauf ab, sexuelle Grenzverletzungen sowohl zwischen Kindern und Jugendlichen als auch von Erwachsenen gegenüber Minderjährigen in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe zu verhindern. Eine Besonderheit des zu evaluierenden Konzepts liegt darin, dass es gezielt auf den Kontext der erzieherischen Hilfen zugeschnitten ist.

Die Untersuchung zum Disclosure-Verhalten in Abhängigkeit von der Einrichtungskultur ist als Kurzzeitlängsschnitt mit zwei Messzeitpunkten, einer dazwischenliegenden Intervention (Präventionsmaßnahme) und einer Kontrollgruppe angelegt.

Die Studie untergliedert sich in drei Feldphasen:

  • In der ersten Phase werden alle Kinder/Jugendliche, Fachkräfte und Einrichtungsleitungen der teilnehmenden 26 Einrichtungen mittels eines standardisierten Instruments zu den Strukturmerkmalen der Einrichtungen, der Einrichtungskultur und den Verhaltensstrategien bei sexuellen Übergriffen befragt. Anknüpfend daran wird in 10 ausgewählten Einrichtungen  eine Präventionsmaßnahme durchgeführt.
  • In der zweiten Phase werden mit Hilfe desselben standardisierten Erhebungsinstruments aus der ersten Phase bei möglichst allen befragten Personen im Rahmen einer Veränderungsmessung erneut Befragungen durchgeführt. Dabei werden 16 Einrichtungen, in denen das Programm nicht durchgeführt wird, als Kontrollgruppe eingesetzt.
  • In der dritten Phase werden Erfahrungen der Teilnehmer/innen mit dem Präventionscurriculum  erhoben. Ziel dieser Befragung ist es, Erkenntnisse über die Güte der lmplementation und eventuelle Optimierungsbedarfe zu gewinnen.

Allroggen, Marc/Spröber, Nina/Rau Thea/Fegert, Jörg M. (Hrsg.) (2011): Sexuelle Gewalt unter Kindern und Jugendlichen. Ursachen und Folgen. Eine Expertise der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie. Universitätsklinikum Ulm, 2. erw. Aufl. Ulm

Davis, Katherine/Gidycz, Christine (2000): Child sexual abuse prevention programs: A meta-analysis. In: Journal of Clinical Child Psychology, 29. Jg., H. 2, S. 257-265

Milne, Lise/Collin-Vézina, Delphine (2014): Disclosure of Sexual Abuse among Youth in Residential Treatment Care: A Multiple Informant Comparison. In: Journal of Child Sexual Abuse, 23. Jg., H. 4, S. 398-417

Mosser, Peter (2015): PräviKIBS - Ein Programm zur Prävention von sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt für Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. In: Kindesmisshandlung und-vernachlässigung, 18. Jg., H. 1, S. 100-113

Priebe, Gisela/Svedin, Carl Göran (2008): Child sexual abuse is largely hidden from the adult society. An epidemiological study of adolescents' disclosures. In: Child Abuse & Neglect, 32. Jg., H. 12, S. 1095–1108

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Deutsches Jugendinstitut
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