Pflegekinder sind eine besonders vulnerable Gruppe von Kindern und Jugendlichen, da sie zum einen die Trennung von ihrer Herkunftsfamilie bewältigen müssen, zum anderen mehrheitlich durch Erfahrungen unzureichender Fürsorge (Misshandlung, Vernachlässigung) belastet sind. Pflegefamilien bieten den Kindern die Chance, neue positive Beziehungserfahrungen zu machen, ein Gefühl von emotionaler Sicherheit zu entwickeln und einen sicheren und zuverlässigen Lebensort zu erfahren. Die Herausforderungen, denen Pflegeeltern bei der Aufnahme eines Pflegekindes begegnen, sind jedoch vielfältig und komplex.

Die in Deutschland angewandten Konzepte zur Vorbereitung und anfänglichen Begleitung von Pflegeeltern wurden bislang hinsichtlich ihrer Wirkungen nicht wissenschaftlich evaluiert. Befunde aus dem angloamerikanischen Raum zeigen, dass insbesondere mit Hilfe von Beratungsansätzen, die auf den Aufbau einer sicheren Bindungsbeziehung zu den Pflegeeltern abzielen, die Integration der Kinder in die Pflegefamilie gefördert und langfristig die Entwicklungsperspektiven der Kinder verbessert werden können (Dozier u.a. 2016).

Das Beratungskonzept „Attachment and Biobehavioral Catch-up“ (ABC) wurde von Bindungsforscherin Mary Dozier an der University of Delaware entwickelt und gilt in den USA als der am besten erprobte bindungsbasierte Ansatz für Pflegefamilien. In Studien zeigte sich ein positiver Effekt der Beratung auf die elterliche Feinfühligkeit im Umgang mit dem Pflegekind sowie auf die kindlichen Fähigkeiten zum Aufbau positiver Bindungsbeziehungen und die selbstregulativen Kompetenzen der Kinder (Bernard u.a. 2015, 2012; Bick/Dozier 2013; Dozier u.a. 2009).

Ziel der Studie ist es, das ABC-Programm in Form eines Modellprojekts an drei Standorten in Deutschland zu implementieren und den Implementierungsprozess wissenschaftlich zu begleiten, um die Wirksamkeit des Trainings empirisch zu überprüfen.

Folgende Forschungsfragen sollen mit dem geplanten Vorhaben beantwortet werden:

Frage 1:

Kann durch die Beratung von Pflegeeltern mit dem ABC-Programm eine positive Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung bei Pflegefamilien in Deutschland unterstützt werden, d.h. zeigen sich positive Auswirkungen des Programms auf

  • die Qualität des Elternverhaltens
  • die Belastung von Pflegeeltern und ihr Erleben von Selbstwirksamkeit im Umgang mit problematischen Verhaltensweisen des Kinder
  • die Bindungsqualität der Pflegekinder

Frage 2:

Inwieweit und unter welchen Bedingungen ist es möglich, das ABC-Beratungsprogramm in die Regelstrukturen der Kinder- und Jugendhilfe zu integrieren? Welche Anpassungen des Beratungsprogramms an den deutschen Kontext sind notwendig?

Das ABC-Programm ist ein bindungstheoretisch fundierter Beratungsansatz für Pflegefamilien mit Pflegekindern im Alter von 6 bis 24 Monaten und hat das Ziel, feinfühliges und fürsorgliches Verhalten von Pflegeeltern und dadurch die Entwicklung von sicheren Bindungsbeziehungen der Kinder zu fördern. Das Beratungsprogramm ist als aufsuchende Kurzzeitberatung angelegt, die insgesamt 10 Stunden in Form von einstündigen Hausbesuchen bei der Familie umfasst.

Der Beratungsansatz verfolgt hauptsächlich drei Ziele:

  1. Pflegeeltern lernen, abweisende kindliche Signale zu reinterpretieren und dem Kind auch dann Fürsorge zu geben, wenn es den Anschein macht, diese Fürsorge nicht zu brauchen bzw. zu wollen.
  2. Pflegeeltern lernen, ihre eigenen Bindungserfahrungen und ihre Schwierigkeiten, feinfühlig auf das Kind einzugehen, zu reflektieren.
  3. Pflegeeltern lernen das Pflegekind dabei zu unterstützen, selbstregulierende Fähigkeiten zu entwickeln, indem sie eine vorhersagbare und responsive, d.h. auf die Bedürfnisse des Kindes ausgerichtete Umgebung, schaffen.

Wirkung des Programms: Das Programm wurde mit 34 Familien durchgeführt.Das Training traf auf eine hohe Akzeptanz bei den Pflegeeltern und die Rückmeldungen fielen positiv aus. Es konnten positive Effekte des ABC-Trainings auf die Qualität des Elternverhaltens festgestellt werden, wobei es den Pflegeeltern nach Abschluss der Trainings besser gelang, in einer Spielsituation feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen, sich dem Kind gegenüber zugewandt und wertschätzend zu verhalten und kontrollierende und überstimulierende Verhaltensweisen zu vermeiden.Darüber hinaus konnten positive Effekte des Trainings auf die Bindungsentwicklung der Kinder festgestellt werden. Die Pflegeeltern beschrieben in einem Bindungstagebuch eine Zunahme an sicheren Bindungsverhaltensweisen bei den Kindern. Zudem konnte ein Großteil der Pflegekinder nach Abschluss des ABC-Trainings in der standardisierten Beobachtungssituation als sicher gebunden klassifiziert werden, während nur ein geringer Anteil der Kinder eine desorganisierte/hochunsichere Bindung aufwies.

Implementierungserfolg: Das Programm konnte unproblematisch auf den deutschen Kontext übertragen und erfolgreich an allen drei Standorten umgesetzt werden. Aufgrund der positiven Erfahrungen mit dem Programm und des wahrgenommenen Bedarfs bei den Pflegefamilien wird an den Modellstandorten eine dauerhafte Implementierung angestrebt.

Perspektiven: In einer Folgestudie, die sich derzeit in Planung befindet, sollen die Befunde zur Wirksamkeit des ABC-Programms unter Einbezug einer Kontrollgruppe anhand einer größeren Stichprobe weiter abgesichert werden. Zudem wird eine Evaluation des ABC-Toddler Programms für Kinder im Altersbereich von 24-48 Monate angestrebt.

Bernard, Kristin/Dozier, Mary/Bick, Johanna/Gordon, M. Kathleen (2015): Intervening to enhance cortisol regulation among children at risk for neglect. Results of a randomized clinical trial. In: Development and Psychopathology, 27. Jg., H. 3, S. 829–841

Bernard, Kristin/Dozier, Mary/Bick, Johanna/Lewis-Morrarty, Erin/Lindhiem, Oliver/Carlson, Elizabeth (2012): Enhancing attachment organization among maltreated children. Results of a randomized clinical trial. In: Child Development, 83. Jg., H. 2, S. 623–636

Bick, Johanna/Dozier, Mary (2013): The Effectiveness of an Attachment-Based Intervention in Promoting Foster Mothers’ Sensitivity toward Foster Infants. In: Infant Mental Health Journal, 34. Jg., H. 2, S. 95–103

Dozier, Mary/Roben, Caroline K. P./Caron, Eb/Hoye, Julie/Bernard, Kristin (2018): Attachment and Biobehavioral Catch-up. An evidence-based intervention for vulnerable infants and their families. In: Psychotherapy research: journal of the Society for Psychotherapy Research, 28. Jg., H. 1, S. 18–29

Dozier, Mary/Lindhiem, Oliver/Lewis, Erin/Bick, Johanna/Bernard, Kristin/Peloso, Elizabeth (2009): Effects of a foster parent training program on young children’s attachment behaviors. Preliminary evidence from a randomized clinical trial. In: Child & Adolescent Social Work Journal, 26. Jg., H. 4, S. 321–332


Kontakt

+49 89 62306-102
Deutsches Jugendinstitut
Nockherstr. 2
81541 München

Mehr zum Projekt