Modellprojekt mit anschließender langfristiger Disseminationsphase

Das Konzept der Mütterzentren wurde Ende der siebziger Jahre am Deutschen Jugendinstitut im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Elternarbeit (1976-1980) entwickelt. Das damalige Familienministerium hatte den Auftrag vergeben zu untersuchen, warum Angebote der Familienbildung und der Elternarbeit weitgehend nur von einer kleinen bildungsorientierten Mittelschicht wahrgenommen werden.

In zwei parallelen Studien wurde dieser Frage nachgegangen. In einer Expertenstudie wurden bundesweit die Erfahrungen von 144 Projekten der Elternarbeit dokumentiert. In einer Familienstudie wurden Familien aus sozial benachteiligten Schichten in einer Münchner Stadtrandsiedlung zu ihrer Sicht auf das Thema befragt.

Die Ergebnisse aus beiden Studien:

  • Junge Familien möchten in ihrer Verantwortlichkeit und ihren Kompetenzen als Eltern gesellschaftlich wahrgenommen werden.
  • Der Zugang zu Elternbildung und Beratung wird eher über den Austausch mit anderen Eltern als über professionelle Angebote gesucht.
  • Familien aus sozial benachteiligten Schichten erleben ihren Bedarf an familienpolitischer Unterstützung eher bei materieller und Alltagsentlastung als bei professioneller Beratung.
  • Die Zugangsbarrieren gegenüber institutionellen Angeboten werden auch deshalb als hoch erlebt, weil das Familienleben anderen Werten, Prioritäten und Zeitrhythmen folgt als sie in Institutionen vorgegeben werden.
  • Mütter, die zuhause sind, um ihre Kinder zu erziehen, suchen Angebote, die sie zusammen mit ihren Kindern wahrnehmen können. Gleichzeitig haben sie ein Interesse daran, sich auch um ihre eigenen Interessen als Erwachsene kümmern zu können.

Aufgrund dieser Ergebnisse wurde das Modell Mütterzentrum entwickelt:

  • Mütterzentren werden von den Besucherinnen selber verwaltet. Mütter werden dort auf ihre Kompetenzen hin angesprochen und als Praxisexpertinnen wahrgenommen.
  • Elternbildung und Elternberatung sind eingebettet in die Alltagsaktivitäten der Zentren und geschehen weitgehend auf der Ebene einer Beratung unter Eltern von gleich zu gleich.
  • Das „Herz“ der Mütterzentren ist die offene Caféstube, die täglich geöffnet ist und von der alle Aktivitäten ausgehen. Der offene Treff prägt die Atmosphäre. Kurse und Veranstaltungen sind darin eingebettet.
  • Die Arbeit in den Mütterzentren wird honoriert. Zusätzlich wird das Familienbudget entlastet mit Angeboten wie Spielzeugverleih oder Second-Hand-Laden.
  • Kinder sind im Mütterzentrum immer willkommen und selbstverständlicher Teil des Mütterzentrums. Dennoch stehen die Interessen der Mütter im Zentrum im Vordergrund.

Das Bundesfamilienministerium setzte Anfang der 80er Jahre diese Forschungsergebnisse in dem Modellprojekt Mütterzentren um. Drei Mütterzentren – je eines in Salzgitter, München-Neuaubing und Darmstadt - wurden 3 Jahre lang nach diesem Konzept gefördert. Das DJI übernahm den Aufbau und die wissenschaftliche Begleitung der Zentren in den ersten 3 Jahren (1981-1984). Die wissenschaftliche Begleitung wurde durchgeführt von Greta Tüllmann, Monika Jaeckel, Sybille Brockmann und Barbara Brasse.

Neben der wissenschaftlichen Auswertung der Erfahrungen wurden die Mütter der ersten 3 Zentren darin unterstützt ihr eigenes Buch zu schreiben. Dieses Buch „Mütter im Zentrum – Mütterzentrum“, 1985 bei Goldmann veröffentlicht, löste eine Selbsthilfebewegung aus. Inzwischen gibt es in Deutschland über 400 Mütterzentren. Das Modell hat sich inzwischen auch international verbreitet. Es gibt Mütterzentren nach deutschem Modell derzeit in 15 Ländern: Deutschland, Niederlande, Österreich, Schweiz, Italien, Bosnien-Herzegowina, Tschechien, Slowakei, Bulgarien, Russland, USA, Kanada, Ruanda, Kenia, Philippinen. Sie sind in dem Netzwerk MINE e.V. - „Mütterzentren - Internationales Netzwerk für Empowerment“ - zusammengeschlossen (www.mine.cc).

Das DJI hat kontinuierlich die Entwicklung der Mütterzentren begleitet und evaluiert (1988 im Rahmen des Modellprojekts „Familien helfen Familien“, zuletzt im Rahmen des Projekts Evaluation der Familienselbsthilfe) und auch Anstöße zur Weiterentwicklung geleistet, so z.B. im Projekt „Orte für Kinder“ oder in der Vernetzung der Mütterzentren in der internationalen Habitat Debatte. Es stand der Praxis in Mütterzentren mit Beratung und „technical assistance“ zur Verfügung.