Wissenschaftliche Begleitung der Modellprojekte "Prävention und Deradikalisierung in Strafvollzug und Bewährungshilfe"

Die wissenschaftliche Begleitung der Modellprojekte im Themenfeld "Prävention und Deradikalisierung in Strafvollzug und Bewährungshilfe" ist am Deutschen Jugendinstitut e.V. angesiedelt. Bereits seit dem Jahr 2017 werden im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" Modellprojekte gefördert, die bundesweit neue Wege der Radikalisierungsprävention und Deradikalisierung im Strafvollzug und in der Bewährungshilfe erproben sollen. In der neuen Förderperiode (2020 bis 2024) wird dies fortgeführt. Die Modellprojekte sollen Angebote bereitstellen, die Radikalisierungsprozessen präventiv begegnen, demokratische Haltungen stärken und Distanzierung sowie Ausstiege begleiten. Sie sollen zudem dazu beitragen, Mitarbeitende im Strafvollzug und in der Bewährungshilfe im sensiblen Umgang mit Konflikten und der Erkennung und Vorbeugung von Radikalisierung weiterzubilden sowie Diskriminierungen jeglicher Form im Strafvollzug entgegenzuwirken.

Zu den (möglichen) Zielgruppen der Projektarbeit zählen:

  • Jugendliche und junge Erwachsene in Strafvollzug und Bewährungshilfe, die gefährdet oder dabei sind, sich zu radikalisieren oder Merkmale demokratiefeindlicher Haltungen zu entwickeln oder die bereits radikalisiert sind,
  • im Strafvollzug, in der Bewährungshilfe und in der Jugendhilfe Tätige, die mit entsprechend orientierten jungen Menschen konfrontiert sind,
  • Eltern und Familienangehörige sowie weitere Bezugspersonen,
  • staatliche und zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure im Themenfeld.

Die wissenschaftliche Begleitung des Themenfelds analysiert die unterschiedlichen pädagogischen Strategien der Projekte, bündelt übergreifende pädagogische Lernerfahrungen und bereitet die Ergebnisse sowie daraus abzuleitende Empfehlungen für die Fachpraxis auf. Sie versteht sich dabei als formative Evaluation, das heißt, sie steht in einem engen Austausch mit den Modellprojekten in diesem Handlungsfeld, denen sie empirisch gestützte Beobachtungen und fachliche Einschätzungen zurückspiegelt und mit denen sich die wissenschafltiche Begleitung gegebenenfalls über Um- oder Nachsteuerungen austauscht.

Bezugspunkt der wissenschaftlichen Begleitung sind dabei immer auch die wissenschaftlichen Debatten und Fachdiskurse im Themen- und Handlungsfeld, vor deren Hintergrund die Erfahrungen der Modellprojekte reflektiert werden. Zu nennen sind hier neben phänomenbezogenen wissenschaftlichen Arbeiten beispielsweise Diskurse um Gefängnis als "totaler Institution" (Goffman 1973; Sykes 1958) oder Paradoxien pädagogischen Handelns (Schütze 2000), insbesondere im Zwangskontext.

Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung der Modellprojekte sind folgende Fragen für das Themenfeld relevant:

  • Projektlogik: Auf welche Probleme und Bedarfe reagieren die einzelnen Modellprojekte? Welche (pädagogischen) Strategien der Problemlösung leiten sie in der Arbeit mit ihren Zielgruppen ab?
  • Herausforderungen: Inwiefern berücksichtigen und bearbeiten die Modellprojekte (landesspezifische und institutionelle) Herausforderungen in der pädagogischen Arbeit?
  • Lernerfahrungen: Welche Lernerfahrungen machen die Modellprojekte in der Umsetzung der pädagogischen Angebote und der Kooperationsvorhaben? Welche Anpassungen nehmen sie im Projektverlauf vor?
  • Modellhaftigkeit: Auf welche begründeten Entwicklungsbedarfe des Strafvollzugs und der Bewährungshilfe reagieren die Modellprojekte? Und in welcher Form werden Erprobungsaktivitäten in den Modellprojekten umgesetzt?
  • Nachhaltigkeit: Welche Strategien der trägerinternen Nachhaltigkeit und des Transfers von Ergebnissen und Lernerfahrungen in die Fachpraxis realisieren die Modellprojekte?
  • Projektübergreifende Aggregation: Welche übergreifenden Beobachtungen lassen sich in der Projektlandschaft ausmachen in Bezug auf:
    • die Art des Zielgruppenzugangs (insbesondere Freiwilligkeit vs. Weisung) und der damit verbundenen Rahmenbedingungen und Konsequenzen für die Arbeit,
    • die Breite der Ansätze der Präventions- und Distanzierungsarbeit,
    • die Phänomenspezifik zwischen "Rechtsextremismus", "islamistischem Extremismus" und "Linker Militanz" in der (sozial-)pädagogischen Bearbeitung,
    • die Differenz in den institutionellen Orten des Strafvollzugs und der Bewährungshilfe und
    • die Integriertheit von Ansätzen?

Die Arbeitsplanung der wissenschaftlichen Begleitung setzt am erprobenden Charakter von Modellprojekten in einem herausforderungsvollen Handlungsfeld an. Dies impliziert intensive Erhebungs-, Auswertungs- und Rückkopplungsprozesse und eine Orientierung an den Entwicklungsphasen von Modellprojekten (Entwicklung, Implementierung und Erprobung, Transfer), die – abhängig von der Etabliertheit des Trägers im jeweiligen Bundesland – stark variieren können.

Die wissenschaftliche Begleitung führt eine qualitative Vollerhebung mit allen Modellprojekten durch, um die übergreifende Projektlogik zu rekonstruieren und Projektentwicklungen zu erfassen (Dokumentenanalyse, Interviews, Kontextanalyse). Zudem soll auch der Arbeitskontext mit seinen spezifischen Strukturen genauer beleuchtet werden. Mittels Experteninterviews, teilnehmenden Beobachtungen  und Adressatenbefragungen werden die erprobten pädagogischen Strategien mit unterschiedlichsten Zielgruppen (von jugendlichen Strafgefangenen bis hin zu Bediensteten in Strafvollzug und Bewährungshilfe) untersucht. Die Analyse der Daten erfolgt anhand der Grounded Theory sowie sequenzanalytischer Rekonstruktionen (vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014; Strauss 1998).

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung finden sich in jährlichen Zwischenberichten und sollen in Fachartikeln einer interessierten (Fach-)Öffentlichkeit zur Verfügung und zur Diskussion gestellt werden.

Nadine Jukschat, Maria Jakob, Maruta Herding (2020): Abschlussbericht 2019: Wissenschaftliche Begleitung der  Modellprojekte zur "Prävention und Deradikalisierung in Strafvollzug und Bewährungshilfe". Programmevaluation "Demokratie leben!". Halle (Saale)

Maria Jakob, Greta Kowol, Alexander Leistner (2019): Erster Bericht: Modellprojekte zur Prävention und Deradikalisierung in Strafvollzug und Bewährungshilfe. Zwischenbericht 2018. Halle (Saale)

Maria Jakob, Alexander Leistner (2018): Herausforderungen pädagogischer Arbeit bei der Prävention im Strafvollzug und in der Bewährungshilfe - Erfahrungen von Modellprojekten aus dem Bundesprogramm "Demokratie leben!". In: Zeitschrift für soziale Strafrechtspflege, Nr. 51, S. 43-52

Goffman, Erving (1973): Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Przyborski, Aglaja; Wohlrab-Sahr, Monika (2014): Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. 4. Aufl. München: Oldenbourg.

Schütze, Fritz (2000): Schwierigkeiten bei der Arbeit und Paradoxien des professionellen Handelns: ein grundlagentheoretischer Aufriß. In: Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung 1 (1), S. 49–96.

Strauss, Anselm L. (1998): Grundlagen qualitativer Sozialforschung. 2. Aufl. Paderborn: Wilhelm Fink.

Sykes, Gresham M. (1958): The Society of Captives. A Study of a Maximum Security Prison. Princeton: Princeton University Press.

Kontakt

+49 345 68178-29
Deutsches Jugendinstitut Außenstelle Halle
Franckeplatz 1
Haus 12/13 06110 Halle

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