Wissenschaftliche Begleitung der Modellprojekte "Prävention und Deradikalisierung in Strafvollzug und Bewährungshilfe" (Programmbereich J)

Seit 2017 werden im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" 16 Modellprojekte gefördert, die in allen Bundesländern neue Wege der Radikalisierungsprävention und Deradikalisierung im Strafvollzug und in der Bewährungshilfe erproben sollen. In den Leitlinien des Programmbereichs wird der Zielhorizont dieser modellhaften Erprobung konkretisiert. Von den Modellprojekten "sollen neben spezifischen Angeboten der Distanzierung und des Ausstiegs für bereits Radikalisierte ebenso Angebote zur Stärkung demokratischer Haltung und der Prävention bereitgestellt werden, damit sich Radikalisierungsprozesse und die Zuwendung zu Ideologien der Ungleichwertigkeit und Demokratiefeindlichkeit gar nicht erst einstellen. Die Maßnahmen sollen die spezifische Bedarfslage berücksichtigen, fachlichen Anforderungen der Phänomenbereiche, wie etwa Rechtsextremismus oder islamistischer Extremismus, entsprechen und zielgruppenadäquat konzipiert sein" (vgl. Leitlinien für den Modellprojektbereich Strafvollzug und Bewährungshilfe, BMFSFJ 2017).

Zu den (möglichen) Zielgruppen der Projektarbeit zählen:

  • Jugendliche und junge Erwachsene, die dabei sind, sich zu radikalisieren oder Merkmale demokratiefeindlicher Haltungen zu entwickeln oder bereits radikalisiert sind,
  • Eltern und Familienangehörige sowie weitere Bezugspersonen,
  • Ehren-, neben- und hauptamtlich in der Jugendhilfe und im Strafvollzug und der Bewährungshilfe Tätige, die mit entsprechend orientierten jungen Menschen konfrontiert sind,
  • Multiplikatorinnen und Multiplikatoren,
  • Staatliche und zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure im Themenfeld.

Die wissenschaftliche Begleitung (wB) des Programmbereichs analysiert die unterschiedlichen pädagogischen Strategien der Projekte, bündelt übergreifende pädagogische Lernerfahrungen und bereitet die Ergebnisse sowie daraus abzuleitende Empfehlungen für die Fachpraxis auf. Sie versteht sich dabei als formative Evaluation, d.h., sie steht in einem engen Austausch mit den Modellprojekten, denen sie empirisch gestützte Beobachtungen und fachliche Einschätzungen rückspiegelt und mit denen sich die wB gegebenenfalls über Um- oder Nachsteuerungen austauscht.

Bezugspunkt der wissenschaftlichen Begleitung sind dabei immer auch die wissenschaftlichen Debatten und Fachdiskurse im Themen- und Handlungsfeld, vor deren Hintergrund die Erfahrungen der Modellprojekte reflektiert werden. Zu nennen sind hier neben phänomenbezogenen wissenschaftlichen Arbeiten bspw. Diskurse um Gefängnis als "totaler Institution" (Goffman 1973, Sykes 1958) oder Paradoxien pädagogischen Handelns (Schütze 2000), insbesondere im Zwangskontext.

Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung der Modellprojekte (MP) sind folgende Fragen für den Programmbereich relevant:

  • Projektlogik: Auf welche Probleme und Bedarfe reagieren die einzelnen MP? Welche (pädagogischen) Strategien der Problemlösung leiten sie in der Arbeit mit ihren Zielgruppen ab?
  • Herausforderungen: Inwiefern berücksichtigen und bearbeiten die MP (landesspezifische und institutionelle) Herausforderungen in der pädagogischen Arbeit?
  • Lernerfahrungen: Welche Lernerfahrungen machen die MP in der Umsetzung der pädagogischen Angebote und der Kooperationsvorhaben? Welche Anpassungen nehmen sie im Projektverlauf vor?
  • Modellhaftigkeit: Auf welche begründeten Entwicklungsbedarfe des Strafvollzugs und der Bewährungshilfe reagieren die MP? Und in welcher Form werden Erprobungsaktivitäten in den MP umgesetzt?
  • Nachhaltigkeit: Welche Strategien der trägerinternen Nachhaltigkeit und des Transfers von Ergebnissen und Lernerfahrungen in die Fachpraxis realisieren die MP?

  • Projektübergreifende Aggregation: Welche übergreifenden Beobachtungen lassen sich im Projektfeld ausmachen in Bezug auf

    • die Art des Zielgruppenzugangs (insbesondere Freiwilligkeit vs. Weisung) und der damit verbundenen Rahmenbedingungen und Konsequenzen für die Arbeit,
    • die Breite der Ansätze der Prävention und Distanzierungsarbeit,
    • die Phänomenspezifik zwischen "Rechtsextremismus", "islamistischem Extremismus" und "Linker Militanz" in der Bearbeitung,
    • die Differenz in den institutionellen Orten des Strafvollzugs und der Bewährungshilfe und
    • die Integriertheit von Ansätzen?

Die Arbeitsplanung der wissenschaftlichen Begleitung setzt an dem vergleichsweise kurzen Förderzeitraum der Modellprojekte in einem zudem herausforderungsvollen Handlungsfeld an. Dies impliziert intensive Erhebungs-, Auswertungs- und Rückkopplungsprozesse und eine Orientierung an den Entwicklungsphasen von Modellprojekten (Entwicklung, Implementierung und Erprobung, Transfer), die – abhängig von der Etabliertheit des Trägers im jeweiligen Bundesland – stark variieren können. Die wB muss daher in den zwei Erhebungszyklen (2018 und 2019) unterschiedliche Arbeitsprozesse der Projekte zusammenführen.

Bei den 16 Modellprojekten wird eine qualitative Vollerhebung zur Rekonstruktion der übergreifenden Projektlogik und Erfassung der Projektentwicklungen realisiert. Diese Analyse wird in einem Sample von zehn intensiv begleiteten Modellprojekten vertieft. Mittels Experteninterviews, teilnehmenden Beobachtungen und Adressatenbefragungen werden die erprobten pädagogischen Strategien mit unterschiedlichsten Zielgruppen (von jugendlichen Strafgefangenen bis hin zu Bediensteten in Strafvollzug und Bewährungshilfe) untersucht. Zudem werden Strukturfragen vertieft und die Implementierung dieser Angebote und Kooperationen mit der Regelstruktur intensiver analysiert. Die Analyse der Daten erfolgt anhand der Grounded Theory sowie sequenzanalytischer Rekonstruktionen (vgl Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014; Strauss 1998).

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung finden sich in jährlichen Zwischenberichten und sollen in Fachartikeln einer interessierten (Fach-)Öffentlichkeit zur Verfügung und zur Diskussion gestellt werden.

Maria Jakob, Greta Kowol, Alexander Leistner (2019): Erster Bericht: Modellprojekte zur Prävention und Deradikalisierung in Strafvollzug und Bewährungshilfe. Zwischenbericht 2018. Halle (Saale)

Maria Jakob, Alexander Leistner (2018): Herausforderungen pädagogischer Arbeit bei der Prävention im Strafvollzug und in der Bewährungshilfe - Erfahrungen von Modellprojekten aus dem Bundesprogramm "Demokratie leben!". In: Zeitschrift für soziale Strafrechtspflege, Nr. 51, S. 43-52.

Goffman, Erving (1973): Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Przyborski, Aglaja; Wohlrab-Sahr, Monika (2014): Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. 4. Aufl. München: Oldenbourg.

Schütze, Fritz (2000): Schwierigkeiten bei der Arbeit und Paradoxien des professionellen Handelns: ein grundlagentheoretischer Aufriß. In: Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung 1 (1), S. 49–96.

Strauss, Anselm L. (1998): Grundlagen qualitativer Sozialforschung. 2. Aufl. Paderborn: Wilhelm Fink.

Sykes, Gresham M. (1958): The Society of Captives. A Study of a Maximum Security Prison. Princeton: Princeton University Press.

Kontakt

+49 345 68178-29
Deutsches Jugendinstitut Außenstelle Halle
Franckeplatz 1
Haus 12/13 06110 Halle

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