DJI-Studie „Coming-out – und dann...?!“
Anfangs ist die Furcht vor negativen Konsequenzen groß
Bei der DJI-Befragung berichten Jugendliche häufig darüber, dass sie sich während der Zeit der Bewusstwerdung Sorgen darüber machten, dass eine Bekanntgabe ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Zugehörigkeit negative Konsequenzen hat. Große Ängste sind hierbei, von der Familie oder von Freund_innen abgelehnt oder nicht ernst genommen zu werden. Viele junge LSBT*Q Menschen befürchten Schwierigkeiten im Bildungs- oder Arbeitskontext oder verletzende Bemerkungen oder Blicke infolge eines äußeren Coming-outs, also des Öffentlich-Machens.
Spezifische Informationen zu LSBT*Q Lebensweisen helfen, das eigene Empfinden einordnen und Aktivitäten planen zu können. Nicht-cisgeschlechtliche Jugendliche und junge Erwachsene setzen sich beispielsweise mit den Voraussetzungen für die Legitimierung ihrer geschlechtlichen Zugehörigkeit auseinander. Lesbische, schwule, bisexuelle und orientierungs*diverse junge Menschen informieren sich z. B. in YouTube-Videos über das Führen einer gleichgeschlechtlichen Beziehung oder darüber, wie sie sich ihrer nicht-heterosexuellen Empfindungen sicher sein können.

Oft vergehen mehrere Jahre bis zum ersten offenen Gespräch
Bürokratie, intime Fragen und fehlende Begriffe
Warum junge trans* Menschen beim Coming-out vor besonderen Herausforderungen stehen. WeiterlesenNach einem äußeren Coming-out engagieren sich manche Jugendliche für das Thema LSBT*Q. Sie berichten in Blogs oder auf YouTube über ihr Leben als nicht-heterosexuelle und/oder nicht-cisgeschlechtliche Jugendliche oder setzen sich anderweitig für Sichtbarkeit und Aufklärung ein (z.B. bei Aktionstagen in Schulen). Sie vernetzen sich mit anderen LSBT*Q Peers und erleben insbesondere auf Online-Plattformen, dass sie nicht „die Anderen“ sind, sondern dazugehören.
Die Familie sowie Bildungs- und Ausbildungsorte sind Bereiche, in denen die jungen Menschen oft Diskriminierung befürchten und erleben – die Hälfte der Jugendlichen berichtet in der DJI-Untersuchung von negativen Erfahrungen (siehe Abbildung). Gleichzeitig können sie sich diesen alltäglichen Bereichen nicht ohne Weiteres entziehen. In der Schule müssen sich junge LSBT*Q Menschen meist damit abfinden, dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt nicht thematisiert wird – außer in Form von Abwertungen und Schimpfwörtern. Zudem bieten Lehrer_innen bei Diskriminierungen im Schulalltag häufig nicht ausreichend Unterstützung. So geben knapp 48 Prozent der befragten Jugendlichen an, dass Lehrer_innen nie gezeigt haben, dass sie es nicht dulden, wenn Mitschüler_innen geärgert werden, weil sie für LSBT*Q gehalten werden.
Für viele junge LSBT*Q Menschen ist daher insbesondere die Schule ein Ort, an dem ihre Zugehörigkeit mit stigmatisierenden, homo- und trans* feindlichen Zuschreibungen verhandelt wird. Aus diesem Grund vermeiden viele Jugendliche eine Bekanntgabe ihrer tatsächlichen sexuellen und/oder geschlechtlichen Lebensweise während ihrer gesamten Schullaufbahn. Auch in einem europäischen Survey berichteten 68 Prozent der lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Teilnehmer_innen, ihre sexuelle und/oder geschlechtliche Zugehörigkeit in der Schule nie bekannt gegeben zu haben (FRA 2013).
Häufig begegnen junge LSBT*Q Menschen aber auch im öffentlichen Raum Diskriminierung in Form von verbalen Übergriffen, z. B. in der Fußgängerzone, im Kino, im Schwimmbad oder im Nahverkehr, zeigt die DJI-Studie. Mehr als ein Drittel der LSBT*Q Jugendlichen berichtet von entsprechenden Erfahrungen. Diskriminierungen in der Öffentlichkeit gehen überwiegend von unbekannten Personen aus.
Zudem gibt ein Drittel der Studienteilnehmenden an, in der Öffentlichkeit sexuell belästigt oder beleidigt worden zu sein. Bei den lesbischen und trans* weiblichen Jugendlichen trifft dies sogar auf die Hälfte der Befragten zu. Erlebte und befürchtete Diskriminierung hat damit für LSBT*Q Jugendliche und junge Erwachsene eine hohe Alltagspräsenz.
Intensive Aufklärung kann Ausgrenzung verhindern
Wenngleich es in Deutschland kein Tabu mehr ist, lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder queer zu sein, sind LSBT*Q Jugendliche immer noch „die Anderen“; Umgang mit Diskriminierung und verringerte Partizipationschancen sind für sie Teil ihres Alltags. Um junge LSBT*Q Menschen besser zu unterstützen, ist es notwendig, gesellschaftliche, institutionelle und rechtliche Bedingungen weiter zu verändern, um mehr Beteiligung und Chancengleichheit zu ermöglichen. Nach der Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren durch die „Ehe für alle“ sollten beispielsweise auch die rechtlichen Grundlagen für trans* Menschen angepasst und auf diese Weise ein selbstbestimmter und weniger pathologisierender Handlungsrahmen geschaffen werden. Zudem gilt es, mit einer umfassenden Aufklärung über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt der gesellschaftlichen Ausgrenzung von LSBT*Q Lebensweisen zu begegnen.Denn eine Gesellschaft braucht angemessene Informationen über die Lebensweisen jenseits der heteronormativen Geschlechterordnung, um Vorurteile abzubauen und Diskriminierungen zu verhindern. Ein Weg führt hierbei sicherlich über die stärkere Berücksichtigung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im Unterrichts-, Ausbildungs- und Arbeitsalltag, z.B. über gendersensible Sprache, Unterrichtsmaterialien oder Aufklärungsprojekte.
in NRW. Köln Sielert, Uwe / Timmermanns, Stefan (2011): Expertise zur Lebenssituation
schwuler und lesbischer Jugendlicher in Deutschland. Eine Sekundäranalyse
vorhandener Untersuchungen. München

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2/2018 der DJI Impulse „Jung und queer – Über die Lebenssituation von Jugendlichen, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder queer sind“.
