Zwischen Individualität und gesellschaftlichen Erwartungen

Die Akzeptanz von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Menschen hat zugenommen. Dennoch machen Normvorstellungen über Geschlecht und sexuelle Orientierung das Erwachsenwerden kompliziert. Über die Ambivalenz der modernen Gesellschaft.

Von Nora Gaupp

Mit der Pluralisierung von Lebensformen und -stilen in vielen westlichen Gesellschaften sind steigende Freiheitsgrade verbunden. Menschen haben zunehmend mehr Möglichkeiten, ihr Leben den eigenen Vorstellungen entsprechend zu gestalten. Die persönliche Verantwortung für den eigenen Lebensentwurf nimmt zu, die „Normalbiografie“ wird zur „Wahlbiografie“ oder „Bastelbiografie“ (Beck/Beck-Gernsheim 1993). Metaphern wie das „unternehmerische Selbst“ (Bröckling 2007) oder das „Planungsbüro der eigenen Biografie“ (Rudd/Evans 1998) benennen diese Anforderung, mehr und mehr Entscheidungen für das eigene Leben treffen zu müssen.

Für Jugendliche ist die Pluralisierung in besonderer Weise relevant

Die Jugendphase ist durch Prozesse der Exploration und des Ausprobierens, der Identitätsfindung, der Entwicklung eigener Werte und des Entwurfs eines eigenen Lebensstils gekennzeichnet. So leben Jugendliche in unterschiedlichen Jugendkulturen, hören die dazugehörige Musik, kleiden sich entsprechend und pflegen kulturelle Praxen. Jugendliche bezeichnen sich selbst als gläubig oder areligiös. Die Zugehörigkeit zu ungleichen sozialen Bevölkerungsschichten prägt ihren Alltag, bahnt bestimmte Freundschaftsbeziehungen und macht den Besuch bestimmter Schulformen mehr oder weniger wahrscheinlich. Eine Herkunftsfamilie mit Wurzeln in einem anderen Land eröffnet subjektive Zugehörigkeiten von Jugendlichen zu ihrem Herkunftsland, zur Aufnahmegesellschaft oder zu einer Identität als Bürger_in Europas. Das Aufwachsen mit oder ohne eine Behinderung macht für Alltag und Freizeit von Jugendlichen einen wesentlichen Unterschied. Auch die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität bestimmen Zugehörigkeiten von jungen Menschen (Gaupp 2017).

Die Kategorie Geschlecht ist allgegenwärtig

Diesen Pluralisierungstendenzen widersprüchlich oder zumindest ambivalent gegenüber stehen gesellschaftlich hochwirksame Normalitätsvorstellungen, bei denen sich Menschen mit einer Vielzahl hieraus resultierender Normalitätsanforderungen konfrontiert sehen. Beispielsweise gelten, bezogen auf die eigene Körperlichkeit, insbesondere für junge Menschen ein „richtiges“ Styling, Schlankheit und körperliche Fitness als erstrebenswerte Ziele. Mediale Inszenierungen (wie Castingshows) vermitteln einheitliche Schönheitsideale, und auf der Videoplattform YouTube finden sich unzählige Tutorials zu Wegen, diese Ideale zu erreichen (Schulz 2015). Auch bezogen auf Bildung existieren starke gesellschaftliche Vorstellungen von erwünschten Bildungsverläufen und „erfolgreicher Bildung“.

Besonders stark sind solche gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen, wenn es um die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Zugehörigkeit von Menschen geht. Heterosexualität und die zwei Geschlechterkategorien weiblich und männlich gelten unhinterfragt als Prämisse. Im Kontext dieser heteronormativen Vorstellungen  nimmt die geschlechtliche Zugehörigkeit noch mal eine besondere Stellung ein. Menschen müssen sich im Sport Frauenund Männerteams zuordnen, bei der Benutzung von Toiletten müssen sie sich ebenfalls zwischen diesen beiden Optionen entscheiden, Formulare enthalten zum Geschlecht in aller Regel nur die beiden Felder „weiblich“ und „männlich“, Vorstellungen von Familie sind noch immer mit der Trias Vater, Mutter, Kind assoziiert, Kleidung und Konsum sortieren sich in eine rosa und eine blaue Welt.

Die Kategorie Geschlecht hat damit eine Allgegenwärtigkeit, wie sie anderen Normalitätsvorstellungen nicht zuzuschreiben ist. Allerdings zeigen sich gerade in jüngerer Zeit auch gegenläufige Entwicklungen hin zu einem weniger starren Umgang mit der Kategorie Geschlecht. So stehen beispielsweise in sozialen Netzwerken wie Facebook 60 Möglichkeiten zur Verfügung, um das eigene Geschlecht zu benennen. Nicht wenige junge Menschen definieren sich in dieser Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Zugehörigkeiten. In einer europäischen Erhebung aus dem Jahr 2016 (Dalia Research) identifizieren sich 11 Prozent der befragten 14- bis 29-Jährigen in Deutschland als lesbisch, schwul, bisexuell oder trans*. Zu ähnlichen Ergebnissen, bezogen auf die sexuelle Orientierung, kommt eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Unter den 21- bis 25-Jährigen geben 3 Prozent der jungen Frauen und 5 Prozent der jungen Männer an, gleichgeschlechtlich orientiert zu sein, 6 Prozent bzw. 2 Prozent beschreiben eine bisexuelle Orientierung (Bode/Heßling 2015).

Diese Daten können allerdings nur als grobe Orientierung dienen. Wie groß die Bevölkerungsgruppe der LSBT*Q Menschen tatsächlich ist, lässt sich schwer sagen. Dies liegt zum einen an einer teils wenig differenzierten Datenlage, zum anderen daran, dass sich die Sichtbarkeit von queeren Lebenswelten über die Zeit verändert. Je liberaler eine Gesellschaft ist, desto eher geben Menschen in sozialwissenschaftlichen Umfragen an, lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder queer zu leben. Angesichts der Tatsache, dass sexuelle Handlungen zwischen Männern erst seit rund 20 Jahren keinen Straftatbestand mehr darstellen, verwundert dies nicht. Auch beschreiben sich eher Jugendliche und junge Erwachsene als ältere Menschen als LSBT*Q. So überrascht es nicht, dass in Dalia Research der Anteil der 30- bis 65-jährigen LSBT* Personen nur etwa halb so hoch liegt wie bei den 14- bis 29-Jährigen.

Alle Jugendlichen leben in einem Spannungsverhältnis zwischen Normierungsanforderungen und der Aufforderung zur Individualität: Sie müssen sich mit gesellschaftlichen Erwartungen arrangieren und gleichzeitig ihren eigenen Weg des Erwachsenwerdens beschreiten. LSBT*Q Jugendliche stehen dabei mit ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Zugehörigkeit noch vor zusätzlichen Herausforderungen, die heterosexuelle, cisgeschlechtliche Jugendliche in dieser Form nicht zu bewältigen haben. Im Prozess des inneren Coming-outs müssen sie sich ihrer eigenen sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität bewusst und sicher werden. Sie müssen sich mit Fragen auseinandersetzen wie: „Fühle ich mich zu Jugendlichen des gleichen oder des anderen Geschlechts hingezogen oder zu beiden? Kann es sein, dass ich mich als Mädchen fühle, obwohl ich bisher als Junge groß geworden bin oder umgekehrt? Kann und will ich mein Geschlecht überhaupt als eindeutig weiblich oder männlich benennen?“

Wollen LSBT*Q Jugendliche ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Zugehörigkeit offen leben, bedarf es dazu eines äußeren Coming-outs gegenüber Freund_innen, Eltern, Geschwistern und anderen Familienmitgliedern. Bei der Suche nach einem_r Partner_in müssen LSBT*Q Jugendliche oft eigene Orte und Strategien jenseits der üblichen Wege des Kennenlernens finden. Diskriminierung sowie Homo-, Bi- und Trans*-Feindlichkeit können im Alltag zu belastenden Situationen führen und die Jugendlichen müssen lernen, mit solchen Erlebnissen umzugehen. Generell gilt, dass lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder queer zu sein in unserer Gesellschaft noch immer nicht selbstverständlich ist. Denn (junge) Menschen müssen ihre Empfindungen erklären, wenn sich ihre sexuelle Orientierung nicht (nur) auf das andere Geschlecht richtet oder wenn ihre geschlechtliche Identität nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.

Die Jugendforschung hat sich bislang kaum mit dem Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt beschäftigt, wenngleich in jüngerer Zeit die Zahl an Forschungsprojekten steigt. Einen Forschungsstrang bilden dabei Arbeiten zu Haltungen in der Gesellschaft. So zeigt beispielsweise die Bravo-Studie aus dem Jahr 2009, dass damals nur ein Viertel der befragten 11- bis 17-Jährigen gleichgeschlechtliche Liebe als etwas „Normales“ einschätzte (Bravo 2009). Eine Befragung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im Jahr 2017 zu Einstellungen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Deutschland unter Personen ab 16 Jahren zeigt bereits ein positiveres Bild: Vier Fünftel der Befragten lehnen die Aussage, Homosexualität sei „unnatürlich“, ab; das bedeutet aber auch, dass ein Fünftel dieser Aussage zustimmt. Heteronormative Vorstellungen sind damit in Teilen der Gesellschaft – bei jungen wie bei älteren Menschen – nach wie vor vorhanden. Einen zweiten Forschungsstrang bilden Projekte zu eigenen – positiven wie negativen – Erfahrungen von LSBT*Q Jugendlichen.

DJI-Forschung über LSBT*Q Jugendliche

Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat mit inzwischen drei Projekten dazu beigetragen, Forschungslücken zu schließen. Mit der Pilotstudie zu Lebenssituationen und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen und schwulen Jugendlichen in Deutschland (Krell 2013), dem Projekt „Coming-out – und dann ...?!“ sowie der Studie „Queere Freizeit“ liegen erstmals bundesweite Daten zu den Erfahrungen von LSBT*Q Jugendlichen in zentralen Kontexten ihres Alltags wie Familie, Gleichaltrige, Bildung, Freizeit und Sport vor. Die Ergebnisse zeigen die Vielschichtigkeit und Ambivalenz der Erfahrungen der Jugendlichen. Sie reichen von Unterstützung im Freundeskreis über das Internet als zentrale Informationsquelle und Vernetzungsort, Ängsten im Vorfeld eines Coming-outs bis hin zu Diskriminierung und sozialer Exklusion durch Freund_innen oder  Familienmitglieder. Ein gerade anlaufendes viertes DJI-Projekt untersucht die Situation von LSBT*Q Jugendlichen in der beruflichen Bildung.

Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist ein gesellschaftliches Thema

Bei der Perspektive der sozialwissenschaftlichen Jugendforschung auf queere Jugendliche gilt eine wesentliche Prämisse: Queere Jugendliche sind zunächst und in erster Linie Jugendliche wie alle anderen auch. Sie sind mit alterstypischen Herausforderungen von Bildung und Qualifizierung, mit der Entwicklung eines eigenen Lebensstils und Schritten des Erwachsenwerdens befasst. Gleichzeitig leben sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität in einer besonderen Lebenssituation.

Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist dabei nicht nur ein individuelles Thema der betreffenden Jugendlichen, sondern auch ein gesellschaftliches. Denn Fachkräfte in vielen pädagogischen Berufsbereichen (wie Schule, Jugendarbeit oder Beratung) arbeiten immer auch mit LSBT*Q Jugendlichen, nur ist dies oft nicht auf den ersten Blick offensichtlich bzw. den handelnden Personen nicht bewusst. Die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Zugehörigkeit der Jugendlichen steht dort oft nicht im Vordergrund, dennoch ist sie als Teil der Identität und Lebenswelt der Jugendlichen von Bedeutung. In anderen Praxisfeldern richtet sich professionelles Handeln auf Phänomene, die unmittelbar mit LSBT*Q spezifischen Fragen zu tun haben. Pädagogische Fachkräfte arbeiten in der Coming-out-Beratung, Mediziner_innen beraten trans* Personen zu Fragen der medizinischen Transition, Beschäftigte in öffentlichen Stellen und Personalverwaltungen gehen mit Personenstandsinformationen um, Standesbeamt_innen schließen gleichgeschlechtliche Ehen. Problematisch kann es für LSBT*Q Jugendliche werden, wenn Menschen ihr Handeln unhinterfragt an heteronormativen Vorstellungen ausrichten. Queere Jugendliche bleiben dann unverstanden und laufen Gefahr, ausgegrenzt zu werden.

Wissen und Aufklärung sind daher wichtig, um queeren Jugendlichen ein Aufwachsen zu ermöglichen, indem ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Zugehörigkeit nicht zu einem Problem (gemacht) wird, sondern einen selbstverständlichen Aspekt ihres Alltags darstellt. Die Gesellschaft ist daher aufgefordert, sich in ihren Institutionen, rechtlichen Regelungen und Haltungen offen und akzeptierend auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu beziehen. Ganz konkrete Anlässe werden hier Veränderungen anstoßen, sei es die nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts anstehende Regelung zur Möglichkeit einer dritten Geschlechtsoption in behördlichen Registern, seien es Veränderungen in schulischen Lehrplänen, seien es Herausforderungen im Sport bei der Beteiligung von trans* und inter* Personen oder bei der Anpassung von Angeboten der Erziehungs- und Familienberatung im Hinblick auf vielfältige Familienformen.

Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2017): Einstellungen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Deutschland. Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage. Berlin

Beck, Ulrich / Beck-Gernsheim, Elisabeth (1993). Nicht Autonomie, sondern Bastelbiographie. Zeitschrift für Soziologie, 22. Jg., H. 3, S. 178–187 

Bode, Heidrun / Hessling, Angelika (2015): Jugendsexualität 2015. Die Perspektive der 14- bis 25-Jährigen. Ergebnisse einer aktuellen repräsentativen Wiederholungsbefragung. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Köln

Bravo Dr. Sommer-Studie (2009): Liebe! Körper! Sexualität! München

Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt/Main

Dalia Research (2016): Counting the LGBT population

Gaupp, Nora (2017): Diversitätsorientierte Jugendforschung – Überlegungen zu einer Forschungsagenda. In: Soziale Passagen, S. 423–439

Krell, Claudia / Oldemeier, Kerstin (2017): Coming-out – und dann...?! Coming-out-Verläufe und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland. Opladen/Berlin/Toronto

Krell, Claudia (2013): Lebenssituationen und Diskriminierungserfahrungen von homosexuellen Jugendlichen in Deutschland. München

Rudd, Peter / Evans, Karen (1998). Structure and agency in youth transitions: Student experiences in vocational education. Journal of Youth Studies, 1. Jg., H.1, S. 39–63

Schulz, Iren (2015): „Spieglein, Spieglein an der Wand…“: Die Bedeutung digitaler Medien im Jugendalter am Beispiel des Umgangs mit Schönheit, Körperlichkeit und Sexualität. In: Buttner, Peter (Hrsg.): ARCHIV für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit. Heft 2/2015

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2/2018 der DJI Impulse „Jung und queer – Über die Lebenssituation von Jugendlichen, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder queer sind“.

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