Zwischen Individualität und gesellschaftlichen Erwartungen
Die Akzeptanz von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Menschen hat zugenommen. Dennoch machen Normvorstellungen über Geschlecht und sexuelle Orientierung das Erwachsenwerden kompliziert. Über die Ambivalenz der modernen Gesellschaft.
Von Nora Gaupp

Für Jugendliche ist die Pluralisierung in besonderer Weise relevant
Die Kategorie Geschlecht ist allgegenwärtig
Diesen Pluralisierungstendenzen widersprüchlich oder zumindest ambivalent gegenüber stehen gesellschaftlich hochwirksame Normalitätsvorstellungen, bei denen sich Menschen mit einer Vielzahl hieraus resultierender Normalitätsanforderungen konfrontiert sehen. Beispielsweise gelten, bezogen auf die eigene Körperlichkeit, insbesondere für junge Menschen ein „richtiges“ Styling, Schlankheit und körperliche Fitness als erstrebenswerte Ziele. Mediale Inszenierungen (wie Castingshows) vermitteln einheitliche Schönheitsideale, und auf der Videoplattform YouTube finden sich unzählige Tutorials zu Wegen, diese Ideale zu erreichen (Schulz 2015). Auch bezogen auf Bildung existieren starke gesellschaftliche Vorstellungen von erwünschten Bildungsverläufen und „erfolgreicher Bildung“.Besonders stark sind solche gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen, wenn es um die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Zugehörigkeit von Menschen geht. Heterosexualität und die zwei Geschlechterkategorien weiblich und männlich gelten unhinterfragt als Prämisse. Im Kontext dieser heteronormativen Vorstellungen nimmt die geschlechtliche Zugehörigkeit noch mal eine besondere Stellung ein. Menschen müssen sich im Sport Frauenund Männerteams zuordnen, bei der Benutzung von Toiletten müssen sie sich ebenfalls zwischen diesen beiden Optionen entscheiden, Formulare enthalten zum Geschlecht in aller Regel nur die beiden Felder „weiblich“ und „männlich“, Vorstellungen von Familie sind noch immer mit der Trias Vater, Mutter, Kind assoziiert, Kleidung und Konsum sortieren sich in eine rosa und eine blaue Welt.
Diese Daten können allerdings nur als grobe Orientierung dienen. Wie groß die Bevölkerungsgruppe der LSBT*Q Menschen tatsächlich ist, lässt sich schwer sagen. Dies liegt zum einen an einer teils wenig differenzierten Datenlage, zum anderen daran, dass sich die Sichtbarkeit von queeren Lebenswelten über die Zeit verändert. Je liberaler eine Gesellschaft ist, desto eher geben Menschen in sozialwissenschaftlichen Umfragen an, lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder queer zu leben. Angesichts der Tatsache, dass sexuelle Handlungen zwischen Männern erst seit rund 20 Jahren keinen Straftatbestand mehr darstellen, verwundert dies nicht. Auch beschreiben sich eher Jugendliche und junge Erwachsene als ältere Menschen als LSBT*Q. So überrascht es nicht, dass in Dalia Research der Anteil der 30- bis 65-jährigen LSBT* Personen nur etwa halb so hoch liegt wie bei den 14- bis 29-Jährigen.
Wollen LSBT*Q Jugendliche ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Zugehörigkeit offen leben, bedarf es dazu eines äußeren Coming-outs gegenüber Freund_innen, Eltern, Geschwistern und anderen Familienmitgliedern. Bei der Suche nach einem_r Partner_in müssen LSBT*Q Jugendliche oft eigene Orte und Strategien jenseits der üblichen Wege des Kennenlernens finden. Diskriminierung sowie Homo-, Bi- und Trans*-Feindlichkeit können im Alltag zu belastenden Situationen führen und die Jugendlichen müssen lernen, mit solchen Erlebnissen umzugehen. Generell gilt, dass lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder queer zu sein in unserer Gesellschaft noch immer nicht selbstverständlich ist. Denn (junge) Menschen müssen ihre Empfindungen erklären, wenn sich ihre sexuelle Orientierung nicht (nur) auf das andere Geschlecht richtet oder wenn ihre geschlechtliche Identität nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.
DJI-Forschung über LSBT*Q Jugendliche
Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist ein gesellschaftliches Thema
Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist dabei nicht nur ein individuelles Thema der betreffenden Jugendlichen, sondern auch ein gesellschaftliches. Denn Fachkräfte in vielen pädagogischen Berufsbereichen (wie Schule, Jugendarbeit oder Beratung) arbeiten immer auch mit LSBT*Q Jugendlichen, nur ist dies oft nicht auf den ersten Blick offensichtlich bzw. den handelnden Personen nicht bewusst. Die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Zugehörigkeit der Jugendlichen steht dort oft nicht im Vordergrund, dennoch ist sie als Teil der Identität und Lebenswelt der Jugendlichen von Bedeutung. In anderen Praxisfeldern richtet sich professionelles Handeln auf Phänomene, die unmittelbar mit LSBT*Q spezifischen Fragen zu tun haben. Pädagogische Fachkräfte arbeiten in der Coming-out-Beratung, Mediziner_innen beraten trans* Personen zu Fragen der medizinischen Transition, Beschäftigte in öffentlichen Stellen und Personalverwaltungen gehen mit Personenstandsinformationen um, Standesbeamt_innen schließen gleichgeschlechtliche Ehen. Problematisch kann es für LSBT*Q Jugendliche werden, wenn Menschen ihr Handeln unhinterfragt an heteronormativen Vorstellungen ausrichten. Queere Jugendliche bleiben dann unverstanden und laufen Gefahr, ausgegrenzt zu werden.
Wissen und Aufklärung sind daher wichtig, um queeren Jugendlichen ein Aufwachsen zu ermöglichen, indem ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Zugehörigkeit nicht zu einem Problem (gemacht) wird, sondern einen selbstverständlichen Aspekt ihres Alltags darstellt. Die Gesellschaft ist daher aufgefordert, sich in ihren Institutionen, rechtlichen Regelungen und Haltungen offen und akzeptierend auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu beziehen. Ganz konkrete Anlässe werden hier Veränderungen anstoßen, sei es die nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts anstehende Regelung zur Möglichkeit einer dritten Geschlechtsoption in behördlichen Registern, seien es Veränderungen in schulischen Lehrplänen, seien es Herausforderungen im Sport bei der Beteiligung von trans* und inter* Personen oder bei der Anpassung von Angeboten der Erziehungs- und Familienberatung im Hinblick auf vielfältige Familienformen.

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2/2018 der DJI Impulse „Jung und queer – Über die Lebenssituation von Jugendlichen, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder queer sind“.