Vielfalt in der Schule fördern


Zwei Studien zeigen, wie Lehrkräfte dazu bewegt werden können, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sichtbar zu machen und konsequent gegen Diskriminierung einzuschreiten.


Von Ulrich Klocke, Ska Salden und Meike Watzlawik


„Schwuchtel!“, „Transe!“, „blöde Lesbe!“ – solche Beschimpfungen sind in Schulen und Jugendeinrichtungen verbreitet. Queere Jugendliche sind deshalb stärker belastet als heterosexuell-cisgeschlechtliche Jugendliche. Im Vergleich versuchen sie drei bis vier Mal öfter, ihrem Leben ein Ende zu setzen (Clark u. a. 2014; Marshal u. a. 2011). Lehrkräfte und andere pädagogische Fachkräfte haben ihnen gegenüber also eine besondere Verantwortung. Doch was genau können sie tun, um die Akzeptanz für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu erhöhen? Und was bewegt sie dazu, sich gegen die Diskriminierung von queeren Jugendlichen zu engagieren?

Wenn Lehrkräfte, aber auch andere pädagogische Fachkräfte die Situation von queeren Jugendlichen verbessern wollen, sollten sie einerseits sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sichtbarer machen und sich andererseits nicht selbst (ungewollt) diskriminierend verhalten, sondern gegen Diskriminierung einschreiten. Das zeigen die Ergebnisse einer Befragung vonmehr als 700 Schüler_innen aus 24 sechsten und 26 neunten und zehnten Klassen in 20 repräsentativ ausgewählten Berliner Schulen aller Regelschularten (Klocke 2012).

Die Sichtbarkeit von Vielfalt lässt sich durch eine inklusive Gestaltung der Einrichtung sowie der Unterrichtsmaterialien und -beispiele erhöhen. Wenn Schulen oder Jugendeinrichtungen Plakate aufhängenoder Informationen auslegen, in denen auch queere Jugendliche vorkommen oder auf queere Einrichtungen hingewiesen wird, signalisiert dies den Jugendlichen, dass sie dazugehören und bei einem Coming-out oder bei Diskriminierung mit Unterstützung rechnen können. Die Inklusion von trans* und inter* Jugendlichen wird darüber hinaus verbessert, indem auch Unisex-Toiletten zur Verfügung gestellt werden sowie Einzel-Umkleidekabinen, die unabhängig vom Geschlecht genutzt werden können.

Unterrichtsmaterialien und -beispiele können auf ganz unterschiedliche Weise die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sichtbar machen. Beispielsweise kann eine Lehrkraft, die Deutsch oder eine Fremdsprache unterrichtet, einen Roman lesen lassen, in dem auch ein trans* Junge Protagonist ist. Ein Geschichtslehrer kann die Entwicklung der Idee universeller Menschenrechte am Beispiel des Kampfes gegen die Kriminalisierung und Pathologisierung von Homo- und Transsexualität veranschaulichen. Und eine Biologielehrerin kann am Beispiel von Intergeschlechtlichkeit verdeutlichen, dass auch das körperliche Geschlecht vielfältig ist und die Kategorien Mann und Frau nicht ausreichen. Auf geschlechtliche Vielfalt kann darüber hinaus dadurch aufmerksam gemacht werden, dass Unterrichtsmaterialien auch nicht geschlechtskonformes Verhalten zeigen, z.B. Jungen beim Ballett, Mädchen beim Fußball oder nicht stereotype berufliche Rollen wie Erzieherund Pilotinnen.

Es gibt auch Aufklärungsteams, die Schulen und Jugendeinrichtungen meist ehrenamtlich besuchen. Sie beantworten Fragen der Jugendlichen und nutzen zudem oft das biografische Erzählen. Dabei schildern queere Jugendliche und junge Erwachsene die eigene Lebensgeschichte, um es anderen zu ermöglichen, sich in ihre Situation einzufühlen. Empathie kann auch dadurch gefördert werden, dass eine fiktionale Geschichte oder Dokumentation in einem Buch oder Film aus der Perspektive einer queeren Person erzählt wird. Zusätzlich nutzen die Aufklärungsteams den positiven Effekt persönlichen Kontakts zu einzelnen Mitgliedern einer Gruppe auf die Einstellungen gegenüber der gesamten Gruppe, der mittlerweile in Hunderten von Studien belegt ist und insbesondere auch für Kontakt zu queeren Personen gilt (Pettigrew/Tropp 2006). Persönlicher Kontakt kann darüber hinaus dadurch hergestellt werden, dass queere Fachkräfte ebenso wie heterosexuelle Fachkräfte zu ihrer Identität stehen, beispielsweise indem sie über ihre Familie oder Partnerschaft berichten. Studien zeigen, dass sogar indirekter Kontakt Vorurteile abbaut, wenn z.B. heterosexuelle Fachkräfte Jugendlichen von queeren Freund_innen oder Familienangehörigen erzählen (Lemmer/Wagner 2015).

Ausdrücke wie „Schwuchtel“, „Spast“ oder „Kanake“ sind unter Jugendlichen als Schimpfwörter beliebt. Zwar sind diese Bezeichnungen oft nicht diskriminierend gemeint (Klocke/Peschel 2017), dennoch führen sie zu einem Klima der Ablehnung gegenüber Jugendlichen, die den bezeichneten Gruppen angehören. Darüber hinaus lästern etwa vier von zehn Berliner Schüler_innen über Personen, weil diese für lesbisch oder schwul gehalten werden, und mehr als die Hälfte macht sich über nicht geschlechtskonformes Verhalten lustig. Dass oft mehrere Jahre zwischen dem inneren und äußeren Coming-out von Jugendlichen vergehen, ist vor diesem Hintergrund nachvollziehbar. Queere Jugendliche trauen sich ganz offensichtlich nicht, genauso selbstverständlich zu ihrer Identität zu stehen wie heterosexuell-cisgeschlechtliche Jugendliche. Deshalb ist es ein Trugschluss, wenn pädagogische Fachkräfte annehmen, dass es in ihrer Einrichtung keine queeren Personen gibt und sie sich daher nicht für Vielfalt und gegen Diskriminierung engagieren müssen.

Doch wie können pädagogische Fachkräfte mit Diskriminierungen umgehen? Zunächst einmal sollten sie sich fragen, ob sie nicht selbst ungewollt diskriminieren, z.B. indem sie nicht geschlechtskonformes Verhalten durch ein „Stell dich nicht so mädchenhaft an!“ oder ähnliche Reaktionen abwerten. Je häufiger sie dies tun, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich in ihrem Umfeld auch Jugendliche diskriminierend verhalten. Stattdessen sollten pädagogische Fachkräfte intervenieren, wenn sie Diskriminierungen erkennen. Dabei geht es keineswegs um moralisch entrüstete Reaktionen, sondern vielmehr darum, Gelegenheiten zu bieten, in denen Jugendliche über die Gründe für ihr Verhalten reflektieren können („Weshalb ist das für dich ein Schimpfwort?“), und Empathie anzuregen („Würdest du dich trauen, dazu zu stehen, schwul zu sein, wenn 'schwul' dauernd als Schimpfwort verwendet wird?“). Wenn es nicht möglich ist, Jugendliche auf diese Art und Weise zu überzeugen, kann mit einem Verweis auf übergeordnete Normen (z.B. Schulleitbild, Schulgesetz, Menschenrechte) verdeutlicht werden, dass Diskriminierung nicht geduldet wird.

Eine bundesweite Befragung von mehr als 1.000 Lehrkräften (Klocke/Latz/Scharmacher 2016) und eine Befragung vonmehr als 500 pädagogischen Fachkräften aus 43 repräsentativ ausgewählten Berliner Schulen (Klocke/Salden/Watzlawik, in Vorb.) liefern Hinweise, was pädagogische Fachkräfte dazu bewegt, gegen Diskriminierung zu intervenieren sowie sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu berücksichtigen. Demnach spielen entsprechende Inhalte im Studium bzw. in der Ausbildung oder in anschließenden Fortbildungen eine entscheidende Rolle.

Besonders relevant ist es für pädagogische Fachkräfte zu wissen, wie sie im Falle von Diskriminierung adäquat intervenieren und dass sie mit ihrem eigenen Verhalten Jugendliche positiv beeinflussen können. Hilfreich ist zudem ein Bewusstsein dafür, dass es in der eigenen Zielgruppe sehr wahrscheinlich queere Jugendliche gibt, auch wenn sich diese nicht zu erkennen geben. Die Befragung der pädagogischen Fachkräfte in Berlin zeigt, dass sie insbesondere über Trans- und Intergeschlechtlichkeit bisher wenig wissen, vielen ist nicht einmal die Bedeutung der Begrifflichkeiten bekannt. Ein gewisses Grundwissen ist allerdings Voraussetzung dafür, dass Fachkräfte die Themen souverän ansprechen können.

Lehrkräfte, die Fächer unterrichten, in denen der Lehrplan die Auseinandersetzung mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt vorsieht, und die passende Lehrmaterialien kennen, berücksichtigen diese Themen deutlich häufiger. Doch insbesondere zu Trans- und Intergeschlechtlichkeit kennen nur wenige Lehrkräfte geeignete Materialien. Wichtig ist deshalb, dass Vielfaltsdimensionen in allen relevanten Lehrmaterialien berücksichtigt werden, sei es auf Bildern oder im Text. Dafür ist eine Verankerung in Schulgesetzen und Rahmenlehrplänen notwendig. Denn nur unter dieser Bedingung produzieren Schulbuchverlage entsprechendes Material. Zusätzlich könnten die Rahmenlehrpläne auf bestehende Materialsammlungen hinweisen, wie etwa auf das bundesweite „Projekt Schule der Vielfalt“ oder die Berliner Bildungsinitiative „Queerformat“.

In Schulen mit inklusivem Antimobbing-Leitbild kommt es seltener zum Suizid

Außerdem ist die Entwicklung eines Leitbilds, in dem Mobbing geächtet wird, zielführend, um die Lehrkräfte zum Handeln zu bewegen. Wichtig dabei ist allerdings, dass relevante Diskriminierungsdimensionen, z.B. sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität, explizit genannt werden und dass das Leitbild immer wieder neu in Erinnerung gerufen wird. So zeigt die Berliner Befragung, dass nicht der objektive Inhalt des Leitbild Einfluss hat, sondern die subjektive Annahme zu seinem Inhalt: Pädagogische Fachkräfte engagieren sich mehr für queere Schüler_innen, wenn sie davon ausgehen, dass im Leitbild ihrer Schule viele Diskriminierungsdimensionen explizit benannt sind, unabhängig davon, ob das tatsächlich der Fall ist.

Eine amerikanische Studie zeigt darüber hinaus, dass die Suizid-Rate insbesondere bei queeren Jugendlichen geringer ist, wenn an deren Schule ein solches inklusives Antimobbing-Leitbild existiert (Hatzenbuehler/Keyes 2013). Um das Leitbild bekannt zu machen und im Schulalltag aktiv umzusetzen, sollte (beispielsweise durch die Lehrpläne) klar geregelt sein, wer zu welchem Zeitpunkt für seine Thematisierung verantwortlichist.

Nicht zuletzt spielt nach den Studienergebnissen der eigene persönliche Kontakt zu queeren Menschen insbesondere bei der Thematisierung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der Schule eine bedeutende Rolle. Offenbar fällt es pädagogischen Fachkräften leichter, das Thema anzusprechen und dafür anschauliche Beispiele zu finden, wenn sie sich dabei auch auf den persönlichen Alltag beziehen können.

Jede queere Person kann also einen kleinen Beitrag leisten, indem sie gerade gegenüber Menschen, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, offen mit ihrer eigenen Identität umgeht. Gleichwohl darf eine Gesellschaft die Zuständigkeit für den Abbau von Diskriminierung und das Erreichen von Inklusion nicht auf individuelle Anstrengungen betroffener Personen übertragen. Die Mehrheitsgesellschaft und ihre Institutionen, in diesem Fall Regierungen, Schulen, Jugend- und Bildungseinrichtungen, stehen in der Verantwortung, ein Lernumfeld zu schaffen, in dem sich alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen zugehörig fühlen können.

Clark, Terryann C. u. a. (2014): The health and well-being of transgender high school students: Results from the New Zealand Adolescent Health Survey (Youth’12). Journal of adolescent health, 55. Jg., H. 1., S. 93–99

Hatzenbuehler, Mark L. / Keyes, Katherine M. (2013): Inclusive antibullying policies and reduced risk of suicide attempts in lesbian and gay youth. Journal of adolescent health, 53. Jg., H. 1, S. 21–26

Klocke, Ulrich (2012): Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen: Eine Befragung zu Verhalten, Einstellungen und Wissen zu LSBT und deren Einflussvariablen. Berlin

Klocke, Ulrich (2016): Homophobie und Transphobie in Schulen und Jugendeinrichtungen: Was können pädagogische Fachkräfte tun? Vielfalt-Mediathek

Klocke, Ulrich / Latz, Sabrina / Scharmacher, Julian (2016): Schule unterm Regenbogen? Einflüsse auf die Berücksichtigung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt durch Lehrkräfte. Unveröffentlichtes Manuskript, Institut für Psychologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Klocke, Ulrich / Peschel, Julia (2017): »Spast! Schwuchtel! Kanake!« Gruppenbezogene Beleidigungen unter Jugendlichen: Verbreitung und Einflussfaktoren. Vortrag im Rahmen der 16. Tagung der Fachgruppe Sozialpsychologie der DGPs, Ulm

Klocke, Ulrich / Salden, Ska / Watzlawik, Meike (in Vorb.): Lsbti* Jugendliche in Berlin: Wie nehmen pädagogische Fachkräfte ihre Situation wahr und was bewegt sie zum Handeln? Berlin

Lemmer, Gunnar / Wagner, Ulrich (2015): Can we really reduce ethnic prejudice outside the lab? A meta-analysis of direct and indirect contact interventions. European Journal of Social Psychology, 45. Jg., H. 2, S. 152–168

Marshal, Michael P. u. a. (2011): Suicidality and depression disparities between sexual minority and heterosexual youth: A meta-analytic review. Journal of adolescent health, 49, S. 115–123

Pettigrew, Thomas F. / Tropp, Linda R. (2006): A meta-analytic test of intergroup contact theory. Journal of Personality and Social Psychology, 90, S. 751–783

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2/2018 der DJI Impulse „Jung und queer – Über die Lebenssituation von Jugendlichen, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder queer sind“.

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