Queere Freizeit
Vor allem im Freundeskreis machen LSBT*Q Jugendliche viele gute Erfahrungen. In Sport- und Freizeitangeboten wird die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt aber noch zu selten berücksichtigt, zeigt eine DJI-Studie.Von Claudia Krell und George Austin-Cliff
Im Laufe des Heranwachsens verändert sich das Freizeitverhalten von Jugendlichen. Ist es anfangs noch stärker von der Anleitung durch Erwachsene geprägt, wird mit der Zeit das Interesse an selbstständig organisierten Aktivitäten größer: Es kommt zu einer Abgrenzung von der Erwachsenenwelt und einer selbstständigen Organisation der Freizeit. Durch die Abwendung von primären Sozialisationsinstanzen wie Eltern und Verwandten gewinnen Freizeitkontexte und Peers an Bedeutung (Hurrelmann/Quenzel 2012).

(Foto: Petfed/Photocase)
Die Hinwendung zu Gleichaltrigen stellt sich mitunter kompliziert dar
DJI-Studie „Queere Freizeit“
Die Studie entwickelte sich aus dem vorhergehenden Forschungsprojekt mit dem Titel „Coming-out – und dann…?!“. Dessen Ergebnisse weisen darauf hin, dass LSBT*Q Jugendliche und junge Erwachsene in ihrer Freizeit einerseits einem hohen Diskriminierungsrisiko ausgesetzt sind, gleichzeitig jedoch durch Aktivitäten und Menschen, mit denen sie ihre freie Zeit gestalten, viel Positives erleben. Um diesen ersten Hinweisen wissenschaftlich nachzugehen und Einblick in die Freizeitgestaltung von LSBT*Q Jugendlichen zu erhalten, wurden bundesweit Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren online befragt und 1.711 Fragebögen ausgewertet. Zudem nahmen 16 Jugendliche an qualitativen Interviews teil. Im Fokus beider Teilstudien standen die positiven wie negativen Erfahrungen in den Freizeitkontexten Internet, Sport, Jugendarbeit, (jugend)kulturelle Orte und öffentlicher Raum. Die Ergebnisse sind aufgrund der Stichprobengröße und -zusammensetzung aussagekräftig und belastbar für die befragten LSBT*Q Jugendlichen. Die Voraussetzungen für ein Verfahren der Stichprobenziehung, das auf Repräsentativität im klassischen Sinne zielt, sind in diesem Kontext nicht gegeben. Die Studie wurde zwischen September 2016 und April 2018 durchgeführt und von der Stiftung Deutsche Jugendmarke finanziert.Junge Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans* und queere Jugendliche aus urbanen Gegenden treffen in ihrer freien Zeit häufiger Freund_innen als LSBT*Q Jugendliche in ländlichen Regionen. Letztgenannte haben zudem deutlich weniger Freund_innen, die selbst nicht-heterosexuell bzw. nicht-cisgeschlechtlich sind. Während etwa 10 Prozent der Jugendlichen aus Großstädten angeben, keine anderen LSBT*Q Jugendlichen in ihrem Freundeskreis zu haben, ist es in ländlichen Gebieten fast ein Viertel der Befragten. Zum einen leben in Städten mehr LSBT*Q Menschen, die potenziell für Freundschaften zur Verfügung stehen. Zum anderen geht eine alters- bzw. entwicklungsbedingte Ablösung vom Elternhaus häufig damit einher, dass Jugendliche beispielsweise für eine Ausbildung, ein Studium oder den ersten Job den Wohnort wechseln und dann Gleichaltrige als neue Bezugsgruppe eine größere Rolle bei der jugendlichen Persönlichkeitsentwicklung übernehmen.
Für nicht-cisgeschlechtliche Jugendliche scheinen Schutzräume – auch in Form von Freundeskreisen – heute noch elementarer und notwendiger zu sein als für nicht-heterosexuelle Jugendliche. Beispielsweise besteht bei 38 Prozent der trans* und gender*diversen Jugendlichen der Freundeskreis ausschließlich bzw. zu mehr als der Hälfte aus LSBT*Q Jugendlichen. Bei lesbischen, schwulen, bisexuellen und orientierungs*diversen Gleichaltrigen trifft das lediglich in 16 Prozent der Fälle zu.
Auch im Coming-out-Prozess spielen Freund_innen eine große Rolle, zeigt die DJI-Studie „Coming-out – und dann…?!“ aus dem Jahr 2015: Sie sind meist die ersten Ansprechpartner_innen beim Coming-out, bieten Unterstützung und fungieren als Vertrauensperson, wobei ihre eigene sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Zugehörigkeit eine untergeordnete Rolle spielt. Im Freundeskreis erleben die Jugendlichen zudem am wenigsten Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Zugehörigkeit.
Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass LSBT*Q Jugendliche täglich länger online sind als ihre heterosexuellen, cisgeschlechtlichen Peers – nach der Studie „out online“ sind es 45 Minuten mehr pro Tag (GLSEN 2013). Im Internet treten LSBT*Q Jugendliche zum Teil authentischer auf, als im realen Leben: 73 Prozent der LSBT Jugendlichen, die im Rahmen einer amerikanischen Studie befragt wurden, geben an, dass sie online offener über sich selbst berichten, als ihnen dies in ihrem Lebensumfeld möglich ist. Im Vergleich dazu traf dies nur auf 43 Prozent ihrer heterosexuellen und cisgeschlechtlichen Peers zu (HRC 2012).
Neben solchen positiven Aspekten des Internets berichten in der DJI-Studie „Queere Freizeit“ viele Jugendliche aber auch von Diskriminierungserfahrungen: Neun von zehn Studienteilnehmenden geben an, mindestens einmal im Web Diskriminierung in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Zugehörigkeit erlebt zu haben. Die (vermeintliche) Anonymität des Internets senkt offenbar die Hemmschwelle, andere Menschen verbal zu attackieren. Nach einer Studie zu Hassreden im Internet nehmen diese insbesondere in sozialen Netzwerken und Foren zu (AJS/LFM 2016). Besonders häufig betroffen sind hierbei LSBT Personen (Titley 2015).
Für trans* und gender*diverse Jugendliche stellt die strikte binäre Geschlechterordnung und die damit einhergehende Zuordnung als Frau oder Mann eine Hürde dar. Gleichzeitig ist Sport oft geprägt von Vorstellungen über typische Geschlechterrollen. Durch befürchtete oder erlebte Diskriminierung kann es zu (Selbst-)Ausgrenzung und Vermeidungsverhalten von LSBT*Q Jugendlichen kommen. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die am Vereinssport teilnehmen, berichtet von Diskriminierungserfahrungen im Sport, die im Kontrast zu dessen positiven sozialen und mentalen Aspekten stehen. In der Mehrheit gehen Diskriminierungen nach Angaben der Jugendlichen von Gleichaltrigen aus, zum Beispiel von Teamkolleg_innen bzw. von anderen Sportler_innen.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Besucher_innen von LSBT*Q Jugendgruppen und -zentren sowie dort arbeitende Pädagog_innen sind ebenfalls lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder gender*divers. Die Jugendlichen können in geschützten Räumen offen als LSBT*Q auftreten und erleben, dass beispielsweise ihre sexuelle Orientierung als verbindender – und nicht wie im Alltag häufig als trennender – Faktor wirken kann. Sie treffen dort Gleichgesinnte, können über für sie relevante Themen sprechen, die im Alltag nicht selbstverständlich und offen angesprochen werden können (z.B. Coming-out, Liebe, Sexualität, Transitionsprozesse, Diskriminierung), und können sich in Beziehungen und Freundschaften ausprobieren.
Ein Teil dieser LSBT*Q Jugendlichen engagiert sich dort ehrenamtlich und erwirbt dabei Kompetenzen, die für den weiteren Lebensweg von Nutzen sein können. Problematisch ist, dass es bundesweit nur relativ wenige Jugendgruppen bzw. Jugendzentren gibt, die sich an lesbische, schwule, bisexuelle, trans* oder gender*diverse Jugendliche wenden. Mehrheitlich sind diese in Ballungszentren zu finden, weshalb sie für Jugendliche, die außerhalb von Großstädten leben, aus finanziellen oder zeitlichen Gründen teilweise nur schwer zu erreichen sind. Der Zugang zu einer LSBT*Q Einrichtung findet oft über persönlichen Kontakt statt, was wiederum schwierig ist, wenn die Jugendlichen keine anderen LSBT*Q Jugendlichen kennen.
Beim Besuch von (jugend)kulturellen Angeboten beispielsweise in Clubs, Discos sowie im öffentlichen Raum erfahren LSBT*Q Jugendliche sehr häufig Diskriminierung: Neun von zehn Befragten berichteten im Rahmen der Studie „Queere Freizeit“ davon. Diese negativen Erfahrungen reichen vom Angestarrt-Werden über Beschimpfungen, Beleidigungen, der Androhung von Gewalt bis hin zu körperlichen Übergriffen. Überwiegend gehen diese Diskriminierungen von unbekannten Personen aus. LSBT*Q Jugendliche könnten Clubs, Discos oder Partys zwar meiden, im öffentlichen Raum müssen sie sich in ihrem Alltag allerdings dennoch bewegen. Vor dem Hintergrund, dass dort in den vergangenen Jahren die gemeldeten Übergriffe auf LSBT*Q Personen deutlich gestiegen sind (Finke 2016), stellt sich die Frage, wie diese besser geschützt werden können.
Vereine müssen ihre Strukturen überdenken und sich stärker öffnen
LSBT*Q Jugendliche machen in ihrer Freizeit einerseits viele gute Erfahrungen – häufig gemeinsam mit ihren Freund_innen. Andererseits erleben sie im Freizeitkontext auch Diskriminierung und Exklusion aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Zugehörigkeit. Zwar trägt eine in den vergangenen Jahrzehnten zunehmende rechtliche wie gesellschaftliche Gleichstellung zu einer Verbesserung der Lebenssituation von LSBT*Q Jugendlichen bei. Spezifische Belastungen und Benachteiligungen in der Freizeit sind dadurch jedoch längst nicht bewältigt. Die Jugendlichen erleben letztendlich eine (all)tägliche Ambivalenz.Um diese jungen Menschen zu unterstützen, sind weitere gesellschaftliche und institutionelle Entwicklungs- und Veränderungsprozesse notwendig. Die stärkere Sichtbarmachung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in gesellschaftlichen, pädagogischen, politischen und wissenschaftlichen Kontexten ist dabei ebenso wichtig wie die Sensibilisierung für das Thema und eine professionelle Wissensvermittlung. Für die Kinder- und Jugendarbeit heißt das beispielsweise, dass die jeweilige Einrichtung bzw. das Personal Selbstverständnis und Haltung reflektieren und sich schrittweise für (sexuelle und geschlechtliche) Vielfalt öffnen. Mitarbeiter_innen benötigen dafür Wissen über LSBT*Q und damit verbundene Aspekte wie Heteronormativität und Diskriminierung, das sie sich durch Fortbildungen aneignen können.
Besucher_innen von Jugendzentren und -gruppen müssen für das Thema sensibilisiert werden und eine geschlechtersensible Sprache auf Flyern oder in Anschreiben kann LSBT*Q sichtbar machen. Verschiedene Träger bieten Unterstützung bei solchen Öffnungsprozessen an. Durch die Umsetzung definierter Standards kann z.B. in München das Siegel „Offen für ALLE“ erworben werden, mit dem Jugendangebote ausgezeichnet werden, die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in ihrer Jugendarbeit berücksichtigen. Sportvereine sollten vorhandene Strukturen kritisch hinterfragen und überprüfen, ob ein flexiblerer Umgang mit der binären Geschlechterordnung möglich ist. Dies betrifft beispielsweise die Richtlinien für die Teilnahme von trans* und inter* Teilnehmer_innen an Sportwettkämpfen oder die Nutzung von Umkleiden, Toiletten und Duschen. Damit LSBT*Q Jugendliche Sport- und Freizeitangebote nutzen können, müssen diese als diversitätssensibel erkennbar sein. Ein weiterer Schritt in diese Richtung wäre, dass Vereine und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit deutlich machen, dass Personen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Zugehörigkeit willkommen sind und dass sie sich um ein offenes und möglichst diskriminierungsfreies Klima bemühen.

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2/2018 der DJI Impulse „Jung und queer – Über die Lebenssituation von Jugendlichen, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder queer sind“.
