Kein Platz für rechte Ideologien

Kinder- und Jugendarbeit als Ort demokratischer Bildung: In Jugendbildungsstätten, Jugendverbänden und Jugendzentren können junge Menschen viel über Demokratie lernen und erfahren. Fachkräfte sollten sich deshalb mehr mit politischer Bildung beschäftigen – und deutlicher Stellung gegen Rechts beziehen.

Von Werner Thole und Stephanie Simon

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer 2012; Decker u.a. 2018, 2020) respektive pauschalisierende Ablehnungskonstruktionen (Möller 2017) sind nach wie vor in Alltagsgesprächen in der Bundesrepublik Deutschland wahrzunehmen. Die eindeutige Identifizierung nationalistischer, antisemitischer, rassistischer, homophober, autoritaristischer oder sexistischer Einstellungen ist allerdings nicht immer einfach, vor allem, wenn diese in Alltagsgesprächen sowie in Selbst- und Weltpositionierungen strukturell eingewoben sind.

Erfreulich ist angesichts dieser Situation, dass im 16. Kinder- und Jugendbericht die Relevanz politischer, demokratischer Bildung in unterschiedlichen sozialen Räumen des Aufwachsens als eine zentrale Herausforderung beschrieben und „die Orientierung junger Menschen an demokratischen Werten und die Entwicklung kritischer Urteilskraft zum vornehmsten Ziel politischer Bildung“ (Deutscher Bundestag 2020, S. 9) erklärt wird.

Die Projekte und Angebote der Kinder- und Jugendarbeit sind theoretisch wie empirisch demokratieförderlich gerahmt und stellen zentrale soziale Räume politischer Bildung dar (Sturzenhecker/Schwerthelm 2016; Hafeneger u.a. 2019). Im Folgenden wird zunächst an die zentrale Bedeutung demokratischer Bildung im Kontext der Kinder- und Jugendarbeit erinnert. Gleichwohl sind problematische, konservativ-nationalistische und autoritative Rhetoriken in Institutionen und Angeboten der Sozialen Arbeit, in den dort entwickelten pädagogischen Konzepten und methodischen Zugängen wahrzunehmen. Zudem ist in den zurückliegenden Jahren zu beobachten, dass pädagogische und sozialpolitische Themen vermehrt auch im national- völkischen Milieu im Kontext des national-revolutionären Projekts der „Neuen Rechten“ diskutiert werden.

Kinder- und Jugendarbeit soll solidarisches Miteinander anregen

Die Kinder- und Jugendarbeit entwickelt spätestens seit den1980er-Jahren Angebote für Jugendliche mit rechts-nationalen Einstellungen (Otto/Merten 1993) und für gewaltbereite Jugendkulturen (Koch/Behn 1997). Seitdem haben sich die inhaltlichen und methodischen Zugänge ausdifferenziert. Rechtsextreme Jugendliche, die gewaltbereit unter Rückgriff auf national-völkische Denkfiguren agieren, werden beispielsweise inzwischen anders angesprochen als Jugendliche, die in ihrem Alltag möglicherweise unreflektiert eine diskriminierende Sprache verwenden.

Gemeinsam ist den Projekten und Angeboten der Kinder- und Jugendarbeit zum einen der Wunsch, die explizit pauschalisierenden Ablehnungskonstruktionen von Heranwachsenden pädagogisch zu bearbeiten, sowie zum anderen die Intention, demokratische Selbst- und Weltdeutungen über entsprechende Umgangsformen anzuregen. Die Praxis der Kinder- und Jugendarbeit sieht sich in und mit ihren Projekten – aber auch darüber hinaus – gefordert, binäre, zwischen „wir“ und „die“ differenzierende Denkweisen kritisch anzufragen und mit den Kindern und Jugendlichen zu diskutieren.

Das Eintreten gegen rassistische, antisemitische, nationalistische, LGBTIQ*-feindliche und ableistische, also körperliche und seelische Beeinträchtigungen diskriminierende Praktiken ist zugleich ein Engagement gegen Ausgrenzung und soziale Spaltungen und für die Entwicklung von Formen des solidarischen Miteinanders. Die Praxis der Kinderund Jugendarbeit ist hierzu selbst als ein Feld zu arrangieren, das allen Kindern und Jugendlichen ermöglicht, sich zu beteiligen und mitzugestalten. Das erfordert von den sozialpädagogischen Fachkräften, souverän auch mit ihrer eigenen, machtvollen Position umzugehen, diese infrage stellen zu lassen, um mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam die pädagogische Praxis kommunikativ und partizipativ zu gestalten (Simon/Thole 2021). Denn erst, wenn dies gelingt, wird es Heranwachsenden möglich, die Kinder- und Jugendarbeit nicht als einen Raum zu empfinden, der von Erwachsenen dominiert und fremdbestimmt wird (Deutscher Bundestag 2020).

Rechte Initiativen versuchen, regionale Räume zu erobern

Gefordert ist die Kinder- und Jugendarbeit jedoch auch bezüglich der zunehmenden Präsenz von national-konservativen, völkisch-nationalen, rechten Projekten in den ländlichen und vermehrt auch in den urbanen Räumen. Im September 2020 konnte beispielsweise noch rechtzeitig die Eröffnung eines Jugendzentrums durch den rechtsextremen Rapper Chris Ares in Bischofswerda verhindert werden (Lauer 2020). Gegenwärtig plant laut Medienberichten im Landkreis Kassel der ebenfalls dem neonationalistischen Milieu zugehörige Meinolf Schönborn ein „Gemeinschaftsprojekt verschiedenster Patrioten“ (Speit 2020). Auch in Sportvereinen und anderen zivilgesellschaftlichen Zusammenschlüssen versuchen seit einigen Jahren national-konservative, völkische Protagonistinnen und Protagonisten Terrain zu erobern.

Dies macht notwendig, dass sich Fachkräfte mit den Grundlagen politischer Demokratiebildung sowie mit gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen auseinandersetzen. Die professionellen Fachkräfte sollten sich gegenüber diesen Eroberungsversuchen von regionalen Räumen gegenüber motiviert fühlen, Haltung zu zeigen und sich dem immer wieder zu vernehmenden bedenkenswerten Neutralitätsgebot (Fritz/Mielich 2020) distanziert zu verhalten.

Manche Fachkräfte berichten von rechtsmotivierter Einflussnahme

Die Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit sind jedoch nicht nur in Bezug auf die Gestaltung einer Praxis demokratischer Bildung gefordert. Autoritative, national-konservative Denkweisen sind auch in der Sozialen Arbeit, in den Angeboten und Praktiken selbst zu erkennen. Diese allgemeine Wahrnehmung wird durch eine jüngst vorgelegte Studie fundiert (Gille/Jagusch/Poetsch 2020).

In der nicht repräsentativen Befragung von Mitarbeitenden in unterschiedlichen sozialpädagogischen Handlungsfeldern konnte zwar erfreulicherweise registriert werden, dass die Befragten mehrheitlich angeben, in ihrem Bereich versuchten gegenwärtig weder rechte Vereine, Organisationen
oder Verbände eigene soziale Projekte und Angebote zu präsentieren noch auf die bestehenden Angebote einzuwirken. Doch immerhin gut ein Zehntel der Befragten berichtet von eigenen, sozial ausgerichteten Angeboten, die von rechtsmotivierten externen oder internen Einflussnahmen betroffen sind. Berichtet wird, dass einzelne, im rechten Milieu sich orientierende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Denkweisen offen artikulieren und Angebote entsprechend auszurichten versuchen. Zudem zeigt die Studie, dass manche Mitarbeitende „entlang rassistischer Zuordnungen und Abwertungen“ agieren oder auf neue, an gesellschaftliche Diskursverschiebungen anknüpfende „rhetorische Praktiken“ zurückgreifen.

Die Grenzen des öffentlich Sag- und Denkbaren verschieben sich nach rechts

Die Formen und Grenzen des öffentlich Sag- und Denkbaren verschieben sich weiter nach rechts. Rassistische, antisemitische, sozialdarwinistische, LGBTIQ*-feindliche und antifeministische Denk- und Sprachfiguren sind vermehrt als in den Jahrzehnten zuvor in verschiedenen gesellschaftlichen Räumen wahrnehmbar. Die in den Alltagsgesprächen herangezogenen Frames gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit werden grundiert über neue, national-konservative und völkische Narrative. So wird beispielsweise herausgestellt, dass „Immigration […] die fertigen Gemeingüter, die das Land in einem mühevollen, langwierigen Aufbauprozess gebildet hat“, nutze und damit „Raubbau und […] Zerstörung“ (Held 2018) initiiere.

In dem im rechten Milieu favorisierten Staatsverständnis sollten die bestehenden „Einkommens- und Vermögensunterschiede“ zwar „ein gesundes Maß nicht überschreiten“, die Teilnahme- und Teilhabemöglichkeiten an diesem werden jedoch exklusiv und exkludierend an „Dienstbereitschaft und Fleiß gekoppelt“ (Kaiser 2020, S. 266). Ein damit anvisierter „solidarischer Patriotismus“ solle sich auf der Grundlage eines „historisch gewachsenen Zugehörigkeitsgefühls“ und über „ethnische Homogenität“ (Kaiser 2020, S. 42) entwickeln (Thole/Simon 2021). Damit üben neurechte Akteurinnen und Akteure einerseits Kritik am gegenwärtigen Sozialstaat, andererseits versuchen sie die normativen Implikationen dessen, was der Begriff Solidarität meint, von rechts neu zu rahmen.

Völkische Ideologen versuchen, pädagogische Deutungsmacht zu gewinnen

Die Philosophin Caroline Sommerfeld präsentiert mit ihrem im Antaios-Verlag erschienenen Buch „Wir erziehen. Zehn Grundsätze“ (2019) ein mit diesem sozialpolitischen Programm kompatibles pädagogisches Modell. Über nationalkonservative Tugenden wie „Ausdauer und Kraft“, „Beweglichkeit und Durchhaltevermögen“ sollen „Kameradschaft und Uneigennützigkeit“, „Führung“ und Verantwortung erlernt werden (Bosselmann 2020). Aber auch „Gemeinschaft“ wird von rechts besetzt, und es wird argumentiert, dass diese nur über ethnische Homogenität herzustellen sei. Eine angenommene naturgegebene Differenz zwischen Erwachsenen und Kindern ist dabei die Kernidee und Legitimation einer solchen „Erweckungsphilosophie“, in der die völkisch-nationalistische Ideologie vorgelebt werden soll (Simon/Thole 2021).

Entworfen wird auch eine Idee von Gesellschaft, in der die soziale Frage über die Parameter Leistungsbereitschaft und ethnische Zugehörigkeit bestimmt wird und in der diejenigen ausgeschlossen bleiben, denen diese Eigenschaften abgesprochen werden. Denjenigen, die nicht über Jahrzehnte am Aufbau des Wohlstands des „deutschen Volkes“ beteiligt waren, soll die Zugehörigkeit zur Gesellschaft versagt bleiben. Die Zugehörigkeit vorbereiten soll eine Erziehung, die auf autoritäre Unterordnung und Disziplin setzt und über das „Baugerüst“ von „Volk und Rasse“ (Sommerfeld 2020, S. 262) Heimatgefühle und Identität herzustellen sucht.

Rassismuskritischen Bildungsangeboten kommt zentrale Rolle zu

Die Kinder- und Jugendarbeit hat in Bezug auf eine demokratiefördernde politische Bildung eine besondere Bedeutung. Nicht, indem sie exklusive, gut inszenierte und didaktisierte Formate entwickelt und umsetzt, sondern indem sie diese alltagsintegriert komponiert und realisiert. Eine zentrale Rolle kommt dabei herrschafts- und rassismuskritischen Bildungsangeboten und der antifaschistischen Kinder-und Jugendarbeit zu.

Die professionellen Akteurinnen und Akteure sind aufgefordert, sich mutig und offensiv gegenüber pauschalisierenden Ablehnungskonstruktionen und rechten Sprachspielen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, aber auch von Kolleginnen und Kollegen zu verhalten – und diese mit alternativen, entmystifizierten Selbst- und Weltdeutungen zu konfrontieren. Aufmerksam wahrzunehmen und zu kritisieren sind zudem Versuche, sozialpolitische und pädagogische Konzepte durch nationalkonservative, autoritaristische Rhetoriken neu zu framen. Die Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit stellt Kindern und Jugendlichen bedeutsame Räume zur Verfügung, um Demokratie zu leben (Thole/Lindner/Pothmann 2021). Kinder und Jugendliche können in nonformalen pädagogischen Arrangements Selbst- und Weltdeutungen sowie soziale Umgangsweisen lernen und ausprobieren, die im vermeintlich Fremden das Gemeinsame zu entdecken ermöglichen, ohne die eigene Autonomie und Identität gefährdet zu sehen.

Bosselmann, Heino (2020): Thesen zur Bildung.

Decker, Oliver/Kiess, Johannes/Brähler, Elmar (Hrsg.) (2016): Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland. Gießen

Decker, Oliver/Brähler, Elmar (Hrsg.) (2018): Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Gießen

Decker, Oliver / Brähler, Elmar (Hrsg.) (2020): Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neue Radikalität. Leipziger Autoritarismusstudie.Gießen

Deutscher Bundestag (2020): Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe – 16. Kinder- und Jugendbericht – Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter und Stellungnahme der Bundesregierung. Deutscher Bundestag, Drucksache 19/24200. Verfügbar unter: pdok.bundestag.de/

Fritz, Fabian/Mielich, Sina (2020): Demokratiebildung in und nach der Zeit von COVID-19. Perspektiven für die (politische) Kinder- und Jugendbildung.

Gille, Christoph/Jagusch, Birgit/Poetsch, Steffen (2020): Die Neue Rechte in der Sozialen Arbeit in NRW. In: Soziale Arbeit, H. 4, S. 138–145

Hafeneger, Benno/Unkelbach, Katharina/Widmaier, Benedict (Hrsg.) (2019): Rassismuskritische politische Bildung.Theorien – Konzepte – Orientierungen. Frankfurt a.M.

Heitmeyer, Wilhelm (2012): Deutsche Zustände. Frankfurt a.M.

Held, Gerd (2018): Hautfarbe oder Herkunft? Egal. Es geht um die Gemeingüter!

Kaiser, Benedikt (2020): Solidarischer Patriotismus. Die soziale Frage von rechts.

Schnellroda Koch, Reinhard / Behn, Sabine (1997): Gewaltbereite Jugendkulturen. Theorie und Praxis sozialpädagogischer Gewaltarbeit. Weinheim/Basel

Lauer, Stefan (2020): Niemand will Chris Ares, nichtmal die AfD.

Möller, Kurt (2017): „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (GMF) oder Pauschalisierende Ablehnungskonstruktionen (PAKOs)? Welches Konzept führt  wissenschaftlich und praktisch wohin? In: Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Rassismuskritik. Stuttgart, S. 23-41

Otto, Hans-Uwe/Merten, Roland (Hrsg.) (1993): Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland. Opladen

Simon, Stephanie/Thole, Werner (2021): Die braune Melange „konservativ-revolutionärer“ Erziehung. In: Sehmer, Julian u.a. (Hrsg.): recht extrem? Dynamiken in zivilgesellschaftlichen Räumen. Wiesbaden

Sommerfeld, Caroline (2019): Wir erziehen. 10 Grundsätze. Schnellroda

Sturzenhecker, Benedikt/Schwerthelm, Moritz (2016): Demokratie ist machbar – gerade in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. In: Knauer, Reingard/Sturzenhecker, Benedikt (Hrsg.): Demokratische Partizipation von Kindern. Weinheim/Basel, S. 187-203

Thole, Werner/Lindner, Werner/Pothmann, Jens (2021): Kinder- und Jugendarbeit als sozialpädagogisches Bildungsprojekt. In: deutsche jugend, H. 1, S. 7–16

Thole, Werner/Simon, Stephanie (2021, i.E.): Der Kältestrom des „solidarischen Patriotismus“. Über nationalkonservativen Neoliberalismus und nationalistisch getönte „Kapitalismuskritik“ – sozialpolitische Narrative der neuen Rechten. In: Gille, Christoph/Jagusch, Birgit/Chehata, Yasmine (Hrsg.): Die extreme Rechte in der Sozialen Arbeit. Grundlagen, Arbeitsfelder, Handlungsmöglichkeiten.Weinheim/Basel

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 1/2021 von DJI Impulse „Politische Bildung von Anfang an: Wie Kinder und Jugendliche Demokratie lernen und erfahren können“ (Download PDF).

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