Einblicke in die Praxis

Drei Kita-Fachkräfte beschreiben, wie sie Kindern in ihrer Einrichtung tagtäglich Partizipation ermöglichen und wo die Herausforderungen liegen.

Robert Friedrich, Erzieher in einer Einrichtung mit 150 Kindern vom Krippenalter bis zum Schuleintritt in Berlin

Ich lasse die Kinder, wann immer es geht, ihren Alltag selbst gestalten und unterstütze sie bei der Umsetzung ihrer Pläne, indem ich für Zugänge zu Räumen, Material und Werkzeug sorge oder auch nur meine Zeit und mein Wissen zur Verfügung stelle. Ein Junge meiner Gruppe mit 24 Vier- und Fünfjährigen wollte zum Beispiel eine Seilbahn bauen. Wir gingen in den Keller, um ein langes Seil zu suchen. Auf dem Weg schlossen sich uns fünf Kinder an. Als die Kinder das dicke Tau und einen Korb nach draußen schleppten, kamen weitere dazu. Ich ging wieder in den Gruppenraum und schaute aus der Ferne zu.

Sie diskutierten rege und probierten aus, wie man das Seil befestigen könnte. Sie schleppten es einen Stock höher auf einen Balkon, um es zu spannen. Ich half ihnen, den Korb daran zu befestigen. Sie zogen den Korb nach oben und debattierten, wer von ihnen in den Korb steigen sollte. Sie sorgten sich, dass der Korb brechen oder das Seil reißen könnte und fanden soheraus, dass niemand mit der Seilbahn wirklich fahren wollte. So gestalteten acht bis 14 Kinder zweieinhalb Stunden ihres Kita-Tages selbst und waren dabei ganz auf sich gestellt.

Sie haben engagiert, eigenverantwortlich und gemeinschaftlich gehandelt. Mein Beitrag war es, mich nicht einzumischen. Relevante Fragen, ob das eigentlich zu gefährlich ist, konnten die Kinder sich selbst stellen und beantworten. In solchen Situationen kann es auch mal zu Überforderungen kommen. Das sehe ich aber nicht negativ. Es ist zwar für die Kinder anstrengend, unterschiedliche Interessen in Einklang zu bringen – und auch für mich, sie darin zu unterstützen. Andererseits ist es sehr sinnvoll, weil es einen Kompetenzzuwachs für die Kinder ermöglicht, und das ist auch für mich erfüllend. (Foto: privat)

Ina Horlbeck, Einrichtungsleitung eines Integrationskindergartens mit 60 Kindern im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt in München

Wir legen in unserem pädagogischen Alltag großen Wert darauf, die Wünsche und Interessen der Kinder ernst zu nehmen. Auch nonverbal vorgetragene Bedürfnisse greifen wir auf, um die Kinder einzubeziehen, die sich nicht umfassend sprachlich äußern können oder aufgrund von Entwicklungsbesonderheiten nicht dazu in der Lage sind.

Über Ausflugsziele oder das Spielen im Garten, also Dinge, die ihren Alltag betreffen, dürfen die Kinder in demokratischen Abstimmungsverfahren entscheiden. So haben wir beispielsweise im Rahmen einer Kinderkonferenz mit ausgewählten Kindern aus den Gruppen Regeln für das Spielen in unserem weitläufigen Garten festgelegt. Die erarbeiteten Regeln wurden von den Vertreterinnen und Vertreternder Gruppen anschließend aufgemalt, um sie den anderen Kindern vorzustellen. Danach konnten alle Kinder über die Regeln abstimmen. (Foto: privat)

Alexandra Ulrich-Uebel, Leitung einer Kita mit 75 Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren in Kirn-Sulzbach (Rheinland-Pfalz)

Kinder bestimmen in unserer Einrichtung viele Alltagssituationen mit, zum Beispiel was sie mit wem wie lange spielen. Die größte Herausforderung dabei ist, die Kinder ihrem Alter entsprechend zu beteiligen und auch die Jungen und Mädchen zu gewinnen, die bisher noch keine Erfahrung mit Teilhabe, Mitbestimmung und Mitwirkung gemacht haben. Zu unserem pädagogischen Konzept gehört es, auch bei weitreichenderen Entscheidungen die Meinung aller Kinder und ihrer Familien einzuholen und zu berücksichtigen, etwa bei der Gestaltung des Außengeländes oder eines Jubiläums.

Durch eine bauliche Erweiterung der Kita musste eine unserer Gruppen beispielsweise ihren Raum aufgeben. Gleich im ersten Planungsschritt wurden Kinder, Familien sowie Erzieherinnen und Erzieher nach ihrer Meinung gefragt. Dabei hat sich herausgestellt, dass sich die Kinder und ihre Familien gar nicht ihren Stammgruppen, sondern nur der Kita zugehörig fühlen und ihnen vor allem die Bezugserzieherin bzw. der -erzieher wichtig ist. Heute arbeiten wir in einem Haus ohne Stammgruppen. (Foto: privat)

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 1/2018 der DJI Impulse „Demokratie lernen –  Wie sich politische Bildung in Zeiten von Digitalisierung und gesellschaftlicher Polarisierung wandeln muss“.

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