Die Wucht des Digitalen beherrschbar machen

Wer sich von Verschwörungstheorien und Propaganda nicht hinters Licht führen lassen will, muss die Mechanismen verstehen, nach denen die neue Medienwelt funktioniert. Das ist vor allem ein Auftrag für die Schule.

Ein Kommentar von Christian Stöcker

Zu Hause gibt es Krach, weil die Kinder ständig das Smartphone in der Hand haben. Oder morgens unausgeschlafen sind, weil sie unter der Bettdecke bis drei Uhr morgens WhatsApp-Nachrichten verschicken. In der Schule fallen aus Wikipedia-Artikeln abgeschriebene oder irgendwo kopierte Referate und Hausarbeiten unangenehm auf. In ihrer Freizeit »folgen« Schülerinnen und Schüler auf Social-Media-Kanälen Menschen, die kaum älter sind als sie selbst, die Videospiele vorführen oder Schminktipps geben, Witze reißen oder aber Verschwörungstheorien verbreiten. Sogenannte Influencer machen über ihr weites Netzwerk und mit großer Überzeugungskraft Werbung für Produkte, aber nicht immer wird deutlich, ob sie dafür bezahlt werden. Und so manche frei erfundene Nachricht verbreitet sich außerordentlich schnell. Ist die Demokratie in Gefahr? Sorgt gezielte Desinformation dafür, dass Teile der Gesellschaft Verschwörungstheorien für die Wahrheit und traditionelle Medien für Propaganda-Organe der Regierung halten?

Die Digitalisierung stellt mit ihrem atemberaubenden Tempo nicht nur Eltern, sondern auch Schulen und Hochschulen vor teils gravierende Probleme. Eine wichtige Rolle spielt bei alledem, dass digitale Plattformen wie Facebook oder YouTube die dort veröffentlichten Inhalte von Algorithmen sortieren lassen: Lernende Software ist dort im Einsatz, die Nutzerinnen und Nutzer permanent beobachtet und auf Basis dieser Daten versucht, ihre Vorlieben kennenzulernen. Mit welcher Art von Inhalt verbringen sie besonders viel Zeit? Die Währungen, mit denen die Plattformen rechnen, sind Zeit und Interaktion: Je länger Nutzerinnen und Nutzer Videos ansehen, je länger sie auf der eigenen Plattform verweilen, je mehr sie klicken und kommentieren, desto mehr erfährt der Betreiber. Und desto mehr und passgenauer kann er Werbung einblenden.

Das Verbundmaß für all diese Faktoren nennen die Plattformbetreiber, allen voran Google und Facebook, "Engagement". Und das wird, wie die Forschung mittlerweile deutlich zeigt, am besten mit Emotionen erzeugt. Wenn etwas aufwühlt, womöglich Wut, Abscheu oder Ärger erregt, dann wird es bei Twitter oder Facebook besonders häufig geteilt, weitergereicht, kommentiert. Schlechte Laune erzeugt für die Plattformbetreiber gutes Geld.

Die Algorithmen fördern damit nicht das, was für Bildung oder den demokratischen Diskurs das Beste wäre, sondern das, was die Nutzerinnen und Nutzer am längsten beim eigenen Angebot hält. Und das ist eben sehr oft reißerisch, verzerrend oder schlicht frei erfunden. Eine gute Lüge kann weit unterhaltsamer sein als die Wahrheit, denn falsche Behauptungen sind an keine Einschränkungen gebunden. Das kann im schlimmsten Fall gesellschaftliche Spaltung befördern.

Diesen Herausforderungen können Demokratien nur begegnen, indem sie Kinder und Jugendliche frühzeitig über die Mechanismen und Systeme aufklären, die sie mit Information und Unterhaltung versorgen. Heute wissen viele Eltern und Lehrkräfte nicht, dass ein Algorithmus dafür verantwortlich ist, welches Video YouTube als nächstes vorschlägt – und auf welches Ziel hin dieser Algorithmus ausgerichtet ist. Schülerinnen und Schülern im Grundsatz zu erklären, wie diese Plattformen funktionieren, welche Ziele sie verfolgen und wie sie dabei vorgehen, sollte schnell zum Bestandteil von Lehrplänen in ganz Deutschland werden – und damit auch von verpflichtenden Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte. Denn Kinder und Jugendliche, die die Mechanismen nicht verstehen, nach denen die neue Medienwelt funktioniert, lassen sich womöglich auch von Propagandisten und Geschäftemachern hinters Licht führen.

Mindestens ebenso wichtig ist im Zeitalter der jederzeit verfügbaren Information aber auch ein neues Verständnis für den Wert von Quellen. Wer den Unterschied zwischen journalistischen Standards und dem Verbreiten von Gerüchten nicht kennt, wer dem ersten Google-Treffer blind vertraut, der kann sich im Netz von heute leicht verirren. Rechtsradikalen, die den Holocaust leugnen, gelingt es beispielsweise immer wieder, Webseiten mit in Deutschland sogar strafbaren Inhalten unter die ersten Suchmaschinentreffer zu entsprechenden Anfragen zu bringen.

Früher wäre es sehr schwierig gewesen, mit solchen Propagandamaterialien ein großes Publikum zu erreichen, im Zeitalter der digitalen Plattformen aber können Personen, die den Holocaust leugnen, Verschwörungstheorien und andere Desinformation verbreiten, leicht viele Menschen ansprechen – manchmal mit versehentlicher Unterstützung der Plattformen. Schülerinnen und Schüler müssen deshalb lernen, wie im seriösen Journalismus und in der Wissenschaft gearbeitet wird. Sie müssen die Prinzipien der Quellenprüfung verstehen und Methoden beherrschen, mit denen sie selbst schnell und einfach überprüfen können, ob einer Information wirklich zu trauen ist.

Das gilt auch für kommerziell motivierte Irreführung: Die Influencer auf Instagram oder YouTube, die versteckt für Produkte werben, gaukeln Jugendlichen Authentizität vor. Auch hier gilt es, über tatsächliche Mechanismen und Motivationen der Akteurinnen und Akteure aufzuklären, auch hier ist die Schule gefordert. Denn für viele Eltern ist und bleibt die Welt der Influencer, in der ihre Kinder sich selbstverständlich bewegen, fremd.

Grundprinzipien der Softwaresysteme zu vermitteln ist wichtig – alles andere wäre fahrlässig

Bleibt die Frage, ob Schülerinnen und Schüler heute programmieren können müssen. Vielleicht lässt sie sich am besten mit einer Analogie beantworten: Seit Jahrzehnten lernen Jugendliche im Physikunterricht, wie ein Ottomotor funktioniert. Sie können anschließend keinen reparieren, aber sie kennen die Prinzipien.Das ist wichtig, denn der Ottomotor hat nicht nur Wirtschaft und Gesellschaft vollständig verändert, sondern er ist auch maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich.

Computer und Software beeinflussen Wirtschaft und Gesellschaft schon jetzt mindestens ebenso nachhaltig, und ihre Bedeutung und Wirkmacht wird weiter zunehmen. Schülerinnen und Schülern die Grundprinzipien solcher Systeme im Unterricht nicht zu vermitteln ist deshalb fahrlässig und kurzsichtig. Die Digitalisierung schreitet weiter rasant voran – Schulen werden eine zentrale Rolle dabei spielen müssen, dass unsere Gesellschaft ihrer transformativen Wucht gewachsen bleibt.


Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 1/2018 der DJI Impulse „Demokratie lernen –  Wie sich politische Bildung in Zeiten von Digitalisierung und gesellschaftlicher Polarisierung wandeln muss“.

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