Digitale Medienerziehung

Mütter und Väter prägen die Internetnutzung ihrer Kinder: Sie setzen Regeln und gehen gemeinsam mit ihnen online. Aber auch ihre eigenen Mediengewohnheiten sind entscheidend.

Von Alexandra Langmeyer und Claudia Zerle-Elsäßer

Digitale Medien verändern die Kommunikation und damit auch die Beziehungen innerhalb von Familien. Sie ermöglichen permanenten Austausch, über den Tag und über Distanzen hinweg. Damit können sie die Verbundenheit in Familien stärken, insbesondere nach einer Trennung der Eltern oder in Familien mit größeren (inter)nationalen Verwandtschaftskreisen.

Als einer der zentralen Orte der Sozialisation muss die Familie neue Anforderungen bewältigen: Hier sollen Kinder den kompetenten Umgang mit digitalen Medien erlernen, eignen sich parallel aber auch eigene, neue Praktiken in der Schule und im Freundeskreis an.

Dies kann zu Unsicherheiten in Familien führen – insbesondere, wenn sich die Eltern selbst als wenig medienkompetent oder medienaffin einstufen (Paus-Hasebrink 2013). Denn Eltern beeinflussen den Medienumgang ihrer Kinder in zweifacher Hinsicht: Zum einen regulieren und begleiten sie ihn, zum anderen sind sie mit ihrem Medienverhalten immer auch Vorbild (Wagner u.a. 2016).

Je älter Kinder werden, desto mehr halten sich Eltern zurück

Auswertungen des DJI-Surveys "Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten" (AID:A) zeigen: Mit zunehmendem Alter der Kinder wenden Mütter und Väter weniger restriktive Praktiken an und gehen seltener gemeinsam mit ihnen online (Grobbin 2016).

Dabei unterscheidet sich die Interneterziehung von Müttern und Vätern grundlegend: Väter setzen etwas weniger Regeln und nutzen seltener gemeinsam mit ihren Kindern das Internet als Mütter. So gaben Mütter im Rahmen der DJI-Befragung an, ihren ein- bis sechsjährigen Kindern im Mittel 3,3 von 4 genannten Regeln zu setzen, Väter hingegen nur 3. Dieser kleine, aber statistisch bedeutsame Unterschied mag sich daraus erklären, dass Mütter nach wie vor deutlich mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen als Väter (Walper/Lien 2017).

Mit Blick auf den sozioökonomischen Status zeigt sich, dass in Familien mit weniger gebildeten Müttern und weniger Einkommen restriktivere Erziehungsstrategien vorherrschen (Festl/Langmeyer 2017). Daneben spielen Einstellungen der Eltern zum Internet, ihre Erfahrungen sowie ihr eigenes Nutzungsverhalten eine wichtige Rolle.

Eltern schränken die Internetnutzung ihrer Kinder sowohl zeitlich als auch inhaltlich vor allem dann ein, wenn sie negative Auswirkungen befürchten (Lee 2012) und wenn sie das Internet selbst häufig nutzen (Steiner/Goldoni 2011).

Fühlen sich Eltern in der Medienerziehung kompetent, geben sie dem Kind stattdessen differenzierte Regeln vor und begleiten es häufiger bei der Nutzung. Fühlen sie sich weniger kompetent, halten sich Mütter und Väter gleichermaßen bei der Medienerziehung zurück.

Für wie kompetent sich Eltern in der Interneterziehung halten, ist wiederum abhängig vom Alter der Kinder. Je älter die Kinder und Jugendlichen werden, desto weniger kompetent fühlen sich Mütter und Väter. Dies ist damit zu begründen, dass Eltern von älteren Kindern vor komplexeren Fragen stehen als die von jüngeren: Wie stellen sie beispielsweise sicher, dass diese im Netz keine persönlichen Daten preisgeben, ausschließlich geeignete Inhalte nutzen und Risiken erkennen?

Generell schätzen sich Väter kompetenter in ihrer Interneterziehung ein als Mütter, was zur Folge hat, dass sie häufiger als Ansprechpartner bei diesem Thema genannt werden (MPFS 2012).

Der Umgang der Kinder mit Medien und dem Internet wird stark von den bevorzugten Strategien der elterlichen Medienerziehung beeinflusst: Während sich eine restriktive Erziehung vor allem auf den Umfang der Online-Aktivitäten auswirkt (Collier u.a. 2016), bestimmt die aktive Interneterziehung mit Gesprächen über Inhalte eher die Art des Nutzungsverhaltens der Kinder und deren Verständnis von der Komplexität des Internets (Lwin/Stanaland/Miyazaki 2008).

Erfahrungen, Einstellungen und die eigene Internetnutzung der Eltern prägen nicht nur deren Erziehungsverhalten, sondern direkt auch das Nutzungsverhalten der Kinder (Valcke u.a. 2010). Den Einfluss des elterlichen Nutzungsverhaltens bestätigen auch die Ergebnisse der DJI Studie: Je häufiger Mütter online gehen, desto häufiger sind – unabhängig von ihrem Interneterziehungsverhalten – auch ihre Kinder online (Festl/Langmeyer 2017).

Die Digitalisierung hat die Familie unwiderruflich erreicht. Daraus ergeben sich für die Koordination der verschiedenen Lebensbereiche, wie Familie und Arbeit, zahlreiche Erleichterungen, aber auch neue Herausforderungen.

Eltern müssen ihre Kinder insbesondere an digitale Medien heranführen, mit all ihren Vor- und Nachteilen. Über Gefahren und Risiken im Netz und zu der Frage, wie sie ihre Kinder davor schützen können, wünschen sich Eltern jedoch mehr Informationen (Grobbin 2016). Dafür braucht es gesellschaftliche Unterstützung, bei der auch Bildungs- und Betreuungseinrichtungen eine zentrale Rolle spielen. 

Collier, Kevin Matthew / Coyne, Sarah / Rasmussen, Eric / Memmott-Elison, Madison K. (2016): Does parental mediation of media influence child outcomes? A meta-analysis on media time, aggression, substance use, and sexual be-havior. Developmental Psychology

Festl, Ruth / Langmeyer, Alexandra (2017): Die Bedeutung der Interneterziehung von Müttern und Vätern für die Internetnutzung von Vor-, Grund- und Sekundarschulkindern. Eingereichtes Manuskript

Grobbin, Alexander (2016): Digitale Medien: Beratungs-, Handlungs- und Regulierungsbedarf aus Elternperspektive. Abschlussbericht am Deutschen Jugendinstitut. München

Lee, Sook-Jung (2012): Parental restrictive mediation of children's internet use: Effective for what and for whom? New Media & Society

LivingstoneE, Sonia / Haddon, Leslie / Görzig, Anke / Ólafsson, Kjartan (2011): Risks and safety on the internet: The perspective of European children. Full Findings. London

Lwin, May O. / Stanaland, Andrea J. / Miyazaki, Anthony D.(2008): Protecting children's privacy online: How parental mediation strategies affect website safeguard effectiveness. Journal of Re-tailing, Jg. 84, Band 2, S. 205-217

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (MPFS) (Hrsg.) (2012): FIM-Studie 2011. Familie, Interaktion & Medien. Stuttgart

Paus-Hasebrink, Ingrid (2013): Medienumgang in sozial benachteiligten Familien. Implikationen für die Förderung von Medienerziehung. In: Wagner, Ulrike (Hrsg.): Familienleben - entgrenzt und vernetzt?! München. S. 135-145.

Steiner, Olivier / Goldoni, Marc (2011). Medienkompetenz und medienerzieherisches Handeln von Eltern. Eine empirische Untersuchung bei Eltern von 10‐ bis 17‐jährigen Kindern in Basel‐Stadt. Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz: Basel/Olten

Valcke, Martin / Bonte, Simon / de Wever, Bram / Rots, Isabel (2010): Internet parenting styles and the impact on Internet use of primary school children. Computers & Education, Jg. 55, Heft 2, S. 454-464

Walper, Sabine / Lien, Shih-Cheng (2017): Aktive Vaterschaft im Kontext unterschiedlicher Familienphasen und Erwerbskonstellationen. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wie die Zeit vergeht. Analysen zur Zeitverwendung in Deutschland. Beiträge zur Ergebniskonferenz der Zeitverwendungserhebung 2012/2013 am 5./6. Oktober 2016 in Wiesbaden. Wiesbaden: S. 91-116

Wagner, Ulrike / Eggert, Susanne / Schubert, Gisela (2016): MoFam - Mobile Medien in der Familie. Langfassung der Studie. München

Mehr Analysen zum Thema gibt es in der Ausgabe 3/2017 der DJI Impulse "Mit digitalen Medien groß werden. Wie Smartphone, Tablet und Laptop das Aufwachsen verändern". Download (PDF)

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