Anschlüsse schaffen, Brüche im Bildungsweg überwinden
Soziale Ungleichheiten werden an den Übergängen des deutschen Bildungssystems eher verfestigt als abgebaut. Denn wenn Bildungsbereiche nicht ausreichend ineinandergreifen, können Brüche in Bildungs- und späteren Erwerbsbiografien entstehen. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, welche Reformen und Unterstützungsstrukturen erforderlich sind.
Von Birgit Reißig und Susan Seeber
Bildung gilt in modernen Gesellschaften als zentrales Versprechen sozialer Teilhabe und individuellen Aufstiegs. Insbesondere in demokratischen Wohlfahrtsstaaten wird Bildung nicht allein als Instrument der Qualifizierung für den Arbeitsmarkt verstanden, sondern zugleich als Voraussetzung gesellschaftlicher Integration, politischer Partizipation und sozialer Mobilität. Trotz stark steigender Bildungsbeteiligung seit den 1960er-Jahren bleibt der Bildungserfolg in Deutschland jedoch weiterhin eng mit sozialer Herkunft verknüpft. Faktoren wie familiäre Ressourcen, kulturelles Kapital oder soziale Milieus beeinflussen Bildungswege erheblich. Gerade das deutsche Bildungssystem zeichnet sich durch eine Vielzahl institutioneller Übergänge aus, die als „Scharnierstellen“ oder kritische Passagen von Bildungsbiografien beschrieben werden können. Diese Übergänge eröffnen zwar Anschlussmöglichkeiten, bergen zugleich aber das Risiko von Brüchen, Verzögerungen oder Exklusion.
Übergänge vom Primar- in den Sekundarbereich, von der Schule in Ausbildung oder Studium sowie später in Erwerbsarbeit gelten seit Langem als sensible Phasen, in denen soziale Ungleichheiten verstärkt sichtbar werden. In diesen Phasen werden Bildungsentscheidungen von den Eltern für ihre Kinder oder später von den Individuen selbst getroffen, die langfristige Auswirkungen auf Bildungs- und Erwerbsbiografien haben. Dabei wirken sowohl primäre als auch sekundäre Einflüsse der sozialen Herkunft. Forschungsergebnisse zeigen, dass soziale Herkunft hier oftmals stärker wirkt als tatsächliche Leistungsunterschiede (Helbig/ Karwath/Kleinert 2026).
Forschungsergebnisse zeigen, dass soziale Herkunft an Bildungsübergängen oftmals stärker wirkt als tatsächliche Leistungsunterschiede.
Bildungsungleichheiten entstehen aber nicht nur über soziale Herkunftsfaktoren, sondern können auch durch zuwanderungsbedingte Merkmale, Geschlecht, Gesundheitsstatus oder auch regionale Bildungsangebote, nonformale Beteiligungsmöglichkeiten und das Wohnumfeld verstärkt oder abgeschwächt werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Bildungsübergänge so gestaltet werden können, dass individuelle und strukturelle Barrieren und insbesondere soziale Selektionsmechanismen abgebaut werden, Teilhabe und individuelle Förderung ermöglicht wird. Für Politik und Praxis ergibt sich daraus die gemeinsame Aufgabe, Übergänge nicht allein administrativ zu organisieren, sondern strukturelle Rahmenbedingungen zu schaffen, sodass diese pädagogisch und sozial inklusiv gestaltet werden können. Wissenschaft kann und sollte dabei Erkenntnisse über Wirkungszusammenhänge sowie mögliche Handlungsoptionen bereitstellen, um Bildungsungleichheiten zu verringern.
Frühe Weichenstellungen in Familie und Kita
Bereits der frühe Übergang von der Kindertagesbetreuung in die Grundschule markiert für Kinder und Familien eine zentrale Entwicklungs- und Anpassungsphase. In dieser treffen unterschiedliche institutionelle Logiken, Erwartungen und Förderstrukturen aufeinander. Längst zeigen sich schon hier erhebliche Unterschiede in den Voraussetzungen der Kinder. Sprachliche Kompetenzen, soziale Erfahrungen, familiäre Unterstützungsmöglichkeiten oder der Zugang zu qualitativ hochwertiger frühkindlicher Bildung beeinflussen maßgeblich die weiteren Bildungschancen. Zugleich wird deutlich, dass frühe Bildungsinstitutionen wie Kindertageseinrichtungen eine zentrale Rolle bei der Herstellung von Chancengerechtigkeit einnehmen können. Gerade Kinder aus sozial benachteiligten Familien profitieren häufig besonders stark von qualitativ hochwertiger frühkindlicher Förderung (Ghiradi u.a. 2023).
Dennoch bestehen auch im Bereich der frühkindlichen Bildung erhebliche Unterschiede hinsichtlich Zugänglichkeit, Qualität und institutioneller Ausstattung. Zwar liegt die Betreuungsquote bei Vierjährigen in Deutschland bei über 90 Prozent, aber gerade bei Jüngeren zeigen sich deutliche soziale Unterschiede. So besuchen im Alter von 15 Monaten mehr Kinder aus höheren Schichten eine Kita als aus niedrigen sozialen Schichten. Im weiteren Altersverlauf bis 27 Monate verstärkt sich diese Tendenz (Helbig/Karwath/ Kleinert 2026). In der Folge nähern sich die Betreuungsquoten zwar an, jedoch gilt dies nur für die mittleren und oberen sozialen Schichten. Kinder aus unteren Sozialschichten sind weiterhin weniger beteiligt.
Die Chancen des Abbaus sozialer Ungleichheit über eine möglichst frühe Integration und Förderung in Kindertageseinrichtungen werden durch die soziale Segregation der frühkindlichen Bildungs- und Betreuungsangebote (Hogrebe/ Pomykaj/Schulder 2021) und durch lokales Steuerungshandeln (Menzel/Scholz 2022) teils erheblich abgeschwächt. Damit wird der Übergang in die Grundschule für sozial benachteiligte Kinder zu einer ersten potenziellen Bruchstelle im Bildungssystem. Unterschiede in Entwicklungsständen und Bildungsressourcen bei Schuleintritt beeinflussen das Lernen in der Grundschule und haben nachhaltig Auswirkungen für den weiteren Bildungsweg.
Soziale Einflüsse bestimmen die Schulkarriere
Bezogen auf Verläufe durch das Schulsystem herrscht eine lange Tradition der Analyse von Faktoren sozialer Ungleichheit und deren Auswirkungen auf den Erfolg von schulischen Bildungskarrieren. Eine Zäsur wurde hierbei durch die weltweit größte internationale Schulleistungsstudie PISA gesetzt. Die Ergebnisse, die den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufzeigen, lösten den sogenannten „PISA-Schock“ aus (Baumert u.a. 2001). Kinder aus akademisch und ökonomisch privilegierten Familien erreichten deutlich häufiger höhere Kompetenzniveaus und besuchten überproportional oft das Gymnasium, während Kinder aus sozial benachteiligten Familien wesentlich geringere Chancen auf höhere Bildungsabschlüsse hatten. Damit wurde sichtbar, dass das deutsche Bildungssystem bestehende soziale Ungleichheiten nicht ausreichend kompensiert, sondern teilweise sogar reproduziert. Auch die aktuellen PISA-Ergebnisse zeigen, dass diese Problematik weiterhin besteht. Zwar wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten zahlreiche Reformen angestoßen – etwa der Ausbau frühkindlicher Bildung, Ganztagsangebote oder Maßnahmen individueller Förderung –, dennoch bleibt der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland vergleichsweise stark ausgeprägt (OECD 2023, siehe Abbildung 1).

Besonders folgenreich ist der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule Kinder aus hohen sozialen Schichten besuchen deutlich häufiger ein Gymnasium als Kinder aus niedrigen Schichten. Befunde des Nationalen Bildungspanels, kurz NEPS, zeigen, dass sich zwar knapp zwei Drittel dieser Disparitäten durch Unterschiede in den Noten, Kompetenzen und der Übergangsempfehlung (primäre Effekte) erklären, doch verbleibt ein signifikanter Anteil, der sich durch die soziale Herkunft bestimmt (Helbig/Karwath/ Kleinert 2026). Besonders sekundäre Herkunftseffekte wiegen schwer: Eltern mit hohem Bildungsniveau und hohem beruflichem Status melden ihre Kinder auch bei fehlender Gymnasialempfehlung oder vergleichbaren Leistungen häufiger an einem Gymnasium an. Interessanterweise zeigt sich für Kinder mit Migrationshintergrund bei Kontrolle der sozialen Lage kein Nachteil; sie wechseln aufgrund höherer Bildungsaspirationen sogar häufiger auf das Gymnasium als Kinder ohne Migrationshintergrund (ebd.).
Mit dem Ausbau der Möglichkeiten des Erwerbs der schulischen Hochschulreife an berufsbildenden Schulen (berufliche Gymnasien, Fachoberschulen, Berufsoberschulen) wurde das Bildungssystem durchlässiger gestaltet. Circa ein Drittel der Lernenden, die eine Hochschulreife anstreben, wählen dazu eine berufsbildende Schule, zeigt der im Juni 2026 neu erschienene nationale Bildungsbericht (siehe auch AGBB 2026, Kapitel D2). Soziale Einflüsse bestimmen jedoch, auf welcher Schulform die Hochschulreife erworben wird und welche nachschulischen Bildungswege eingeschlagen werden.
Eine besondere Herausforderung besteht weiterhin darin, die bildungspolitisch verankerten Ziele eines inklusiven Bildungswesens in der schulischen Praxis flächendeckend zu verwirklichen – trotz der bereits vor mehr als einem Jahrzehnt formulierten Leitlinien der Deutschen UNESCO Kommission. Die Beschulung findet in Deutschland zu einem nicht unerheblichen Teil in Förder- beziehungsweise Sonderschulen statt. Zwar ist der Anteil inklusiv beschulter Kinder und Jugendlicher laut dem aktuellen nationalen Bildungsbericht auf nunmehr circa 45 Prozent angestiegen, aber es zeigen sich erhebliche Unterschiede in den Inklusionsstrategien nach Ländern. Der Inklusionsanteil variiert von 26 Prozent in Rheinland-Pfalz bis hin zu einer nahezu vollständigen Inklusion von 93 Prozent in Bremen (AGBB 2026, Kapitel D1). Ungleichheiten resultieren für junge Menschen an Förderschulen vor allem aus den stark eingeschränkten Möglichkeiten des Erwerbs eines Schulabschlusses, aber auch aus der Stigmatisierung durch das Förderschullabel etwa beim Übergang in eine Ausbildung (AGBB 2026, Kapitel E1).
Zweite Chance Ausbildung: warum das Aufstiegsversprechen bröckelt
Bis zum Verlassen der allgemeinbildenden Schule haben sich Benachteiligungen oftmals schon verfestigt, und es sind Sortierungen erfolgt, die die weiteren Bildungs- und Erwerbskarrieren vorzeichnen. Jugendlichen stehen danach grundsätzlich verschiedene Wege offen, so der Besuch einer zur Hochschulreife führenden Schulform im allgemein- oder berufsbildenden Bereich, der Weg in eine berufliche Ausbildung, in die Berufsvorbereitung oder auch Freiwilligendienste oder (ungelernte) Erwerbsarbeit.
Mit der Berufsausbildung verbindet sich traditionell die Erwartung, soziale Ungleichheiten schulischer Bildung zumindest teilweise auszugleichen. Spätestens der Übergang in die berufliche Ausbildung gilt dabei als Möglichkeit, Benachteiligungen früherer Bildungsphasen zu kompensieren, zumal der Zugang in eine duale Ausbildung formalrechtlich nicht zwingend an einen schulischen Abschluss gebunden ist. Das Aufstiegsversprechen durch eine (duale) Berufsausbildung hat allerdings längst Risse bekommen, denn seit mehr als zwei Dekaden lassen sich Muster zwischen schulischer Vorbildung, Zugang zu beruflicher Ausbildung und zu bestimmten Berufen erkennen. Die soziale Selektion nach Vorbildungsniveau ist an der vertikalen Differenzierung des Zugangs zu Berufen mit unterschiedlichem Prestige zu erkennen, wie der nationale Bildungsbericht deutlich macht. Jugendlichen ohne oder mit Erstem Schulabschluss steht de facto nur ein schmales Segment an Ausbildungsberufen mit meist niedrigem Berufsprestige offen (AGBB 2026, Kapitel E3), längst hat sich der Mittlere Schulabschluss zur dominanten Ausbildungsvoraussetzung im dualen System entwickelt (AGBB 2026, Kapitel E1). Ausbildungen im Schulberufssystem setzen mindestens einen Ersten Schulabschluss voraus, in der Regel wird ein Mittlerer Schulabschluss für die meisten qualifizierteren Ausbildungen gefordert.
Die aktuellen Herausforderungen des Berufsbildungssystems zeigen, dass der sozial-integrative Mechanismus, insbesondere des dualen Systems, für bestimmte Gruppen stark erodiert (siehe auch S. 32 in dieser Ausgabe). Neben Personen ohne oder mit erstem Schulabschluss sind verstärkt zugewanderte Jugendliche betroffen, die selbst bei ähnlichen Zugangsvoraussetzungen in Bezug auf schulische Vorbildung, Kompetenzen und arbeitsrelevante Dispositionen Schwierigkeiten haben, eine Ausbildung erfolgreich zu absolvieren (Schauer/Abele 2024; AGBB, Kapitel E5).
Drei zentrale Entwicklungen verdeutlichen dies in besonderer Weise. Erstens bleibt die Zahl junger Erwachsener ohne beruflichen Abschluss konstant hoch. Im Jahr 2024 war der Anteil der 25- bis unter 35-Jährigen ohne berufsqualifizierenden Abschluss mit 19,3 Prozent nur etwas geringer als im Vorjahr (BIBB 2026). Fehlende berufliche Qualifikationen gehen häufig mit instabilen Erwerbsbiografien, unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und erhöhten Arbeitslosigkeitsrisiken einher (AGBB 2018, Kapitel H). Zweitens wird seit einigen Jahren verstärkt auf sogenannte Passungsprobleme im Ausbildungsmarkt hingewiesen. Gemeint ist die paradoxe Situation, dass einerseits viele Jugendliche keinen direkten Zugang zu einer Ausbildungsstelle finden, während andererseits zahlreiche Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben.
Wiederholte Übergänge zwischen verschiedenen Fördermaßnahmen können die Integration in stabile berufliche Perspektiven erschweren.
Eine dritte Herausforderung betrifft den sogenannten Übergangssektor mit seinen berufsvorbereitenden Angeboten. Dieser bildet einen eigenständigen Bereich des beruflichen Ausbildungssystems, ohne zu einem vollqualifizierenden Berufsabschluss zu führen. Obwohl die Zahl der Eintritte zwischen 2005 und 2014 zunächst deutlich zurückging, hat sich der Übergangssektor – verstärkt durch Flucht- und Migrationsbewegungen sowie gesellschaftliche und wirtschaftliche Krisen – langfristig auf hohem Plateau von jährlich circa einer Viertelmillion Neuzugängen verfestigt (siehe Abbildung 2, AGBB 2026, Kapitel E1). Der Übergangssektor hat das Ziel, die Ausbildungschancen zu verbessern, unter anderem indem notwendige Kompetenzen und Berufsorientierung sowie persönliche Entwicklung gefördert werden.

Befunde zeigen, dass vor allem Jugendliche mit sehr schlechten Voraussetzungen von den Angeboten profitieren, insbesondere wenn eine hohe Betriebsbindung sichergestellt wird (Holtmann u.a. 2021). Zudem führen verbesserte Schulabschlüsse zu höherwertigen Ausbildungen (ebd.). Zugleich birgt das System jedoch die Gefahr langfristiger „Maßnahmenkarrieren“. Wiederholte Übergänge zwischen verschiedenen Fördermaßnahmen können direkte Einmündungen in reguläre Ausbildung verzögern und die Integration in stabile berufliche Perspektiven erschweren.
Basiskompetenzen fördern, Bildungsentscheidungen begleiten
Die Überwindung sozial bedingter Benachteiligungen im Bildungsverlauf stellt eine zentrale, zugleich aber komplexe Herausforderung dar. Da sich einmal entstandene Kompetenzdefizite im weiteren Bildungsweg häufig nur schwer kompensieren lassen, kommt einer möglichst frühen Förderung besondere Bedeutung zu. Insbesondere sprachliche, kognitive und soziale Basiskompetenzen sollten bereits vor der Einschulung sowie im Elementarbereich gezielt unterstützt werden, um ungleiche Ausgangsbedingungen frühzeitig abzumildern (AGBB 2026, Kapitel H).
Fehlende basale Kompetenzen, die für erfolgreiches Weiterlernen unverzichtbar sind, müssen aber auch, wenn nicht hinreichend im frühkindlichen und Elementarbereich gefördert, in späteren Bildungsphasen wie dem Sekundarbereich I einschließlich Berufsvorbereitung systematisch aufgearbeitet werden. Dies erfordert eine stärkere Priorisierung grundlegender Kompetenzen in den Lernzielen sowie adaptive Unterrichtsangebote, die an die individuellen Lernvoraussetzungen der Schüler:innen anschließen. Hierfür ist neben geeigneten diagnostischen Verfahren auch eine bessere Schnittstellenkommunikation an den Übergängen zwischen Bildungsbereichen und -institutionen zu nutzen, um Unterstützungsbedarfe frühzeitig zu erkennen und passgenaue Fördermaßnahmen umzusetzen (SWK 2025).
Zur Förderung gesellschaftlicher Teilhabe reicht jedoch die ausschließliche Konzentration auf primäre Leistungsunterschiede nicht aus. Ebenso bedeutsam sind sekundäre Ungleichheitseffekte, die Bildungsentscheidungen beeinflussen. Diese entstehen unter anderem durch ungleiche Informationslagen, unterschiedliche Selbstwirksamkeitserwartungen, variierende Unterstützungsressourcen im sozialen Umfeld oder ökonomische Unsicherheiten. Bildungsungleichheiten manifestieren sich somit nicht allein in unterschiedlichen Kompetenzen, sondern auch in den Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, Bildungswege erfolgreich zu planen und zu bewältigen. Um Benachteiligungen in den Bildungsentscheidungen entgegenzuwirken, bedarf es integrierter Unterstützungsstrukturen, die Beratungs-, Förder- und Unterstützungsangebote institutionenübergreifend systematisch miteinander verknüpfen.
Ein solcher bildungsbereichs- und institutionenübergreifender Ansatz hierfür ist beispielsweise das kommunale Bildungsmanagement. Kommunen übernehmen zunehmend die Rolle koordinierender Akteure, die Bildungsangebote unterschiedlicher Bereiche und Institutionen zu integrierenden Bildungslandschaften entwickeln, in denen Übergänge besser begleitet sowie Beratungs- und Förderangebote frühzeitig und niedrigschwellig zugänglich gemacht werden (Brüggemann/Hermstein/Nikolai 2023). Die kommunale Ebene bietet dabei den Vorteil, soziale Problemlagen, regionale Besonderheiten und konkrete Unterstützungsbedarfe besonders differenziert erfassen zu können.
Neben formalen Bildungsinstitutionen und deren regionalen Unterstützungsnetzwerken gewinnt auch die nonformale Bildung zunehmend an Bedeutung. Angebote der Kinder- und Jugendarbeit, kulturellen Bildung, Sportvereine oder außerschulischen Bildungsarbeit schaffen wichtige Lern- und Erfahrungsräume, die insbesondere für benachteiligte junge Menschen bedeutsam sein können. Sie fördern soziale Kompetenzen, Selbstwirksamkeitserfahrungen, Motivation und gesellschaftliche Teilhabe und eröffnen häufig niedrigschwellige Zugänge zu Bildung (Rauschenbach u.a. 2010). Allerdings zeigt sich auch hier, dass Jugendliche aus bildungsnahen Familien häufiger Zugang zu diesen Bildungsangeboten finden und diese intensiver nutzen als junge Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern.
Erforderlich sind koordinierte Ansätze der Bildungs- und Sozialpolitik
Grundlage für die erfolgreiche Gestaltung zweckmäßiger Unterstützungsstrukturen ist eine belastbare Daten- und Wissensbasis. Dies setzt voraus, dass die pädagogischen Fachkräfte in den Bildungsinstitutionen diese auch im Kontext der konkreten Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien interpretieren und für die Umsetzung wirksamer Maßnahmen nutzen. Gleichzeitig sind institutionelle Rahmenbedingungen – etwa Ressourcenlagen, personelle Voraussetzungen oder Unterstützungsbedarfe von Schulen und Ausbildungsbetrieben – in die Entwicklung entsprechender Strategien und Konzepte systematisch einzubeziehen. Das Startchancen-Programm, das bundesweit 4.000 Schulen in sozial herausfordernden Lagen systematisch unterstützt, setzt hierfür neue Maßstäbe. Nur wenn individuelle und strukturelle Faktoren gemeinsam berücksichtigt werden, lassen sich passgenaue Maßnahmen entwickeln und ihre Wirksamkeit verlässlich überprüfen (SWK 2026). In diesem Zusammenhang gewinnt eine sozial angepasste Ressourcensteuerung zunehmend an Bedeutung, um Bildungs- und Betreuungseinrichtungen in sozial benachteiligten Lagen besonders zu unterstützen.
Insgesamt wird deutlich, dass die Verringerung sozialer Ungleichheiten im Bildungsweg eine zentrale bildungs- und sozialpolitische Aufgabe darstellt. Ein chancengerechteres Bildungssystem erfordert nicht nur eine verbesserte individuelle Förderung und eine verlässliche Begleitung von Übergängen, sondern auch strukturelle Weiterentwicklungen wie präventiv ausgerichtete Strategien, bedarfsorientierte Ressourcensteuerung und eine stärkere institutionelle Vernetzung. Da Bildungsungleichheiten eng mit sozialen, ökonomischen und familiären Lebenslagen verknüpft sind, können sie nicht allein innerhalb des Bildungssystems bearbeitet werden. Erforderlich sind vielmehr koordinierte Ansätze verschiedener gesellschaftlicher Teilsysteme, die Bildungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik sowie zivilgesellschaftliches Engagement stärker miteinander verbinden (AGBB 2026, Kapitel H).
Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung (AGBB) (2018): Bildung in Deutschland 2018. Bielefeld
Autor:Innengruppe Bildungsberichterstattung (AGBB) (2026): Bildung in Deutschland 2026. Bielefeld
Baumert, Jürgen u.a. (2001): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen
Brüggemann, Christian / Hermstein, Björn / Nikolai, Rita (2023): Bildungskommunen. Bedeutung und Wandel kommunaler Politik und Verwaltung im Bildungswesen. Weinheim/Basel
Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) (2026): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung, Bonn
Ghirardi, Gaia u.a. (2023): Is early formal childcare an equalizer? How attending childcare andeducation centres affects children’s cognitive and socio-emotional skills in Germany. European Sociological Review, Vol. 39, Issue 5, S. 692–707
Helbig, Marcel / Karwath, Claudia / Kleinert, Corinna (2026): Von der Kita bis zur Uni: Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg beeinflussen. Münster
Hogrebe, Nina / Pomykaj, Anna / Schulder, Stefan (2021): Segregation in early childhood education and care in Germany. Insights on regional distribution patterns using national educational studies. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, Jahrgang 16, Heft 1, S. 36–56
Holtmann, Anne Christine u.a. (2021): Improving Formal Qualifications or Firm Linkages – What Supports Successful School-to-Work Transitions among Low-Achieving School Leavers in Germany? Mannheim
Menzel, Britta / Scholz, Antonia (2022): Frühe Kindheit und soziale Ungleichheit. Lokale Zugangssteuerung frühkindlicher Bildung und Betreuung im internationalen Vergleich. Weinheim/Basel
Organisation Für Wirtschaftliche Zusammenarbeit Und Entwicklung (Oecd) (2023): PISA 2022 Results. Paris
Rauschenbach, Thomas u.a. (2010): Lernen im sozialen Raum. Non-formale und informelle Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit. Weinheim/München
Schauer, Jennifer / Abele, Stephan (2024): Heterogenität in der Ausbildungsreife nicht-studienberechtigter Schulabgänger:innen – eine latente Profilanalyse auf Basis des Nationalen Bildungspanels. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Jahrgang 27, S. 291–319
Ständige Wissenschaftliche Kommission Der Kultusministerkonferenz (SWK) (Hrsg.) (2025): Kompetenzen für den erfolgreichen Übergang von der Sekundarstufe I in die berufliche Ausbildung sichern. Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. Zusammenfassung. Bonn

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2+3/2026 von DJI Impulse „Bildung ohne Barrieren. Wie sich Übergänge chancengerechter gestalten lassen“ (Download PDF).
