„Eine inklusive Schule nimmt alle Kinder des Sprengels auf“
Vor fast zwei Jahrzehnten hat sich Deutschland zu einem inklusiven Bildungssystem verpflichtet – doch beim Schuleintritt stoßen Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf noch immer auf Barrieren. Im Interview erläutert der Bildungsforscher Markus Gebhardt, warum das Förderschulsystem problematisch ist und wie Inklusion gelingen kann.
DJI Impulse: Herr Professor Gebhardt, was kennzeichnet aus Ihrer Sicht eine gelingende inklusive Einschulung?
Prof. Dr. Markus Gebhardt: Eine inklusive Schule ermöglicht den Besuch aller wohnortnahen Kinder. Auch Kinder mit Behinderung können sich optimal entwickeln, teilhaben und lernen. Der Unterricht findet als gemeinsames Lernen statt, aber es gibt auch Rückzugsmöglichkeiten und wirksame Unterstützung für besondere Bedürfnisse. Daher wäre der Wunsch, dass eine inklusive Schule alle Kinder des Sprengels aufnimmt und möglichst früh besondere Bedürfnisse abklärt. Und zwar nicht, um die Betroffenen zu separieren, sondern um besondere Maßnahmen, Schulbegleiter: innen und so weiter, zu beantragen – und Barrieren abzubauen. Eltern mit Kindern mit Behinderung haben meist ähnliche Sorgen und Ängste wie andere Eltern auch. Viele ihrer Sorgen sind aktuell berechtigt, da unser Schulsystem nur bedingt inklusiv ist und aufgrund von Lehrermangel sowie anderen Schwierigkeiten nicht immer frühzeitig Zusagen erfolgen. Für Eltern mit Kindern mit Behinderung ist es aber wichtig, möglichst früh die konkrete Lehrkraft und den Ort der ersten Klasse zu erfahren, um sicherzustellen, dass ihr Kind ausreichend betreut wird und der Schulweg sowie die Nachmittagsbetreuung klappt. Dafür ist ein betreuter Übergang, aber noch mehr eine aufnehmende inklusive Schule vor Ort notwendig.
Deutschland hat sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention zu einem inklusiven Bildungssystem verpflichtet. Inwiefern spiegelt sich das beim Schuleintritt tatsächlich wider?
Deutschland wird beispielsweise vom Institut für Menschenrechte für die Stagnation bei der Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention kritisiert. So wird das seit den 1960er-Jahren stark ausgebaute und differenzierte Förderschulsystem mit Ausnahme von einzelnen Bundesländern auch 17 Jahre nach der Ratifizierung kaum abgebaut. Ein Umbau zu einem inklusiven System fand nur vereinzelt statt. Zwar gibt es Schulen und Modellregionen wie Rügen, kurz RIM, aber anstelle diese auszubauen, beobachten wir aktuell eher einen gegenteiligen Trend: Es wird in den Medien beispielsweise über zu wenig Plätze an Förderschulen berichtet und über Gruppen, welche einen Ausbau fordern.

Prof. Dr. Markus Gebhardt ist empirischer Sonderpädagoge und Bildungsforscher an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Forschung konzentriert sich auf die empirisch-quantitative Untersuchung von schulischer Inklusion, sonderpädagogischem Handeln und Professionalität. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Entwicklung von Tests und Fragebögen sowie der Untersuchung von grundlegenden Wirkmechanismen in Unterricht und Schulsystem. Neben Lehrbüchern, Artikeln, Daten, Instrumenten und Lehrmaterial veröffentlicht er in seinem Blog empirische-inklusionsforschung.de Beiträge zu Entwicklungen in Forschung und pädagogischer Praxis zur schulischen Inklusion und Sonderpädagogik.
Teilweise sehen die Eltern selbst die Förderschulen als wichtigen Schutzraum für ihr Kind.
Deutschland hat eine sehr hohe sonderpädagogische Professionalität und Wissen über verschiedene Beeinträchtigungen im internationalen Vergleich. Und diese ist in der Praxis vorwiegend in einzelnen stationären Zentren für einzelne Beeinträchtigungen und sonderpädagogische Förderbedarfe organisiert. Inklusion benötigt diese sonderpädagogische Expertise vor Ort. Zudem braucht es neue übergreifende inklusive Konzepte der Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Professionen. Denn Inklusion ist nicht die Feststellung einer einzelnen Beeinträchtigung der Person, sondern der Abbau der Barriere zwischen der Person mit Beeinträchtigung und der schulischen Umwelt. Im Zentrum muss daher die pädagogische Handlung stehen, welche die Passung besser ermöglicht. Inklusion ist die Pädagogik der Ermöglichung, um Teilhabe sicherzustellen. Deutschland wird somit dafür kritisiert, dass Kindern immer noch die Förderschule als besserer Schulort empfohlen wird. Die Schulberatung sollte aber gemeinsam mit den Familien die Form und Art der inklusiven Schule festlegen. Natürlich sind nicht in allen Fällen alle Wünsche realisierbar, dann sollten die Eltern zumindest die Wahl zwischen mehreren inklusiven Formen auch mit nachgewiesen wirksamen Unterstützungen haben.
Welche Rolle spielt Diagnostik beim Übergang von der Kita in die Grundschule: Unterstützt sie gezielte Förderung – oder besteht die Gefahr früher Selektion?
Diagnostik in der heutigen Form, also als Statusdiagnostik zu einem bestimmten Zeitpunkt, führt im aktuellen Schulsystem, welches kaum Fördermöglichkeiten bietet, tatsächlich zu mehr Selektion. Insbesondere die systemische Kategorisierung „Förderbedarf “ oder „Inklusionskind“ führt zu negativen Personenbeschreibungen, welche auch Lehrkräfte beeinflussen. Diagnostik sollte daher zu pädagogischen Entscheidungen und Angeboten führen, welche viele Kinder benötigen. Beispielsweise lernen aktuell nicht alle Kinder lesen. Eine strukturiertere Leseförderung mit wiederkehrenden diagnostischen Tests zur phonologischen Bewusstheit und Lesegeschwindigkeit in den ersten beiden Klassen könnte allen Kindern mit Leseschwierigkeiten helfen. International hat sich daher Inklusion mit Sonderpädagog:innen als mehrstufiges Multi-Tiered Support System, kurz MTSS, durchgesetzt, welche kompetenzorientierte Diagnostikverfahren verknüpft mit präventiven pädagogischen Fördermaßnahmen in den Bereichen Lesen, Mathematik, Sprache und Verhalten.
Wie gut sind Grundschulen in Deutschland aktuell darauf vorbereitet, Kinder mit sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen zu unterrichten?
Aktuell liegt dies meist an der individuellen Professionalität der Grundschullehrkraft und ihrer Bereitschaft, für alle Kinder eine passende Lernumgebung zu schaffen. Stattdessen benötigt eine inklusive Schule Strukturen und Sonderpädagog: innen vor Ort. Dann lässt sich ein MTSS mit standardisierten Methoden zur Differenzierung und Individualisierung für die verschiedenen Lernbereiche entwickeln. Das setzt aber voraus, dass Grundschullehrkräfte über Klassen hinweg beispielsweise die Einführung von Buchstaben festlegen, damit Fördermaterial als Open-Educational-Ressourcen, also als frei zugängliche Bildungs- und Lehrmaterialien, entwickelt und verbreitet wird. Hier ist viel Wissen in den einzelnen Schulen vorhanden, welches nur bedingt geteilt wird. Meist geht es nicht um Neuentwicklung, sondern um Anpassungen oder eine bessere Zugänglichkeit des Materials, zum Beispiel elektronische Dateien statt Papier. Insbesondere die KI ist hier auch eine Bereicherung, da nun jede Lehrkraft beispielsweise Texte vereinfachen kann.
Wo sehen Sie die zentralen systemischen Hürden für eine inklusive Einschulung in Deutschland?
Als zentrale Hürde sehe ich aus Perspektive der Forschung, dass das System Förderschule existiert und – aus eigener Überlebenslogik – eine inklusive Bildung verhindert. Der Abbau der Förderschulen und die Umsetzung von inklusiven Strukturen benötigen aber Vertrauen. Seit der UN-Behindertenrechtskonvention haben Sonderpädagog:innen Angst, dass ihre Stellen weggekürzt werden und sie in einer inklusiven Schule allein für alle „schwierigen“ Schüler:innen zuständig sind. Ebenso haben Lehrkräfte Angst, dass sie neben den bereits bestehenden Aufgaben auch noch zusätzliche Kinder mit besonderen Bedürfnissen übernehmen müssen. Die empirische Datenlage zeigt aber keinen Abbau von Lehrkräften, sondern nur eine Zunahme der Vergabe des sonderpädagogischen Förderbedarfs. Ein Aufnahmestopp für Förderschulen und ein gleichzeitiger Umbau zur inklusiven Schule mit transparenter Datenlage, Richtlinien und Umsetzungen mit allen Beteiligten vor Ort wäre meine wissenschaftliche Empfehlung.
Wenn inklusive Einschulung ein Hebel gegen Bildungsungleichheit sein soll: Welche konkreten Veränderungen wären aus Ihrer Sicht prioritär, um Brüche im Bildungsweg bereits am Schulanfang zu vermeiden?
Insbesondere in den größten Förderschwerpunkten Lernen und emotionale soziale Entwicklung sind Kinder mit Migrationshintergrund und mit schwächeren ökonomischen Hintergründen überrepräsentiert. Das System mit Förderschulen verstärkt die gesellschaftliche Ungleichheit, da Kinder ohne regulären Schulabschluss und auch aufgrund des Schonraums weniger Kompetenz entwickeln als Kinder in der allgemeinbildenden Schule. Ein inklusives System vermeidet diese Barrieren und fördert neben den circa 7 Prozent der Kinder mit Behinderung insbesondere auch die circa 15 bis 20 Prozent der Kinder mit Schulproblemen, bevor Probleme gravierend werden.
Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Birgit Lindner

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2+3/2026 von DJI Impulse „Bildung ohne Barrieren. Wie sich Übergänge chancengerechter gestalten lassen“ (Download PDF).