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Frühe Arbeitserfahrungen erleichtern den Berufseinstieg

Nebenjobs, Praktika, Ehrenamt: Jugendliche, die schon während der Schulzeit nebenbei arbeiten, finden schneller ihren Weg in die berufliche Bildung als Gleichaltrige ohne entsprechende Erfahrungen. Allerdings nutzen bislang vor allem Jugendliche aus sozial besser gestellten Familien diese Möglichkeiten. 

Von Christine Steiner und Stefan Hofherr

In der Berufsbildungs- und Übergangsforschung gilt die praktische Arbeitserfahrung als wichtige Form non-formalen und informellen Lernens. Sie ermöglicht es jungen Menschen, ihr überwiegend theoretisch erworbenes Wissen mit den realen Anforderungen der Arbeitswelt zu verknüpfen und dadurch ihre beruflichen Interessen zu konkretisieren (Lipowski u.a. 2020). Insbesondere die schulische Berufsorientierung hat sich zu einem Lernfeld entwickelt, das den prozesshaften Charakter der Berufsorientierung berücksichtigt und sich stärker an den individuellen Voraussetzungen Jugendlicher ausrichtet. Zugleich zeigt sich in den Erlassen und Verordnungen der Bundesländer zur schulischen Berufsorientierung eine stärkere Fokussierung auf die Vermittlung von Praxiserfahrungen – oft in Zusammenarbeit mit Praxispartnern (KMK 2017, Niemeyer/Frey-Huppert 2009). 

Für die berufliche Orientierung der Schüler:innen sind nicht nur die schulischen Angebote der Berufsorientierung relevant, sondern auch eigenverantwortlich organisierte Aktivitäten wie zivilgesellschaftliches Engagement, freiwillige Praktika und vor allem auch Nebenerwerbstätigkeiten (im Folgenden auch synonym „Nebenjobs“). Obwohl Jugendliche damit in erster Linie etwas Geld verdienen wollen und nicht die Verbesserung ihrer Berufswahlkompetenz anstreben, lernen sie dort viel. Eine frühe Arbeitserfahrung kann dazu beitragen, berufliche Selbstwirksamkeitserwartungen zu erhöhen, berufliche Präferenzen zu festigen, realistische Erwartungen und eine ausgeprägte Arbeitsmotivation zu entwickeln und die Arbeitsmarktaussichten besser einzuschätzen (OECD 2025). Nebenjobs und Praktika erweitern außerdem soziale Netzwerke, aus denen sich weitere berufliche Perspektiven ergeben können, etwa in Form von Ausbildungsplätzen oder späteren Beschäftigungsmöglichkeiten. Zugleich machen empirische Studien auch deutlich, dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Erwerbstätigkeit und Bildungsanforderungen von zentraler Bedeutung ist. Eine hohe Arbeitsintensität neben der Schule kann aber auch mit geringerer Lernzeit und potenziell schwächeren Bildungsergebnissen einhergehen (Staff/Schulenberg/Bachman 2010, Schneider/Wagner 2003).

Lediglich ein Fünftel der 14- bis 17-Jährigen hat einen Nebenjob

Doch inwiefern nutzen junge Menschen in Deutschland die Chancen einer frühen Arbeitserfahrung? Darauf liefern die bislang unveröffentlichten Auswertungen von Daten des DJI-Surveys „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A) Antworten. Sie zeigen zudem Zusammenhänge zwischen Nebenerwerbstätigkeiten von Befragten, ihren Bildungszielen und ihren Schule-Beruf-Übergängen auf.

Angaben zur Nebenerwerbstätigkeit wurden im Rahmen der AID:A-Befragungen zuletzt 2019 unter den insgesamt 6.102 12- bis 32-Jährigen erhoben. Die Daten machen deutlich, dass Nebenjobs oft erst von jungen Erwachsenen ausgeübt werden. So arbeitete nur etwa jede beziehungsweise jeder Zehnte der 12- bis 17-Jährigen (13,3 Prozent) nebenbei; unter den 18- bis 25-Jährigen waren es fast 30 Prozent (28,6 Prozent).

Der geringere Anteil unter Minderjährigen ist teilweise auf rechtliche Restriktionen zurückzuführen. Nebenjobs sind erst ab einem Alter von 14 beziehungsweise 15 Jahren erlaubt und unterliegen den Regelungen des Jugendarbeitsschutzgesetzes (Geis-Thöne 2023). Während unter den 14- bis 17-Jährigen nur 19,8 Prozent einer Nebenerwerbstätigkeit nachgingen, waren es bei den älteren Schüler:innen mit 45,7 Prozent fast die Hälfte (siehe Abbildung 1).

Weitere Unterschiede zeigen sich hinsichtlich der Geschlechter. Entgegen der häufig erwähnten starken Orientierung junger Männer am außerschulischen Leben (Sauerwein/Theis/Fischer 2016) sind junge Frauen öfter neben der Schule erwerbstätig (15,5 vs. 19,5 Prozent). Weiterhin zu erkennen ist, dass Jugendliche ohne Migrationshintergrund im Vergleich zu ihren Mitschüler:innen mit eigenem oder familiärem Migrationshintergrund etwas häufiger einen Nebenjob ausüben (19,6 vs. 14,7 Prozent).

Vor allem Gymnasiast:innen und sozial privilegierte Jugendliche arbeiten nebenbei

Sehr auffallend ist jedoch, dass Nebenjobs vor allem von Schüler:innen aus Familien mit mittlerem sozioökonomischem Status ausgeübt werden. Das ist überraschend, weil es eher erwartbar gewesen wäre, dass vor allem Jugendliche aus Familien mit niedrigerem sozioökonomischem Status häufiger Nebenjobs haben, auch weil sie auf einen eigenen Nebenverdienst angewiesen sind. Dieser Befund wurde jedoch auch in der Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft ermittelt (Geis-Thöne 2023). Korrespondierend dazu ist der Anteil der Gymnasiast:innen mit Nebenjob deutlich höher als unter Lernenden anderer Schulformen. In einer multivariaten Betrachtung, bei der alle genannten unterschiedlichen Merkmale zugleich berücksichtigt werden, wird deutlich, dass neben dem Alter und dem Migrationshintergrund vor allem der Besuch des Gymnasiums und die soziale Herkunft ausschlaggebend dafür sind, ob ein Nebenjob ausgeübt wird. Demnach handelt es sich beim Jobben um eine sozial selektive Tätigkeit, die häufiger von privilegierteren Schüler:innen aus Gymnasien und/oder Familien mit mittlerem oder hohem sozioökonomischem Status ausgeübt wird. 

Die Auswertungen der AID:A-Daten sprechen auch dafür, dass frühe Arbeitserfahrungen die Entwicklung beruflicher Pläne unterstützen. Abbildung 1 zeigt zwar, dass ein bestehender Berufswunsch keinen Unterschied macht, ob ein:e Schüler:in einer Nebenerbstätigkeit nachgeht. Auch zeigt sich, dass Schüler:innen an Gymnasien und aus sozial besser gestellten Familien seltener einen konkreten Berufswunsch haben als Gleichaltrige aus nicht akademischen Bildungsgängen sowie mit Migrationshintergrund (Barlovic/Ullrich/Wieland 2024). Vertiefenden Analysen der AID:A-Daten zufolge spielt der Nebenjob jedoch insgesamt eine wichtige Rolle für die Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihren beruflichen Perspektiven. Jugendliche, die bereits einen klaren Berufswunsch oder einen Nebenjob haben, blicken zuversichtlicher in ihre berufliche Zukunft als Gleichaltrige ohne klaren Berufswunsch oder Nebenjob – auch dann, wenn weitere relevante Einflussfaktoren berücksichtigt werden. Haben Jugendliche sowohl einen Berufswunsch als auch einen Nebenjob während ihrer Schulzeit, fällt ihr Optimismus im Vergleich sogar noch ausgeprägter aus.

Schulabgänger:innen ohne Arbeitserfahrung verbleiben öfter im Bildungssystem

Nebenerwerbstätigkeiten sollen nicht nur der beruflichen Orientierung von Schüler:innen dienen, sondern auch den Übergang von der Schule in den Beruf unterstützen. Inwiefern dies gelingt, zeigt ein Vergleich der AID:A-Erhebungen 2019, 2021 und 2023. Auf dieser Basis lassen sich die weiteren Bildungs- und Berufswege der Schüler:innen aus dem Erhebungsjahr 2019 nachzeichnen, nachdem diese erstmals und für mindestens 18 Monate die Schule verlassen hatten (n = 223). In Abbildung 2 sind die monatsgenauen Bildungs- und Erwerbsaktivitäten dieser Schulabgänger: innen in einem gestapelten Flächendiagramm grafisch dargestellt. Betrachtet werden die ersten 18 Monate seit dem erstmaligen Schulverlassen, und es werden Schulabgänger:innen mit und ohne Nebenerwerbs­tätigkeit während der Schulzeit getrennt dargestellt. 

Die Befragungsergebnisse zeigen, dass Schulabgänger: innen, die während der Schulzeit einen Nebenjob hatten, statistisch signifikant schneller eine berufliche Qualifizierung beginnen als Gleichaltrige ohne solche Erfahrungen. Sie sind durchschnittlich in 33,7 Prozent der 18 untersuchten Monate in einer Berufsausbildung und in 26 Prozent der Monate im Studium. Für Befragte ohne frühe Arbeitserfahrung trifft dies nur auf 23,6 beziehungsweise 21 Prozent der Monate zu. Die Befunde bekräftigen demnach die Erwartung, dass das Ausüben eines Nebenjobs während der Schulzeit förderlich für eine schnelle Berufswahl ist. 

Jugendliche ohne diese frühen Arbeitserfahrungen setzen dagegen nach dem erstmaligen Verlassen der Schule vergleichsweise häufiger ihre Schullaufbahn fort (19,5 vs. 14,6 Prozent der Monate) und weisen häufiger eine generierte Lücke in ihrem Lebenslauf auf (5,8 vs. 3,3 Prozent). Generierte Lücken werden nachträglich in der Datenaufbereitung erstellt, um Zeiträume zu füllen, für welche Befragte keine Angaben über ihre damaligen Bildungs- und Erwerbsaktivitäten gemacht haben. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Jugendliche ohne frühe Arbeitserfahrungen möglicherweise häufiger ihre Schullaufbahn fortsetzen, weil sie noch keine berufliche Anschlussperspektive für die Zeit nach der Schule entwickelt haben. Darauf weisen auch die häufigeren Phasen ohne Bildungs- oder Erwerbsaktivitäten hin. 

Die Übergangswege nach der Schule sind grundsätzlich stark durch den erworbenen Schulabschluss vorstrukturiert, was die Auswertung der DJI-Surveys AID:A bestätigt: So besuchen Befragte mit Mittlerem Schulabschluss in den ersten Monaten nach dem Verlassen der Schule am häufigsten weiterhin eine Schule (38,8 Prozent) oder befinden sich in einer Berufsausbildung (36,8 Prozent), während Abiturient:innen am häufigsten im Studium sind (44,6 Prozent).

Nebenerwerb während der Schulzeit: Potenziale nutzen, Zugangsbarrieren abbauen

Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass das Ausüben einer Nebenerwerbstätigkeit Jugendliche zwar nicht bei der Herausbildung eines Berufswunsches unterstützt, aber ihre Zuversicht bezüglich ihres künftigen Erwerbslebens fördert. So beginnen Schulabgänger:innen schneller eine Ausbildung oder ein Studium, wenn sie während der Schulzeit einer Nebenerwerbstätigkeit nachgegangen sind, im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne diese frühen Arbeitserfahrungen. Da Nebenjobs bislang eher von privilegierten jungen Menschen ausgeübt werden, stellt sich die Frage, wie Jugendlichen, die aus sozial schlechter gestellten Elternhäusern stammen oder kein Gymnasium besuchen, der Zugang erleichtert werden könnte. Denn gerade sie würden von den frühen Arbeitserfahrungen besonders profitieren. 

Die Nebenerwerbstätigkeit wird in der AID:A-Erhebung im Jahr 2027 wieder abgefragt. Dadurch wird es möglich sein, zu analysieren, wie sich die Häufigkeiten des Ausübens von Nebenerwerbs­tätigkeiten und die Betätigungsfelder seit 2019 verändert haben. Und nicht zuletzt lassen sich dann die Bildungs- und Berufswege von Schulabgänger:innen über einen längeren Zeitraum nachverfolgen. 
 

Barlovic, Ingo / Ullrich, Denise / Wieland, Clemens (2024): Ausbildungsperspektiven 2024. Eine repräsentative Befragung von jungen Menschen. Gütersloh

Geis-Thöne, Wido (2023). Jobben in der Jugend: Eine Frage des Elternhauses. IW-Trends Vierteljahresschrift zur empirischen Wirtschaftsforschung, Jahrgang 50, Heft 3, S. 47–65.

Kuger, Susanne u.a. (2020): Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten 2019 (AID:A 2019). Alltagswelten von Kindern, Jugendlichen und Familien. Haupterhebung. Version 1. München

Kuger, Susanne u.a. (2024): AID:A 2023 – Design des Surveys. In: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): AID:A 2023 Blitzlichter. Zentrale Befunde des DJI-Surveys zum Aufwachsen in Deutschland. Bielefeld, S. 7–15

Kultusministerkonferenz (KMK) (2017): Empfehlung zur Beruflichen Orientierung an Schulen (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 07.12.2017). Berlin

Lipowski, Katrin u.a. (2020): Berufsfelderprobungen in der schulischen Berufsorientierung: Voraussetzungen einer wirksamen Praxiserfahrung. In: Brüggemann, Tim/Rahn, Sylvia (Hrsg.): Berufsorientierung: Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Münster/New York, S. 446–459

Niemeyer, Beatrix / Frey-Huppert, Christina (2009): Berufsorientierung an Allgemeinbildenden Schulen in Deutschland – Eine Bestandsaufnahme. Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf

Organisation For Economic Co-Operation And Development (OECD) (2025): Teenage part-time working and its effects on education and labour market outcomes. Paris

Sauerwein, Markus / Theis, Désirée / Fischer, Natalie (2016): How youth’s profiles of extracurricular and leisure activity affect their social development and academic achievement. In: International Journal for Research on Extended Education (IJREE), 1. Jg., H. 4, S. 103–124

Schneider, Thorsten / Wagner, Gert (2004): Jobben von Jugendlichen beeinträchtigt weder Schulleistungen noch Freizeit. Wochenbericht des DIW, Nr. 38/2003, S. 574–576

Staff, Jeremy / Schulenberg, John E. / Bachman, Jerald G. (2010): Adolescent work intensity, school performance, and academic engagement. Sociology of Education, Jahrgang 83, Heft 3, S. 183–200

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2+3/2026 von DJI Impulse „Bildung ohne Barrieren. Wie sich Übergänge chancengerechter gestalten lassen“ (Download PDF).

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