Pandemie macht Jugendliche unzufriedener mit Möglichkeiten, ihre Zukunft selbst zu gestalten

Die DJI-Befragung AID:A bietet Einblicke in die Lebenswelt und Gefühlslage von Jugendlichen vor und während der Corona-Krise

iStock/Vladimir Vladimirov

20. Mai 2021 -

Jugendliche haben während der Pandemie nicht nur weniger Zeit mit Freundinnen und Freunden verbracht, sondern sie sind auch weniger zufrieden mit den Freundschaften und ihren Möglichkeiten, ihr Leben selbst zu gestalten. Das sind aktuelle Ergebnisse des Surveys des Deutschen Jugendinstituts (DJI) „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“, kurz: AID:A. Das DJI befragte im Rahmen von AID:A ab dem Jahr 2019 bis kurz vor Beginn der Corona-Pandemie knapp 14.300 Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und deren Familien zu ihren alltäglichen Lebensbedingungen und Erfahrungen. Während der Pandemie, zwischen August und November 2020, wurden 867 junge Menschen zwischen 12 und 32 Jahren erneut befragt.

Die DJI-Wissenschaftlerinnen Dr. Anne Berngruber und Dr. Nora Gaupp werteten die Daten mit Blick auf die Themen „Rat und Unterstützung“, „Freizeitgestaltung“, „Zufriedenheit in zentralen Lebensbereichen“ und „größte Herausforderungen im Kontext von Corona“ aus. Ihre Analysen weisen auf „erschwerte Bedingungen“ für das Erwachsenwerden junger Menschen hin.

Forschung und Diskurs bisher zu stark auf Qualifizierung gerichtet

„Wir besitzen eine einmalige Datensammlung, die uns zeigt, wie sich das Leben der Jugendlichen während der Pandemie im Vergleich zum Jahr davor verändert hat“, erklärt Anne Berngruber. „Viele Jugendliche sind unzufriedener als vor Corona mit wichtigen Bereichen ihres Alltags. Ich will aber auch betonen, dass es durchaus junge Menschen gibt, die die Veränderungen ihrer Lebenssituation positiver bewerten.“

Seit Beginn der Pandemie wurde der Alltag von Kindern und Jugendlichen in erster Linie in deren Rolle als Schülerinnen und Schüler oder Studierende diskutiert. Für Anne Berngruber und Nora Gaupp ist es wichtig, die Lebensphase Jugend auch in Zeiten der Corona-Pandemie nicht nur mit einem Augenmerk auf Qualifizierung zu betrachten, sondern den Blick auch auf die zentralen Herausforderungen der Selbstpositionierung und Verselbstständigung zu richten.

Über alle Lebensbereiche hinweg hat die Zufriedenheit vieler der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 2019 und 2020 erkennbar abgenommen. Berngruber und Gaupp gehen angesichts ihrer Forschungsergebnisse davon aus, dass junge Menschen durch die Corona-Abstandsregeln das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit und Autonomie nicht in der gewünschten Weise ausleben konnten. Die Zufriedenheit junger Menschen mit ihrer Situation in Schule, Ausbildung, Studium und Beruf, ihrer Wohnsituation und dem verfügbaren Geld war im Frühjahr 2020 nur etwas geringer als im Jahr davor.

Eltern sowie Freundinnen und Freunde sind wichtige Ratgeber

Die Forscherinnen untersuchten, bei welchen Personen Jugendliche in der Zeit der starken Corona-Beschränkungen von Mitte März bis Ende April 2020 in schwierigen Situationen Rat und Unterstützung suchten. Insgesamt zeigt sich, dass den Eltern eine hohe Bedeutung zukam: In der jüngsten Altersgruppe von 12 bis 16 Jahre nannten die Befragten diese am häufigsten, mit zunehmendem Alter wurden sie seltener zu Rate gezogen.

Freundinnen und Freunde waren als Gesprächspartnerinnen und -partner in allen Altersgruppen wichtig. Mit zunehmendem Alter wurden auch Partnerinnen und Partner relevant. Geschwister waren über alle Altersgruppen hinweg insgesamt von etwas geringerer Bedeutung. Etwa ein Sechstel der jungen Menschen aller Altersgruppen hat sich in schwierigen Situationen an die Großeltern gewandt. Personen aus professionellen Kontexten wie Schulen, Beratungsstellen, Medizin oder religiösen Gemeinden wurden in dieser Zeit von gut je einem Viertel der 12- bis 16-Jährigen sowie der 17- bis 21-Jährigen um Rat und Unterstützung gefragt. Insbesondere wandten sich Schülerinnen und Schüler an ihre Lehrkräfte.

Junge Menschen engagieren sich vielfältig für andere

Wie die AID:A-Ergebnisse zeigen, haben junge Menschen im ersten Lockdown 2020 nicht nur Rat und Unterstützung gesucht, sondern sich auch für andere engagiert. 85 Prozent der Befragten gaben an, jemandem anderen im Alltag, etwa beim Einkaufen oder in Technikfragen, unterstützt oder emotionale Hilfe, beispielsweise durch Zuhören, angeboten zu haben. Die höchste Zustimmung gab es über alle Altersgruppen hinweg bei der Aussage „Ich habe anderen zugehört und ihnen bei persönlichen Problemen geholfen“.

Die Zeit mit der Familie nimmt zu, mit Freundinnen und Freunden ab

Dem DJI-Survey zufolge stehen bei Jugendlichen insbesondere Freizeitaktivitäten wie Musik hören oder die Nutzung von Fernsehen, Streaming und YouTube an erster Stelle. Vor und während Corona hat sich daran nicht viel geändert. Nach dem ersten Lockdown spielten junge Menschen nicht signifikant häufiger an Computer, Handy, Tablet oder Spielkonsole. Die Ergebnisse machen allerdings deutlich, dass junge Menschen weniger Zeit mit Freundinnen und Freunden verbrachten. Während im Jahr 2019 noch drei Viertel der jungen Menschen diese mindestens ein bis zweimal pro Woche getroffen hatten, sind es in 2020 nur noch knapp zwei Drittel.

Durch Corona verlebten junge Menschen dagegen deutlich mehr Zeit mit der eigenen Familie. In der Tendenz unternahmen sie häufiger etwas mit ihren Eltern oder Geschwistern. Besonders stark war die Zunahme der Zeit mit der Familie in der Gruppe der 22- bis 26-Jährigen. „Das ist bemerkenswert, da sich diese Lebensphase in der Regel dadurch auszeichnet, dass junge Menschen selbstständiger werden und sich stärker von der Familie lösen“, betont Anne Berngruber.

Weitere Studien belegen belastende Situation für Jugendliche durch Pandemie

Neben AID:A zeigen weitere Studien, dass die Lebenssituation vieler Jugendlicher in Deutschland durch die Corona-Pandemie schwieriger wurde. Dies ergaben Untersuchungen der DJI-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler Prof. Dr. Sabine Walper, Julia Reim, Annika Schunke, Dr. Anne Berngruber und Dr. Philipp Alt. Für die aktuelle Publikation „Die Situation Jugendlicher in der Corona-Krise“ werteten die Autorinnen und Autoren zusätzlich zum DJI-Survey AID:A die Daten des Beziehungs- und Familienpanels pairfam aus und fassten Ergebnisse der Längsschnittstudie „Corona und Psyche“ (COPSY) sowie der Studie „Jugendliche und Corona“ (JuCo) zusammen.

Im Bericht appellieren sie, die Zukunftsängste Jugendlicher ernst zu nehmen. Dies sei bisher zu wenig geschehen und berge die Gefahr der Politikverdrossenheit. Umso wichtiger sei es daher, jetzt gegenzusteuern und Jugendlichen eine Stimme im Prozess der Krisenbewältigung zu geben.

 

Susanne Kuger, Sabine Walper, Thomas Rauschenbach (Hrsg.): „Aufwachsen in Deutschland 2019. Alltagswelten von Kindern, Jugendlichen und Familien“. Print-Publikation und pdf-download (Website wbv-Verlag)Corona und die gesellschaftlichen Folgen – Ergebnisse und Analysen aus der DJI-ForschungStellungnahme des Bundesjugendkuratoriums zu "Kindheit und Jugend in Zeiten von Corona"Sabine Walper, Julia Reim, Annika Schunke, Anne Berngruber & Philipp Alt, Die Situation Jugendlicherin der Corona-Krisedreizehn, Zeitschrift für Jugendsozialarbeit Nr. 25, Mai 2025: Anne Berngruber, Nora Gaupp, Lebenswelten und Erfahrungen junger Menschen in Zeiten von Corona

Kontakt:

Dr. Anne Berngruber
AID:A-Kompetenzteam Jugend
089/62306-591
berngruber@dji.de

Dr. Nora Gaupp
AID:A-Kompetenzteam Jugend
089/62306-324
gaupp@dji.de

Martin Kern
Abteilung Medien und Kommunikation
089/62306-397
mkern@dji.de