Weiterhin gewaltiger Ausbau von Betreuungsplätzen

Für den 8. Nationalen Bildungsbericht analysiert das DJI Daten zur Frühen Bildung und zur Ganztagsschule. Ein Interview mit Prof. Dr. Thomas Rauschenbach

23. Juni 2020 -

Der nun vorliegende nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2020“ informiert umfassend über die Entwicklung und gegenwärtige Lage der Bildungslandschaft. Er analysiert die aktuellen Herausforderungen und übergreifenden Problemlagen, basierend auf amtlichen Statistiken und sozialwissenschaftlichen Surveys. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Deutschen Jugendinstituts (DJI) bringen in diesem Rahmen vorrangig Forschungsergebnisse zu den Themenfeldern der Frühen Bildung, Betreuung und Erziehung, der Ganztagsbetreuung im Grundschulalter, der non-formalen und informellen Bildung sowie der Digitalisierung ein. Einige Ergebnisse:

Gestiegener Bedarf an Betreuungsplätzen


Über 83 Millionen Menschen leben in Deutschland, ein historischer Höchststand. Der anhaltende Geburtenanstieg sowie die Zuwanderungsgewinne werden in den kommenden Jahren weiterhin zu einem höheren Bedarf an Betreuungsplätzen für Kinder in der Kindertagesbetreuung führen, bei weiterhin bestehenden auffälligen Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland.

„Nach wie vor finden nicht alle Eltern den von ihnen gewünschten Betreuungsplatz, trotz des starken Ausbaus von Plätzen in Kitas und Tagespflege“, sagt DJI-Direktor Prof. Thomas Rauschenbach und ergänzt: „Es werden zwar immer noch mehr als zwei Drittel der Kinder unter zwei Jahren in der Familie betreut, jedoch wollen zunehmend Eltern für ihre Kinder dieses Alters zusätzlich öffentliche Betreuungsangebote nutzen. Vor allem bei Kindern über zwei Jahren steigt die institutionelle Betreuung seit Jahren deutlich. Denn: Ohne Kitas ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schwer möglich.“

Das Arbeitsfeld Frühe Bildung expandiert gewaltig, auch im Vergleich mit anderen Branchen des deutschen Arbeitsmarkts: 670 000 Kinder sind seit 2006 zusätzlich in der Tagesbetreuung hinzugekommen. Auch waren im Jahr 1994 etwa 288.000 Personen in Kitas beschäftigt, im Jahr 2019 waren es dagegen schon rund 610.000 und bis 2025 werden mindestens nochmals weitere 200.000 Personen benötigt. „Die Politik darf bei ihren Anstrengungen in punkto Ausbau der Kita-Plätze im Kleinkindalter – trotz aller Qualitätsfragen, trotz des Bedarfs im Grundschulalter – vorerst nicht nachlassen. Es ist mir in diesem Punkt in jüngster Zeit etwas zu still geworden, ganz so, als hätten wir die Ziellinie bereits vor Augen“, ergänzt Rauschenbach.

Abbau von Bildungsungleichheit


Die Einrichtungen haben auch eine zentrale Rolle bei der sozial-kulturellen Integration und Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund. Jedes fünfte 3- bis unter 6-jährige Kita-Kind wächst zu Hause mit einer anderen, nichtdeutschen Familiensprache auf, mit steigender Tendenz. Es gibt jedoch bisher kein einheitliches Vorgehen der Bundesländer oder eine einheitliche Sprachförderdiagnostik und daraus abgeleitete Lern- und Unterstützungsstrategien für die Kinder. „Die Bildungsungerechtigkeit hat sich verstärkt. Der Ausbau der frühkindlichen Bildung bietet Chancen, diese Ungleichheit abzubauen, da am Anfang der Bildungsbiografie die Kita steht,“ betont Rauschenbach.

Ganztägige Bildung und Betreuung für Kinder im Schulalter
68 Prozent der Grundschulen bieten ganztägige Angebote an. Der Ganztag ist jedoch sehr unterschiedlich ausgestaltet. In manchen Bundesländern wurde die Ganztagsgrundschule ausgebaut, in anderen verstärkt auf Angebote der Kinder- und Jugendhilfe zurückgegriffen und wieder andere bieten ein gemischtes Programm von Schulen, Kinder- und Jugendhilfe sowie Übermittagsbetreuung. Bis zur geplanten Einführung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter im Jahr 2025 werden in Deutschland noch 785 000 weitere Ganztagsplätze benötigt, um den Bedarf zu decken.

Digitalisierung in der Frühen Bildung


In nur 7 Prozent der Einrichtungen standen im Jahr 2017 Tablets für die Nutzung mit Kindern bereit. Das pädagogische Fachpersonal fühlt sich häufig nicht ausreichend qualifiziert, und nur 10 Prozent der Eltern von unter 6-jährigen sind der Meinung, dass Kinder den Umgang mit digitalen Medien in der Kita erlernen sollten. Die große Mehrheit sieht die Hauptverantwortung dafür in der Familie. Jedes fünfte Kind der unter 6-Jährigen nutzte im Jahr 2019 digitale Medien. Je älter sie werden, desto häufiger. Die wenigen hierzu durchgeführten Studien weisen darauf hin, dass Kindertageseinrichtungen die digitale Medienkompetenz fördern können, um grundlegenden Bildungsungleichheiten entgegenzuwirken. Sie können dazu beitragen, familiale Unterschiede in der reflektieren Nutzung von digitalen Medien auszugleichen. Gut geschultes Personal könnte hierbei Eltern Hilfestellungen im Umgang mit digitalen Medien geben. Thomas Rauschenbach fügt hinzu: „Wenn man aber in der Kita in Sachen digitaler Bildung aktiv werden will, braucht es sicherlich eine andere Ausstattung; hier müsste ein Digitalpakt Kita, ähnlich wie den Digitalpakt Schule, ins Leben gerufen werden.“

Zum Bildungsbericht 2020


Der Bericht „Bildung in Deutschland“ wird von einer unabhängigen Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erstellt, die folgende Einrichtungen vertreten: Das DIPF | Leibniz-Zentrum für Bildungsforschung und Bildungsinformation (Federführung), das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für lebenslanges Lernen (DIE), das Deutsche Jugendinstitut (DJI), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), das Soziologische Forschungsinstitut an der Universität Göttingen (SOFI) sowie die Statistischen Ämter des Bundes (Destatis) und der Länder. Die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördern die Erarbeitung des Berichts.

Interview mit Prof. Dr. Thomas Rauschenbach

Bildung in Deutschland 2020 – Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung in einer digitalisierten Welt
Projekt „Nationaler Bildungsbericht“ am Deutschen Jugendinstitut (DJI)
Nationale Bildungsberichterstattung des Forschungsverbunds DJI/TU Dortmund

Presseinformation Bildungsbericht 2020


Kontakt

Prof. Dr. Thomas Rauschenbach
Direktor des Deutschen Jugendinstituts
rauschenbach@dji.de

Dr. Susanne Lochner
Wiss. Referentin „Nationale Bildungsberichterstattung“
susanne.lochner@dji.de

Katharina Kopp
Wissenschaftliche Referentin „Nationale Bildungsberichterstattung“
kopp@dji.de

Marion Horn
Abteilung Medien und Kommunikation
horn@dji.de