Gewalt gegen Frauen wirksam begegnen
Im Interview berichtet Dr. Christoph Liel auf Grundlage einer aktuellen DJI-Studie, welche Präventionsansätze wirken, für welche Zielgruppen zusätzliche Angebote dringend gebraucht werden und was verändert werden muss, damit Prävention besser gelingt

© Inge Kraus/DJI
Gewalt gegen Frauen nimmt seit Jahren zu – von Sexualstraftaten über häusliche Gewalt bis hin zu digitalen Angriffen. Mit dem Gewalthilfegesetz, das im Februar 2025 in Kraft getreten ist, sollen betroffene Frauen ab 2032 einen kostenfreien Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung erhalten. Parallel dazu erarbeitet das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) ein Maßnahmenpaket zur Stärkung der Prävention. Grundlage ist eine aktuelle Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts zu Geschlechterfragen (SoFFI) im International Centre for Socio-Legal Studies (SOCLES). Die Studie hat erstmals bundesweit untersucht, welche Präventionsangebote es gibt, was über die Wirksamkeit verschiedener Ansätze bekannt ist und wo Fachpraxis und Zivilgesellschaft Verbesserungsbedarf sehen. Im Interview gibt DJI-Wissenschaftler Dr. Christoph Liel Einblick in die zentralen Befunde der Studie und daraus abgeleiteden Handlungsbedarf, den er gemeinsam mit PD Dr. Stepanka Kadera, Dr. Lucia Killius, Jannika Gutt, Zainab Fakhir und Prof. Dr. Heinz Kindler vom DJI-Forschungsteam sowie mit Forschenden des SOCLES und weiteren Kooperationspartner:innen erarbeitet hat.
DJI Redaktion: Herr Liel, es existieren verbindliche internationale und europäische Rahmenwerke zum Schutz von Frauen vor Gewalt. Dennoch steigen in Deutschland die Fallzahlen geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt. Worin sehen Sie die Ursachen?
Christoph Liel: Häusliche Gewalt und geschlechtsspezifische Gewalt standen lange Zeit zu wenig auf der gesellschaftlichen und sozialpolitischen Agenda. Wir haben beispielsweise erst seit dem Jahr 2015 überhaupt eine dezidierte Erfassung von Straftaten im Bereich Partnerschaftsgewalt. Diese Fälle gelangen jetzt erstmals ans Licht. Dennoch bleibt immer noch ein erheblicher Anteil der Taten im Dunkeln, wird also aus Angst, Abhängigkeit oder Scham nicht angezeigt. Auch die Prävention ist auf diesem Gebiet noch relativ neu: Relativ gebräuchlich ist die indizierte Prävention, die sich an Menschen richtet, die bereits Gewalt erlebt oder ausgeübt haben und die weitere Gewalt verhindern oder Folgen von Gewalt lindern soll. Weniger verbreitet ist die selektive Prävention, die sich an spezifisch gefährdete Gruppen wendet, wie etwa Frauen mit Fluchterfahrung, oder die universelle Prävention, die versucht, alle gesellschaftlichen Gruppen über Kampagnen oder Ausstellungen zu Gewalt zu informieren. Unsere Studie zeigt: Die Prävention liegt meist in den Händen von engagierten Initiativen und Fachstellen, die nur auf ein beschränkt ausgebautes Hilfesystem zurückgreifen können.
In welchen Bereichen der Prävention zeigt Ihre Studie bereits erste positive Entwicklungen?
Positiv ist, dass die sogenannte Täterarbeit mittlerweile viel stärkerer verbreitet ist als früher, insbesondere in Großstädten und Ballungsräumen. Aber auf dem Land gibt es noch zu wenig Täterarbeit und kaum Kommunen berichteten in unserer Befragung von flankierenden Angeboten, beispielsweise zur Paarberatung, Formate für Väter oder zum Thema „Trennungsstalking“ – also für Männer, die ihrer Ex-Partnerin nachstellen.
Wir haben in Deutschland mittlerweile zudem fast flächendeckend Runde Tische zur Vernetzung der Prävention von häuslicher Gewalt, allerdings nicht unbedingt von geschlechtsspezifischer Gewalt. Es existieren auf diesem Gebiet Kooperationen und eine funktionierende, oft intersektorale Vernetzung zwischen Sozialer Arbeit, Strafverfolgung (Polizei und Justiz) und Gesundheitswesen.
In welchen Bereichen besteht noch Verbesserungsbedarf?
Zwar findet universelle Prävention bei Kindern und Jugendlichen statt und es gibt vielfach Selbstbehauptungs-, Selbstverteidigungs- und Wendo-Kurse zur Stärkung von Mädchen und Frauen. Aber für Jungen und Männer gibt es viel weniger solcher Angebote und zu wenig Formate, die sie dabei unterstützen, Geschlechterrollen zu reflektieren und das Geschlechterverhältnis zu hinterfragen. Für den ländlichen Raum wurden uns überhaupt keine solchen Angebote berichtet. Dabei wären diese Themen gerade im Jugendalter wichtig, wenn Mädchen und Jungen erste Liebesbeziehungen eingehen.
Darüber hinaus deuten unsere Studienergebnisse darauf hin, dass es an Schulen immer noch sehr wenige Ideen gibt, wie Gewaltprävention sinnvoll umgesetzt werden könnte. Und wir haben zu wenig Angebote für junge Menschen, die in Jugendhilfeeinrichtungen aufwachsen oder die in Erziehungshilfen betreut werden, weil sie selbst Gewalt oder Vernachlässigung erlebt haben. Auch für sogenannte vulnerable Gruppen wie Mädchen und Frauen mit einer Behinderung, mit Migrations- oder Fluchterfahrung sowie für LSBTQ-Personen gibt es kaum Angebote.
Außerdem ist uns ein vergleichsweise schlechter Rücklauf der Fragebögen aus dem Gesundheitsbereich aufgefallen. Wir werten dies als Hinweis darauf, dass eine zentrale Zuständigkeit für das Thema Gewalt fehlt und sich wenige Befragte auskunftsfähig sahen. Doch Betroffene werden in Kliniken und von niedergelassenen Ärzt:innen untersucht, die Übergriffe erkennen. Auch in der Pflege ist geschlechtsspezifische Gewalt ein Thema. Hier wäre es wichtig, Zuständige und Orientierung gebende Leitlinien zu etablieren.
Was empfehlen Sie für eine bessere Prävention an Schulen?
Unsere Empfehlung ist, dass Schulen für Angebote zur Prävention und Vorbereitung auf erste Partnerschaften von Jugendlichen mit lokalen Akteuren zusammenarbeiten und Fachstellen einbeziehen. Damit diese Kooperationen gelingen, müssten sowohl externe Fachstellen als auch die Schulsozialarbeit personell ausgebaut werden. Zusätzlich wäre ein kontinuierliches Fortbildungsangebot für das Lehrpersonal hilfreich. Die Finanzierung könnte beispielsweise über zweckgebundene Landesmittel für jede Schule abgesichert werden.
Wir empfehlen außerdem, schulische Schutzkonzepte zur Prävention sexueller Gewalt so auszugestalten, dass sie Kindern und Jugendlichen auch bei miterlebter Gewalt in der Familie und Jugendlichen bei Gewalterfahrungen in ersten eigenen Partnerschaften Schutz und Hilfe bieten. Denn beides kann das Lernen erschweren und den Bildungserfolg massiv beeinträchtigen. Diese Empfehlung bezieht sich selbstverständlich auch auf außerschulische Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche.
Wo muss noch angesetzt werden, um die Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt zu stärken?
Wir bräuchten eine koordinierte politische Strategie, um die verschiedenen Akteure und politischen Ebenen bei der Prävention einzubeziehen. Denn es gibt zwar durchaus Angebote, aber die meisten sind lokal beschränkt und beruhen auf dem Engagement einzelner Personen oder Initiativen. Sie folgen keinem übergeordneten Programm oder spezifischen Ansatz, sondern dem, was Fachkräfte vor Ort für gut und erfolgversprechend halten. Entsprechend finden sich in Deutschland kaum methodisch akzeptable Evaluationen. International gibt es hingegen mehr Wirkungswissen, was auch daran liegt, dass die Idee der Präventionsprogramme in angloamerikanischen Ländern verbreiteter ist.
Welche Präventionsansätze sind wirksam?
Wir wissen aus der Forschung, dass insbesondere indizierte Prävention wirkt, also Angebote für Menschen, die bereits Gewalt erlebt oder ausgeübt haben. Psychosozialen Beratung und Unterstützung von Gewaltbetroffenen verhindert demnach nachweislich das Erleben erneuter Gewalt. Für Täterarbeit gibt es ebenso ermutigende Studien, die eine Vermeidung von Rückfällen belegen, sofern die Täterarbeit beispielsweise auf das Rückfallrisiko abgestimmt ist, zusätzlichen Beratungsbedarf berücksichtigt und hinterfragt wird, ob Täter auf die Maßnahmen ansprechen.
International gibt es überzeugende Befunde, die nachweisen, dass Präventionsangebote für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an Schulen und Universitäten Gewalt beim Kennenlernen und beim Aufbau von Beziehungen vorbeugen. Ein vielversprechender Ansatz ist zudem die Bystander-Prävention, die junge Menschen dazu ermutigt und befähigt, in Gewaltsituationen einzugreifen, in denen sie selbst nicht direkt beteiligt sind. Diese Ansätze werden in Deutschland mit Ausnahmen noch kaum verfolgt. Hier könnten wir beispielsweise von der Präventionskultur in den USA lernen.
Und wie gelingt Prävention im digitalen Raum?
Wir müssen unterscheiden zwischen technologiebasierten, digitalen Interventionen und der Prävention von Gewalt, die im digitalen Raum stattfindet. Bei gewaltbetroffenen Frauen erreicht man mit Apps zur Gesundheitsförderung beispielsweise kaum Effekte hinsichtlich einer Reviktimisierung, also dem erneuten Erleben von Gewalt. Was in diesen Fällen zählt, ist der persönliche Kontakt. Positive Erfahrungen hinsichtlich der Vermeidung von Gewalt gibt es bei der Prävention von Teen-Dating-Violence. Vereinzelt sind hier interessante Formate für Jungen und Männer zu finden, die ein digitales, zum Teil interaktives Format nutzen. Diese könnten in Deutschland gerade für den unterversorgten ländlichen Raum interessant sein. Unsere kommunale Bestandserhebung zeigt aber auch noch einen großen Bedarf an Prävention von Gewalt im digitalen Raum, und zwar sowohl in der Sozialen Arbeit als auch bei der Polizei. Möglicherweise müssen erst Zuständigkeiten definiert und Konzepte entwickelt werden.
Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Uta Hofele
Bedarfsanalyse zur Prävention geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt - Abschlussbericht und KurzfassungAktuelle Meldung des BMBFSFJ zur Veröffentlichung der Bedarfsanalyse vom 23.01.2026DJI-Projektseite
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Dr. Christoph Liel
Fachgruppe Familienhilfe und Kinderschutz
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