Politische Beteiligung stärken, benachteiligte junge Menschen erreichen
Wie Förderprogramme gestaltet sein müssen, damit sie diejenigen ansprechen, die in politischen Prozessen unterrepräsentiert sind, haben Forschende der Arbeitsstelle europäische Jugendpolitik am Deutschen Jugendinstitut (DJI) untersucht

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Gehört zu werden und mitbestimmen zu können ist ein wesentlicher Bestandteil lebendiger Demokratien. Gerade junge Menschen sind in ihren Mitwirkungsmöglichkeiten aber häufig begrenzt, etwa weil sie das Wahlalter noch nicht erreicht haben, aber auch weil ihnen Zugänge fehlen. Dies gilt in besonderem Maße für Jugendliche, die beispielsweise ohne Ausbildung oder von Armut bedroht sind, die eine Flucht- oder Migrationsgeschichte haben oder mit einer Behinderung leben. Marginalisierte Gruppen zu erreichen und für politische Partizipation und damit für die Demokratie zu gewinnen, ist vermehrt das Ziel europäischer Förderprogramme. Doch wie müssen diese gestaltet sein, um wirksam zu sein? Diese Frage haben Forschende der Arbeitsstelle europäische Jugendpolitik am Deutschen Jugendinstitut (DJI) mit Expert:innen aus Jugendprogrammen, Jugendarbeit sowie Jugendpolitik in zwei Fokusgruppen auf nationaler und europäischer Ebene diskutiert. Anschließend ordneten sie die Ergebnisse in die aktuelle Forschungslage ein und arbeiteten übergreifende Faktoren heraus, die die Wirksamkeit von Förderprogrammen begünstigen.
Der Studie nach sind europäische Förderprogramme ein wichtiges Bindeglied zwischen übergeordneten politischen Strategien und den konkreten Projekten vor Ort, die im Rahmen eines Programms ausgewählt und gefördert werden. “Für die Konzipierung wirksamer Förderprogramme ist deshalb der Blick über die reine Programmebene hinaus und auf das Zusammenspiel von Strategien, Programmen und Projekten unerlässlich”, erklärt Svenja Wielath von der Arbeitsstelle europäische Jugendpolitik. Mit dieser Perspektive konnten anhand der Studie Aspekte herausgearbeitet werden, die die Wirksamkeit von Programmen zur Stärkung politischer Partizipation (marginalisierter) junger Menschen unterstützen können.
Potenziale und Fähigkeiten junger Menschen ernst nehmen
Die Studienergebnisse zeigen unter anderem, dass es für die Förderung politischer Beteiligung wichtig ist, die Potenziale und Fähigkeiten junger Menschen ernst zu nehmen und ihre Perspektiven in politische Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse einzubeziehen und sie aktiv daran zu beteiligen. „Wie Entscheidungsträger:innen über junge Menschen denken und sprechen drückt sich auch in Förderlogiken und Programmausgestaltung aus“, sagt Svenja Wielath, die zusammen mit Marit Pelzer, Dr. Frederike Hofmann-van de Poll und Andreas Rottach die Studie durchführte. Dies gelte besonders für marginalisierte Gruppen, da selbst in Ländern, deren Jugendpolitik junge Menschen als gesellschaftliche Ressource betrachte, benachteiligte junge Menschen in politischen Diskursen und Förderprogrammen häufig defizitorientiert betrachtet und nicht selten als unfähig oder desinteressiert beschrieben würden.
Die Diskussionen der Expert:innen machen außerdem deutlich: Stabile Programmstrukturen mit verlässlicher, langfristiger Finanzierung anstelle von einzelnen, befristeten Projekten, die Zusammenarbeit unterschiedlicher Sektoren (etwa Gesundheit und Umwelt) sowie die Kooperation verschiedener Regierungsebenen (lokal bis europäisch) können dazu beitragen, den vielfältigen Lebenslagen junger Menschen besser gerecht zu werden. Bei der Programmausgestaltung zeige sich unter anderem, dass flexibel anpassbare, niedrigschwellige Finanzierungsmöglichkeiten Aufwand und Hürden reduzieren und Kontinuität sichern. Mit stärkeren lokalen Unterstützungs- und Kooperationsstrukturen für die diversen Akteure und Netzwerke ließe sich zudem die Beteiligung junger Menschen stärken. Auf Projektebene könnten Programme darüber hinaus einen aktiven Austausch fördern, etwa durch institutionalisiertes bottom-up sowie top-down Feedback und damit einen wechselseitigen Dialog zwischen jungen Menschen, Praktiker:innen und politischen Entscheidungsträger:innen. So würden Programme nicht nur die lokalen Support-Netzwerke und den Wissenstransfer zwischen Projekten stärken, sondern auch übergreifende Lerneffekte im Hinblick auf politische Zielsetzungen ermöglichen. Dies biete die Chance, marginalisierte junge Menschen strukturell besser beteiligen können anstatt lediglich vereinzelt für ihre Teilhabe zu sorgen.
Politische Themen in alltagsnahen Räumen über die offene Kinder- und Jugendarbeit aufgreifen
Wesentlich sei nicht zuletzt, dass Förderprogramme auf die spezifischen Bedürfnisse benachteiligter Jugendlicher eingehen. Eine zentrale Rolle komme dabei der (offenen) Kinder- und Jugendarbeit zu, die im außerschulischen Bereich politische Partizipation ermöglicht und Bildungsarbeitet leistet. Politische Themen in alltagsnahen Räumen wie Jugendzentren oder in digitalen Angeboten der (offenen) Kinder- und Jugendarbeit aufzugreifen, schaffe niedrigschwellige Zugänge und eröffne für viele junge Menschen oftmals eine der wenigen Möglichkeiten politischer Beteiligung.
Die ausführlichen Studienergebnisse wurden im Oktober 2025 in der peer-reviewten Zeitschrift „Youth“ mit dem Titel „Political Participation of Marginalized Young People. Examining Funding Programs from a European and National Perspective” veröffentlicht.
Wielath, S., Pelzer, M., Hofmann-van de Poll, F., & Rottach, A. (2025): Political Participation of Marginalized Young People: Examining Funding Programs from a European and National Perspective. In: Youth, 5 (4), 108 Arbeitsstelle europäische Jugendpolitik
Kontakt
Svenja Wielath
Arbeitsstelle Europäische Jugendpolitik am DJI
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Uta Hofele
Abteilung Medien und Kommunikation
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