Wie kann der Umgang mit radikalisierten jungen Menschen gelingen?
Wie die DJI-Forschenden Dr. Maruta Herding und Tobias Johann die pädagogischen Angebote der Extremismusprävention und Deradikalisierung in Berlin beurteilen – ein Gespräch anlässlich des aktuellen DJI-Berichts
Der islamistische Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day am 25. Juli 2026 verdeutlicht auf erschreckende Weise, wie herausfordernd der Umgang mit radikalisierten jungen Menschen ist. Der Attentäter war mit einer Fachstelle für Deradikalisierung in Kontakt. Die Fachkräfte gewannen im Laufe erster Gespräche den Eindruck, dass er für das Programm möglicherweise nicht geeignet sei und es keine Zugänge und kein Problembewusstsein gebe. Im Gespräch betonen die DJI-Forschenden die Herausforderung im Umgang mit radikalisierten Jugendlichen, zeigen aber auch Handlungsempfehlungen auf.
DJI-Redaktion: Fachkräfte müssen sich zunehmend mit Tendenzen gewaltorientierter Radikalisierung bei Jugendlichen auseinandersetzen. Was können pädagogische Angebote der Extremismusprävention und Deradikalisierung hier leisten und was nicht?
Tobias Johann: Die pädagogische Radikalisierungsprävention wird von erfahrenen und speziell dafür geschulten Fachkräften mit hoher Expertise durchgeführt. In manchen Fällen können so Hinwendungsprozesse unterbrochen oder Menschen beim Umdenken und dem Ausstieg aus gewaltorientierten Szenen unterstützt werden. Das erfordert Hartnäckigkeit, intensive Beziehungsarbeit und letztlich auch die Bereitschaft auf Seiten der jungen Menschen. Eine Erfolgsgarantie kann es dabei selbstverständlich nicht geben. Außerdem sind pädagogische Angebote dabei immer ergänzend zu sicherheitsbehördlichen Maßnahmen zu verstehen.
Wie ist die Situation der Beratungsstellen für pädagogische Islamismusprävention in Berlin?
Maruta Herding: Das Land Berlin weist besonders umfangreiche Anstrengungen im Bereich der pädagogischen Islamismusprävention auf, was sich in zahlreichen Angeboten und zwei Landesprogrammen zeigt. In unserer empirischen Bedarfsanalyse betrachten wir die Lage in Berlin von Anfang August bis Ende Dezember letzten Jahres von zwei Seiten. Zum einen haben wir untersucht, inwiefern die spezialisierten Expertinnen und Experten im Bereich der Prävention und Deradikalisierung die aktuelle Problemlage in Berlin sowie bestehende Herausforderungen einschätzen. Dazu zählen auch mehrere Beratungsstellen, die auch im Fall des Attentäters an der dafür vorgesehenen Stelle im Rahmen erster Klärungsgespräche fachlich tätig wurden. Zum anderen haben wir untersucht, welche Herausforderungen sich in den pädagogischen Regelstrukturen, unter anderem der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, der Schulsozialarbeit oder der pädagogischen Arbeit in Geflüchtetenunterkünften mit Blick auf islamistische Radikalisierung zeigen.
Welche Maßnahmen könnten bereits vor der spezialisierten Prävention unternommen werden, zum Beispiel in den pädagogischen Regelstrukturen wie der Schulsozialarbeit?
Tobias Johann: Pädagogische Regelstrukturen können wichtige Institutionen für die politische Sozialisation junger Menschen sein, soziale Kompetenzen fördern, bei der Persönlichkeitsentwicklung unterstützen und Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen. Von den Fachkräften in diesen Arbeitsfeldern aber eine zu hohe Präventionswirkung zu erwarten, würde sie überlasten. Gleichzeitig sind sie oft mit Situationen und Fällen konfrontiert, in denen sie verunsichert sind, ob ein bestimmtes Verhalten junger Menschen bereits auf einen Hinwendungsprozess zu Extremismus deuten kann. Dafür brauchen Fachkräfte Wissen über verschiedene Radikalisierungsphänomene, Erkennungszeichen, aber auch über Kontakt- und Unterstützungsmöglichkeiten zu spezialisierten Präventionsakteuren und zuständigen Beratungsstellen.
Welche Handlungsempfehlungen leiten Sie aus Ihren Befunden ab?
Maruta Herding: Wir kommen in unserer Studie zu dem Schluss, dass im Land Berlin eine differenzierte Bedarfslage mit Blick auf pädagogische Islamismusprävention vorliegt. Bestehende Angebote, deren Träger und Mitarbeitende sind fachlich gut aufgestellt und bearbeiten bereits viele der bestehenden Herausforderungen. Doch sind nicht alle Unterstützungsangebote, wie Fortbildungen oder Fachberatungen, auch bei pädagogischen Fachkräften in den Regelstrukturen bekannt. Hier gibt es nach wie vor einen hohen Bedarf, beispielsweise zur Einordnung, ob es sich bei bestimmten Anzeichen um Islamismus handelt und wie damit umzugehen ist. In diesem Bereich empfehlen wir eine umfassendere Öffentlichkeitsarbeit, die alle Arbeitsfelder der pädagogische Regelstrukturen gezielt anspricht und in den Austausch mit den spezialisierten Präventionsakteuren bringt. In der Universalprävention dagegen ist die hohe Nachfrage aus den Regelstrukturen mit den bestehenden Ressourcen kaum zu bewältigen. Da geht es um Angebote, die sich eher im „Vorfeld“ einer Radikalisierung an allgemeine Zielgruppen richten, zum Beispiel durch Medienpädagogik oder Stärkung demokratischer Kompetenzen. Zudem muss die Präventionsarbeit weiterhin und verstärkt digitale Räume miteinbeziehen, da sich Radikalisierungsprozesse fast immer auch dort abspielen.
Meldung zum DJI-Abschlussbericht „Bedarfe der pädagogischen Islamismusprävention in Berlin“Bedarfe der pädagogischen Islamismusprävention in Berlin. Maruta Herding, Maria Jakob, Tobias Johann, 67 Seiten, ISBN: 978-3-86379-588-7, DOI: 10.36189/DJI202539 (PDF)DJI-Projekt „Bedarfe der pädagogischen Islamismusprävention in Berlin“
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