Bei Adoptionen das Kindeswohl stärker berücksichtigen

Am 1. April tritt das Adoptionshilfegesetz in Kraft, in das zahlreiche Empfehlungen des Expertise- und Forschungszentrums Adoption am DJI eingegangen sind

30. März 2021 -

Bei Adoptionen soll künftig das Wohl von Kindern noch stärker berücksichtigt werden. Dies ist Ziel des Adoptionshilfegesetzes, das diesen Donnerstag in Kraft tritt. „Insbesondere im Fall von unbegleiteten Auslandsadoptionen und Stiefkind-Adoptionen wurde das Kindeswohl bislang nicht immer in den Mittelpunkt gestellt“, sagt Dr. Ina Bovenschen vom Expertise- und Forschungszentrum Adoption (EFZA) am Deutschen Jugendinstitut (DJI), das auf der Grundlage eigener Studien und internationaler Forschungsbefunde Empfehlungen für die Gesetzesreform sowie Handlungsempfehlungen für Vermittlungsstellen erarbeitet hat. Über 90 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber um eine Adoption sind ungewollt kinderlos. Es gehe aber bei einer Adoption nicht darum, für Paare ein Kind, sondern für adoptionsbedürftige Kinder geeignete Eltern zu finden, betont Ina Bovenschen.

Kinder und Eltern besser beim Adoptionsprozess begleiten
Die Reform sieht einen Rechtsanspruch auf Beratung während und nach Adoptionen vor. So können abgebende Eltern, Adoptiveltern und die Kinder besser im Laufe des Adoptionsprozesses begleitet und unterstützt werden. Außerdem werden offene Adoptionen gefördert, bei denen die Adoptiv- und Herkunftsfamilie Informationen austauschen oder sogar in persönlichem Kontakt stehen. „Das Wissen über die eigene Herkunft ist wichtig für die Entwicklung der adoptierten Kinder“, erklärt Ina Bovenschen. „Außerdem kann der Informationsaustausch und Kontakt den Herkunftseltern bei der Trauerbewältigung helfen“. Zum Schutz der Kinder sollen unbegleitete Adoptionen aus dem Ausland verhindert werden. Künftig ist die Vermittlung durch eine offizielle Fachstelle verpflichtend. Auch die Zuständigkeiten für Adoptionen werden durch das Adoptionshilfegesetz klarer geregelt und Kooperationen zwischen Vermittlungsstellen und anderen Fachdiensten wie der Erziehungsberatung oder der Schwangerenkonfliktberatung gestärkt.

Änderung des Abstammungsrechts steht noch aus
Die Diplom-Psychologin beurteilt die Reform sehr positiv, in der die Befunde des EFZA und auch internationale Forschungsbefunde umfassend aufgegriffen wurden. Kritisch sieht sie, dass das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft nicht stärker berücksichtigt wurde: „Wichtig wäre eine Aufklärungspflicht, die im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert werden müsste“. Außerdem befürwortet die DJI-Wissenschaftlerin eine Änderung des Abstammungsrechts, die es ermöglicht, dass Kinder lesbischer Paare von Geburt an zwei rechtliche Elternteile respektive zwei Mütter haben können, ohne dass es dazu einer Adoption bedarf. Dass dieser Reform-Vorschlag vom Bundesjustizministerium bisher nicht umgesetzt wurde, führte dazu, dass im Zuge der Adoptionsreform lange um eine Beratungspflicht im Vorfeld von Stiefkind-Adoptionen gerungen wurde. Der Vermittlungsausschuss erzielte dann eine Einigung: Danach entfällt diese Beratungspflicht für lesbische Paare, wenn das Kind in deren Ehe oder verfestigte Lebensgemeinschaft hineingeboren wird.

Neu ist eine Beratungspflicht bei Stiefkind-Adoptionen
Die Beratungspflicht vor Stiefkind-Adoptionen gilt damit künftig ausschließlich für Patchwork-Familien nach Scheidung und Trennung oder Tod eines Elternteils. Sie machen einer DJI-Studie aus dem Jahr 2015 nach mehr als Dreiviertel aller Stiefkind-Adoptionen aus. „Bei mehr als der Hälfte verlief die Adoption bislang ohne eine vorherige Beratung durch das Jugendamt. Dass eine solche nun verpflichtend ist, dient in erster Linie dazu, bei Stiefkind-Adoptionen den Blick mehr auf das Interesse der Kinder zu lenken“, sagt Ina Bovenschen. Stiefkind-Adoptionen haben mit 61 Prozent den größten Anteil an allen Adoptionen.

Um Adoptionsvermittlungsstellen bei der Umsetzung des Adoptionshilfegesetzes zu unterstützen, hat das EFZA eine Handreichung für die Adoptionspraxis entwickelt. Sie beschreibt etwa, wie Kinder, Adoptiveltern und Herkunftseltern besser auf die Adoption vorbereitet und auch danach gut begleitet werden können. Weitere Module beschäftigen sich mit Stiefkind-Adoptionen, mit dem Informationsaustausch und Kontakt zwischen Adoptiv- und Herkunftsfamilie sowie mit den Besonderheiten bei internationalen Adoptionen.

Das Expertise- und Forschungszentrum Adoption (EFZA)am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München wurde von 2015 bis 2019 durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert. Es bündelt Expertenwissen, führt wissenschaftliche Untersuchungen zur Adoptionsvermittlungspraxis durch und entwickelt Empfehlungen für Adoptionsrecht und -praxis.

 

Handreichungen für die Adoptionspraxis: Vorbereitung von adoptionsbedürftigen Kindern, Herkunftseltern, Bewerberinnen und Bewerbern und (potenziellen) Adoptiveltern (Teil 1) und Stiefkind- und Verwandtenadoptionen (Teil 3)Stellungnahme des Deutschen Jugendinstituts e.V. zum Entwurf des Gesetzes zur Verbesserung der Hilfen für Familien bei Adoption (Adoptionshilfe-Gesetz, PDF)Studienbefunde Kompakt (2017): Ergebnisse der empirischen Befragung des Expertise- und Forschungszentrums Adoption (PDF-Download)
 

Kontakt
Dr. Ina Bovenschen
Expertise- und Forschungszentrum Adoption (EFZA)
089/62306-167
bovenschen@dji.de

Uta Hofele
Abteilung Medien und Kommunikation
089/62306-173
hofele@dji.de