Partnerschaftliche Arbeitsteilung: Befürwortet, aber selten gelebt
Neue DJI-Daten: Viele Eltern sprechen sich für Teilzeitarbeit beider Elternteile aus, doch Hürden erschweren eine Gleichberechtigung in Erwerbs- und Sorgearbeit – mit Risiken für die finanzielle Absicherung der Familien
Eltern befürworten häufig eine gleichberechtigte Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit, tatsächlich umgesetzt wird dieses Modell in Deutschland aber selten. Das zeigt eine aktuelle Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI), die anlässlich des Internationalen Tages zur Beseitigung der Armut am 17. Oktober veröffentlicht wird. Mütter und Väter stehen demnach vor einem Dilemma: Sie müssen ihre Vorstellungen von Elternschaft mit der finanziellen Absicherung der Familie vereinbaren. Und ökonomische, institutionelle und arbeitsmarktbezogene Bedingungen erschweren bislang, dass beide Elternteile in Teilzeit arbeiten. Immer noch übernehmen Mütter den Großteil der Sorgearbeit in den Familien.
„Diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung scheint für Familien unter den derzeitigen Rahmenbedingungen zunächst ökonomisch vorteilhaft, sie birgt jedoch erhebliche finanzielle Risiken“, erklärt Familiensoziologin Dr. Claudia Zerle-Elsäßer vom DJI. Wenn das Familieneinkommen überwiegend oder ausschließlich von einem Elternteil abhänge, könne ein Arbeitsplatzverlust die Familie schnell in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten bringen. Besonders deutlich zeige sich das Armutsrisiko zudem bei einer Trennung oder Scheidung: Dem Zehnten Familienbericht zufolge sind bundesweit 43 Prozent der Haushalte von Alleinlebenden mit Kindern armutsgefährdet. Zum Vergleich: In Paarhaushalten, in denen beide Elternteile arbeiten, liegt der Anteil unter 5 Prozent. Deshalb betont Zerle-Elsäßer: „Mehr Handlungsspielräume für beide Eltern, ihre Erwerbs- und Sorgearbeit partnerschaftlich zu gestalten, können die finanzielle Absicherung von Familien stärken.“
Nur etwa 7 Prozent der Eltern praktizieren das Teilzeit-Teilzeit-Modell
Im Rahmen der Studie befragten die DJI-Forschenden im Sommer 2025 Eltern von Kindern bis 18 Jahren und Fachkräfte aus Arbeitsfeldern der familienbezogenen Sozialen Arbeit, etwa der Familienbildung und -beratung. Den Studienergebnissen zufolge befürworten Eltern für eine Familie mit einem zweijährigen Kind am häufigsten ein Modell, in dem beide Elternteile die Arbeitszeit reduzieren. Mit Mittelwerten von nahezu 5 auf einer sechsstufigen Skala erhält die Aussage, dass beide Elternteile in Teilzeit arbeiten sollten, die höchste Zustimmung unter den Befragten (siehe Abbildung). Noch höher fällt der Zuspruch bei den befragten Fachkräften der Sozialen Arbeit aus. Tatsächlich praktizieren das Teilzeit-Teilzeit-Modell in Deutschland laut dem Familienreport 2024 jedoch nur etwa 7 Prozent der Eltern mit Kindern unter 18 Jahren.

Das Doppel-Vollzeit-Modell hingegen wird mit Mittelwerten um die 2 von Eltern sowie Fachkräften überwiegend abgelehnt, obwohl es dem Familienreport 2024 zufolge bundesweit von immerhin 14 Prozent aller Eltern mit minderjährigen Kindern im Haushalt gelebt wird. „Die Ergebnisse zeigen, dass Eltern und Fachkräfte insbesondere eine Aufteilung der Erwerbsarbeit positiv bewerten, bei der beide Elternteile berufstätig sind und zugleich Zeit für die Familie bleibt. Um solche Modelle zu ermöglichen und damit auch zur Armutsprävention beizutragen, braucht es unterstützende Rahmenbedingungen“, betont Zerle-Elsäßer.
Handlungsspielräume verbessern, Armut vorbeugen
Politik und familienbezogene Angebote könnten dazu beitragen, Eltern bei der Gestaltung ihrer Erwerbs- und Sorgearrangements zu unterstützen. Den Studienautorinnen zufolge kommt gerade den Fachkräften in familienbezogenen Angeboten eine wichtige Rolle zu. Sie könnten Eltern dabei unterstützen, das Spannungsfeld zwischen ökonomischer Absicherung, gleichberechtigter Aufteilung und Vorstellungen guter Elternschaft zu reflektieren, um finanziell tragfähige Lösungen zu entwickeln. Dabei ginge es auch darum, sich kritisch mit den eigenen Vorstellungen von Familie und Elternschaft auseinanderzusetzen. Systemübergreifende Angebote wie die Frühen Hilfen bieten werdenden Eltern und Familien mit Kindern bis zu drei Jahren Beratung und praktische Unterstützung. Damit können insbesondere Familien mit psychosozialen Belastungen frühzeitig erreicht werden.
Politisch müssten mit Blick auf die Bekämpfung von Familienarmut finanzielle Absicherung und gleichberechtigte Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zusammengedacht werden. Zu den dafür erforderlichen Rahmenbedingungen zählten etwa die Verfügbarkeit und Verlässlichkeit von qualitativ hochwertiger Kindertagesbetreuung, Möglichkeiten zur flexiblen Gestaltung von Arbeitszeiten sowie steuerrechtliche Regelungen, die eine gleichberechtigtere Verteilung von Care- und Erwerbsarbeit zwischen Müttern und Vätern begünstigen. Aber auch staatliche Familien- und Sozialleistungen spielten eine wichtige Rolle, insbesondere für Alleinerziehende und armutsbetroffene Familien.
Das Forschungsprojekt und der ausführliche Ergebnisbericht
Das Projekt „Familien in heterogenen Kontexten gut erreichen“ (FamHeKon) untersucht in Zusammenarbeit mit der HAW Landshut im Rahmen des Bayerischen Forschungsverbundes ForFamily, welche Vorstellungen Eltern und Fachkräfte von Familie, Elternschaft, Geschlechterrollen sowie der Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit haben. Im Rahmen eines Mixed-Methods-Designs wurden unter anderem rund 480 Eltern und 410 Fachkräfte befragt. Die hier vorgestellten Daten sind erste, bislang unveröffentlichte Teilergebnisse. Die ausführliche wissenschaftliche Analyse der DJI-Wissenschaftlerinnen Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Selina Schelian und Dr. Ulrike Lux erscheint in der nächsten Ausgabe des Forschungsmagazins DJI Impulse mit dem Titel „Auswege aus der Armut“, Heft 4/2026 (Nr. 145).
„Familien in heterogenen Kontexten gut erreichen“ (FamHeKon) Bayerischer Forschungsverbund ForFamily
Kontakt
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer
Leitung der Fachgruppe „Lebenslagen und Lebensführung von Familien“
089/62306-317
zerle@dji.de
Birgit Lindner
Abteilung Medien und Kommunikation
089/62306-180
blindner@dji.de