LinkedInYouTubeRSS Feed

„Wir wissen wenig darüber, wie es Kindern und Jugendlichen nach Schutzmaßnahmen geht“

Anlässlich des Welttags für Psychische Gesundheit am 10. Oktober spricht DJI-Kinderschutzexpertin Dr. Susanne Witte über den Zusammenhang von Gewalt im Kindes- und Jugendalter und psychischer Gesundheit

09. Oktober 2026 -

Ein Aufwachsen ohne Gewalt und Vernachlässigung ist ein zentrales Kinderrecht. Dennoch machen Kinder und Jugendliche in Deutschland auch heute noch entsprechende Erfahrungen. Für ihre psychische Gesundheit kann das weitreichende Folgen haben.


DJI Redaktion: Frau Witte, was wissen wir über die Auswirkungen von Gewalt und Vernachlässigung auf die psychische Gesundheit?

Dr. Susanne Witte: Gewalt und Vernachlässigung in der Kindheit und Jugend erhöhen deutlich das Risiko für psychische Beeinträchtigungen. Und je schwerer und langanhaltender Kinder und Jugendliche Gewalt oder Vernachlässigung erleben, desto größer die Wahrscheinlichkeit für negative Auswirkungen. Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit infolge von Gewalt und Vernachlässigung können zudem mit anderen Problemen einhergehen, wie zum Beispiel mit Schwierigkeiten in der Schule oder in zwischenmenschlichen Beziehungen. Auch hier ist das Risiko für Kinder und Jugendliche, die Gewalt erfahren haben, erhöht. 

Was kann dazu beitragen, die psychischen Folgen von Gewalt und Vernachlässigung für Kinder und Jugendliche zu verringern?

Es ist wichtig, Gewalt und Vernachlässigung möglichst früh zu erkennen, um Kinder und Jugendliche zu schützen. Ein wichtiger Schutzfaktor ist die soziale Unterstützung von Kindern und Jugendlichen. Sind Betroffene gut in ein soziales Netz in der Schule, Vereinen oder ähnlichem eingebunden und erfahren sie Unterstützung durch Gleichaltrige und Erwachsene innerhalb und außerhalb ihrer Familie, verringert dies die Wahrscheinlichkeit für psychische Probleme. Spezifische therapeutische und traumapädagogische Angebote können psychische Belastungen ebenfalls verringern. 

Und was wissen wir über die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen, die nach einer Kindeswohlgefährdung Hilfen oder Schutzmaßnahmen erhalten?

Aus internationalen Studien und einzelnen Studien aus Deutschland wissen wir, dass bei einem erheblichen Teil der Kinder und Jugendlichen – wenn auch nicht bei allen, bereits psychische Belastungen vorliegen, wenn sie in stationäre Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe oder in Pflegefamilien kommen. Eine stabile Wohn- und Lebenssituation sowie entsprechende Angebote können dazu beitragen, diese abzumildern. Umgekehrt kann es zusätzlich psychisch belastend sein, wenn Kinder und Jugendlichen in stationären Einrichtungen Beziehungsabbrüche erleben oder wiederholt zwischen Einrichtungen wechseln. 

In welchen Bereichen gibt es die größten Wissenslücken und weiteren Forschungsbedarf?

Bislang wissen wir vergleichsweise wenig darüber, wie es Kindern und Jugendlichen in Deutschland geht, die Hilfs- und Schutzmaßnahmen wegen einer Kindeswohlgefährdung erhalten haben. Auch gibt es kaum Forschung dazu, welche Angebote der Kinder- und Jugendhilfe besonders gut geeignet sind, um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Und nicht alle erhalten schnell genug die für sie passende Unterstützung. Hier ist es wichtig, mehr darüber zu wissen, wie die Zusammenarbeit zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und dem Gesundheitssystem gut gelingen kann.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Interview: Uta Hofele

Kontakt
Dr. Susanne Witte
Leiterin der Fachgruppe "Familienhilfe und Kinderschutz"
+49(0)89/62306-221
witte@dji.de

Uta Hofele
Abteilung Medien und Kommunikation
+49(0)89/62306-446
hofele@dji.de