Jugendpolitik für Europa

Das Deutsche Jugendinstitut begleitete die Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland wissenschaftlich – Bilanz und Ausblick

Von Frederike Hofmann-van de Poll und Marit Pelzer

Wenn man neue Wege gehen will, muss man sich von traditionellen Mustern lösen. Der Umsetzungsprozess der EU-Jugendstrategie 2010 bis 2018 in Deutschland war der Versuch genau dies zu tun. Mit der gemeinsamen Strategie einigten sich alle Länder der Europäischen Union darauf, die Lebenssituation junger Menschen zu verbessern. Unter anderem sollte die Chancengleichheit in Bildung und Arbeit erhöht sowie politische und gesellschaftliche Partizipationsmöglichkeiten verbessert werden.

(Foto: iStock)

Statt wie bisher in der Jugendpolitik auf eine ausschließliche Projektförderung zu setzen, machten sich Bund, Länder, öffentliche und freie Träger mit der EU-Jugendstrategie zum Ziel, »Europa« stärker strukturell in der deutschen Kinder- und Jugendhilfe zu verankern. Wie gut dies gelang und welche Bedingungen positive Ergebnisse begünstigen, untersuchte ein Forscherinnenteam am Deutschen Jugendinstitut (DJI).

Das DJI-Projekt »Wissenschaftliche Begleitung der Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland«: methodisches Vorgehen

Das DJI-Projekt hat die Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland von 2010 bis 2018 wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Der inhaltliche Schwerpunkt der Evaluation lag einerseits auf den strukturellen Prozess der Zusammenarbeit zwischen den Akteuren, insbesondere von Bund und Ländern. Andererseits wurden die inhaltlichen Ergebnisse des Prozesses untersucht. Im Rahmen der Studie wurden die involvierten Akteure in den Jahren 2012 und 2015 in qualitativen leitfadengestützten Interviews befragt. Zwei Gruppendiskussionen mit ausgewählten Akteuren in den Jahren 2017 und 2018 rundeten die Datenerhebung ab. Zusätzlich wurden Sitzungsprotokolle und Beobachtungen ausgewertet und ergänzend zu den Primärdaten herangezogen. Die inhaltsanalytische Datenauswertung bezog sich entsprechend der thematischen Schwerpunkte auf eine strukturelle und eine inhaltliche Analyseebene. Im Sinne einer formativen Evaluation wurden die (Zwischen-)Ergebnisse der DJI-Studie mit den Akteuren diskutiert und somit eine Weiterentwicklung des Prozesses angestoßen.

Das Innovative an der Umsetzung der EU-Jugendstrategie waren die neu geschaffenen Koordinationsstrukturen, an denen alle föderalen Ebenen nach dem Multi-Level-Governance-Modell beteiligt waren. Als Hauptgremium wurde eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Öffentliche und freie Träger waren über einen Beirat des Bundes involviert (Baumbast u.a. 2015). Zudem wurden weitere regionale und kommunale Akteure einbezogen (Hofmann-van de Poll u.a. 2019).

Die Evaluation des DJI zeigt, dass drei Faktoren die Zusammenarbeit der Akteure wesentlich beeinflussten: die Ausgestaltung der partnerschaftlichen Koordinationsstruktur, die genutzten Kommunikationswege und das zugrundeliegende Politikverständnis der einzelnen Beteiligten. Wenn vermieden werden soll, dass sich einzelne Akteure aus dem Prozess zurückziehen, müssen Kooperation und Abstimmung in allen drei Bereichen gelingen (Hofmann-van de Poll/Pelzer 2018a).

Warum die Erfolge kaum wahrgenommen werden

Die Umsetzung der EU-Jugendstrategie war – trotz herausfordernder Bedingungen – in vielerlei Hinsicht erfolgreich. Trotzdem wird dieser Erfolg von den beteiligten Akteuren kaum wahrgenommen. Denn aufgrund der geringen Resonanz und Anerkennung, die europäische Jugendpolitik von anderen Politikfeldern erfährt, drängt sich den Akteuren selbst immer wieder die Frage nach der Legitimation des Engagements für die Umsetzung europäischer Jugendpolitik auf. Letztlich befindet sich diese zumindest in Teilbereichen in einem Nicht- bzw. Spannungsverhältnis zu nationalen und lokalen Jugendpolitiken (Hofmann-van de Poll/Pelzer 2018b).

Ein langjähriger Prozess wie die EU-Jugendstrategie braucht zunächst allerdings Raum im Sinne von Zeit und personellen Ressourcen, ohne die oft erwarteten kurzfristigen Ergebnisse zu liefern. In diesem Spannungsfeld fiel es den Akteuren offensichtlich schwer, die letztendlich positiven Resultate wahrzunehmen (Hofmann-van de Poll/Pelzer 2018b).

Mit der Implementierung der EU-Jugendstrategie in Deutschland, wurde die Jugendpolitik nicht nur inhaltlich verändert, sondern es wurden auch neue Formen der Zusammenarbeit angestoßen. Diese Erfahrungen sollen in der neu gestarteten EU-Jugendstrategie 2019 bis 2027 eingebracht und weiterentwickelt werden. Unter anderem diskutieren Bund und Länder darüber, eine Plattform zur Koordination europäischer Jugendpolitik in Deutschland einzurichten, um damit eine bessere Möglichkeit zum Austausch für alle Akteure zu schaffen. Die Forscherinnen am DJI lieferten wichtige Anregungen zu dieser Weiterentwicklung der EU-Jugendstrategie.

Mehr zu europäischer Jugendpolitik, der EU-Jugendstrategie und ihrer Umsetzung in Deutschland

Baumbast, Stephanie/Hofmann-van de Poll, Frederike/Rink, Barbara (2015): Wissenschaftliche Begleitung der Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland. Abschlussbericht der ersten Projektphase. München

Hofmann-van de Poll, Frederike/Pelzer, Marit (2018a): Acht Jahre Bund-Länder Zusammenarbeit im Bereich europäischer Jugendpolitik. Möglichkeiten, Chancen und Herausforderungen. Vortrag am 07.11.2018 in Berlin

Hofmann-van de Poll, Frederike/Pelzer, Marit (2018b): Acht Jahre Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland. Ergebnisse, Spannungsfelder und Perspektiven. Vortrag am 08.11.2018 in Berlin

Hofmann-van de Poll, Frederike/Riedle, Stephanie/Friedrich, Patricia (2019): Transferring european youth policy into local youth policy. In: Youth & Policy, Open Access Journal

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