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Prävention gegen Extremismus
Die Ursachen für eine Radikalisierung im Jugendalter sind vielfältig. Sie reichen von gesellschaftlichen Entwicklungen bis zu familialen und individuellen Faktoren.Nicht jeder Jugendliche, der eine radikale Position vertritt, sollte pauschal unter Extremismusverdacht gestellt werden.
Von Björn Milbradt
In den vergangenen Jahren haben Polarisierungs- und Radikalisierungstendenzen erhebliche Aufmerksamkeit in Wissenschaft, Politik und der Bildungs- und Präventionspraxis erhalten. Europaweite Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien, die Radikalisierung und Hinwendung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zum „Islamischen Staat“ oder Ausschreitungen bei linksextremen Demonstrationen (wie etwa den teils gewalttätigen Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg) lösen Besorgnis aus. Wie kann die Gesellschaft adäquat auf diese Herausforderungen reagieren?
Radikalisierung im Jugendalter
Jugendliche sind in besonderem Maß auf der Suche nach Sinn, nach ihrer gesellschaftlichen und privaten Rolle sowie nach Orientierung. Sie befinden sich in teilweise konflikthaften Ablösungsprozessen von den Eltern und meistern vielfältige Entwicklungsaufgaben. Sie müssen sich in einer komplexen und teils unsicheren Welt zurechtfinden, in der einfache Erklärungen und eindimensionale Identitätskonstruktionen eine erhebliche Anziehungskraft bekommen können. Diese Lebenssituation nutzen extremistische Akteure, indem sie mit speziell auf Jugendliche zugeschnittenen Angeboten auf diese zugehen, um die jungen Menschen für ihre Ideologien und Organisationen zu gewinnen.
Ein wichtiger Aspekt der Radikalisierungsforschung ist deshalb, Ursachen und Gründe für Radikalisierungs- und Hinwendungsprozesse im Jugendalter zu ermitteln. Aufgabe ist dabei nicht nur eine umfassende Analyse der Prozesse, sondern auch die Entwicklung von Konzepten für eine möglichst passgenaue Präventionspraxis.
Demokratische Haltungen können radikal sein, aber nicht jede radikale Haltung ist demokratisch.
Professionell Handeln bei Verdacht auf Radikalisierung
Selbstverständlich gehören Aushandlungen und Konflikte um die „richtige“ Politik und die gute Gesellschaft zu einer lebendigen Demokratie. Eine Gefahr ist es, Jugendliche unter Generalverdacht zu stellen oder gar zu stigmatisieren und damit die Präventions- oder Deradikalisierungsarbeit zu erschweren. Bei der Einordnung und Analyse, ob es sich um einen Jugendlichen handeln könnte, der Tendenzen einer Hinwendung zu extremistischen Akteuren zeigt, ist daher zuallererst eine professionelle (sozial-)pädagogische Haltung und entsprechendes Wissen über mögliche Anzeichen, Szenecodes, extremistische Ideologien und Akteure sowie ein entsprechend sensibles Vorgehen notwendig. Denn Jugendliche finden oftmals ganz von alleine aus solchen Phasen der Annäherung an extremistische Akteure wieder hinaus. Hierfür gibt es viele Erklärungen: Die Gründung einer Familie führt zu neuen und anderen Entscheidungen und gefestigten Lebensentwürfen, die Gewalt der Akteure schreckt ab oder die Sicht auf die Ideologie verändert sich. Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen aus der Regelpraxis der Kinder- und Jugendhilfe sowie Lehrerinnen und Lehrer stehen daher vor der Herausforderung, möglichst frühzeitig Radikalisierungsprozesse bei Jugendlichen zu erkennen, gleichzeitig jedoch nicht in Alarmismus zu verfallen.
Allein der Wunsch, einen Gebetsraum einzurichten oder auf Schweinefleisch zu verzichten, muss nicht gleich ein Hinweis auf die Radikalisierung hin zum gewaltorientierten Islamismus sein, nicht jede Forderung nach schärferen Grenzkontrollen ein Zeichen für rechtsextreme Orientierung. Das bedeutet: Nicht jede radikale Haltung oder Einstellung ist ein Anlass zur Radikalisierungsprävention. „Moderne, demokratische Gesellschaften leben immer auch ein Stück weit von radikalen Ideen, und erst wenn das Gewohnte und Konventionelle überschritten wird, können sie sich erneuern oder weiterentwickeln“, sagt Dr. Björn Milbradt, Leiter der „Fachgruppe Politische Sozialisation und Demokratieförderung“ am Deutschen Jugendinstitut (DJI) und fasst zusammen: „Demokratische Haltungen können radikal sein, aber nicht jede radikale Haltung ist demokratisch.“
Radikalisierungsprävention und Demokratieförderung
Von der Radikalisierungsprävention zu unterscheiden ist die Demokratieförderung. Während Prävention im Wortsinne auf die Verhinderung bestimmter Zustände (etwa der Mitgliedschaft in extremistischen Vereinigungen oder der politisch motivierten Gewaltbereitschaft) zielt, sind Demokratieförderung wie auch Prozesse politischer Bildung darauf gerichtet, am Erreichen eines gesellschaftlich gewünschten Zustands von Demokratie und der Mündigkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger mitzuwirken. Insofern kann Radikalisierungsprävention ein Teil von Demokratieförderung sein oder politische Bildung ein Element eines Präventionsprojekts.
Eine der Grundlagen moderner, pluralistischer und demokratischer Gesellschaften sind politische Sozialisationsprozesse, die zur Bildung vernünftiger, mündiger und urteilsfähiger Staatsbürgerinnen und Staatsbürger führen. Erst wenn gesellschaftliche, familiäre und individuelle Sozialisationsinstanzen und -prozesse scheitern, kann und sollte Radikalisierungsprävention erfolgen und beispielsweise anhand der Diagnose bestimmter Risikofaktoren oder konkreter Anzeichen von Radikalisierung tätig werden.
In Deutschland gibt es mittlerweile vielfältige Ansätze, Projekte und Programme von Radikalisierungsprävention und Demokratieförderung. So werden im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ zahlreiche Akteure und Initiativen gefördert, die mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeiten. Sie versuchen dabei nicht nur, das Entstehen demokratischer Haltungen zu fördern und Radikalisierungsprozesse zu verhindern. Es geht insbesondere auch darum, Jugendliche beispielsweise für die Funktionsweise von Vorurteilen zu sensibilisieren oder diskriminierungskritische Haltungen zu fördern sowie gesellschaftlich marginalisierten Gruppen mit Empowerment-Ansätzen in der Artikulation von Interessen zu bestärken und zu unterstützen.
Forschungsschwerpunkt am DJI in Halle
Am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in Halle (Saale) arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Fachgruppe „Politische Sozialisation und Demokratieförderung“ an den Forschungsthemen Demokratieförderung, Radikalisierungsprävention und Prozessen politischer Sozialisation. Dazu gehört beispielsweise die Programmevaluation und wissenschaftliche Begleitung des Bundesprogramms „Demokratie leben!“. Die Fachgruppe untersucht, wie sich das Programm und seine einzelnen Bereiche entwickeln, auf welche organisatorischen, pädagogischen und gesellschaftlichen Herausforderungen die Programmakteure treffen, wie sie damit umgehen, und welche Resonanzen Programmakteure erzeugen. In der DJI-Außenstelle in Halle ist auch die „Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Radikalisierungsprävention“ (AFS) angesiedelt. Hier werden mit den Mitteln qualitativer Sozialforschung Hinwendungs- und Radikalisierungsprozesse bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen untersucht und in praxisrelevantes Wissen überführt. Weitere Themen sind Bearbeitungsformen lokaler Konflikte im Kontext von Migration und Religion sowie die Aufbereitung von radikalisierungs- und extremismusbezogenen Arbeits- und Forschungsergebnissen für die Fachpraxis.
Entwicklung der Radikalisierungsprävention in Deutschland
Insgesamt ist gerade in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme sowohl von Bemühungen zur Radikalisierungsprävention wie auch zur Erforschung entsprechender Phänomene zu beobachten, wobei in Deutschland seit langem eine vielfältige, (sozial-)pädagogisch ausgerichtete Präventionspraxis existiert.
Trotz der gesellschaftlichen Entwicklungen ist darauf zu achten, Präventionslogiken nicht auf immer weitere Bereiche der Gesellschaft auszuweiten und beispielsweise politische Bildung nur noch unter präventiven Gesichtspunkten einzusetzen, anstatt sie als einen selbstverständlichen Teil der Reproduktion demokratischer Gesellschaften und mündiger Bürger zu betrachten. Auch und gerade Jugendliche haben ein Recht auf die Herausbildung eigenständiger politischer Haltungen und Positionen, die Erwachsenen nicht immer gefallen müssen und die deshalb nicht von vornherein schon unter einer „Logik des Verdachts“ betrachtet werden sollten.
Gerade in Bezug auf neues politisches Engagement von Jugendlichen, wie etwa den „Fridays for Future“-Protesten, besteht auch gesellschaftliches Interesse an Prozessen politischer Sozialisation und politischer Bildung bei jungen Menschen und an ihren Positionen und Haltungen. Hier könnten beispielsweise lebenswelt- und lebenslagenorientierte Forschungsvorhaben zu Bedingungen und Ausformungen (informeller) politischer Sozialisation wichtige Hinweise darauf liefern, wie solche Prozesse bei Jugendlichen gegenwärtig ablaufen.
Nach wie vor besteht aber außerdem ein Bedarf daran, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, unter welchen Bedingungen und Einflussfaktoren junge Menschen sich extremistischen, demokratiefeindlichen Akteuren und Ideologien zuwenden, etwa in Bezug auf spezifische Verläufe und ihre biografischen Hintergründe oder die Einflüsse von Peergroups, Eltern oder digitalen Medien.
Milbradt, Björn/Schau, Katja/Greuel, Frank (2019): (Sozial)pädagogische Praxis im Handlungsfeld Radikalisierungsprävention – Handlungslogik, Präventionsstufen und Ansätze. Gutachterliche Stellungnahme für den 24. Deutschen Präventionstag
Milbradt, Björn (2019): (Neue) Evaluationskultur in der Radikalisierungsprävention? Forschungsmethoden, Akteurskonstellationen und Logik(en) der Praxis
Milbradt, Björn (2018): Über autoritäre Haltungen in „postfaktischen“ Zeiten. Budrich
Milbradt, Björn/Heinze, Franziska/König, Frank (2018): Politische Bildung in einer Welt des Umbruchs. DJI Impulse 1/2018
Hohnstein, Sally/Herding, Maruta (Hrsg.) (2017): Digitale Medien und politisch-weltanschaulicher Extremismus im Jugendalter. Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis. Reihe: Publikationen der AFS. Band 13. Halle (Saale)
Glaser, Michaela/Frank, Anja/Herding, Maruta (Hrsg.) (2018): Gewaltorientierter Islamismus im Jugendalter. Perspektiven aus Jugendforschung und Jugendhilfe. 2. Sonderband Sozialmagazin. 1. Aufl. Weinheim Basel: Beltz Juventa
Reiter, Stefanie/Buchheit, Frank/Strobl, Rainer (2019): Evaluation deradikalisierender Maßnahmen – Wirkungen der Prävention gegen gewaltbereiten Extremismus bestimmen. In: Zeitschrift für Evaluation. 18 Jg., H. 1, S. 171-178
Schau, Katja/Langner, Joachim/Glaser, Michaela/Figlestahler, Carmen (2018): Confronting Anti-Democratic and Violent Islamism. An Overview of Developments and Challenges in a New Pedagogical Field. In: Kärgel, Jana (Hrsg.): "They Have No Plan B". Radicalization, Departure, Return - Between Prevention and Intervention. Bonn, S. 173-186