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Bildungsübergänge verfestigen soziale Ungleichheit

Von der Kita bis zum Berufseinstieg: Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, warum sich soziale Benachteiligungen an den Schnittstellen des Bildungssystems häufig verschärfen. Die neue Ausgabe des Forschungsmagazins DJI Impulse bündelt Erkenntnisse und diskutiert Lösungsansätze.

29. Juli 2026 -

Bildungschancen bleiben in Deutschland weiterhin ungleich verteilt. Gerade an den zahlreichen Übergängen im Bildungssystem zeigt sich, wie eng Bildungserfolg noch immer mit der sozialen Herkunft verknüpft ist. Statt Benachteiligungen auszugleichen, tragen diese entscheidenden Weichenstellungen oft dazu bei, Ungleichheiten zu verstärken. Besondere Risiken bestehen für junge Menschen mit Behinderungen sowie sozioökonomisch benachteiligte Kinder und Jugendliche. Dazu gehören Kinder aus Familien mit niedriger formaler Bildung, aus armutsgefährdeten Haushalten oder aus Familien, denen finanzielle Mittel für grundlegende Bedürfnisse fehlen. Dies belegen neue Forschungsergebnisse des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und von Kooperationspartnern, die in der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins DJI Impulse mit dem Titel „Bildung ohne Barrieren. Wie sich Übergänge chancengerechter gestalten lassen“ veröffentlicht wurden. 

„Damit Bildungsübergänge gelingen, müssen Unterstützungsangebote über den gesamten Bildungsweg hinweg ineinandergreifen – statt an institutionellen Zuständigkeiten zu enden“, betonte Prof. Dr. Susanne Kuger, Forschungsdirektorin des Deutschen Jugendinstituts (DJI) anlässlich der Magazinveröffentlichung. „Notwendig dafür ist die Änderung der Perspektive: Wir müssen die einzelnen Systeme, also Bildung, Soziales, Gesundheit und andere, nicht mehr nur in und für sich alleinstehend weiterentwickeln, sondern deren gemeinsamen Möglichkeiten konsequent vom Kind, vom Jugendlichen und deren Familien aus denken. So kann man zugleich Bedarfslücken schließen und Doppelstrukturen reduzieren. 

Ein Viertel der Kinder zeigt vor Schuleintritt sprachliche Entwicklungsauffälligkeiten 

Bildungsungleichheiten entstehen bereits lange vor dem Schulstart. Dies zeigen Analysen der Schuleingangsuntersuchungen, die DJI-Forschende erstmals für den nationalen Bildungsbericht 2026 durchführten. Zwar unterscheiden sich die Bundesländer bezüglich Diagnoseverfahren, Erhebungszeitpunkten und Datenaufbereitung, doch lässt sich bei den untersuchten Kindern im Zehnjahresvergleich eine deutliche Zunahme von Entwicklungsauffälligkeiten erkennen. Das betrifft sprachliche, mathematische und kognitive Vorläuferfähigkeiten für Lesen, Schreiben und Rechnen. Bundesweit zeigte im Jahr 2025 ein Viertel der untersuchten Kinder vor der Einschulung Entwicklungsauffälligkeiten im Bereich Sprache. 

Der frühen Bildung in Kindertageseinrichtungen kommt bei der Herstellung von Chancengerechtigkeit damit eine zentrale Rolle zu. Doch obwohl Kinder unter 3 Jahren aus sozioökonomisch benachteiligten Familien von dieser Lernumwelt stark profitieren können, besuchen sie der DJI-Kinderbetreuungsstudie KiBS zufolge besonders selten eine Kita. Im Jahr 2024 betrug die Beteiligungsquote bei Kindern von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss 20 Prozent, bei Kindern von Eltern mit hohem Bildungsabschluss 39 Prozent – und war somit fast doppelt so hoch. Dass die Politik den weiterhin großen Handlungsbedarf mit Blick auf die frühe Bildung erkennt, verdeutlicht das Interview mit Bundesbildungs- und Familienministerin Karin Prien.

DJI-Forschungsdirektorin Susanne Kuger: „Diagnostik allein verbessert noch keine Bildungschancen“

Wie früh Unterstützungsbedarfe erkannt und Bildungsbenachteiligungen reduziert werden können, hängt auch von Diagnostik und Förderung vor dem Schuleintritt ab. DJI-Analysen zufolge verpflichten bislang nur acht Bundesländer Kinder bei festgestelltem Bedarf zur Teilnahme an einer Fördermaßnahme. Zudem gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen, teilweise parallelen Diagnoseverfahren, was Kinder belasten kann. 

„Eine Zusammenlegung der verschiedenen gebräuchlichen Verfahren für die Sprachstandserhebung, Entwicklungsdokumentation und Schuleingangsuntersuchung ist eine wichtige Grundlage – Diagnostik allein verbessert jedoch noch keine Bildungschancen“, betont Kuger. „Erst wenn auf erkannte Förderbedarfe passgenaue Angebote folgen und dafür ausreichend qualifiziertes Personal sowie finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen, entfalten Diagnostik und Bildungsmonitoring ihren Nutzen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass mehr Diagnostik vor allem zu mehr Selektion führt.“ Wie sich dies insbesondere bei Kindern mit Behinderungen jetzt schon negativ auswirkt und dem politisch angestrebten inklusiven Bildungssystem entgegenläuft, erläutert im Magazin Bildungsforscher Prof. Dr. Markus Gebhardt von der Ludwig-Maximilians-Universität.

Hohe Bildungsmotivation, ungenutztes Potenzial: Viele benachteiligte Eltern und Kinder haben hohe Bildungsziele

Auch im weiteren Bildungsverlauf verfestigen institutionelle Übergänge bestehende Ungleichheiten, statt sie abzubauen. Das zeigt sich insbesondere beim Übertritt von der Grundschule in die weiterführende Schule, wo die soziale Herkunft oftmals stärker wirkt als die tatsächlichen Leistungsunterschiede der Kinder. Sie prägt die schulischen Kompetenzen, die Übergangsempfehlungen der Lehrkräfte und nach wie vor die Bildungsaspirationen, also die Bildungsziele, der Eltern. Bislang unveröffentlichte Ergebnisse des DJI-Surveys „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“, kurz AID:A, zeigen: Sozioökonomisch benachteiligte Eltern wünschen sich für ihre Kinder deutlich seltener das Abitur als finanziell besser gestellte und höher gebildete Eltern (siehe Abbildung). Gleichzeitig machen die Ergebnisse deutlich, dass die Mehrheit der befragten benachteiligten Kinder und Eltern ebenso hohe Bildungsziele verfolgt. Die Motivation für Bildung ist also groß. „Dieses Potenzial sollte noch mehr für die individuelle Förderung der Kinder genutzt werden“, empfehlen die DJI-Bildungsforscherinnen Dr. Mirjam Weis und Dr. Christine Steiner in ihrem Beitrag.

Jährlich münden etwa eine Viertelmillion Jugendliche in den Übergangssektor 

Mit der dualen Berufsausbildung in Deutschland verbindet sich die Erwartung, Benachteiligungen schulischer Bildung zumindest teilweise auszugleichen. Doch aktuellen Daten zufolge steht Jugendlichen ohne oder mit Erstem Schulabschluss (Hauptschulabschluss) heute nurmehr ein schmales Segment an Ausbildungsberufen mit meist niedrigem Prestige offen, warnen DJI-Bildungsforscherin Prof. Dr. Birgit Reißig und Prof. Dr. Susan Seeber, Wirtschaftspädagogin der Georg-August-Universität Göttingen, in ihrem Beitrag. Längst habe sich der Mittlere Schulabschluss zur dominanten Ausbildungsvoraussetzung im dualen System entwickelt. Auch deshalb mündeten jährlich circa eine Viertelmillion Jugendliche in den sogenannten Übergangssektor. Dieser solle zwar den Einstieg in eine Ausbildung erleichtern, könne aber durch wiederholte Wechsel zwischen Fördermaßnahmen den Weg in eine reguläre Ausbildung verzögern und damit stabile berufliche Perspektiven erschweren. Angesichts des sinkenden Angebots betrieblicher Ausbildungsplätze bei nach wie vor hoher Nachfrage, empfiehlt Gastautor Hubert Ertl, Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), die Unterstützung beim Übergang zwischen Schule und Beruf auszubauen und vorhandene Instrumente bekannter zu machen.

Nebenjobs während der Schulzeit ebnen den Weg in die berufliche Bildung

Auch Nebenjobs, Praktika, ehrenamtliche Tätigkeiten können beim Übergang in Ausbildung oder Studium eine bedeutende Rolle spielen, wie bislang unveröffentlichte AID:A-Auswertungen nahelegen. Demnach finden Jugendliche, die schon während der Schulzeit nebenbei arbeiten, schneller ihren Weg in die berufliche Bildung als Gleichaltrige ohne entsprechende Erfahrungen. Allerdings zeigt sich bei diesen frühen praktischen Arbeitserfahrungen ebenso: Obwohl Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien besonders davon profitieren könnten, nutzen bislang vor allem Jugendliche aus sozial besser gestellten Familien diese Gelegenheit. Lediglich ein Fünftel aller 14- bis 17-Jährigen hat einen Nebenjob.

Strukturreformen brauchen passende regionale Lösungen

Dass insbesondere Kommunen und Landkreise großen Einfluss auf die Entwicklung von Bildungsstrukturen haben, zeigen Forschungsergebnisse des DJI-Projekts „Inklusion in der beruflichen Bildung“ (InBiT), das den Fokus auf inklusive Strukturen beim Übergang in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt legt. Junge Menschen mit Behinderungen stoßen demnach auf zahlreiche Barrieren, jedoch lässt sich dem entgegenwirken, wenn passende regionale Lösungen für Strukturreformen entwickelt werden. Datenbasiertes Bildungsmanagement und systematisches Monitoring helfen dabei, Bildungswege stringent zu gestalten und auch der Abwanderung von jungen Menschen aus strukturschwachen Gegenden frühzeitig zu begegnen, erläutern Wissenschaftler:innen der DJI-Abteilung „Übergänge im Jugendalter“ in ihren Analysen.

Das Forschungsmagazin DJI Impulse berichtet über die wissenschaftliche Arbeit am DJI, einem der größten sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitute in Deutschland. Regelmäßig schreiben Forschende über relevante Themen aus den Bereichen Kindheit, Jugend, Familie sowie Bildung und liefern Impulse für Politik, Wissenschaft und Fachpraxis. 
 

Alle Artikel aus dem DJI-Impulse-Schwerpunkt „Bildung ohne Barrieren. Wie sich Übergänge chancengerechter gestalten lassen“Gesamtausgabe DJI Impulse 2+3/2026 „Bildung ohne Barrieren“ (kostenloser Download oder Print-Bestellung)DJI-Videocast Perspektiven mit Prof. Dr. Birgit Reißig „Wie sich soziale Ungleichheiten im Bildungssystem besser ausgleichen lassen“ 


Kontakt
Birgit Lindner
Abteilung Medien und Kommunikation
089/62306-180
blindner@dji.de

Prof. Dr. Susanne Kuger
DJI-Forschungsdirektorin
089/62306-322
kuger@dji.de