Wirtschaftliche Eigenständigkeit von Frauen stärken
Welche Faktoren die finanzielle Unabhängigkeit erschweren und wie sie sich verbessern lässt diskutierte DJI-Familienökonomin Prof. Dr. Christina Boll in Dresden unter anderem mit Bundesfamilienministerin Karin Prien und weiteren Vertreterinnen aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft

© Florian Gaertner/BMBFSFJ/photothek.de
Wer finanziell auf eigenen Beinen steht, kann den eigenen Lebensunterhalt dauerhaft sichern – auch in Lebensphasen, die mit Umbrüchen oder Unsicherheiten verbunden sind, etwa bei beruflichen Veränderungen, Trennung, Krankheit oder im Alter. Damit ist wirtschaftliche Eigenständigkeit eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, Selbstbestimmung und materielles Wohlergehen. Insbesondere im Zusammenhang mit Familiengründung und Sorgearbeit zeigen sich anhaltende Unterschiede in der wirtschaftlichen Eigenständigkeit von Frauen und Männern: Nur 28 Prozent der Frauen mit Kindern unter sechs Jahren schätzen sich als wirtschaftlich eigenständig ein, während dieser Anteil mit 49 Prozent bei Männern deutlich höher liegt, zeigt eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) aus dem Jahr 2025. Auch mit zunehmendem Alter der Kinder bleiben die Unterschiede bestehen.
Viele Paare wünschen sich eine partnerschaftliche Aufteilung von Kinderbetreuung und Hausarbeit. Tatsächlich tragen jedoch meist Frauen – unabhängig vom Umfang ihrer Erwerbstätigkeit – den Großteil der unbezahlten Arbeit. Warum Wunsch und Wirklichkeit so häufig auseinanderklaffen, welche strukturellen Veränderungen dafür nötig wären und wie das digitale Tool der sogenannten Lebenskarte das Finanzwissen (economic literacy) junger Menschen stärken kann, diskutierten Bundesfamilienministerin Karin Prien, Sachsens Staatsministerin Petra Köpping, Pippa Kolmer von FiscalFuture, Prof. Dr. Katharina Wrohlich vom DIW Berlin sowie Prof. Dr. Christina Boll, Leiterin der Familienabteilung am Deutschen Jugendinstitut (DJI) auf der Veranstaltung „Wirtschaftliche Eigenständigkeit: Ein neues Leitbild für die Gleichstellungspolitik“ am 18. Juni 2026 in Dresden.
Dass junge Menschen eine egalitäre Aufteilung von Familienaufgaben wünschen, diese dann aber mit dem ersten Kind nicht realisieren, liege unter anderem an ungleichen Verdienstperspektiven junger Männer und Frauen schon vor der Familiengründung, sagte Familienökonomin und -soziologin Christina Boll. Diese hingen auch mit einer geschlechtsspezifischen Berufswahl zusammen und führten dazu, dass traditionelle Aufgabenteilungen von Paaren als ökonomisch vernünftig angesehen würden. Die kurzfristige Maximierung der Haushaltskasse sei für Frauen mittel- und langfristig allerdings eine riskante und teure Strategie, warnte Boll. Für Frauen mit Hochschulabschluss summiere sich das verlorene Bruttolohneinkommen bei zweimaliger Erwerbsunterbrechung mit anschließenden Teilzeitphasen allein bis zum Alter von 45 Jahren auf rund 528.000 Euro.
Damit junge Menschen informierte Entscheidungen für ihren Berufs- und Familienweg treffen könnten, müssten Schulen stärker über die finanziellen Folgen männlicher Hauptverdienermodelle für das Familieneinkommen aufklären, so Boll weiter. Analysen des DJI zeigten zudem, dass sich Care-Biografien geschiedener Mütter langfristig auch in der gesetzlichen Altersrente niederschlagen. Christina Boll und Katharina Wrohlich vom DIW betonten, dass die finanziellen Nachteile von Teilzeit – insbesondere für Frauen – häufig unterschätzt würden: Wenige wüssten, dass auch der Stundenlohn in Teilzeit meist niedriger als in Vollzeit sei und über den Erwerbsverlauf kaum ansteige. Dies schmälere nicht nur das Einkommen während der Erwerbsphase, sondern wirke sich langfristig wiederum negativ auf die Höhe der Altersrente aus.
„Wirtschaftliche Eigenständigkeit ist eine zentrale Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Und Frauen haben hierbei noch viel aufzuholen“, betonte Boll. Dafür brauche es mit Blick auf den Arbeitsmarkt eine bewusste und nachhaltige Einbindung von Frauen, eine frühe Bildung, die Kinder für stereotype Rollenbilder sensibilisiert sowie mehr Arbeitszeitflexibilität und positive Rollenvorbilder in den Unternehmen. Nicht zuletzt, so Boll, komme es aber auch auf die Frauen selbst an, eine partnerschaftliche Aufgabenteilung immer wieder neu einzufordern.
Im Anschluss an das Podiumsgespräch präsentierten die Veranstalter die weiterentwickelte Website über die sogenannte Lebenskarte. Sie bündelt Informationen, Beratungsangebote und digitale Hilfen zu zentralen Lebensstationen wie Ausbildung, Studium und Berufsorientierung, Partnerschaft und Ehe, Trennung und Scheidung oder Rente und Altersvorsorge. Beim Thema Trennung und Scheidung wird auf die Online-Plattform STARK verwiesen, die unter Beteiligung von DJI-Forschenden entwickelt wurde und Paaren in der Krise, Eltern in der Trennungsphase sowie Kindern und Jugendlichen wichtige Informationen und Zugang zu Unterstützung bietet. Anhand des neu in die Lebenskarte integrierten „Lohn-O-Mat“ können Interessierte berechnen, welche finanziellen Auswirkungen unterschiedliche berufliche und private Entscheidungen haben können.
Die Veranstaltung war Teil der bundesweiten Aktionswoche „Finanziell auf eigenen Füßen stehen: die Bund-Länder-Aktionswoche zur wirtschaftlichen Eigenständigkeit“, die das BMBFSFJ und die Arbeitsgruppe „Arbeitsmarkt für Frauen“ der Gleichstellungs- und Frauenministerkonferenz (GFMK) initiierten.
Zur Website https://lebenskarte.info/
Kontakt
Prof. Dr. Christina Boll
Leiterin der Abteilung „Familie und Familienpolitik“
089 62306-255
boll@dji.de
Uta Hofele
Abteilung Medien und Kommunikation
089/62306-446
hofele@dji.de