„Verlorenes Vertrauen in die Kita kehrt nicht mit ein paar zusätzlichen Stellen zurück"
Ein Gespräch mit DJI-Forschungsdirektorin Prof. Dr. Susanne Kuger über den neuen Policy Brief zu ungeplanten Kita-Schließungen infolge des Personalmangels – und den politischen Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind
Längere Erkrankungen, unbesetzte Stellen, kurzfristige Kündigungen. Aufgrund der angespannten Personalsituation, insbesondere in westdeutschen Kitas, kommt es immer wieder zu verkürzten Öffnungszeiten oder vorübergehenden Schließungen von Gruppen. Die aktuellen Daten der DJI-Kinderbetreuungsstudie (KiBS) zeigen: 42 Prozent aller Kita-Kinder in Deutschland sind von ungeplanten Schließungen betroffen, rund 1,13 Millionen Kinder. Dem aktuellen ERiK-Forschungsbericht des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zufolge gaben im Jahr 2024 mehr als zwei Drittel der Kita-Leitungen an, dass sie in den sechs Monaten vor der Befragung längere Personalausfälle ausgleichen mussten, im Durchschnitt an zwei von fünf Tagen pro Woche. Aktuelle Analysen der DJI-Kinderbetreuungsstudie und der Corona-Kita-Studie zeigen: Die Schließungen haben direkte Auswirkungen auf Eltern und Kinder. In dem neu erschienenen Policy Brief mit dem Titel “Von der Systemrelevanz zur Vertrauenskrise” fassen die DJI-Wissenschaftler:innen Dr. Franz Neuberger, Mariana Grgic und Prof. Dr. Susanne Kuger ihre Befunde zu Kita-Schließungen aufgrund von Personalmangel zusammen und formulieren Schlussfolgerungen für Politik und Praxis.
DJI Redaktion: Frau Prof. Dr. Kuger, warum sind ungeplante Kita-Schließungen aus Ihrer Perspektive nur der sichtbare Endpunkt einer längeren Entwicklung?

Prof. Dr. Susanne Kuger: Die Schließung ist das Symptom, nicht die Ursache. Was Eltern als kurzfristige Nachricht am Morgen erleben, etwa „Wenn möglich bitte heute das Kind zuhause lassen" oder „Wir müssen heute eine Gruppe schließen", ist tatsächlich das letzte Glied einer Kette, die viel früher beginnt: bei einem Fachkräftemangel, der das System seit Jahren strukturell unterhöhlt. In vielen Regionen in Westdeutschland fehlt aktuell Personal und es ist davon auszugehen, dass das dort auch für die kommenden Jahre gelten wird. Wenn in einer Einrichtung dann zwei Kolleginnen gleichzeitig krank werden oder Stellen unbesetzt bleiben, ist eine Gruppen- oder Einrichtungsschließung oft die einzige Möglichkeit, das gesetzlich vorgeschriebene Verhältnis von Personal zu betreuten Kindern überhaupt einzuhalten.
Bemerkenswert ist, dass zwei unabhängige Perspektiven, die wir beide empirisch erheben, dieses Bild bestätigen. Anhand der DJI-Kinderbetreuungsstudie haben wir Daten zur Elternsicht: Bei kürzeren Schließungen geben etwa 77 Prozent der Eltern akute Personalausfälle als Grund an, bei längeren Schließungen sind es 88 Prozent. Zum anderen wissen wir aus der ERiK-Leitungsbefragung unseres Instituts, deren Befunde auch in den aktuellen Monitoringbericht der Bundesregierung zum Kita-Qualitätsgesetz eingeflossen sind: Im Jahr 2024 mussten 71 Prozent der Einrichtungsleitungen Gruppen zusammenlegen, 65 Prozent haben Öffnungszeiten temporär reduziert und 30 Prozent konnten Stellen länger als sechs Monate nicht nachbesetzen.
Elternperspektive und Leitungsperspektive konvergieren, und das ist ein starkes Signal. Denn das heißt: Wir reden nicht mehr von Ausnahmesituationen, wie wir sie aus Zeiten der Coronapandemie kennen, sondern von einer wahrscheinlich mittlerweile chronischen Instabilität. Die Pandemie war der erste Moment, in dem die Verwundbarkeit dieses Systems sichtbar wurde. Aber sie hat das Problem nicht erzeugt. Sie hat es nur freigelegt.
Wie wirkt sich diese Entwicklung auf Kinder und Eltern aus?
In einer aktuellen Studie haben wir auf Basis der Daten von rund 14.900 Müttern erstmals kausale Schätzungen vorgelegt. Wir sehen einen klaren Dosis-Wirkungs-Effekt: Je länger die Schließung, desto stärker die negativen Folgen, sowohl für das Wohlbefinden der Mütter als auch für das der Kinder. Längere Schließungen reduzieren das mütterliche Wohlbefinden um etwa 0,2 Standardabweichungen; beim kita-bezogenen Wohlbefinden der Kinder zeigen sich Effekte in vergleichbarer Größenordnung. Das ist in der Forschung eine substantielle Effektgröße.
Der eigentlich interessante Befund liegt aber tiefer. Schließungen wirken nicht primär durch den organisatorischen Ausfall selbst, sondern über die Qualität der Beziehungen, die in den Einrichtungen erlebt werden. Wenn ständig Personal fehlt, leiden die Interaktionen zwischen Fachkräften, Kindern und Eltern. Und genau das wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden aus. Beim Gesamtwohlbefinden der Kinder lassen sich rund 89 Prozent des Effekts auf diesen Zusammenhang zurückführen.
In unserem Policy Brief analysieren wir auf Basis empirischer Befunde: Eltern erleben nicht nur, dass die Kita ungeplant schließt, sondern auch, dass in Einrichtungen, die häufiger ungeplant schließen müssen, gleichzeitig im laufenden Betrieb Öffnungszeiten gekürzt, Angebote für Kinder eingeschränkt und Bezugspersonen häufiger gewechselt werden. Das alles summiert sich zu einer Erfahrung von Unzuverlässigkeit. Die Schließung ist gewissermaßen nur die sichtbare Spitze eines viel breiteren Qualitätsproblems.
Welche Familien sind von den Folgen der Schließungen am stärksten betroffen?
Hier zeigt sich ein zunächst paradoxes Bild, je nachdem wie man „betroffen“ definiert: Auf der einen Seite berichten uns Familien mit Migrationshintergrund, Familien in belasteten Wohnquartieren und Familien mit jüngeren Kindern häufiger von ungeplanten Schließungen als andere Familien.
Auf der anderen Seite sind es nicht primär diese klassisch benachteiligten Familien, die unter Schließungen am stärksten leiden, sondern jene mit den höchsten Erwartungen an das System. Die stärksten negativen Effekte auf das mütterliche Wohlbefinden finden wir bei Familien mit hohem Einkommen und zwei vollzeit-erwerbstätigen Elternteilen sowie bei erwerbstätigen Alleinerziehenden.
Der Grund ist nicht, dass diese Familien empfindlicher wären. Der Grund ist die fehlende Pufferkapazität. Wer keine Großeltern um die Ecke hat, die einspringen können, keinen flexiblen Arbeitgeber, keine private Betreuung im Hintergrund, ist dem Problem eher ausgeliefert. Die Verfügbarkeit alternativer Betreuung ist über alle unsere Analysen hinweg die wichtigste Moderatorvariable. Die Kita ist für diese Familien keine Zusatzleistung, sondern Infrastruktur, genauso wie der ÖPNV und Elektrizität.
Dieses Bild wird durch weitere aktuelle Daten gestützt. Aus Erwerbspersonenbefragungen wissen wir, dass derzeit mehr als die Hälfte der erwerbstätigen Eltern in Deutschland regelmäßig mit Schließungen oder Kürzungen der Betreuungszeiten konfrontiert ist. Und auch dort zeigt sich klar, wer die Last trägt: Bei der Bewältigung übernehmen Mütter weiterhin überproportional die organisatorische und emotionale Arbeit. Die Unzuverlässigkeit der Betreuung wirkt damit nicht geschlechtsneutral; sie verstärkt eine ohnehin ungleiche Verteilung der Sorgearbeit. Das konnte man schon während der Pandemie beobachten: In den meisten Fällen bleibt die Mutter zuhause, wenn die Kita ausfällt. Bei den Kindern gibt es ebenfalls einen geschlechtsspezifischen Effekt: Mädchen reagieren etwas stärker als Jungen auf Beziehungsabbrüche.
Auch für die Politik ist das eine zentrale Erkenntnis: In Deutschland wurde jahrzehntelang ein Modell propagiert, in dem beide Elternteile erwerbstätig sein sollen, und in dem die Kita diesen Lebensentwurf öffentlich absichert. Wenn das System dieses Versprechen nicht mehr verlässlich einlöst, werden genau jene Familien am härtesten getroffen, die sich auf das Versprechen verlassen haben. Und innerhalb der Familien trifft es die Mütter.
Familien mit Einwanderungsgeschichte wollen institutionelle Bildung zunehmend nutzen, berichten aber häufiger, kein passendes Angebot zu finden.
Das ist einer der bemerkenswertesten und zugleich einer der beunruhigendsten Befunde im Policy Brief: Hier tut sich eine Schere auf. Vor sechs Jahren, also 2018/19, gaben 63 Prozent der Familien mit Einwanderungsgeschichte, deren Kindergartenkind keine Kita besuchte, an, dass sie das Kind selber erziehen wollten. Heute, 2023/24, sind es nur noch 49 Prozent. Die Nachfrage steigt also deutlich: Kulturelle Vorbehalte schwinden, die Bereitschaft zur Nutzung wächst, die institutionelle Bildung wird angenommen. Parallel dazu ist der Anteil derjenigen deutlich gestiegen, die „vor Ort kein Angebot" als Grund für die Nicht-Nutzung nennen - von 24 auf 40 Prozent. Und quer durch alle Familientypen nehmen auch Qualitätsbedenken zu. Das ist die eigentliche Schere: Das System wird symbolisch geöffnet, bleibt praktisch aber geschlossen.
Wie ist dieser Befund zu erklären?
Die Erklärung ist mehrschichtig. Erstens leben Familien mit Einwanderungsgeschichte überdurchschnittlich oft in städtischen Räumen mit angespannter Versorgungslage, also dort, wo der Personalmangel am gravierendsten ist. Zweitens wissen wir aus anderen Studien, dass diese Familien beim Zugang zu Plätzen strukturell benachteiligt sind: über Wartelisten, über informelle Auswahlpraktiken, über Sprachbarrieren in der Anmeldung. Aktuelle Bestandsaufnahmen dokumentieren, dass armuts- und migrationsbetroffene Familien beim Zugang zur Kita weiterhin auf besondere Hürden stoßen, die durch bisherige Gegenmaßnahmen nur unzureichend abgebaut werden konnten. Drittens, und das ist entscheidend, haben Eltern sehr genaue Vorstellungen davon, wann in ihren Augen eine Kita qualitativ unzureichend ist. Wenn sie wählen können, wählen sie eine andere. Wenn sie nicht wählen können, akzeptieren sie schlechtere Bedingungen.
Bildungspolitisch ist das ein Wortbruch in Zeitlupe. Gerade Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache (das sind mittlerweile rund 22 Prozent aller Kita-Kinder) profitieren nachweislich am stärksten von guter früher Bildung: für den Spracherwerb, für den Übergang in die Schule, für die soziale Teilhabe. Wenn ausgerechnet diese Gruppe systematisch keinen Zugang findet, untergraben wir eines der wichtigsten Integrationsversprechen unseres Bildungssystems.
Warum könnte die aktuelle Entwicklung langfristig auch das Vertrauen von Familien in das gesamte Kita-System beschädigen?
Vertrauen ist die zentrale, oft übersehene Ressource des Systems. Eine Kita kann eigentlich nur funktionieren, wenn Eltern morgens losgehen und sich darauf verlassen, dass ihr Kind dort gut aufgehoben ist: pädagogisch, emotional, sicher. Sobald dieses Grundvertrauen ins Wanken gerät, ändert sich vieles. Wir haben diesen Mechanismus gerade in einem Fachartikel mit dem Titel „Wenn es erst an Personal und dann an Vertrauen mangelt“ systematisch ausgearbeitet. Der Mechanismus folgt einer Kaskade: Personalmangel führt zu Schließungen und Qualitätseinbußen, diese erodieren das Vertrauen der Eltern in das System, und sinkendes Vertrauen wiederum verändert das Nutzungsverhalten und die politische Legitimation öffentlicher Investitionen. Das ist kein isoliertes Phänomen, sondern eine sich selbst verstärkende Dynamik.
In den Daten der Kinderbetreuungsstudie sehen wir die Erosion über die letzten fünf Jahre sehr deutlich: Qualitätsbedenken als Grund für die Nicht-Nutzung sind zwar noch auf niedrig zweistelligem Prozentniveau, haben sich aber bei Familien ohne klassische Risikofaktoren mehr als verdoppelt. Wir sprechen bewusst von einer schleichenden Erosion und nicht von einem plötzlichen Vertrauensbruch. Und genau das macht sie politisch so gefährlich. Sie bleibt lange unsichtbar. Sie zeigt sich nicht in lauten Protesten, sondern in stillen Entscheidungen: weniger Stunden buchen, Geschwisterkind anderswo unterbringen, lieber doch reduziert arbeiten, das nächste Kind gar nicht oder erst viel später in der Kita anmelden.
Wenn das System unter Druck steht, ziehen sich aber offenbar nicht nur die Eltern zurück.
Stimmt, es gibt einen zweiten Mechanismus, den wir Abstimmung mit den Füßen nennen. Fachkräfte gehen in andere Berufsfelder oder reduzieren ihre Stunden. Der Arbeitsmarkt für Erzieherinnen und Erzieher ist heute ein Arbeitnehmermarkt, sie haben Optionen. Auch aus der ERiK-Leitungsbefragung des DJI zeigt sich ein klares Muster: In 64 Prozent der Einrichtungen ist innerhalb der vergangenen zwölf Monate pädagogisches Personal ausgeschieden; bei 61 Prozent dieser Abgänge handelte es sich um Wechsel in eine andere Kindertageseinrichtung. Welche Beweggründe hinter diesen Wechseln stehen, lässt sich aus diesen Daten allein nicht ablesen. Die hohe innerberufliche Mobilität ist aber ein Hinweis darauf, dass die Belastungsunterschiede zwischen Einrichtungen real und für die Beschäftigten relevant sind.
Und Familien mit Wahlmöglichkeiten meiden Einrichtungen mit Qualitätsproblemen, ziehen um, organisieren private Lösungen. Was übrig bleibt, sind Einrichtungen mit konzentrierten Belastungen und Familien ohne Ausweichoption. Das ist die Logik einer Segregationsspirale, und sie ist im Bildungssystem leider gut belegt. Ich möchte das nicht überdramatisieren: Wir sind nicht an einem Kipppunkt. Aber wir sind in einer Phase, in der Vertrauen verloren geht, und diese Ressource lässt sich nicht beliebig schnell wieder aufbauen. Verlorenes Vertrauen in die Kita kehrt nicht mit ein paar zusätzlichen Stellen zurück.
Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus Ihren Befunden für Politik und Praxis?
Wir formulieren im Policy Brief fünf konkrete Handlungsempfehlungen.
Erstens: Verlässlichkeit muss als eigenständige Qualitätsdimension anerkannt und eingefordert werden. Eine Einrichtung, die auf dem Papier einen guten Personal-Kind-Schlüssel hat, im Alltag aber immer wieder schließen muss, bietet faktisch keine verlässliche Bildung und Betreuung. Das müsste systematisch erfasst und in der Qualitätsentwicklung berücksichtigt werden.
Zweitens: Personalmangel beheben, nicht Schließungen kosmetisch verhindern. Vorschläge, den Personalschlüssel abzusenken oder dauerhafte Notbetreuungsmodelle einzuführen, beseitigen das sichtbare Symptom. Sie verstärken aber genau jene Probleme bei der Prozessqualität, die wir als zentralen Wirkmechanismus identifiziert haben. Das wäre ein bildungspolitischer Pyrrhussieg.
Drittens: Den Zugang für Familien mit Einwanderungsgeschichte aktiv sichern. Dafür braucht es aufsuchende Angebote, mehrsprachige Beratung, transparente und überprüfbare Vergabeverfahren. Das ist Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt und ein Grundstein der sozialen Infrastruktur. Wenn wir als Gesellschaft wollen, dass beide Elternteile erwerbstätig sein können, dass Bildungschancen unabhängig von der Familie sind, dass Integration im Alltag stattfindet, dann muss das System verlässlich sein. Verlässlichkeit ist die Bedingung dafür, dass alles andere überhaupt wirken kann.
Viertens: Segregation sichtbar machen und unterbrechen. Wir brauchen ein systematisches Monitoring der sozialen Zusammensetzung der Kinder in den Einrichtungen. Bislang sehen wir Segregationsdynamiken in Deutschland nur stichprobenartig, in der zeitlichen Entwicklung gar nicht. Ohne Daten gibt es aber keine passgenaue Steuerung, und ohne Steuerung verstärkt sich die Spirale.
Fünftens: Den Geburtenrückgang regional differenziert nutzen. Seit 2022 sinken die Geburtenzahlen in Deutschland deutlich. In manchen Regionen entlastet das die Systeme. Diese Entlastung darf nicht zu Stellenstreichungen oder Schließung von Einrichtungen führen, sondern muss in Qualitätsverbesserung investiert werden. In anderen Regionen, etwa in Großstädten mit starker Zuwanderung, ist der Druck unverändert hoch, ausreichend gut ausgebildetes Personal zu finden. Ein pauschales Vorgehen greift zu kurz.
Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Uta Hofele
Neuberger, Franz/Grgic, Mariana/Kuger, Susanne (2026): “Von der Systemrelevanz zur Vertrauenskrise”, DJI-Policy-BriefNeuberger, Franz/Grgic Mariana/Lippert, Kerstin/Kuger, Susanne (2026): „Wenn es erst an Personal und dann an Vertrauen mangelt“. DJI-PreprintDJI-Kinderbetreuungsstudie (KiBS)
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