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DJI Kolloquium online

Partizipativ, kontextsensitiv, evidenzbasiert: Ein sozio-technisches Modell zur Implementierung generativer KI in der Jugendhilfe

Datum: 10. März 2026 13:00 Uhr - 14:30 Uhr

Der zunehmende Einsatz generativer Künstlicher Intelligenz in personenbezogenen Handlungsfeldern – insbesondere in psychosozialen Unterstützungs- und Jugendhilfekontexten – verspricht Effizienzgewinne und neue Zugänge zu Beratung und Information. Gleichzeitig bestehen erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich Wirksamkeit, Risiken und ethischer Verantwortbarkeit. Generative Systeme operieren dynamisch, adaptiv und teils intransparent; ihre Effekte entstehen nicht allein durch technische Funktionalität, sondern im Zusammenspiel mit organisationalen Routinen, professionellen Praktiken und den Lebensrealitäten der Nutzer*innen. Klassische Evaluationsansätze greifen daher zu kurz.

Der Vortrag schlägt vor, KI nicht als isoliertes Werkzeug, sondern als sozio-technische Intervention zu verstehen. Auf dieser Grundlage wird ein theoretisches Modell vorgestellt, das das evidenzorientierte Interventionsverständnis des Medical Research Council-Frameworks für Complex Intervention Research um eine explizite sozio-technische Dimension erweitert. Während das MRC-Modell strukturierte Entwicklungs-, Test- und Evaluationsphasen bereitstellt, ergänzt das vorgestellte Konzept diese Logik um Kontextsensitivität, relationale Praxis, partizipative Wissensproduktion und ethische Reflexivität. Ziel ist es, die Wirkmechanismen KI-gestützter Anwendungen systematisch sichtbar und bewertbar zu machen und damit Nutzen, Nebenfolgen und unbeabsichtigte Effekte messbar zu erfassen.

In einem zweiten Schritt wird gezeigt, wie dieses Rahmenmodell als partizipatives Lernsystem operationalisiert wird. Anhand eines Forschungsprojekts mit jungen Menschen in einem psychosozialen Unterstützungssystem werden ko-kreative Methoden, formative Evaluation und iterative Feedbackschleifen eingesetzt, um Bedarfe, Erwartungen und Risiken gemeinsam mit jungen Menschen und Fachkräften zu identifizieren. Chatbots werden dabei nicht vorausgesetzt, sondern kritisch geprüft: ob, wann und in welcher Form ihr Einsatz tatsächlich sinnvoll ist.

Der Beitrag leistet damit einen konzeptionellen und methodischen Vorschlag für eine evidenzbasierte, ethisch informierte und Nutzer*innenorientierte Integration generativer KI in sozialen Diensten und versteht Innovation als reflexiven, lernenden und kontextgebundenen Prozess.

Referentin:
Annette Loy ist Doktorandin am University College Cork und Mitglied des von Research Ireland geförderten ADVANCE CRT Centre for Advanced Networks for Sustainable Societies. Zuvor war sie in der Jugendhilfe, Jugendberufshilfe und Jugendbildung in Bayern und Berlin tätig. Diese Praxiserfahrung prägt ihren partizipativen, nutzer*innenorientierten Forschungsansatz. Zudem lehrt sie im Masterstudiengang Sozialmanagement an der Paritätische Akademie Berlin. Weitere Informationen zu Publikationen und Projekten sind online verfügbar.

Moderation: Prof. Dr. Susanne Kuger, DJI