Publikationen
Gewalterfahrungen in der Kindheit und generationenübergreifende familiäre Gewalt
Gewalterfahrungen in der Kindheit und generationenübergreifende familiäre Gewalt.
In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie
Jahrg.: 72, H. 6, S. 483-500
Für Kinder stellen eigene Misshandlungserlebnisse und das Miterleben von Partnergewalt ein großes Risiko für die Gesundheit und Entwicklung dar. Negative Kindheitserfahrungen von Müttern gelten dabei als bedeutsamer Risikofaktor für das Auftreten von Kindesmisshandlung und Partnergewalt in Familien, der in Deutschland allerdings noch wenig untersucht wurde. Der vorliegende Beitrag nutzt daher Querschnittsdaten von 5.646 Müttern aus der repräsentativen Studie „Kinder in Deutschland – KiD 0-3“ und berechnet multiple binär-logistische Regressionsmodelle, um den Einfluss negativer Kindheitserfahrungen vonMüttern auf verschiedene Formen familiärer Gewalt zu untersuchen. Im Ergebnis berichten 523 Mütter (9,3 %) eigene negative Kindheitserfahrungen; 157 (2,8 %) geben an, dass ihr Kind bereits körperlicher Misshandlung oder hartem Anfassen ausgesetzt war und 168 (3,0 %) berichten Partnergewalt seit der Geburt des Kindes bzw. 493 (8,7 %) in irgendeiner bisherigen Partnerschaft. Unter Berücksichtigung demografischer und sozioökonomischer Faktoren ergeben sich erhöhte Odds Ratios (OR) bei Müttern mit negativen Kindheitserfahrungen für das Auftreten der drei untersuchten Gewaltformen: für das eigene Kind (OR = 2,78, p ≤ 0,001) und für die Mütter selbst in Form von aktuell erlebter Partnergewalt (OR = 3,76, p ≤ 0,001) sowie erlebter Partnergewalt im Lebensverlauf generell (OR = 3,67, p ≤ 0,001). Daher sollte in der Betreuung und Begleitung von Familien (beispielsweise in den Frühen Hilfen) der Zusammenhang von negativen mütterlichen Kindheitserfahrungen und familiären Gewaltformen berücksichtigt werden und gegebenenfalls großzügig präventive Angebote gemacht bzw. bei Anzeichen für familiäre Gewalt weitere Schritte zum Schutz eingeleitet werden.