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Publikationen

Subjektives digitales Bildungswissen der Schülerinnen und Schüler

Heinz, Jana
Subjektives digitales Bildungswissen der Schülerinnen und Schüler.
DGS-Sektion Bildung und Erziehung Online "Online-Tagung der DGS-Sektion Bildung und Erziehung." 19.11.2021
Zwischen dem subjektiven Bildungswissen, das Kinder in ihrer Lebenswelt und Elternhäusern milieuspezifisch erwerben und den Institutionen wie Schulen, die ein eher fachlich-spezialisiertes Wissen fordern, klaffen lebensweltliche Bedeutungslücken (Dalhaus, 2011). Diese Bedeutungslücken fallen je nach sozialer Herkunft und damit einhergehenden spezifischen Sozialisationsprozessen und Erziehungspraktiken unterschiedlich groß aus. Mehrheitlich deuten die Ergebnisse der Bildungssoziologie darauf hin, dass Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status nicht die Art von kognitiven, motivationalen, sprachlichen und sozialen Fähigkeiten fördern, die schulischen Lernerfolg erleichtern (Geißler & Weber-Menges, 2010). Es entsteht dadurch eine schlechtere Passung mit Leistungs- und Bildungsanforderungen von Bildungsinstitutionen, die sich eher an Werten, Praktiken und dem Wissen der Mittelschicht orientieren (Bourdieu et al., 1971). Wie verändern sich diese Passungen zwischen dem subjektivem Bildungswissen, das in familialen Sozialisations- und Erziehungsprozessen milieuspezifisch erworbenen wird und Leistungsanforderungen von Schulen in der Kultur der Digitalität? Mit Blick auf die Beantwortung dieser Frage fallen die meisten bisherigen Forschungsergebnisse eher pessimistisch aus. Sie lassen vermuten, dass auch digitale Kompetenzen durch die soziale Herkunft beeinflusst werden – zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen aus niedrigen sozioökonomischen Herkunftsmilieus (Robinson et al., 2015). In der englischsprachigen Forschungsliteratur wird der Begriff „digital divide“ verwendet, um Unterschiede zwischen digitalen Kompetenzen in Abhängigkeit von der sozialen Herkunft zu beschreiben. Ghodabi und Ghodabi (2015) etwa sehen diese im Hinblick auf die Motivationen und die Art der Nutzung digitaler Medien, die Ausstattung mit digitalen Medien sowie die digitalen Kompetenzen. Jedoch sind die Zusammenhänge zwischen sozialer Lage und Bildungschancen von Kindern in einer digitalisierten Welt keine Automatismen. So zeigt sich zum einen, dass Kinder aus nahezu allen sozialen Herkunftsmilieus digitale Medien in ihrer Freizeit nutzen. Da Kinder mit diesen vertraut sind, haben sie eine hohe Motivation, mit digitalen Medien auch in schulischen Kontexten zu arbeiten. Durch die hohe Vertrautheit der Kinder mit digitalen Medien, auch derer aus sozial niedrigeren Milieus, verringern sich in der Tat die Bedeutungslücken zwischen lebensweltlichen Erfahrungen und digitalem schulischem Lernen (Heinz, 2017). Digitales Lernen verringert zwar nicht per se soziale Ungleichheit, aber die Vertrautheit mit digitalen Medien wirkt sich positiv auf Lernbereitschaft und Lernergebnisse von Kindern aus, wenn auch in Schulen digitale Lernmöglichkeiten angeboten werden. Wie wiederum schulische Lehr- und Lernprozesse verstärkt an das veränderte digitale subjektive Bildungswissen der Kinder anknüpfen können, wird im zweiten Vortrag herausgearbeitet.