„Stresstest für Familien“

Ein Interview mit Forschungsdirektorin Sabine Walper zur Situation von Familien während der Coronakrise

25. March 2020 -

Schulen, Kitas und Spielplätze sind geschlossen. Familien leben auf engstem Raum zusammen. Viele Eltern müssen dabei gleichzeitig zur privaten Versorgungs- und Betreuungsleistung beruflich zuhause arbeiten. DJI-Forschungsdirektorin Sabine Walper erklärt im Interview, wie Mütter und Väter unter dieser hohen Belastung die Nerven behalten können.

Was können Eltern tun, um die Situation gut zu meistern?

Sabine Walper: Man sollte die Belastung für Mütter und Väter auf keinen Fall unterschätzen und die passende Balance zwischen gemeinsamen Aktivitäten und Rückzugsmöglichkeiten finden. Beide Elternteile brauchen auch Ruhe und Zeit für sich selbst. Wenn sie selbst an den Rand ihrer Kräfte kommen, können Eltern ihre Kinder nicht gut begleiten. Kleinen Kindern hilft es beispielsweise, Strukturen aus der Kita in den Familienalltag zu übernehmen, so etwa den täglichen Morgenkreis in der kleinen Familienrunde durchzuführen. Für größere Mädchen und Jungen ist es hilfreich, die Herausforderungen beim Lernen mit anderen Schülerinnen und Schülern zu besprechen – natürlich am Telefon oder im Chat. Auch gemeinsam kochen und essen bietet Kindern und Jugendlichen Stabilität im Tagesablauf.

Kann es Momente der Entspannung geben, trotz Homeoffice?

Eltern haben nicht die Pflicht, dauernd präsent zu sein, sondern können die Zeit einteilen und einen guten Rhythmus finden: Eine Stunde arbeiten und dann für eine kurze Zeit für die Kinder ansprechbar sein und ihnen wieder eine Beschäftigung vorschlagen. Diese Taktungen müssen natürlich bei kleinen Kindern enger sein als bei älteren. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, unter welchem beruflichen oder finanziellen Druck die Eltern stehen. Viele Eltern können vermutlich entspannt bleiben, etwa weil sie der Arbeitgeber in dieser Ausnahmesituation nicht zu stark unter Druck setzt, die gleiche Arbeitsleistung bringen zu müssen wie bisher. Mit steigender Dauer werden aber auch die existenziellen Sorgen zunehmen, die Situation ist ein Stresstest für Familien.

Welche Hilfestellungen können Sie empfehlen?

Es gibt viele Angebote im Internet (siehe Links weiter unten). So etwa die digitale Sportstunde fürs Wohnzimmer von Alba Berlin auf youtube. Hier findet man jeden Tag 45 Minuten Sport, Fitness und Wissenswertes für alle Kinder und Jugendliche. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat sein Kinderprogramm stark ausgeweitet und bietet vielfältige Lerninhalte im Fernsehen, als Podcast oder App an.

Vor allem, wenn verhaltensauffällige oder kranke Kinder zu betreuen sind oder andere schwierige Rahmenbedingungen bestehen, können sich Mütter und Väter telefonisch an Erziehungsberatungsstellen oder Ansprechpartner bei vielen Jugendämtern wenden. Es ist zu hoffen, dass viele diese Möglichkeit nutzen, wenn sie merken, dass die Nerven blank liegen.

Welche Chancen sehen Sie in dieser für alle Menschen sehr herausfordernden Situation?

Die Kinder bewegen sich im Kita- und Schulalltag in einem sehr stark strukturierten Programm. Jetzt haben sie die Möglichkeit zu lernen, sich länger selbst zu beschäftigen, der eigenen Phantasie nachzugehen und leere Zeit selber zu füllen. Auch der Lehrerverband hat darauf hingewiesen, dass die Eltern sich und die Kinder nicht mit dem Unterricht überfordern sollen. Es geht nun darum, die wichtigsten Lehrinhalte durchzusprechen.

Jetzt lässt sich die Zeit für andere Dinge nutzen und das Miteinander als Chance begreifen: gemeinsam Bücher lesen oder Filme ansehen und darüber reden, basteln, alte Spiele wieder hervorholen. Diese Aktivitäten können eine positive Nähe zwischen den Familienmitgliedern und speziell der Kinder zu den Eltern stärken. Wichtig dabei ist, wie gesagt, ein guter Wechsel zwischen gemeinsamen Aktivitäten und individuellem Rückzug, in einem Rhythmus, der für die Beteiligten passt.

 

Foto: Prof. Dr. Sabine Walper, DJI-Forschungsdirektorin, Copyright Marc Müller
Interview: Marion Horn

 

 Links (eine Auswahl)

Interview Deutschlandfunk: Familien im Corona-Zwangsurlaub

Interview BR2: Getrennt lebende Eltern in Corona-Zeiten

Angebote des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, ein BeispielAlba Berlin, tägliche digitale Sportstunde für Kinder und JugendlicheHelmholtz-Zentrum, Anleitungen für Experimente für zuhauseDJI-Datenbank „Apps für Kinder“COVID-19: Tipps für Eltern des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und KatastrophenhilfeBeratungsstellen-Suche, Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke)Nationales Zentrum Frühe Hilfen, Beratung für Eltern

Coronavirus: Häufige Fragen und Antworten, Hilfe für Familien, Deutscher Familienverband

 

 


Erklärvideos für Kinder

Für Kinder erklärt: Das Coronavirus - warum es so gefährlich ist, BR24

Deutsche Gesellschaft für Psychologie, Psychische Folgen von Corona und was zu tun ist – in 3 Minuten erklärt für Kinder

 

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