Multilokalität von Familie (Schumpeter-Forschungsgruppe)
Die Gestaltung von Familienleben bei räumlicher Trennung
Ziel des Projektes ist es,
- auf der Grundlage vorliegender Datensätze einen repräsentativen Überblick über die Verbreitung des Phänomens der Multilokalität von Familien mit minderjährigen Kindern in Deutschland zu geben. Darüber hinaus wird die Geographie multilokaler familialer Netzwerke nachgezeichnet (u.a. die Wohnentfernungen und Kontakthäufigkeit) sowie Informationen über sozio-demographische Merkmale bereit gestellt.
- empirische Erkenntnisse über ein bisher kaum erforschtes, gesellschaftlich relevantes soziales Phänomen, die Multilokalität in frühen Familienphasen, zu erheben. Insbesondere die alltäglichen Praktiken der Herstellung von Familie trotz des Lebens an räumlich getrennten Orten interessieren dabei, sowie die Konsequenzen der Multilokalität von Familie. Die Untersuchung der bisher vernachlässigten räumlichen Dimensionen für die familiale Lebensführung steht im Zentrum des grundlagenforschungsorientierten Erkenntnisinteresses. Die empirischen Erkenntnisse sollen dazu dienen, Kriterien und Rahmenbedingungen zu identifizieren, die für ein „Gelingen“ multilokaler Familienarrangements von Bedeutung sind.
- im Sinne einer empirisch fundierten Theorie ein Konzept der Herstellung von Familie unter multilokalen Bedingungen zu entwickeln, das räumliche Dimensionen in ihrer Komplexität einbezieht und erklärt, wie und auf welchen Ebenen die Verschränkung von individuellen Lebensführungen zu einer familialen Lebensführung geschieht.
- im Sinne des Wissenschaftstransfers auf gestaltungsrelevantes Wissen aus der empirischen und theoretischen Arbeit für die Praxis aufmerksam zu machen.
- Die Gestaltung und Herstellung von Familie unter Bedingungen von Multilokalität wird unter Rückgriff auf theoretische Konzepte aus der Geographie und der Soziologie untersucht: erstens das „Doing-Gender“ Konzept (West/Zimmerman 1987), zweitens das Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ (Voss 1991) bzw. der „Familialen Lebensführung” (Rerrich 1994, Jürgens 2001), drittens das „Family Practices“-Konzept (Morgan 1996, Smart 2006) und schließlich viertens Konzepte der handlungsorientierten Geographie (settings; Weichhart 2003, ‘locales’; Werlen 1997) bzw. der Raumsoziologie (Löw 2001). Gemeinsamer Nenner dieser Ansätze ist ihre Subjektorientierung, d.h. ihr Blick auf das Phänomen Multilokalität aus der Sicht der beteiligten Akteure in den Familien. Die Konzepte werden im Rahmen des Projektes empiriegestützt miteinander in Verbindung gebracht.
- Familie wird als ein, häufig Wohnhaushalte übergreifendes, soziales Netzwerk besonderer Art verstanden. Es basiert auf Emotionen und ist um verlässliche persönliche Beziehungen zwischen unterschiedlichen Generationen und Geschlechtern zentriert. Überdies ist Familie ein kulturabhängiges, veränderbares soziales Konstrukt. Was Familie ist und wie Familienalltag gelebt wird, wer zur Familie gehört und wer nicht, das ist nicht selbstverständlich und für alle Menschen gleichbedeutend. Die beteiligten Akteure stellen Familie durch alltägliche Praktiken, im biografischen Verlauf und in permanenter Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen immer wieder neu her. Das Konzept der Herstellung von Familie (Morgan 2011, Schier/Jurczyk 2007, Schier 2011, Jurczyk et al. 2012) fokussiert auf unterschiedliche Komponenten des „Familie machens“ bzw. des „Doing Family“: Zum einen die aktive ‚Beziehungsarbeit‘, die neben dem Aufbau von emotionalen Bindungen, Nähe und Zusammengehörigkeitsgefühlen, die Definition und Vergabe von Rechten, Aufgaben und Privilegien beinhaltet. Dies umfasst unter anderem die alltägliche ‚Definition‘ wer wie zur Familie gehört und wer nicht. Zum anderen, die notwendigen alltäglichen Abstimmungsleistungen von Familienmitgliedern, sowie die Verknüpfung von Familie, Erwerbswelt und anderen Lebensbereichen. Das Augenmerk wird darauf gelenkt, wie die familialen Akteure (Mütter, Väter, Kinder, Verwandte und neue PartnerInnen) mit den Anforderungen, Chancen, Ressourcen und Restriktionen umgehen.
- Die Rolle von Raum für die Alltagsgestaltung und Herstellung von Familie unter Bedingungen von Multilokalität steht im Zentrum des Interesses des Vorhabens. Es wird davon ausgegangen, dass Raum, Räumlichkeiten und räumliche Praktiken zentrale Elemente der Herstellung von Familie sind, die bislang wenig in den Blick genommen wurden. Mit der Fokussierung auf multilokale Lebensbedingungen kann dies gut sichtbar gemacht werden. Ein mehr-örtiges Wohnen stellt durch die neue raum-zeitliche Situation andere Anforderungen an die Gestaltung des Zusammenlebens von Eltern und ihren Kindern als das kontinuierliche Zusammenleben unter einem Dach, für die es in unserer Gesellschaft bisher kaum etablierte Praktiken, Routinen und Codes gibt.
Ausgehend von eigenen Vorarbeiten und in Orientierung an dem Konzept der „multi-sited ethnography“ lassen sich drei typische „raum-zeitliche Momente“ unterscheiden, die den Alltag von multilokalen Familien kennzeichnen. In jedem dieser Momente manifestieren sich – so die Annahme - spezifische der oben angesprochenen räumlichen Dimensionen (siehe auch Methode).
- Moment 1: Die Gestaltung des Alltags an den „Knotenpunkten“ familialer Netzwerke - Wechsel von räumlicher Kopräsenz mit Phasen des Getrennt seins
- Moment 2: Das Unterwegssein und der Raum 'Dazwischen' - Überwindung der räumlichen Distanz zwischen den Lebensorten der multilokalen Familie
- Moment 3: Die Gestaltung des „virtuellen“ Familienlebens - Aufrechterhalten und Herstellen von Familie über Entfernung
- Teilstudie 1 widmet sich multilokalen familialen Lebensformen nach Trennung und Scheidung. Nicht der Alltag der Erwachsenen, sondern meist der Alltag der Kinder erstreckt sich hier über mehrere Lebensorte der Familie. (Erhebung: 5/2010 bis 2/2011)
- Teilstudie 2 befasst sich mit arbeitsbedingten Formen der Multilokalität von Familie, wie das zum Beispiel bei Wochenendpendlerfamilien oder Eltern in Berufen mit hoher Reisetätigkeit der Fall ist. Hier „pendeln“ beruflich mobile Erwachsene in unterschiedlichen Rhythmen zwischen beruflichen und familiären Lebensorten, die Kinder bleiben meist am bisherigen Familienwohnort. (Erhebung: 5/2012 bis 2/2013)
- Moment 1: Die Gestaltung des Alltags an den „Knotenpunkten“ familialer Netzwerke - Wechsel von räumlicher Kopräsenz mit Phasen des Getrennt seins.
- Moment 2: Das Unterwegssein und der Raum ‚Dazwischen‘ - Überwindung der räumlichen Distanz zwischen den Lebensorten der multilokalen Familie.
Doch Mobilität bedeutet nicht einfach nur die Überwindung des Weges zwischen zwei Orten – auch vor und auf dem Wege passiert etwas (Rolshoven 2006). Es sind Reisevorbereitungen zu treffen, man ist aufgeregt oder gestresst, freut sich auf das Wiedersehen oder ist sich unsicher, was da kommt. Wird der Weg zwischen den Familienorten regelmäßig bewältigt, entstehen Routinen. Immer ist es ein Wechsel von einer „Welt“ in die andere, ein Übergang, der gestaltet werden muss. Von besonderem Interesse ist deshalb, was vor und auf dem Weg von einem Ort zum anderen geschieht sowie die Gestaltung des Wiedersehens mit bzw. des Abschieds von der (einen) Familie.
- Moment 3: Die Gestaltung des „virtuellen“ Familienlebens - Aufrechterhalten und Herstellen von Familie über Entfernung.
- trennungs/berufsbedingte Mobilität und translokale Alltagspraxis von Trennungsfamilien/berufsmobilen Familien
- Systematisierung relevanter räumlicher Dimensionen für die multilokale familiale Lebensführung
- Kriterien und Rahmenbedingungen, die für ein „Funktionieren“ multilokaler Familienarrangements von Bedeutung sind
- Überblick über Unterschiede und Ähnlichkeiten der Anforderungen und Probleme der Gestaltung von Familie bei unterschiedlich induzierter Multilokalität
- Abschätzung des Nutzens von Kommunikations- und Informationstechnologien zur Aufrechterhaltung von Familie über Entfernung
Den besonderen Herausforderungen, die eine arbeitsbedingte mehr-örtige Lebensführung von Eltern für das Familienleben mit sich bringt, wird derzeit anknüpfend an erste Ergebnisse aus der Studie „Entgrenzte Arbeit – entgrenzte Familie“ (siehe Schier et al. 2007, Jurczyk/Schier et al. 2009, Schier 2009a, Schier 2009b, Schier 2010a, Schier 2010b) in der zweiten ethnographischen Teilstudie nachgegangen.
Durch den Einbezug der Perspektiven von Erwachsenen und Kindern eröffnen die vertiefenden qualitativen Teilstudien auf innovative Weise Einsichten in die raumübergreifende Lebenspraxis von Familien. Das Vorhaben erschließt damit empirisch und theoretisch wissenschaftliches Neuland. Die Fundierung und Erweiterung des Konzepts der Herstellung von Familie bringt zudem einen konzeptionellen Mehrwert für die Erforschung des Alltags von Familien (Schier/Jurczyk 2007, Schier 2011a).
Im methodischen Bereich wurden Erkenntnisse über die Anwendbarkeit von multimethodischen und multiperspektivischen Herangehensweisen zur Untersuchung des Phänomens Multilokalität von Familie gewonnen (z.B. Schier 2011b).
Gleichzeitig werden in einem zweiten Projektbaustein erstmalig sekundäranalytische Auswertungen von Datensätzen zur Frage der Multilokalität in frühen Familienphasen vorgenommen, in denen Eltern die Verantwortung für ihre minderjährigen Kinder tragen. Die quantitativen Teilstudien bieten Einsichten in
- die Verbreitung von erstens multilokalen Nachtrennungsfamilien sowie zweitens Familien mit vorwiegend arbeitsbedingt mehr-örtig lebenden Eltern,
- die Entfernung zwischen den Familienhaushalten bzw. zwischen Familien- und Arbeitswohnort(en),
- die Häufigkeit und die Art der Kontakte zwischen den getrennt lebenden Familienmitgliedern sowie
- zu den Raum-Zeit-Mustern dieser Familienarrangements.
Das Vorhaben stellt schließlich für unterschiedliche Bereiche gestaltungsrelevantes Wissen bereit: So erhalten z.B. Verantwortliche in Unternehmen, Stadtplanung, Verkehrsplanung und Wohnungsbau wichtige Einblicke in aktuelle Bedingungen des Wohnens und der Mobilität von Familien (z.B. Schier 2009a, Schier 2010b). Bezüglich der spezifischen Unterstützungs- und Beratungsbedarfe von räumlich getrennt lebenden Familien, der Ausgestaltung von Nachscheidungsverhältnissen sowie für die Gestaltung sozialer Infrastrukturen haben sich außerdem praxisrelevante Hinweise ergeben.
Maya Halatcheva-Trapp, Dipl. Soz., Psych. M.A. Promotion: Elternschaft im Wechselspiel von Deutungsmustern und Diskurs. Ein wissenssoziologischer Blick auf die Trennungs- und Scheidungsberatung
Dipl. Geogr. Giulia MontanariPromotion: Multilokales Familienleben aus der Perspektive von Großeltern – Eine zeitgeographische Untersuchung
Dipl. Soz. Diane NimmoPromotion: Die Praxis des Pendelns zwischen familialen Welten. Anforderungen an Kinder und ihre Lösung im multilokalen Familienalltag nach Trennung und Scheidung
Dipl. Soz. Anna ProskePromotion: Erwerbsbedingt multilokaler Familienalltag – die Herstellung von Familie unter den Bedingungen der Normalisierung von betrieblichen Mobilitätsanforderungen
Magisterarbeit: Multilokale Geschwisterbeziehungen in Patchwork-Familien
Dipl. Soz. Tino SchlinzigPromotion: We are family?! Herstellung und Aushandlung familialer Wirklichkeit(en) durch Akteure in multiloklaen Fortsetzungsfamilien
Julia SerdarovMagisterarbeit: Unsichtbare Arbeitssklavinnen? Ein intersektionaler Blick auf bulgarische care workers in München
Yevgeniya Wirz, M.A. Promotion: Transnationale Care-Netzwerke ukrainischer Arbeitsmigrantinnen
