Projektleitung: Dr. Michaela Schier

Kontakt: schier[at]dacostagomez.de

Multilokalität – also die „Mehr-Örtigkeit“ – von Familie ist ein gesellschaftlich hoch relevantes Phänomen, über das man noch wenig weiß: Immer häufiger wohnen Eltern und ihre minderjährigen Kinder zeitweilig oder auch langfristig nicht in einem Haushalt zusammen – sei es, weil die Eltern aufgrund ihres Berufes viel unterwegs sind und häufig auswärts übernachten oder sich getrennt und geschieden haben.

Der Alltag an verschiedenen Orten stellt diese Familien vor besondere Herausforderungen. Um Unterstützungsangebote für diese neuen Herausforderungen entwickeln zu können, müssen die Bedarfe dieser Familien untersucht werden. Der Perspektive der einzelnen Familienmitglieder auf das multilokale Leben kommt daher im Forschungsprojekt große Bedeutung zu.

Gemeinsam unter einem Dach zu wohnen und regelmäßig Zeit miteinander zu verbringen, sind seit der Entwicklung des bürgerlichen Familienmodells grundlegende Elemente des familialen Lebens. Gemeinsam erlebte Zeit, Nähe, Unterstützung und Fürsorge, die dabei erlebt werden, gelten als wichtige Grundbedingungen, damit sich die Familie als gemeinsames Ganzes erfahren kann.

Die "Mehr-Örtigkeit" des Alltags von multilokalen Familien bringt neue, vielschichtige, z.T. auch schwierige Herausforderungen mit sich: Wie kann die emotionale und soziale Verbundenheit innerhalb der Familie aufrechterhalten werden – trotz des getrennten Wohnens und der unter Umständen langen Zeiträume, in denen man sich nicht sieht? Wie lässt sich der Alltag gestalten, wenn die Zahl der an- und abwesenden Familienmitglieder permanent wechselt? Welche Alltagspraktiken braucht es, damit der mehrörtige Familienalltag funktioniert? Die Entwicklung von Unterstützungsangeboten für diese neuen Herausforderungen setzt die Kenntnis der Bedarfe dieser multilokal lebenden Familien voraus. Die Schumpeter-Forschungsgruppe hat sich daher zum Ziel gesetzt, den vielfältigen Anforderungen, aber auch etwaigen neuen Handlungsspielräumen, umfassend nachzugehen, die sich aus der multilokalen Lebensführung der Familien ergeben.

Welche Bedeutung kommt der Multilokalität für die Gestaltung und Herstellung von Familie zu? Diese Frage steht im Zentrum des Forschungsvorhabens.
Ziel des Projektes ist es,

  • auf der Grundlage vorliegender Datensätze einen repräsentativen Überblick über die Verbreitung des Phänomens der Multilokalität von Familien mit minderjährigen Kindern in Deutschland zu geben. Darüber hinaus wird die Geographie multilokaler familialer Netzwerke nachgezeichnet (u.a. die Wohnentfernungen und Kontakthäufigkeit) sowie Informationen über sozio-demographische Merkmale bereit gestellt.
  • empirische Erkenntnisse über ein bisher kaum erforschtes, gesellschaftlich relevantes soziales Phänomen, die Multilokalität in frühen Familienphasen, zu erheben. Insbesondere die alltäglichen Praktiken der Herstellung von Familie trotz des Lebens an räumlich getrennten Orten interessieren dabei, sowie die Konsequenzen der Multilokalität von Familie. Die Untersuchung der bisher vernachlässigten räumlichen Dimensionen für die familiale Lebensführung steht im Zentrum des grundlagenforschungsorientierten Erkenntnisinteresses. Die empirischen Erkenntnisse sollen dazu dienen, Kriterien und Rahmenbedingungen zu identifizieren, die für ein „Gelingen“ multilokaler Familienarrangements von Bedeutung sind.
  • im Sinne einer empirisch fundierten Theorie ein Konzept der Herstellung von Familie unter multilokalen Bedingungen zu entwickeln, das räumliche Dimensionen in ihrer Komplexität einbezieht und erklärt, wie und auf welchen Ebenen die Verschränkung von individuellen Lebensführungen zu einer familialen Lebensführung geschieht.
  • im Sinne des Wissenschaftstransfers auf gestaltungsrelevantes Wissen aus der empirischen und theoretischen Arbeit für die Praxis aufmerksam zu machen.
  • Die Gestaltung und Herstellung von Familie unter Bedingungen von Multilokalität wird unter Rückgriff auf theoretische Konzepte aus der Geographie und der Soziologie untersucht: erstens das „Doing-Gender“ Konzept (West/Zimmerman 1987), zweitens das Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ (Voss 1991) bzw. der „Familialen Lebensführung” (Rerrich 1994, Jürgens 2001), drittens das „Family Practices“-Konzept (Morgan 1996, Smart 2006) und schließlich viertens Konzepte der handlungsorientierten Geographie (settings; Weichhart 2003, ‘locales’; Werlen 1997) bzw. der Raumsoziologie (Löw 2001). Gemeinsamer Nenner dieser Ansätze ist ihre Subjektorientierung, d.h. ihr Blick auf das Phänomen Multilokalität aus der Sicht der beteiligten Akteure in den Familien. Die Konzepte werden im Rahmen des Projektes empiriegestützt miteinander in Verbindung gebracht.
  • Familie wird als ein, häufig Wohnhaushalte übergreifendes, soziales Netzwerk besonderer Art verstanden. Es basiert auf Emotionen und ist um verlässliche persönliche Beziehungen zwischen unterschiedlichen Generationen und Geschlechtern zentriert. Überdies ist Familie ein kulturabhängiges, veränderbares soziales Konstrukt. Was Familie ist und wie Familienalltag gelebt wird, wer zur Familie gehört und wer nicht, das ist nicht selbstverständlich und für alle Menschen gleichbedeutend. Die beteiligten Akteure stellen Familie durch alltägliche Praktiken, im biografischen Verlauf und in permanenter Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen immer wieder neu her. Das Konzept der Herstellung von Familie (Morgan 2011, Schier/Jurczyk 2007, Schier 2011, Jurczyk et al. 2012) fokussiert auf unterschiedliche Komponenten des „Familie machens“ bzw. des „Doing Family“: Zum einen die aktive ‚Beziehungsarbeit‘, die neben dem Aufbau von emotionalen Bindungen, Nähe und Zusammengehörigkeitsgefühlen, die Definition und Vergabe von Rechten, Aufgaben und Privilegien beinhaltet. Dies umfasst unter anderem die alltägliche ‚Definition‘ wer wie zur Familie gehört und wer nicht. Zum anderen, die notwendigen alltäglichen Abstimmungsleistungen von Familienmitgliedern, sowie die Verknüpfung von Familie, Erwerbswelt und anderen Lebensbereichen. Das Augenmerk wird darauf gelenkt, wie die familialen Akteure (Mütter, Väter, Kinder, Verwandte und neue PartnerInnen) mit den Anforderungen, Chancen, Ressourcen und Restriktionen umgehen.
  • Die Rolle von Raum für die Alltagsgestaltung und Herstellung von Familie unter Bedingungen von Multilokalität steht im Zentrum des Interesses des Vorhabens. Es wird davon ausgegangen, dass Raum, Räumlichkeiten und räumliche Praktiken zentrale Elemente der Herstellung von Familie sind, die bislang wenig in den Blick genommen wurden. Mit der Fokussierung auf multilokale Lebensbedingungen kann dies gut sichtbar gemacht werden. Ein mehr-örtiges Wohnen stellt durch die neue raum-zeitliche Situation andere Anforderungen an die Gestaltung des Zusammenlebens von Eltern und ihren Kindern als das kontinuierliche Zusammenleben unter einem Dach, für die es in unserer Gesellschaft bisher kaum etablierte Praktiken, Routinen und Codes gibt.

Von Bedeutung sind beispielsweise die Entfernung zwischen den verschiedenen Haushalte der Familie, die Möglichkeiten, diese Distanzen zu überwinden, Fragen der Mobilität von Kindern und Erwachsenen, der Gestaltung von Wohnräumen, Praktiken der sozial-räumlichen Verortung sowie der emotionalen Bindung an einen Ort. Die Dimension Raum wirkt in multilokalen Lebenssituationen darüber hinaus als wesentliches, strukturierendes Element der familialen Interaktionsbeziehungen (Stichwort: Handeln in Kopräsenz, Handeln in Situationen der räumlichen Trennung). Erwachsene und ihre Kinder, die multilokal leben, spannen zudem durch ihre Lebenspraxis translokale Sozialräume auf und verweben dabei die Gegebenheiten von mindestens zwei unterschiedlichen Orten kontinuierlich in ihre eigene Biografie. Dies hat zur Folge, dass Prozesse und Handlungen an den verschiedenen Lebensorten nicht mehr rigide getrennt sind, sondern vielfältig aufeinander bezogen und ineinander verschränkt. Es entstehen eigenständige translokale, sozialräumliche Verflechtungszusammenhänge. Gute Anknüpfungspunkte für die Analyse finden sich in neueren Ansätze der handlungstheoretischen Geographie und der Raumsoziologie. Diese fassen Raum als soziale Konstruktion auf und thematisieren die Wechselwirkungen zwischen dem Sozialen und Physisch-materiellen.

Die besondere räumliche Gestalt sowie die Zeitlichkeit von multilokalen Familienarrangements muss konzeptionell und methodisch berücksichtigt werden – dies verspricht einen erheblichen Erkenntnisgewinn, um lebensweltliche Praktiken und Bewertungen dieser Konstellationen zu erfassen. Der Anthropologe George Marcus (1995) plädiert in diesem Sinne für eine multi-sited ethnography: Bei der Untersuchung von viel-örtigen, sich bewegenden Phänomenen soll Feldforschung und teilnehmende Beobachtung auf viele Orte ausgedehnt werden, den Subjekten soll über Raum und Zeit gefolgt und den Verbindungen zwischen Orten nachgangen werden. Wichtig ist demnach nicht nur der Blick auf die ‚Knotenpunkte‘ eines Netzwerkes, sondern auch auf die ‚Linien‘, auf die raum-zeitlichen Verbindungen und auf die Bewegungen dazwischen.
Ausgehend von eigenen Vorarbeiten und in Orientierung an dem Konzept der „multi-sited ethnography“ lassen sich drei typische „raum-zeitliche Momente“ unterscheiden, die den Alltag von multilokalen Familien kennzeichnen. In jedem dieser Momente manifestieren sich – so die Annahme - spezifische der oben angesprochenen räumlichen Dimensionen (siehe auch Methode).

  • Moment 1: Die Gestaltung des Alltags an den „Knotenpunkten“ familialer Netzwerke - Wechsel von räumlicher Kopräsenz mit Phasen des Getrennt seins
  • Moment 2: Das Unterwegssein und der Raum 'Dazwischen' - Überwindung der räumlichen Distanz zwischen den Lebensorten der multilokalen Familie
  • Moment 3: Die Gestaltung des „virtuellen“ Familienlebens - Aufrechterhalten und Herstellen von Familie über Entfernung

Der Viel-Örtigkeit, der Dynamik, der Verflechtung, der Virtualität und der Mehrperspektivität der multilokalen Familie muss die Forschungsmethode gerecht werden – die komplexe Fragestellung bedarf einer innovativen, multimethodischen Herangehensweise. Methodologisch geht das Forschungsvorhaben den Weg der empirisch begründeten Theoriebildung orientiert an der „grounded theory“ in Verbindung mit Verfahren der interpretativen Sozialforschung.

Im Zentrum des Forschungsvorhabens stehen zwei ethnographische Teilstudien, in denen der Frage nachgegangen wird, wie Familienleben hergestellt und gestaltet wird, wenn Eltern und ihre minderjährigen Kinder periodisch räumlich getrennt voneinander leben. Beide Teilstudien fokussieren hiermit auf Familienmitglieder und ihre konkreten alltäglichen Praktiken. Berücksichtigt werden sowohl die Perspektiven der Kinder als auch der Erwachsenen.

  • Teilstudie 1 widmet sich multilokalen familialen Lebensformen nach Trennung und Scheidung. Nicht der Alltag der Erwachsenen, sondern meist der Alltag der Kinder erstreckt sich hier über mehrere Lebensorte der Familie. (Erhebung: 5/2010 bis 2/2011)

  • Teilstudie 2 befasst sich mit arbeitsbedingten Formen der Multilokalität von Familie, wie das zum Beispiel bei Wochenendpendlerfamilien oder Eltern in Berufen mit hoher Reisetätigkeit der Fall ist. Hier „pendeln“ beruflich mobile Erwachsene in unterschiedlichen Rhythmen zwischen beruflichen und familiären Lebensorten, die Kinder bleiben meist am bisherigen Familienwohnort. (Erhebung: 5/2012 bis 2/2013)

Ein weiterer wichtiger Baustein des Projektdesigns ist die quantitative Sekundäranalyse vorliegender Datensätze. Hier wird folgenden Fragen nachgegangen: Wie verbreitet ist das Phänomen der Multilokalität in frühen Familienphasen in Deutschland? Wie ist die Sozio-Demographie sowie die Geographie (Wohnentfernungen, Kontakthäufigkeit) dieser multilokalen familialen Netzwerke? Zur Analyse wurden bisher der DJI-Survey ‘Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten’ (AID:A 2009) herangezogen. Die Auswertung des Datensatzes „Job Mobilities and Family Lives in Europe“ (JobMob 2007) ist für 2013 geplant.

Um lebensweltliche Praktiken und Bewertungen multilokaler Familienarrangements zu erfassen, verspricht es einen erheblichen Erkenntnisgewinn, wenn auch methodisch die spezifische räumliche Erscheinungsweise und ihre Zeitlichkeit berücksichtigt werden. In Orientierung an dem Konzept der „multi-sited ethnography“ nimmt das Design der ethnographischen Fallstudien deshalb die konzeptionell angenommenen drei typischen „raum-zeitliche Momente“ in den Blick, die den Alltag von multilokalen Familien kennzeichnen:

  • Moment 1: Die Gestaltung des Alltags an den „Knotenpunkten“ familialer Netzwerke - Wechsel von räumlicher Kopräsenz mit Phasen des Getrennt seins.

Wie wird der Wechsel der An- und Abwesenheiten von Familienmitgliedern bewältigt und wie gestaltet sich der konkrete Alltag an den verschiedenen Lebensorten der Familienmitglieder in Zeiten der räumlichen Kopräsenz sowie in Zeiten des Getrennt seins? Relevant ist die Bedeutung der Gestaltung des Wohnraums sowie der raum-strukturellen Rahmenbedingungen für die Alltagsgestaltung. Nachgegangen wird dem Umgang mit Mehrörtigkeit, der Bedeutung der jeweiligen Orte sowie den Praktiken des „making home“ an mehreren Wohnstandorten. Insbesondere die Art und Weise der Nutzung der körperlich-kopräsenten Zeiten ist für die Frage nach der Herstellung von Familie bedeutend.

  • Moment 2: Das Unterwegssein und der Raum ‚Dazwischen‘ - Überwindung der räumlichen Distanz zwischen den Lebensorten der multilokalen Familie.

Kennzeichnend für die multilokale Lebensführung sind Momente der Mobilität. Zum einen „pendelt“ das „aktiv multilokale“ Familienmitglied – mit Unterschieden in der Frequenz (häufig/selten) und dem Rhythmus (regelmäßig/unregelmäßig) – zwischen den Haushalten hin und her. Zum anderen sind manchmal auch die „passiv multilokalen“ Familienmitglieder unterwegs, z.B. wenn sie das „aktiv multilokale“ Mitglied besuchen oder begleiten. Neben praktisch organisatorischen Fragen, z.B. welches Verkehrsmittel genutzt wird, wie die Mobilität, v.a. der Kinder, organisiert wird, in welchem Rhythmus die Reisen bzw. Fahrten zwischen den „Familienorten“ stattfinden, interessiert wie das Mobil sein jeweils empfunden wird.
Doch Mobilität bedeutet nicht einfach nur die Überwindung des Weges zwischen zwei Orten – auch vor und auf dem Wege passiert etwas (Rolshoven 2006). Es sind Reisevorbereitungen zu treffen, man ist aufgeregt oder gestresst, freut sich auf das Wiedersehen oder ist sich unsicher, was da kommt. Wird der Weg zwischen den Familienorten regelmäßig bewältigt, entstehen Routinen. Immer ist es ein Wechsel von einer „Welt“ in die andere, ein Übergang, der gestaltet werden muss. Von besonderem Interesse ist deshalb, was vor und auf dem Weg von einem Ort zum anderen geschieht sowie die Gestaltung des Wiedersehens mit bzw. des Abschieds von der (einen) Familie.

  • Moment 3: Die Gestaltung des „virtuellen“ Familienlebens - Aufrechterhalten und Herstellen von Familie über Entfernung.

Als dritter typischer Moment für multilokale Familienarrangements gilt die Zeit des Getrennt seins. Welche Rolle spielt der Alltag am fernen Familienort für den Alltag vor Ort? Inwiefern entstehen hier translokale Verflechtungszusammenhänge? Gefragt wird nach den Praktiken der Aufrechterhaltung und Herstellung von Familie über räumliche Distanz. Von Interesse ist insbesondere welche Rolle Kommunikationstechnologien bei der Gestaltung des „virtuellen“ Familienlebens spielen und wo die Grenzen der Herstellung von Familie auf Distanz liegen.

In beiden Studien werden folgende Methoden kombiniert genutzt: themenzentrierte erzählgenerierende Interviews mit Erwachsenen und Kindern, sozio-demographischer Kurzfragebogen (Erwachsene), (Auto)Photographie (Wuggenig 1990), sozial-räumliches Netzwerkspiel (Picot/Schröder 2007) sowie video-unterstützte mobile und lokale teilnehmende Beobachtungen.

Das Projekt hat explorativen Charakter: In einem ersten Projektbaustein werden zwei vertiefende ethnographische Teilstudien, eine zur trennungsbedingten Multilokalität (Erhebung: 5/2010-2/2011) und eine zur beruflichen Multilokalität (Erhebung: 5/2012-2/2013) durchgeführt. Diese nehmen Multilokalität als konstituierendes Element familialer Lebensführung in den Blick. Damit wird einerseits das räumliche Handeln innerhalb von Familien ins Zentrum des Interesses gerückt sowie andererseits die raumstrukturelle Relevanz einer neuen Familienform untersucht. Mit den qualitativen Teilstudien werden Erkenntnisse in folgenden Bereichen angestrebt:

  • trennungs/berufsbedingte Mobilität und translokale Alltagspraxis von Trennungsfamilien/berufsmobilen Familien
  • Systematisierung relevanter räumlicher Dimensionen für die multilokale familiale Lebensführung
  • Kriterien und Rahmenbedingungen, die für ein „Funktionieren“ multilokaler Familienarrangements von Bedeutung sind
  • Überblick über Unterschiede und Ähnlichkeiten der Anforderungen und Probleme der Gestaltung von Familie bei unterschiedlich induzierter Multilokalität
  • Abschätzung des Nutzens von Kommunikations- und Informationstechnologien zur Aufrechterhaltung von Familie über Entfernung

Mit Abschluß der ersten ethnographischen Teilstudie zur trennungsbedingten Multilokalität wurden bereits erste Erkenntnisse zu spezifischen Anforderungen sowie unterschiedlichen familialen Praktiken eines mehr-örtigen Familienlebens nach Trennung und Scheidung gewonnen (siehe Schier/Proske 2010, DJI-Online-Thema 2011/2012, Nimmo/Schier 2013 (im Erscheinen), Bathmann/Proske/Schier 2013 (im Erscheinen), Schier 2013 a,b (im Erscheinen)).

Den besonderen Herausforderungen, die eine arbeitsbedingte mehr-örtige Lebensführung von Eltern für das Familienleben mit sich bringt, wird derzeit anknüpfend an erste Ergebnisse aus der Studie „Entgrenzte Arbeit – entgrenzte Familie“ (siehe Schier et al. 2007, Jurczyk/Schier et al. 2009, Schier 2009a, Schier 2009b, Schier 2010a, Schier 2010b) in der zweiten ethnographischen Teilstudie nachgegangen.

Durch den Einbezug der Perspektiven von Erwachsenen und Kindern eröffnen die vertiefenden qualitativen Teilstudien auf innovative Weise Einsichten in die raumübergreifende Lebenspraxis von Familien. Das Vorhaben erschließt damit empirisch und theoretisch wissenschaftliches Neuland. Die Fundierung und Erweiterung des Konzepts der Herstellung von Familie bringt zudem einen konzeptionellen Mehrwert für die Erforschung des Alltags von Familien (Schier/Jurczyk 2007, Schier 2011a).

Im methodischen Bereich wurden Erkenntnisse über die Anwendbarkeit von multimethodischen und multiperspektivischen Herangehensweisen zur Untersuchung des Phänomens Multilokalität von Familie gewonnen (z.B. Schier 2011b).

Gleichzeitig werden in einem zweiten Projektbaustein erstmalig sekundäranalytische Auswertungen von Datensätzen zur Frage der Multilokalität in frühen Familienphasen vorgenommen, in denen Eltern die Verantwortung für ihre minderjährigen Kinder tragen. Die quantitativen Teilstudien bieten Einsichten in

  • die Verbreitung von erstens multilokalen Nachtrennungsfamilien sowie zweitens Familien mit vorwiegend arbeitsbedingt mehr-örtig lebenden Eltern,
  • die Entfernung zwischen den Familienhaushalten bzw. zwischen Familien- und Arbeitswohnort(en),
  • die Häufigkeit und die Art der Kontakte zwischen den getrennt lebenden Familienmitgliedern sowie
  • zu den Raum-Zeit-Mustern dieser Familienarrangements.

Erste Ergebnisse der sekundäranalytischen Auswertungen zur Multilokalität von Familien nach Trennung und Scheidung finden sich hier sowie in Schier (2013a, b im Erscheinen), Hubert/Schier 2012 (in Vorbereitung).

Das Vorhaben stellt schließlich für unterschiedliche Bereiche gestaltungsrelevantes Wissen bereit: So erhalten z.B. Verantwortliche in Unternehmen, Stadtplanung, Verkehrsplanung und Wohnungsbau wichtige Einblicke in aktuelle Bedingungen des Wohnens und der Mobilität von Familien (z.B. Schier 2009a, Schier 2010b). Bezüglich der spezifischen Unterstützungs- und Beratungsbedarfe von räumlich getrennt lebenden Familien, der Ausgestaltung von Nachscheidungsverhältnissen sowie für die Gestaltung sozialer Infrastrukturen haben sich außerdem praxisrelevante Hinweise ergeben.

Schier, Michaela (2016): Everyday Practices of Living in Multiple Places and Mobilities: Transnational, Transregional,   and Intra-communal Multi-local Families. In: Kilkey, Majella/Palenga-Möllenbeck, Ewa (Eds.): Family Life in an Age of Migration and Mobility. Global Perspectives through the Life Course. London, S. 43-69, doi: 10.1057/978-1-137-52099-9_3

Cornelißen, Waltraud/Monz, Anna (2016): Coparenting: Wie kooperieren Eltern in Bezug auf die Versorgung, Betreuung und Erziehung ihrer Kinder nach einer Trennung? Vier Fallbeispiele. In: ZSE Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 1, S.23

SRF Kontext, 25.09.2015: Wo ist zuhause? Vom multilokalen Wohnen, Interview mit Dr. Michaela Schier, Leiterin der Schumpeter-Forschungsgruppe "Multilokalität von Familie"

Badische Zeitung, Hanna Jochum, 15.09.2014: Ein Stück Alltag ermöglichen, Interview mit Dr. Michaela Schier, Leiterin der Schumpeter-Forschungsgruppe "Multilokalität von Familie"

Evangelischer Pressedienst, Hanna Jochum, 18.07.2014: Ein Zuhause bei Dritten, Interview mit Dr. Michaela Schier, Leiterin der Schumpeter-Forschunsgruppe "Multilokalität von Familie"

ZDF heute.de, Ulrich Pontes, 09.07.2014: Eine Woche Mama, eine Woche Papa, Interview mit Dr. Michaela Schier, Leiterin der Schumpeter-Forschungsgruppe "Multilokalität von Familie"

Jennert, Ingrid 1/2013: Hier und Dort zuhause, Bericht über die Schumpeter-Forschungsgruppe über das Projekt "Multilokalität von Familie" gefördert von der Volkswagen Stiftung, in: Deutscher Kinderschutzbund Jahresheft, S. 88-93

Das Haus, 6/2013: Report. Meine doppelte Heimat: Wie Scheidungskinder sich heimisch fühlen, Bericht und Interview mit Dr. Michaela Schier, Leiterin der Schumpeter-Forschungsgruppe "Multilokalität von Familie"

SWR2 Wissen, 15.05.2013: Leben nach der Trennung. Über Scheidungsfolgen für Familien, Interview mit Dr. Michaela Schier, Leiterin der Schumpeter-Forschungsgruppe "Multilokalität von Familie"

MDR JUMP, Mittagsmagazin, 05.04.2013: Studie über Pendler. Dr. Michaela Schier, Leiterin der Schumpeter-Forschungsgruppe "Multilokalität von Familie" im Gespräch am Telefon

Etzold, Kirsten 06.11.2012: Ein Kind - zwei Kinderzimmer. In: Badische Neueste Nachrichten Karlsruhe, LOKALES

Jennert, Ingrid 08.07.2012: Scheidungskinder - heute hier, morgen dort. In: aktuell.evangelisch.de

Bayern 2, Zündfunk extra, 06.04.2012: Definitionsfrage: Was genau ist eine Familie?

WDR5, Leonardo, 04.04.2012: Trennungskinder - wie und wo sie am besten leben.

Olff, Sabine 05.02.2012: Eine Woche Mami, eine Woche Papi. Wie Trennungskinder es schaffen, zwischen zwei Welten zu pendeln. Teil 1 und Teil 2. In: SonntagsZeitung

Deutschlandfunk, STUDIOZEIT - AUS KULTUR- UND SOZIALWISSENSCHAFTEN, 02.02.2012, 20:10 Uhr: "Doing Family" - Das Familienleben nach einer Trennung

Dalberg, Andreas 24.01.2012: Wie man sich nahe bleibt. "Familie" findet heutzutage an verschiedenen Orten statt. In: Nürnberger Nachrichten

hr1 - VITA, 12.01.2012, 10:00 Uhr: Patchwork-Familien: Meine, deine, unsere und multilokales Familienleben

RBB KULTURRADIO AM VORMITTAG, Wissen, 3.1.2012, 9:10 Uhr: Zuhause bei Mama, Zuhause bei Papa: Dr. Michaela Schier, Leiterin der Schumpeter-Forschungsgruppe "Multilokalität von Familie" am Deutschen Jugendinstitut berichtet von Ergebnissen einer neuen Studie

BR alpha-Forum Wissenschaft, 28.12.2011, 20:15 Uhr: Wer traut sich noch – Ehe und Familie in der Krise? (Wiederholt ausgestrahlt am 18.1.2013)

Schade, Anne-Katrin 6/2011 & 29.06.2011: Im Scheidungsflieger. Nächster Halt: Papa. In: Dein SPIEGEL & Spiegel-Online

Resonanzen, WDR 3, 25.05.2011: Zwischen hier und dort - über Formen und Folgen der Multilokalität von Familie: ein Interview mit Dr. Michaela Schier, Leiterin der Schumpeter-Forschungsgruppe "Multilokalität von Familie" am Deutschen Jugendinstitut. ARD Themenwoche "Der mobile Mensch"

NDR Info, Frauenforum, 20.05.2011: Wohnen an zwei Orten. Der Spagat zwischen Familie und Arbeitsplatz. ARD Themenwoche "Der mobile Mensch"

Spielen und Lernen 4/2010: Ständig hin und her

Utler, Simone 15.3.2010: Pendelnde Scheidungskinder. In: Spiegel-Online

Meyer, Petra 25.10.2009 & 17.5.2010: Nach Familienphase motiviert zur Arbeit. In: Sueddeutsche Zeitung und sueddeutsche.de

Meyer, Petra 24.10.2009: Entlastete Eltern sind bessere Mitarbeiter. In: Sueddeutsche Zeitung