Weichenstellung nach der Grundschule
Der Übergang in die weiterführende Schule beeinflusst den Bildungsweg maßgeblich. Studien zeigen, dass dabei nicht nur die Leistungen der Kinder, sondern auch ihre soziale Herkunft eine Rolle spielt. Sie prägt die schulischen Kompetenzen, die Übergangsempfehlungen der Lehrkräfte und die Bildungsaspirationen der Eltern. Wie sich Benachteiligungen am Übertritt verringern lassen.
Von Mirjam Weis[1] und Christine Steiner[2]
Es gibt eine eindeutige Befundlage dazu, dass Kinder aus Familien mit höherem sozioökonomischem Status beim Übergang nach der Grundschule häufiger auf ein Gymnasium wechseln als Kinder aus sozial weniger privilegierten Elternhäusern (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2026, Maaz 2020). Dies bestätigte auch eine Studie auf Basis der Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS). Der statistisch gemessene Abstand zwischen den sozialen Gruppen war mit 0,42 Standardabweichungen deutlich ausgeprägt (Helbig/Karwath/Kleinert 2026). Der Übergang von der Grund- in die weiterführende Schule ist daher nicht nur eine wichtige Gelenkstelle in der Schullaufbahn, er ist auch einer der vielen Mechanismen, die zur Reproduktion sozialer Ungleichheit im Bildungssystem und damit in der Gesellschaft beitragen. Dafür gibt es mehrere Gründe, die sich teilweise gegenseitig beeinflussen.
Erhebliche Kompetenzunterschiede in der vierten Klassenstufe
Ein wichtiger Faktor sind die niedrigeren schulischen Kompetenzen von Kindern mit niedrigem sozioökonomischem Hintergrund im Vergleich zu Kindern mit hohem sozioökonomischem Hintergrund. So zeigen die aktuellsten Ergebnisse der Schulleistungsstudien „Internationale Grundschul- Lese-Untersuchung“ (IGLU) 2021 und „Trends in International Mathematics and Science Study“ (TIMSS) 2023, dass sowohl international als auch insbesondere in Deutschland nach wie vor große soziale Disparitäten in den Kompetenzen im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften bei Viertklässler:innen bestehen (Stubbe u.a. 2023b, Stubbe/Schulz/Beese 2024). In Deutschland erreichten in IGLU Viertklässler:innen aus Familien mit hohem Bildungshintergrund eine mittlere Lesekompetenz von 569 Punkten, Gleichaltrige aus Familien mit niedrigem Bildungshintergrund erlangten hingegen einen deutlich geringeren Mittelwert von 522 Punkten. Der Kompetenzunterschied von 47 Punkten ist erheblich. Er lässt sich in etwa mit dem durchschnittlichen Lernzuwachs eines Schuljahres vergleichen.
Insgesamt sind die Ursachen für soziale Disparitäten in den schulischen Kompetenzen vielfältig und hängen beispielsweise mit Unterschieden in der familiären Bildungs- und Erziehungspraxis, in (frühkindlichen) Bildungsaktivitäten innerhalb und außerhalb der Familie, aber auch in Nachbarschaften oder mit dem Besuch verschiedener Einrichtungen oder Schulen zusammen. Manche Studien liefern zudem Hinweise darauf, dass Unterschiede in der Selbstregulation der Kinder eine Rolle spielen (Sektnan u.a. 2010).
Soziale Disparitäten in sprachlichen Kompetenzen bestehen meist schon vor dem Schuleintritt und verfestigen sich im Laufe der Schulzeit (Passaretta/Skopek/ Van Huizen 2022). Für sprachliche Förderung sind die Bildung in der frühen Kindheit und somit auch die Bildungsaktivitäten innerhalb der Familie bedeutsam. Ergebnisse des großen Surveys des Deutschen Jugendinstituts (DJI) „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“, kurz AID:A, aus dem Jahr 2023 zeigen beispielsweise deutliche Unterschiede in der Vorlesehäufigkeit von Eltern. Während 87 Prozent der Eltern ohne Armutsgefährdung ihren 0- bis 6-jährigen Kindern täglich oder mehrmals pro Woche vorlesen, beträgt dieser Anteil bei Eltern mit Armutsgefährdung lediglich 72 Prozent und ist damit deutlich geringer (Weis u.a. 2025).
Gleiche Leistungen führen nicht immer zu den gleichen Bildungswegen
Die Schulwahl beim Übergang in die weiterführende Schule lässt sich jedoch nicht allein auf unterschiedliche Kompetenzniveaus am Ende der Grundschulzeit zurückführen. Denn Studien zeigen, dass Kinder aus Familien mit niedrigerem sozioökonomischem Status selbst bei vergleichbaren schulischen Kompetenzen seltener auf ein Gymnasium wechseln als Kinder aus privilegierteren Elternhäusern (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2026, Maaz 2020). NEPS-Ergebnisse verdeutlichen, dass Kinder aus niedrigen sozialen Schichten seltener eine Gymnasialempfehlung erhielten als Kinder aus hohen sozialen Schichten. Dieser Unterschied blieb auch dann statistisch signifikant, wenn Noten und schulische Kompetenzen berücksichtigt wurden – und betrug weiterhin 0,12 Standardabweichungen (Helbig/Karwath/Kleinert 2026). Die Ergebnisse legen damit nahe, dass die sozialen Disparitäten in den Übergangsempfehlungen der Lehrkräfte nicht nur von den Unterschieden in den Leistungen der Kinder beeinflusst werden.
Zudem spielen Unterschiede in den Schullaufbahnpräferenzen und im Entscheidungsverhalten der Eltern (Maaz 2020) eine wichtige Rolle. Ergebnisse von Schulleistungsstudien wie TIMSS 2023 und IGLU 2021 zeigen, dass die Präferenzen von Erziehungsberechtigten für bestimmte Schulformen eng mit ihrem sozialen Status zusammenhängen – und zwar auch unter der Berücksichtigung der Schulleistungen der Kinder (Stubbe u.a. 2023a, Stubbe/Beier/Lott 2024). In diesem Zusammenhang kommt den Bildungsaspirationen der Eltern sowie der Kinder besondere Bedeutung zu. Sie gelten als zentrales Bindeglied zwischen Bildungserfolg und sozialem Statuserwerb (Stocké 2013), was unter anderem daran liegt, dass sie einen starken motivationalen Charakter haben, der für den Lern und Bildungserfolg entscheidend ist (Zimmermann 2018).
Kinder aus benachteiligten Familien streben seltener das Abitur an
In AID:A 2023 wurden rund 1.000 Kinder im Alter von neun bis elf Jahren sowie ihre Eltern zum angestrebten Schulabschluss befragt. 881 Jungen und Mädchen gaben einen konkreten angestrebten Schulabschluss an. 73 Prozent von ihnen strebten das Abitur an und zeigten damit ähnlich wie ihre Eltern (76 Prozent) hohe Bildungsaspirationen. Die Angaben weisen zugleich auf einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status des Elternhauses und den Bildungsaspirationen der Kinder hin (Weis u.a. 2025). Im DJI-Survey wird der sozioökonomische Status anhand von mehreren Kriterien ermittelt. Neben der rein monetären Armutsgefährdung (weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens) wird auch die materielle Entbehrung (Deprivation) eines Haushalts sowie unter anderem das Bildungsniveau der Eltern berücksichtigt. Die Ergebnisse des AID:A-Surveys 2023 zeigen, dass Schüler:innen, die in einer materiell deprivierten oder armutsgefährdeten Familie oder mit niedrig gebildeten Eltern aufwachsen, seltener das Abitur anstreben als Kinder aus den übrigen Familien (siehe Abbildung 1).

Zumindest auf den ersten Blick spiegeln sich diese Tendenzen auch in den Angaben der Eltern wider (siehe Abbildung 2). Auf den zweiten Blick ist jedoch zu erkennen, dass Eltern in stärkerem Maße hohe Bildungsaspirationen für ihre Kinder hegen als die Kinder für sich selbst. Vor allem Eltern mit niedrigem Bildungsniveau wünschen sich in stärkerem Maße als ihr Kind das Erreichen des Abiturs.

Große Ziele, große Chancen: Bildungsaspirationen der Familien nutzen und Kinder besser fördern
Die Ergebnisse des AID:A-Surveys 2023 veranschaulichen deutliche soziale Disparitäten in den Bildungsaspirationen der Eltern und Kinder, die sich sehr wahrscheinlich in den Schullaufbahnentscheidungen beim Übergang in die weiterführende Schule niederschlagen. Somit passen sie zu Studienbefunden, die eine dreifache Benachteiligung von Kindern aus sozial schwachen Elternhäusern deutlich machen, zum Ersten durch geringere Schulleistungen aufgrund der Sozialisationskontexte, zum Zweiten durch die schlechteren Beurteilungen durch Lehrkräfte bei gleichen Testleistungen und zum Dritten durch das Schullaufbahnverhalten beim Übergang in die weiterführende Schule (Maaz 2020).
Bezüglich der Interventionsmöglichkeiten ist es daher wichtig, die unterschiedlichen Formen der Benachteiligung zu berücksichtigen. Eine wichtige Stellschraube ist es, insbesondere Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Hintergrund schon möglichst frühzeitig zu fördern, um sie in ihrer Kompetenzentwicklung bestmöglich zu unterstützen und späteren sozialen Disparitäten in den Kompetenzen vorzubeugen. Hierzu sind eine diagnosebasiert früh einsetzende vorschulische sprachliche Förderung sowie Förderprogramme zu schulischen und sozioemotionalen Kompetenzen (zum Beispiel Selbstregulation) in den Grundschulen zentral.
Das aktuelle Startchancen-Programm stellt einen vielversprechenden Ansatz dar, um Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schüler:innen gezielt zu unterstützen. Zusätzlich sollte die Elternbildung stärker in den Fokus rücken, damit Eltern frühzeitig befähigt werden, ihren Kindern niederschwellige Anregungen zu bieten (etwa häufiges Sprechen, Singen, Vorlesen). Eine andere Stellschraube zur Verringerung von Herkunftseffekten beim Übergang in die weiterführende Schule sind eine stärkere Berücksichtigung von standardisierten Kompetenztests als Grundlage für Noten und Schulformempfehlungen sowie verbindliche Schulformempfehlungen (Dumont u.a. 2014).
Die dargestellten AID:A-Ergebnisse weisen zudem darauf hin, dass die Bildungsaspirationen einen wichtigen Ansatzpunkt darstellen können. Denn ein überwiegender Anteil der Kinder und Eltern hat hohe Bildungsaspirationen, was auf eine große Bildungsmotivation hinweist. Dieses Potenzial sollte noch mehr für die individuelle Förderung der Kinder genutzt werden. In einem Projekt des DJI mit armutsgefährdeten Münchner Familien zeigte sich zudem, dass Kinder, die in prekären Lebenslagen aufwachsen, zu wenig angemessene Unterstützung erhalten, die den Wechsel in anspruchsvollere weiterführende Schulen erleichtern könnte. Handlungsbedarfe wurden insbesondere bei der Sprachförderung und der konkreten Lernunterstützung identifiziert, die direkt an die Schule beziehungsweise Ganztagsbetreuung angegliedert sein sollten (Lüring u.a. 2022).
Autor:Innengruppe Bildungsberichterstattung (2026): Bildung in Deutschland 2026. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft. Bielefeld
Dumont, Hanna u.a. (2014): Soziale Ungleichheiten beim Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I: Theorie, Forschungsstand, Interventions- und Fördermöglichkeiten. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 17. Jg., Sonderheft. Wiesbaden, S. 141–165
Helbig, Marcel / Karwath, Claudia / Kleinert, Corinna (2026): Von der Kita bis zur Uni:Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg beeinflussen. Münster
Kuger, Susanne u.a. (2024): AID:A 2023 – Design des Surveys. In: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): AID:A 2023 Blitzlichter. Zentrale Befunde des DJI-Surveys zum Aufwachsen in Deutschland. Bielefeld, S. 7–15
Lüring, Klara u.a. (2022): Zusammenhänge zwischen prekären Lebenslagen und Bildungsverläufen. Die Situation von Schülerinnen und Schülern am Übergang von der Grundschule in die Sekundarschule. Abschlussbericht am Deutschen Jugendinstitut. München
Maaz, Kai (2020): Soziale Ungleichheiten. Der Übergang von der Grundschule als Hürde. In: Lernende Schule, 23. Jg., H. 1, S. 7–9
Passaretta, Giampiero / Skopek, Jan / Van Huizen, Thomas (2022): Is social inequality in school-age achievement generated before or during schooling? A European perspective. In: European Sociological Review, 38. Jg., H. 6, S. 849–865
Sektnan, Michaella u.a. (2010): Relations between early family risk, children’s behavioral regulation, and academic achievement. In: Early Childhood Research Quarterly, 25. Jg., H. 4, S. 464–479
Stocké, Volker (2013): Bildungsaspirationen, soziale Netzwerke und Rationalität. In: Becker, Rolf/ Schulze, Alexander (Hrsg.): Bildungskontexte. Wiesbaden, S. 269–298
Stubbe, Tobias C. u.a. (2023a): Schullaufbahnpräferenzen am Übergang in die Sekundarstufe und der Zusammenhang mit leistungsrelevanten und sozialen Merkmalen. In: McElvany, Nele u.a. (Hrsg.): IGLU 2021. Lesekompetenz von Grundschulkindern im internationalen Vergleich und im Trend über 20 Jahre. Münster, S. 231–247
Stubbe, Tobias C. u.a. (2023b): Soziale und migrationsbedingte Disparitäten in der Lesekompetenz von Viertklässlerinnen und Viertklässlern. In: McElvany, Nele u.a. (Hrsg.): IGLU 2021. Lesekompetenz von Grundschulkindern im internationalen Vergleich und im Trend über 20 Jahre. Münster, S. 151–177
Stubbe, Tobias C. / Beier, Annika / Lott, Martje (2024): Schullaufbahnpräferenzen am Übergang in die Sekundarstufe und der Zusammenhang mit leistungsrelevanten und sozialen Merkmalen. In: Schwippert, Knut u.a. (Hrsg.): TIMSS 2023. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen von Grundschulkindern im internationalen Vergleich. Münster, S. 341–360
Stubbe, Tobias C. / Schulz, Leonhard / Beese, Christin (2024): Soziale Disparitäten in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen von Viertklässler:innen. In: Schwippert, Knut u.a. (Hrsg.): TIMSS 2023. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen von Grundschulkindern im internationalen Vergleich. Münster, S. 233–258
Weis, Mirjam u.a. (2025): Bildung: Häusliche Unterstützung, Kompetenzen und Bildungsaspirationen. In: Walper, Sabine u.a. (Hrsg.): Eine Perspektive für jedes Kind. UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2025. Köln, S. 37–54
Zimmermann, Thomas (2018): Die Bedeutung signifikanter Anderer für eine Erklärung sozial differenzierter Bildungsaspirationen. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 21. Jg., H. 2, Wiesbaden, S. 339–360

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2+3/2026 von DJI Impulse „Bildung ohne Barrieren. Wie sich Übergänge chancengerechter gestalten lassen“ (Download PDF[3]).

