Den Schulstart gut vorbereiten
Entscheidende Grundlagen für den Bildungserfolg werden schon vor der Einschulung gelegt. Frühe Kompetenzmessungen können helfen, Förderbedarfe rechtzeitig zu erkennen und Kinder gezielt zu unterstützen. Dafür braucht es allerdings aufeinander abgestimmte, vergleichbare Verfahren und eine enge Zusammenarbeit von Kita, Schule und Gesundheitswesen.
Von Susanne Lochner[1]
Der Übergang von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule ist eine der ersten kritischen Phasen in der Bildungsbiografie eines Kindes, die als Entwicklungsaufgabe von Kindern, Eltern sowie pädagogischen Fach- und Lehrkräften gemeinsam zu meistern ist. Es handelt sich also um einen „ko-konstruktiven“ Prozess. Das heißt, der gelingende Schulstart hängt nicht allein von den Fähigkeiten des Kindes ab, sondern auch davon, wie gut die beteiligten Akteure diesen Übergang gestalten (Griebel/Niesel 2003).
Aktuelle Studien bestätigen, dass Kitas und Grundschulen in Deutschland häufig noch nicht ausreichend zusammenarbeiten (Erhardt/Then/Pohlmann-Rother 2026). Ursache ist unter anderem die historisch gewachsene Trennung zwischen dem Elementarbereich vor dem 6. Lebensjahr und dem folgenden Primarbereich, die sich in unterschiedlichen pädagogischen Konzepten, Arbeitsweisen und professionellen Rollenverständnissen in den beiden Bereichen niederschlägt. Für Kinder bedeutet der Schuleintritt daher oft einen Wechsel zwischen zwei Systemen, die bislang hierzulande nur begrenzt miteinander kooperieren.
Im internationalen Vergleich fällt diese mangelnde Verzahnung in Deutschland besonders deutlich aus. Während Länder wie Neuseeland oder Australien den Informationsaustausch zwischen Kindertageseinrichtungen und Schulen durch nationale Konzepte und verbindliche Verfahren unterstützen, fehlen in Deutschland bislang vergleichbare Strukturen (OECD 2017). Dies erschwert es, Bildungs- und Entwicklungsprozesse über den Schuleintritt hinweg kontinuierlich fortzuführen.
Kinder starten mit zunehmend unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule.
Hinzu kommt, dass Kinder mit zunehmend unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule starten. Diese Unterschiede betreffen etwa die sprachliche Entwicklung, grundlegende Fähigkeiten für das spätere Lesen, Schreiben und Rechnen sowie soziale und emotionale Kompetenzen. Die Forschung zeigt zudem, dass die Lernvoraussetzungen von Kindern in Deutschland weiterhin eng mit ihrer sozialen Herkunft und den Anregungsmöglichkeiten im familiären Umfeld zusammenhängen (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2026; Skopek/Passaretta 2021). Umso wichtiger sind gut abgestimmte Übergänge, die Kinder individuell unterstützen.
Die Politik erkennt den Handlungsbedarf
Aktuelle bildungspolitische Entwicklungen und wissenschaftliche Empfehlungen nehmen den Schuleintritt deshalb nun verstärkt in den Blick und wollen mit einer datengestützten Verzahnung der beiden Systeme zu einem besseren Start in die Schule für alle Kinder beitragen. Einen Anstoß für diese Entwicklung gaben die ehemaligen Bildungsministerinnen von Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz: Sie forderten eine engere, rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit zwischen Elementar- und Primarbereich (Wübben Stiftung Bildung 2025).
Einen zentralen Pfeiler bildet das Programm „StarS – Stark in die Grundschule starten“, bei dem Lernausgangslagen zu Beginn der Schulzeit systematisch erfasst werden, um die individuelle Lernentwicklung frühzeitig einzuschätzen. Dieser Impuls mündete im Jahr 2026 in einen gemeinsamen Beschluss der Bildungsministerkonferenz (BMK) sowie der Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK), der den Übergang erstmals bundesweit als geteilte Verantwortung von Familien, Kindertageseinrichtungen und Schulen definiert. Im Fokus stehen dabei die kontinuierliche Begleitung von Bildungsprozessen sowie der Austausch über dokumentierte Entwicklungsverläufe – insbesondere in den Schlüsselbereichen sozial-emotionale, sprachliche und mathematische Kompetenzen (KMK 2026).
Flankiert wird dieser politische Prozess durch die Expertise der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK), welche die Notwendigkeit einer datengestützten Qualitätsentwicklung bereits vor Schuleintritt sieht (SWK 2026). Um die Förderung von Kindern nachhaltig zu stärken, müsse der Übergang in die Grundschule auf einer soliden Datenbasis stehen. Hierbei gewinnt die Schuleingangsuntersuchung (SEU) an Bedeutung. Praxisbeispiele verdeutlichen bereits, wie SEU-Daten genutzt werden können, um soziale Ungleichheiten sichtbar zu machen, Ressourcen gezielter zu steuern und präventive Ansätze passgenau zu entwickeln (Jehles 2026).
Die bildungspolitische Architektur auf Bundesebene spiegelt diese Bestrebungen wider: Die Zusammenlegung des Bildungsressorts mit dem für die Kindertagesbetreuung zuständigen Familien- und Jugendressort in einem Ministerium setzt ein Zeichen für eine integrierte Bildungspolitik. Mit einer verstärkten Betonung der frühkindlichen Bildung, einer Stärkung der frühen Sprach- und Entwicklungsdiagnostik und dem Ziel einer verbesserten Anschlussfähigkeit zwischen früher und schulischer Bildung sollen somit die Weichen für ein gerechteres und leistungsfähigeres Bildungssystem gestellt werden (KMK 2026).
Befunde der Schuleingangsuntersuchungen sind bislang nur bedingt vergleichbar
Im Rahmen des nationalen Bildungsberichts 2026 wurde erstmalig eine Länderabfrage zu aggregierten Ergebnissen der Schuleingangsuntersuchungen durchgeführt, mit dem Ziel, über Entwicklungsauffälligkeiten bei der Einschulung in sprachlicher, mathematischer sowie kognitiver Hinsicht zu berichten. Die Vergleichbarkeit der Befunde ist jedoch eingeschränkt, da sich die Bundesländer bezüglich der eingesetzten Diagnoseverfahren, der Erhebungszeitpunkte und der Datenaufbereitung unterscheiden. So werden beispielsweise Kinder in Baden-Württemberg nicht mit dem weitverbreiteten Standardinstrument „Sozialpädiatrisches Entwicklungsscreening für Schuleingangsuntersuchungen“ (SOPESS) getestet, da die Erhebung dort bereits zwei Jahre vor der Einschulung stattfindet, um mehr Zeit für Fördermaßnahmen vor Schulbeginn zu gewinnen. Darüber hinaus erschweren unterschiedliche Definitionen von Erhebungskategorien, insbesondere bei der Gesamtbewertung von Entwicklungsauffälligkeiten und relevanten soziodemografischen Hintergrundvariablen, bislang die Vergleichbarkeit der Befunde (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2026, Tab. C5-8web). Dennoch lassen sich aus den Daten aussagekräftige Trends ableiten.
Entwicklungsauffälligkeiten im sprachlichen Bereich nehmen tendenziell zu
Die Auswertung der Schuleingangsuntersuchungen im Zehnjahresvergleich deutet auf eine Zunahme von Entwicklungsauffälligkeiten in den sprachlichen, mathematischen und kognitiven Vorläuferkompetenzen hin – also bei grundlegenden Fähigkeiten, die für das spätere Lesen, Schreiben und Rechnen wichtig sind. Hierzu gehören beispielsweise Artikulation und Grammatik, Zählen und Mengenverständnis sowie Aufmerksamkeit, visuelle Wahrnehmung und logisches Denken (siehe Abbildung). Insbesondere im Bereich Sprache zeigt sich eine Verschlechterung. In Summe wurden aktuell deutschlandweit bei etwa einem Viertel der untersuchten Kinder Entwicklungsauffälligkeiten im Bereich Sprache festgestellt – mit Schwerpunkten in Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Hessen. Nur vereinzelt ist ein leicht positiver Trend erkennbar, etwa beim Zahlenverständnis in Baden-Württemberg, Niedersachsen und Brandenburg sowie bei der kognitiven Entwicklung in Brandenburg und Hessen.

Da sprachliche, mathematische und kognitive Kompetenzen wesentliche Voraussetzungen für den Bildungserfolg darstellen, können die Befunde als Hinweis auf wachsende Herausforderungen im Bereich der frühkindlichen Entwicklungsförderung interpretiert werden. Die deutlichen regionalen Unterschiede sprechen zudem für einen Einfluss sozialer und struktureller Rahmenbedingungen. Gleichzeitig besitzen regionale Förder- und Bildungsmaßnahmen das Potenzial, Entwicklungsverläufe günstig zu beeinflussen.
Frühe Testungen besser aufeinander abstimmen und kindgerecht gestalten
Vor der Einschulung durchlaufen Kinder nicht nur die Schuleingangsuntersuchung, sondern eine Vielzahl von anderen Verfahren wie die U-Untersuchungen beim Kinderarzt, die Sprachstandserhebungen oder die Entwicklungsportfolios in Kitas. Um Parallelstrukturen in der Diagnostik zu vermeiden und die Belastung durch Testverfahren für Kinder und Familien zu minimieren, ist ein zuständigkeitsübergreifendes Datenmanagement essenziell. Nur so können auf Basis valider Ergebnisse passgenaue Unterstützungsangebote entwickelt werden.
Die im Koalitionsvertrag sowie von der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission geforderte Einführung länderübergreifender Verfahren zur Erfassung von Entwicklungs- und Sprachständen sollte deshalb die Schuleingangsuntersuchungen und weitere Erhebungen vor der Einschulung (wie etwa Sprachstandserhebungen) systematisch integrieren. Dies erfordert eine wirksame Schnittstellenarbeit, die über Kita und Schule hinausreicht und das Gesundheitssystem explizit einbezieht, da diesem aktuell die Verantwortung für die Feststellung der Ausgangslagen im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen obliegt. Projekte zur methodischen Weiterentwicklung, wie das Projekt Konzeption und Machbarkeitsprüfung eines bundesweiten Monitorings frühkindlicher Entwicklung in Deutschland (KOMET), das auf dem SOPESS aufbaut, leisten wichtige Beiträge zur Harmonisierung der Schuleingangsuntersuchungen. Bislang werden entsprechende Ansätze jedoch noch nicht flächendeckend eingesetzt. Um Entwicklungen bundesweit verlässlich beobachten und die Situation von Kindern zwischen den Ländern vergleichen zu können, ist eine stärkere Vereinheitlichung der erhobenen Merkmale und Hintergrundinformationen erforderlich.
Aktuell wurden deutschlandweit bei etwa einem Viertel der untersuchten Kinder Entwicklungsauffälligkeiten im Bereich Sprache festgestellt.
Autor:Innengruppe Bildungsberichterstattung (2026): Bildung in Deutschland 2026. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft. Bielefeld
Erhardt, Jessica / Then, Daniel / Pohlmann-Rother, Sanna (2026): Multiprofessionelle Kooperation beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule: Ein systematisches Review. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 29, S. 927–952
Griebel, Wilfried / Niesel, Renate (2003): Die Bewältigung des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule. In: Fthenakis, Wassilios E. (Hrsg.): Elementarpädagogik nach PISA. Wie aus Kindertagesstätten Bildungseinrichtungen werden können. Freiburg im Breisgau, S. 136–151
Jehles, Nora (2026): Frühe Chancen – Schuleingangsuntersuchungen für Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit nutzen. Impulspapier der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich- Ebert-Stiftung. Bonn
KultusministerkonferenZ (KMK) (2026). Gemeinsame Empfehlung zum Übergang vom Elementar- in den Primarbereich. Beschluss der Bildungsministerkonferenz vom 26.03.2026. Berlin
OECD (2017): Starting Strong V. Transitions from Early Childhood Education and Care to Primary Education. Paris
Skopek, Jan / Passaretta, GIAMPIERO (2021): Socioeconomic Inequality in Children’s Achievement from Infancy to Adolescence: The Case of Germany. In: Social Forces, Jahrgang 100, Heft 1, S. 86–112
Ständige Wissenschaftliche Kommission Der Kultusministerkonferenz (SWK) (2026): Datengestützte Entwicklung und Steuerung in Schulen und frühkindlicher Bildung. Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. Bonn
Wübben Stiftung Bildung (2025): Bessere Bildung 2035. Düsseldorf

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2+3/2026 von DJI Impulse „Bildung ohne Barrieren. Wie sich Übergänge chancengerechter gestalten lassen“ (Download PDF[2]).
