Zukunftsperspektiven vor Ort schaffen, Fachkräfte sichern

Strukturschwache Regionen und Kommunen nutzen datenbasiertes Bildungsmanagement und systematisches Monitoring, um Bildungswege stringent zu gestalten und der Abwanderung von jungen Menschen frühzeitig entgegenzuwirken. 

Von Jenny Richter[1]

Der Einstieg in den Beruf bedeutet für junge Menschen einen markanten Übergang, der mit dem Wechsel in eine andere Region, Stadt oder einen anderen Landkreis verbunden sein kann. Gerade für junge Menschen, die in großen Landkreisen beziehungsweise strukturschwachen Regionen leben, sind die Mobilitätsanforderungen sehr hoch. Bereits in der Bewerbungsphase stellen sich ihnen viele Fragen: Ist der Ausbildungsplatz in der Nähe des zumeist elterlichen Wohnorts, oder müssen längere Wege bewältigt werden? Gibt es eine geeignete öffentliche Verkehrsanbindung und bezahlbaren Wohnraum beziehungsweise Internate am Ausbildungsort? 

Ein zentrales Anliegen kommunaler Politik und Verwaltung besteht darin, möglichst vielen jungen Menschen Perspektiven für einen Verbleib in ihrer Herkunftsregion zu bieten. Denn die Funktionsfähigkeit der regionalen Wirtschaft ist wesentlich von der nachwachsenden Generation abhängig. In Verbindung mit demografischer Alterung und mangelndem Zuzug – auch qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland – droht andernfalls ein massiver Bedeutungsverlust ganzer Gebiete.

Spezifische Herausforderungen bestehen in sogenannten Strukturwandelregionen, wie dem Rheinischen und Mitteldeutschen Revier sowie der Lausitz, die vom Ausstieg aus der Braunkohleverstromung betroffen sind. Diese großen wirtschaftlichen Regionen müssen in einem sehr engen Zeitrahmen bis 2038 grundlegend umgestaltet werden: Während im Braunkohleabbau Stellen wegfallen, besteht ein enormer Fachkräftebedarf in den Sektoren erneuerbare Energien und Wasserstoff. Ohne den Fachkräftenachwuchs, ohne Auszubildende und qualifizierte Berufseinsteiger:innen ist dieser Wandel nicht zu bewältigen. Für die Reviere sind zwar laut Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen (StStG 2020) Förderprogramme vorhanden, die diese Prozesse flankieren, doch den Kommunen sowie regionalen Steuerungsinstitutionen obliegt es, sie zu planen und umzusetzen (BBSR 2025). 

Manche Landkreise verlieren mehr als 20 Prozent ihrer Bevölkerung

Das datenbasierte kommunale Bildungsmanagement (DKBM) ist ein etablierter Steuerungsansatz, der in Kommunen das lebenslange Lernen und Übergänge in der Bildung systematisch in den Blick nimmt. Seit einer ersten Modellphase (2009 und 2014) können Landkreise, Städte und Gemeinden Sach- und Personalmittel für den Aufbau von Bildungsmanagement und -monitoring beantragen.

Das aktuelle Förderprogramm des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) hat den Titel „Bildungskommunen“. In dessen Rahmen konnten Kommunen und Landkreise zwischen verschiedenen Schwerpunktthemen auswählen – die Fachkräftesicherung ist bundesweit das meistgewählte Thema, insbesondere durch die Landkreise. Denn gerade in strukturschwachen ländlichen Regionen ist der Arbeits- und Fachkräftemangel besonders zu spüren. Mitteldeutsche Landkreise wie Mansfeld- Südharz oder das Altenburger Land werden laut Prognosen bis zum Jahr 2045 mehr als 20 Prozent ihrer Bevölkerung verlieren, neben dem Geburtenrückgang ist vor allem der Wegzug junger Menschen ursächlich (Fehser 2025). 

Mehr als Arbeitsplätze: wie Regionen Jugendliche halten können

Kommunales Bildungsmanagement und -monitoring hat die grundlegende Aufgabe, passende strategische Maßnahmen zu entwickeln, um Jugendliche in der Region zu halten. Attraktive Angebote der Berufsorientierung (BO) an Schulen sind einer der wichtigsten Ansatzpunkte. Es gilt, junge Menschen mit den kommunalen sowie regionalen Unternehmen bekannt zu machen und Ausbildungs- sowie berufliche Perspektiven aufzuzeigen. Im Zuge des kommunalen Bildungs­managements werden zum Beispiel digitale Übersichten über regionale Ausbildungsangebote veröffentlicht oder Schüler:innen, Auszubildende, Studierende sowie Eltern befragt (Netzwerkbüro BiSMit 2024). Die Partizipation Jugendlicher ist gerade in Strukturwandelregionen immanenter Bestandteil regionaler Strategien. Das DJI-Projekt BiSMit – Bildung im Strukturwandel in Mitteldeutschland führte beispielsweise mit dem Landkreis Leipzig einen partizipativen Prozess mit Jugendlichen durch, in dem es unter anderem um ihre Zukunft in der Region und ihre Berufswünsche ging (Netzwerkbüro BiSMit 2023).

Aktuelle Ergebnisse der Sozialraum- und Regionalforschung zeigen zudem, dass neben harten Standortfaktoren, wie etwa dem Angebot an Arbeitsplätzen oder der Bildungsinfrastruktur, auch sogenannte weiche Standortfaktoren bedeutende Kriterien für Familien und Fachkräfte sind, sich für den Verbleib in einer Region zu entscheiden. Zu diesen zählen Freizeitmöglichkeiten, Image und Identifikation mit der Region, kulturelle Angebote sowie eine offene Willkommenskultur (Feuerbach/Kosinski/Schmidt 2019). Exemplarisch für viele Landkreise setzt der Burgendlandkreis in Sachsen-Anhalt im Rahmen des Strukturwandels den Fokus auf Ausbildung und neue Branchen – mit dem Anspruch, nicht nur Jobs, sondern Perspektiven zu schaffen. Neben einer aktiven Jugendbeteiligung werden Start-ups und Kreativprojekte gefördert, regionale Netzwerke zwischen Schulen, Unternehmen und Verwaltung aufgebaut sowie touristische und kulturelle Angebote ausgebaut.

Ursachen von Ausbildungsabbrüchen erkennen und entgegensteuern

Das Monitoring des Übergangs von der Schule in den Beruf steht vor der Herausforderung, dass es bislang kaum offizielle steuerungsrelevante Daten zu Ausbildungsabbrüchen gibt. Aktuell wird in Ostdeutschland zum Beispiel jeder dritte Ausbildungsvertrag wieder aufgelöst, ohne dass die genauen Ursachen bekannt sind. Deshalb führen Kommunen im Zuge des Bildungsmanagements zum Teil eigene Erhebungen und Recherchen durch, um gezielte Strategien gegen die Ausbildungsabbrüche zu entwickeln. Dabei gilt es, die relevanten Akteure, wie Unternehmen, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer, Jugendberufsagentur oder Arbeitsagentur, zusammenzubringen. Auch Einrichtungen der kommunalen Wirtschaftsförderung sind relevante Partner, denn sie verfügen über Unternehmenszahlen, Ansiedlungsplanungen und ermitteln branchenspezifische Fachkräftebedarfe sowie Qualifikationsprofile. Kommunales Bildungsmanagement wird somit auch künftig zur Entwicklung einer kommunalen Bildungslandschaft beitragen, die lebenslanges Lernen fördert, regionale Entwicklungen aufzeigt, Bedarfe erfasst sowie die Zusammenarbeit der für die Fachkräftesicherung relevanten Akteure unterstützt. 

Bundesinstitut Für Bau-, Stadt- Und Raumforschung (BBSR) (2025): 1. Transformationsbericht. Der Strukturwandel in den Braunkohleregionen. Bonn

Fehser, Stefan (2025): Bleiben statt Fortgehen – warum die Jugend zur Zukunftsfrage wird. In: Revierkurier Nr. 6, S. 10–11

Feuerbach, Frank / Kosinski, Jörg / Schmidt, Alexandra (2019): Was macht den ländlichen Raum für junge Fachkräfte attraktiv? Literaturanalyse für das Programm Perspektive Land. Studie im Auftrag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Berlin

Netzwerkbüro Bildung Im Strukturwandel In Mitteldeutschland (BiSMit 2023): DAS kümmert mich die Welt von morgen. Jugendbeteiligung im Strukturwandel. Studienbericht. Leipzig

Netzwerkbüro Bildung Im Strukturwandel In Mitteldeutschland (BiSMit 2024): Berufliche Orientierung im Strukturwandel. Ein Blick ins Mitteldeutsche Revier. Studienbericht. Leipzig

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2+3/2026 von DJI Impulse „Bildung ohne Barrieren. Wie sich Übergänge chancengerechter gestalten lassen“ (Download PDF[2]).

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