Beteiligung bindet junge Menschen an ländlichen Raum - die Art des Engagements ist aber entscheidend

Junge Menschen, die ihren Heimatort aktiv mitgestalten, möchten deutlich seltener wegziehen

27. Januar 2026 -

Die Abwanderung junger Menschen gehört zu den prägenden Herausforderungen ländlicher Räume – besonders in Ostdeutschland. Wenn sie ihren Heimatort aktiv mitgestalten, möchten sie jedoch deutlich seltener wegziehen. Jugendengagement kann also dazu beitragen, strukturschwache Regionen lebendig zu halten. Dies zeigt die Studie „Kulturell-musische Bildung für Jugendliche des ländlichen Raums (KUMULUS)“, die das Deutsche Jugendinstitut (DJI) im Verbund mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg bis 2023 durchführt hat. 

Die KUMULUS-Daten zu 13- bis 16-jährigen Schülerinnen und Schülern machen deutlich: Jede dritte befragte Person will „ganz sicher wegziehen“. Besonders häufig wird dieser Wunsch von Jugendlichen der 9. und 10. Klassen geäußert – also in einer Phase, in der Übergänge in Ausbildung oder weiterführende Schule konkret werden.
 

475 junge Menschen in zwei Landkreisen befragt
In einer Online-Erhebung an allgemeinbildenden Schulen wurden 475 Jugendliche der 7. bis 10. Klassenstufen in den Flächenlandkreisen Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt und der Mecklenburgischen Seenplatte in Mecklenburg-Vorpommern befragt. Beide gelten nach der Klassifikation des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) als „sehr peripher-ländlich“ – eine Einstufung, die sich aus geringer Bevölkerungsdichte und erheblichen Distanzen zu größeren Städten ergibt.

Warum junge Menschen bleiben oder gehen, hängt von vielen Kriterien ab. Häufig genannt werden „harte“ Faktoren wie Arbeits- und Ausbildungsplätze, Verkehrsanbindung, Bildungs- und Betreuungsangebote oder die Versorgung mit Dienstleistungen. Daneben spielen aber auch „weiche“ Faktoren eine erhebliche Rolle: soziale Netzwerke, Freundschaften und Familie, regionale Verbundenheit, Heimatgefühle, kulturelle Traditionen sowie Möglichkeiten des Engagements und der Mitgestaltung.
 

Art der Partizipation ist entscheidend für den Wunsch, in der Region zu bleiben oder sie zu verlassen
Die KUMULUS-Auswertung zeigt einen statistisch bedeutsamen Zusammenhang zwischen bestimmten Formen der Partizipation und den Bleibeintentionen junger Menschen. Besonders deutlich wird dies bei der freiwilligen Feuerwehr und anderen Rettungsdiensten. Jugendliche, die hier aktiv sind, äußern signifikant seltener den Wunsch, ihre Region nach der Schule zu verlassen. Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Heimat- und Bürgervereinen. Diese Formen des Engagements sind eng mit regionaler Identität und lokaler Verwobenheit verknüpft – Faktoren, die offenbar helfen, Abwanderungsabsichten zu verringern.

Gleichzeitig zeigt sich, dass nicht alle Gelegenheiten zur Partizipation diesen Effekt aufweisen. Sportvereine sind zwar die am weitesten verbreitete Form der Partizipation, stehen aber in keinem signifikanten Zusammenhang mit Bleibeperspektiven. Bei politischen Gruppen und Parteien ist sogar ein gegenläufiger Trend erkennbar. Engagierte Jugendliche äußern hier überdurchschnittlich häufig Abwanderungspläne. Dabei ist zu berücksichtigen, dass solche Unterschiede auch auf Selbstselektion zurückgehen können – also darauf, dass sich Jugendliche mit bestimmten Einstellungen oder Orientierungsmustern eher in bestimmten Formen des Engagements wiederfinden. Insgesamt wird damit deutlich: Partizipation wirkt nicht überall gleich, doch gerade in stark lokal verankerten Strukturen zeigt sie messbare Effekte auf die Zukunftsentscheidungen Jugendlicher.


weitere Informationen im Beitrag “Beteiligung bindet – und bremst Abwanderung” des Forschungsmagazins DJI Impulse[1]DJI- Forschungsprojekt „Kulturell-musische Bildung für Jugendliche des ländlichen Raums (Kumulus)“[2]Fehser, Stefan/Tillmann, Frank/Reißig, Birgit (2025): Partizipation und Abwanderung von Jugendlichen in ländlichen Regionen. Eine quantitative Untersuchung zivilgesellschaftlicher Teilhabe von Jugendlichen unter sozialgeografischen Gesichtspunkten. In: Grunert, Cathleen/Ludwig, Katja (Hrsg.): Jugend - Ländliche Räume - Peripherie(sierung). Theoretische und empirische Erkundungen regionaler Ungleichheiten. Reihe: Studien zur Kindheits- und Jugendforschung. Band 11. Wiesbaden: Springer VS, S. 103-124[3]
 

Kontakt
Prof. Dr. Birgit Reißig
Leiterin Forschungsschwerpunkt Übergänge im Jugendalter
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reissig@dji.de

Martin Kern
Abteilung Medien und Kommunikation
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