Beteiligung bindet – und bremst Abwanderung
Feuerwehr, Rettungsdienst oder Heimatverein: Junge Menschen, die ihren Heimatort aktiv mitgestalten, möchten deutlich seltener wegziehen. Eine Studie zeigt, wie Jugendengagement dazu beitragen kann, strukturschwache Regionen lebendig zu halten.
Von Stefan Fehser, Birgit Reißig und Frank Tillmann
Die Abwanderung junger Menschen gehört zu den prägenden Herausforderungen ländlicher Räume. Prognosen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR 2024) zeigen: Während die Bevölkerung in Deutschland insgesamt wächst, gehen die Einwohnerzahlen in ländlichen und peripheren Regionen Ostdeutschlands deutlich zurück. Für einzelne Landkreise wird bis zum Jahr 2045 ein Rückgang um 20 bis 25 Prozent im Vergleich zu 2022 erwartet.
Besonders ausgeprägt ist die Abwanderung der 18- bis 24-Jährigen. Ihr Wegzug wird in der Demografie als Bildungswanderung bezeichnet, da Ausbildung und Studium hier zentrale Motive sind. Auffällig ist, dass junge Frauen überdurchschnittlich oft ihren Lebensmittelpunkt in städtische Regionen verlagern – mit der Folge eines wachsenden Männeranteils in ländlichen Räumen (Fehser/Jäckel 2025).
Forschende des Leibniz-Instituts für Länderkunde sprechen in Bezug auf Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen von einer „Culture of Out-Migration“ (Meyer/Leibert 2021) – also einer Haltung in der Bevölkerung, die den Wegzug nach der Schule fast schon als Normalität betrachtet. Diese Entwicklung verstärkt nicht nur den demografischen Rückgang, sondern führt auch zu „entleerten Räumen“ und strukturellen Schieflagen, die schwer zu korrigieren sind.
Bei Abwanderung spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle
Warum junge Menschen bleiben oder gehen, hängt von einem ganzen Bündel an Faktoren ab. Häufig genannt werden „harte“ Faktoren wie Arbeits- und Ausbildungsplätze, Verkehrsanbindung, Bildungs- und Betreuungsangebote oder die Versorgung mit Dienstleistungen. Daneben spielen aber auch „weiche“ Faktoren eine erhebliche Rolle: soziale Netzwerke, Freundschaften und Familie, regionale Verbundenheit, Heimatgefühle, kulturelle Traditionen sowie Möglichkeiten des Engagements und der Mitgestaltung (Feuerbach/Kosinski/Schmidt 2019).
Quantitative Studien (Schametat 2025) zeigen zwar, dass Berufswahl und Ausbildung die Hauptgründe für Abwanderung sind. Gleichzeitig belegen sie aber auch, dass weiche Faktoren keineswegs nebensächlich sind. Im Gegenteil: Sie wirken eigenständig auf die Entscheidung, ob jemand bleibt oder geht. Besonders wichtig sind dabei Formen der Partizipation – also die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden, mitzureden und die eigene Region mitzugestalten. Damit bestätigen sich auch frühere Befunde. Schon die Leipziger Soziologen Kurt Mühler und Karl-Dieter Opp wiesen im Jahr 2006 darauf hin, dass durch Einbindung in gesellschaftliche Prozesse die Identifikation mit dem Lebensumfeld wächst – und damit auch die Bereitschaft, vor Ort zu bleiben.
Partizipation ersetzt zwar keine fehlenden Arbeitsplätze oder Studienmöglichkeiten. Sie kann aber als sozialer Haltefaktor wirken: Wer sich beteiligen kann, entwickelt Bindung, Vertrauen und Verantwortung für die eigene Region. Und genau das sind Eigenschaften, die darüber entscheiden können, ob junge Menschen eine Zukunft „zu Hause“ sehen – oder nicht.
Wie Kommunen mit der Herausforderung des demografischen Wandels umgehen und welche Rolle sie Jugend in ländlichen Regionen zuschreiben, untersuchte das Deutsche Jugendinstitut (DJI) bereits im Projekt „Jugend im Blick“ (Beierle/Tillmann/Reißig 2016). Die Studie kombinierte quantitative und qualitative Zugänge in verschiedenen Landkreisen. Deutlich wurde, dass Jugend vielerorts vor allem als Investitionsprojekt betrachtet wird – als Ressource, um den demografischen Wandel zu bewältigen und die Entwicklungschancen des Landkreises zu sichern. Im Vordergrund stand die bessere Ausschöpfung vorhandener Bildungspotenziale. Gleichzeitig zeigten sich aber auch andere Perspektiven. Angesichts partizipativer Elemente wurde Jugend nicht nur unter dem Aspekt ihrer „Nützlichkeit“ gesehen, sondern auch um ihrer selbst willen – als in einer eigenständigen Lebensphase befindlich mit eigenen Gestaltungsrechten.
Jede:r dritte Jugendliche in sehr ländlichen Regionen plant wegzuziehen
Vor diesem Hintergrund hat das DJI im Verbund mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg das Projekt „Kulturell-musische Bildung für Jugendliche des ländlichen Raums“, kurz KUMULUS, bis 2023 im Auftrag des Bundesbildungsministeriums durchgeführt. In einer Online-Erhebung an allgemeinbildenden Schulen wurden 475 Jugendliche der 7. bis 10. Klassenstufe in sehr peripheren ostdeutschen Regionen befragt. Dabei handelte es sich um zwei Flächenlandkreise, den Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt und die Mecklenburgische Seenplatte in Mecklenburg-Vorpommern. Beide gelten nach der Klassifikation des BBSR als „sehr peripher-ländlich“ – eine Einstufung, die sich aus geringer Bevölkerungsdichte und erheblichen Distanzen zu größeren Städten ergibt. Auch andere Analysen bestätigen die besondere Lage: So bezeichnet der Teilhabeatlas diese Regionen als „abgehängt“ (Sixtus u.a. 2019).
Besonders aufschlussreich ist an den KUMULUS-Daten, dass verschiedene Formen der Partizipation erhoben wurden, darunter Mitgliedschaften und aktive Teilnahmen in Sportvereinen, in der freiwilligen Feuerwehr oder Rettungsdiensten, in Musik- und Kulturvereinen, in Heimat- und Bürgervereinen, in politischen Gruppen oder Parteien sowie in anderen lokalen Initiativen. Auf dieser Basis konnte untersucht werden, in welchem Umfang Jugendliche in ländlichen Regionen partizipativ eingebunden sind – und ob sich daraus Unterschiede für ihre Zukunftsentscheidungen ergeben. Konkret interessierte die Frage, ob und inwiefern die Partizipation in einem Zusammenhang mit den Abwanderungsplänen junger Menschen steht, also mit der Entscheidung, nach der Schule in der Region zu bleiben oder wegzugehen?
Die DJI-Daten zu den 13- bis 16-jährigen Schüler:innen in ländlichen Regionen machen deutlich: Jede dritte befragte Person will „ganz sicher wegziehen“ (Fehser/Tillmann/Reißig 2025). Besonders häufig wird dieser Wunsch von Jugendlichen der 9. und 10. Klassen geäußert – also in einer Phase, in der Übergänge in Ausbildung oder weiterführende Schule konkret werden. Auffällig ist zudem, dass junge Frauen deutlich häufiger einen Wegzug planen als junge Männer. Damit verändert Abwanderung nicht nur die Bevölkerungszahl, sondern langfristig auch die soziale Struktur ländlicher Räume. So kommen im Jahr 2023 in einem der untersuchten Landkreise in der Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen auf 100 junge Männer nur 78,5 Frauen.
Bestimmte Beteiligungsformen gehen mit lokaler Identität einher
Die Auswertung der KUMULUS-Daten zeigt zugleich einen statistisch bedeutsamen Zusammenhang zwischen bestimmten Formen der Partizipation und den Bleibeintentionen junger Menschen. Besonders deutlich wird dies bei der freiwilligen Feuerwehr und anderen Rettungsdiensten. Jugendliche, die hier aktiv sind, äußern signifikant seltener den Wunsch, ihre Region nach der Schule zu verlassen. Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Heimat- und Bürgervereinen, bei denen die Zugehörigkeit mit einer ausgeprägten Neigung zum Verbleib in der Region verbunden ist. Diese Formen des Engagements sind eng mit regionaler Identität und lokaler Verwobenheit verknüpft – Faktoren, die offenbar helfen, Abwanderungsabsichten zu verringern. Befunde zu anderen Beteiligungsformen deuten in eine ähnliche Richtung, erreichen dabei aber keine statistische Signifikanz.
Diese Befunde bestätigen sich auch in multivariaten Analysen. Dadurch lässt sich die Vorhersagekraft verschiedener Faktoren getrennt untersuchen. Das bedeutet: Selbst wenn Alter, Geschlecht und die sozioökonomische Lage des Elternhauses berücksichtigt werden, zeigen die Ergebnisse, dass die genannten Partizipationsformen weiterhin eine statistisch relevante Bedeutung für die Bleibeintention haben.

Gleichzeitig zeigt sich, dass nicht alle Gelegenheiten zur Partizipation diesen Effekt aufweisen. Sportvereine sind zwar die am weitesten verbreitete Form der Partizipation, stehen aber in keinem signifikanten Zusammenhang mit Bleibeperspektiven. Bei politischen Gruppen und Parteien ist sogar ein gegenläufiger Trend erkennbar. Engagierte Jugendliche äußern hier überdurchschnittlich häufig Abwanderungspläne. Dabei ist zu berücksichtigen, dass solche Unterschiede auch auf Selbstselektion zurückgehen können – also darauf, dass sich Jugendliche mit bestimmten Einstellungen oder Orientierungsmustern eher in bestimmten Formen des Engagements wiederfinden. Insgesamt wird damit deutlich: Partizipation wirkt nicht überall gleich, doch gerade in stark lokal verankerten Strukturen zeigt sie messbare Effekte auf die Zukunftsentscheidungen Jugendlicher.
Partizipation verankern, Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume stärken
Die Befunde der KUMULUS-Studie zeigen, dass Partizipation häufig in einem engen Zusammenhang mit der Bleibeentscheidung junger Menschen steht – allerdings nicht in allen Bereichen gleichermaßen. Vor allem dort, wo Engagement stark mit lokaler Identität und Verantwortung verknüpft ist, etwa in der Feuerwehr oder in Heimatvereinen, lassen sich signifikante Zusammenhänge mit Bleibeperspektiven nachweisen. Politisches Engagement oder auch Sportvereine entfalten diesen Effekt dagegen nicht im gleichen Maße. Damit lässt sich festhalten, dass Beteiligung kein Patentrezept innerhalb von Demografiestrategien sein kann, sondern von den Bedingungen und Strukturen abhängt, in denen sie stattfindet.
Daran knüpfen auch die Handlungsempfehlungen eines wissenschaftlichen Gutachtens für eine Enquete-Kommission zur Jugendbeteiligung an (Fehser/Tillmann/Reißig 2023). Sie unterstreichen, dass Jugendpartizipation nur dann Wirkung entfalten kann, wenn Jugendliche mit ihren Anliegen ernst genommen werden, Beteiligung verbindlich in Strukturen verankert wird und ausreichende Ressourcen zur Verfügung stehen. Eine Beteiligungskultur, die Anerkennung vermittelt und jugendgerechte Zugänge schafft, verlässliche Strukturen, die Mitwirkung nicht vom Zufall abhängig machen, sowie Budgets und hauptamtliche Unterstützung bilden dafür zentrale Voraussetzungen. Entscheidend ist zudem, dass Beteiligung mehr ist als symbolisches Anhören: Nur dann, wenn Jugendliche echte Mitentscheidungsrechte erhalten und ihre Beiträge sichtbar in Ergebnisse einfließen, entsteht Selbstwirksamkeit – und damit auch die Bindung, die über Abwanderung oder Verbleib mitentscheidet.
Insgesamt zeigt sich: Jugendpartizipation ist nicht nur demokratische Pflichtaufgabe, sondern zugleich ein Kennzeichen der Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume. Sie eröffnet jungen Menschen die Erfahrung, dass ihre Region gestaltbar ist – und macht es damit wahrscheinlicher, dass sie diese auch zu ihrer Zukunftsregion machen.
Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) (2023): Raumtyp 2010. Bonn
Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) (2024): Ergebnisse für die Landkreise und kreisfreien Städte. Bonn
Beierle, Sarah / Tillmann, Frank / Reißig, Birgit (2016): Jugend im Blick – Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen. Abschlussbericht: Projektergebnisse und Handlungsempfehlungen. München
Fehser, Stefan u.a. (2025): Formale und non-formale Bildung in Mecklenburg-Vorpommern. Gutachten im Auftrag der Enquete-Kommission „Jung sein in Mecklenburg-Vorpommern“. München/Halle
Fehser, Stefan / Jäckel, Carolin (2025): Wer geht? Wer kommt? Wer bleibt? Demografischer Wandel im Mitteldeutschen Revier. Leipzig.
Fehser, Stefan / Tillmann, Frank / Reißig, Birgit (2023): Engagement und politische Beteiligung junger Menschen in Mecklenburg-Vorpommern. Gutachten im Auftrag der Enquete-Kommission „Jung sein in Mecklenburg-Vorpommern“. München/Halle
Fehser, Stefan / Tillmann, Frank / Reißig, Birgit (2025): Partizipation und Abwanderung von Jugendlichen in ländlichen Regionen. Eine quantitative Untersuchung zivilgesellschaftlicher Teilhabe von Jugendlichen unter sozialgeografischen Gesichtspunkten. In: Grunert, Cathleen/Ludwig, Katja (Hrsg.): Jugend – Ländliche Räume – Peripherie(sierung). Wiesbaden, S. 103–124
Feuerbach, Frank / Kosinski, Jörg / Schmidt, Alexandra (2019): „Was macht den ländlichen Raum für junge Fachkräfte attraktiv?“ Literaturanalyse für das Programm Perspektive Land. Berlin
Grunert, Cathleen / Ludwig, Katja (Hrsg.) (2025): Jugend – Ländliche Räume – Peripherie(sierung). Wiesbaden
Meyer, Frank / Leibert, Tim (2021): On the role of cultures of (out-)migration in the migration decisions of young people in shrinking regions of Central Germany. In: Geographica Helvetica, 76. Jg., H. 3, S. 335–345
Mühler, Kurt / Opp, Karl-Dieter (2006): Region – Nation – Europa. Die Dynamik regionaler und überregionaler Identifikation. Wiesbaden
Schametat, Jan (2025): Lebenslaufentscheidungen und Berufsorientierung von Jugendlichen in ländlich-peripheren Räumen. Weinheim
Sixtus, Frederick u.a. (2019): Teilhabeatlas Deutschland. Ungleichwertige Lebensverhältnisse und wie die Menschen sie wahrnehmen. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Berlin

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 3+4/2025 von DJI Impulse „Besser beteiligen – warum die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen wichtig ist – und wie sie gelingen kann“ (Download PDF).


