„Faire Chancen schafft man früh“

Bildungsentscheidungen an den Übergängen im deutschen Bildungssystem hängen bis heute stark von der sozialen Herkunft ab. Bundesministerin Karin Prien spricht im Interview darüber, wie sie mehr Bildungsgerechtigkeit herstellen will, welche Potenziale sie im neuen Zuschnitt ihres Ministeriums sieht – und warum sie derzeit neuen politischen Reformwillen erkennt.

DJI Impulse: Frau Prien, Übergänge strukturieren Bildungsbiografien in Deutschland in besonderer Weise. Wo sehen Sie aktuell die größten Risiken für Benachteiligung?

Karin Prien: Bildungsübergänge sind zentrale und fragile Weichenstellungen im Lebenslauf junger Menschen. Die Bildungsentscheidungen an diesen Übergängen hängen nicht nur von persönlicher Leistung ab, sondern stark von sozialer Herkunft, Erwartungen und Selbstkonzepten. Ziel muss sein, Bildungswege konsequent an Potenzialen statt an Herkunft auszurichten. Bildungsübergänge müssen so gestaltet sein, dass eine kontinuierliche, an den Entwicklungsstand angepasste Förderung ohne Brüche möglich ist und anschlussfähige Bildungsprozesse gestaltet werden können. 

Die Bildungsforschung zeigt seit Langem, wie stark Bildungsentscheidungen an Übergängen sozial geprägt sind. Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse sollten aus Ihrer Sicht stärker in die politische Steuerung übersetzt werden? 

In der Tat belegt die Studienlage, dass Kompetenzunterschiede schon in der frühen Kindheit entstehen und dann über die Schulzeit relativ stabil bleiben. Die Schule vergrößert die vorhandenen Unterschiede also nicht wesentlich, kann sie aber auch nur begrenzt ausgleichen. Die entscheidende Stellschraube für mehr Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit ist daher eindeutig die frühe Bildung in der Familie und in der Kita. Durch wissenschaftlich fundierte, gute frühe Bildung wollen wir alle Kinder – gerade auch Kinder in herausfordernden Lebenslagen – so in ihrer Entwicklung begleiten und fördern, dass sie sich wohlfühlen, dass sie sozial eingebunden sind und mit viel Neugierde die Welt entdecken. Sie sollen sich gut entwickeln, sprachlich zurechtfinden, gut mitteilen können und Freude am Lernen haben. Faire Chancen schafft man früh.

Karin Prien ist Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Zuvor war sie Bildungsministerin des Landes Schleswig-Holstein. In dieser Funktion hat sie bildungspolitische Reformprozesse maßgeblich gestaltet und die Zusammenarbeit der Länder in zentralen Fragen der Bildungspolitik mitgeprägt. Seit Januar 2022 ist Prien eine der fünf stellvertretenden Bundesvorsitzenden der CDU.

Entlang des Bildungswegs existieren bereits viele Unterstützungsangebote, sie greifen aber oft nicht ausreichend gut ineinander. Wie kann der Bund hier künftig stärker koordinierend und impulsgebend wirken? 

Indem wir bei unseren eigenen Maßnahmen die Bildungsübergänge noch stärker in den Blick nehmen und damit auch bewusst den Fokus der beteiligten Akteure – einschließlich der Familien – auf die Übergänge legen. Auch der Ganztag steckt voller Übergänge. Wo Ganztag als institutionenverbindender Ansatz verstanden wird, entsteht die Chance, Übergänge aktiv zu gestalten – immer im Sinne der Kinder und ihres Bildungswegs. Daher haben wir als Leitmotiv für den diesjährigen Ganztagskongress das Thema „Übergänge weiterdenken“ gewählt. Auch das Startchancen- Programm schafft Räume für bedarfsgerechte und passgenaue Gestaltungsmöglichkeiten. Schulen erfahren Unterstützung im Übergangsmanagement, beispielsweise durch Netzwerkbildung an den Übergängen. Bei der Initiative Bildungsketten nehmen wir gemeinsam mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales, der Bundesagentur für Arbeit und natürlich den Ländern den Übergang von der Schule in die berufliche Bildung in den Blick. Zentrale Handlungsfelder sind dabei die berufliche Orientierung, die individuelle Unterstützung in der Schule, am Übergang in eine Berufsausbildung, in ein Studium oder während der Ausbildung.

Der neue Zuschnitt Ihres Ministeriums, das die Politikfelder Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend bündelt, wird als Signal für eine engere Verzahnung des Bildungssystems und der Kinder- und Jugendhilfe gewertet. Welches konkrete Potenzial sehen Sie darin, die Herausforderungen an Bildungsübergängen künftig wirksamer anzugehen? 

Nicht die Kinder und Jugendlichen müssen sich den Systemen anpassen, sondern wir müssen vom Kind, vom Jugendlichen – natürlich auch von ihren Familien –  her denken. Wenn wir die Übergänge gemeinsam gestalten und dabei das Kind oder den Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen, verspreche ich mir davon eine deutliche Steigerung der Qualität. Denn damit einher geht ein Perspektivwechsel von Zuständigkeiten hin zu Verantwortlichkeiten. Zentral ist dann nämlich die Frage, wie man selbst noch mehr bewirken kann. Eine verbesserte Zusammenarbeit bei den Übergängen führt auch zu einem effizienteren Einsatz der Ressourcen. Wir können die bestehenden Angebote besser miteinander verzahnen, etwaige Doppelstrukturen abbauen und Synergien fördern. Letztendlich stärken wir damit auch die Demokratie. Wir zeigen, dass der Staat für und im Sinne der jungen Menschen arbeitet.

Sie haben als Bildungsministerin in Schleswig-Holstein lange Zeit eng mit anderen Ländern und dem Bund zusammengearbeitet. Wo liegen aus Ihrer Sicht die realistischen Spielräume, um die Zusammenarbeit der Systeme in den kommenden Jahren tatsächlich zu verbessern?

Ich nehme derzeit eine große Kooperationsbereitschaft bei und zwischen Bund und Ländern wahr. Der Handlungsdruck ist erkannt, und der Wille zur gemeinsamen Verantwortung ist da. Im Frühjahr hat sich einiges dazu getan. Zum einen haben die Länder gemeinsame Empfehlungen zum Übergang vom Elementar- in den Primarbereich beschlossen. Darin sind Grundsätze und Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Übergang beschrieben. Auf Bundesebene nehmen wir mit dem im Koalitionsvertrag vereinbarten Kita-Qualitätsentwicklungsgesetz auch den Übergang vom Elementar- in den Primarbereich in den Blick. Zum anderen konnten wir uns mit den Ländern auf einen gemeinsamen Arbeitsprozess verständigen, um schnellstmöglich eine Trendumkehr bei der Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Das ist ein starkes Zeichen für einen zeitgemäßen, kooperativen und leistungsfähigen Bildungsföderalismus, der von Austausch, Offenheit und der Bereitschaft, voneinander zu lernen, lebt. Hinzukommen muss die horizontale Kooperation zwischen Familie, Schule und dem Hilfesystem.


Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Birgit Lindner[1]

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2+3/2026 von DJI Impulse „Bildung ohne Barrieren. Wie sich Übergänge chancengerechter gestalten lassen“ (Download PDF[2]).

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