DJI-Tagung zum Projektabschluss
Eine Kultur des Hinhörens als Voraussetzung für den Schutz vor sexueller Gewalt?
Dank der Förderlinie des Bildungs- und Forschungsministeriums (BMBF) zu „Sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten“ wurden zahlreiche Forschungsvorhaben in diesem Bereich angestoßen. Dr. Heinz Kindler[1], Leiter der Fachgruppe Familienhilfe und Kinderschutz[2] am DJI, wies in seinem Eröffnungsvortrag darauf hin, dass sich dadurch die Datenlage zur Prävalenz leicht verbessert habe. Auch gäbe es mittlerweile mehr Aufschluss über die Sicht der Kinder und Jugendlichen selbst. So berichten 41% der Jugendlichen in stationären Einrichtungen von sexuellen Übergriffen während ihres Aufenthalts (Allroggen u.a. 2017). Insbesondere Mädchen, die nach einem Missbrauchsfall in einem Heim o.ä. aufwachsen, werden zu 71% wieder Opfer sexueller Übergriffe (Re-Viktimisierung; Helfferich u.a. 2017).
Es stellt sich die Frage, inwieweit die Kultur einer Einrichtung dazu beitragen kann, betroffene Kinder und Jugendliche zu ermutigen, sich Fachkräften anzuvertrauen (Disclosure), damit ihnen geholfen werden kann. Nach dem Stand der Forschung ist es so, dass sich nur ein Viertel der Jugendlichen in stationären Einrichtungen im Missbrauchsfall an einen Erwachsenen wendet (Rau u.a. 2016), die meisten vertrauen sich ihren Peers an. Hinderliche Faktoren, sich zu offenbaren, sind Gefühle von Scham, fehlendes Vertrauen oder befürchtete negative soziale Folgen.
Wie wichtig ein gutes Organisationsklima in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe ist, wurde von Johann Hartl anhand von Ergebnissen aus dem DJI-Projekt „Kultur des Hinhörens“ dargestellt. So geht nicht nur ein gutes Organisationsklima mit niedrigeren Raten körperlicher, emotionaler und sexueller Gewalt einher, sondern fördert zugleich die Bereitschaft betroffener Jugendlicher, sich im Fall erfahrener Übergriffe Hilfe zu holen. Als wichtige Aspekte zur Förderung eines positiven Organisationsklimas wurden Faktoren ermittelt, die auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen zielen wie etwa Transparenz im Umgang mit Fehlern oder ein allgemein positives Mitarbeiter-Leitungskraft-Verhältnis.
Darüber hinaus hat das DJI ein Präventionskonzept evaluiert, das speziell konzipiert wurde, um sexuelle Übergriffe sowie physische und emotionale Misshandlung in (teil-)stationären Einrichtungen der Jugendhilfe zu verhindern. Regine Derr[3] (DJI) stellte die Ergebnisse vor. Für die Bewertung des Programms PräviKIBS liegen Aussagen von 53 Jugendlichen sowie Fach- und Leitungskräften aus 9 Einrichtungen vor. Diese waren in der Summe positiv. Der Effekt des Programms zur Prävention von sexueller Viktimisierung ist jedoch davon abhängig, wie vollständig das Programm umgesetzt wird.
DJI-Projekt: Kultur des Hinhörens[5]
Kontakt
Regine Derr
derr@dji.de
Verwandte Projekte
DJI-Projekt: Wissen von Schülerinnen und Schülern über sexuelle Gewalt in pädagogischen Kontexten[6]
Weitere Informationen finden Sie auf unserer Themenseite KINDERSCHUTZ[9].