Daten zu Gewaltkriminalität bei jungen Menschen

Die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt unterschiedliche Entwicklungen bei tatverdächtigen Kindern und Jugendlichen – Antworten auf wichtige Fragen

01. Juli 2026 -

Die jährliche Veröffentlichung der Daten des Bundeskriminalamts zieht regelmäßig große, vor allem auch mediale Aufmerksamkeit auf sich. Die Aussagekraft der Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ist aber begrenzt. Von Wissenschaft und Zivilgesellschaft wird zunehmend vor der politisierten Nutzung der Daten gewarnt, da sie verwendet werden, um Narrative über Kriminalitätsanstiege bestimmter Personengruppen zu verbreiten. Die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention am Deutschen Jugendinstitut (DJI) erforscht seit vielen Jahren das Phänomen Gewalt junger Menschen. Sie analysiert kriminologische Erkenntnisse, aktuelle Studien sowie die jährliche PKS, um die Daten für Politik, Fachpraxis und Medien einzuordnen.

Anlässlich der im April 2026 neu veröffentlichten Daten in der PKS zur Gewalt junger Menschen in Deutschland ist nun wie jedes Jahr die DJI-Publikation mit dem Titel „Zahlen – Daten – Fakten Jugendgewalt“ der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention erschienen. Ziele sind eine Beschreibung des Phänomens Jugendgewalt sowie die kriminologische Analyse der Deliktbelastung und ihrer Entwicklung. Auf dieser Basis geben die DJI-Expert:innen Dr. Sabrina Hoops, Dr. Diana Willems, Bernd Holthusen und Dr. Bettina Grüne im Folgenden Antworten auf besonders häufig gestellte und wichtige Fragen zu körperlichen Gewaltdelikten von jungen Menschen unter 21 Jahren. 


Welche Gewaltdelikte werden in der Polizeilichen Kriminalstatistik bei jungen Menschen erfasst?

In der PKS werden Tatverdächtige für ein breites Spektrum körperlicher Gewaltdelikte erfasst, von einfacher bis zu schwerer Körperverletzung, Totschlag und Mord. Grundsätzlich machen schwere Gewalttaten, das heißt insbesondere schwere Körperverletzung und Raub, nur einen kleineren Teil der Tatverdächtigungen bei jungen Menschen aus. Häufiger ist ein Tatverdacht aufgrund von sogenannten Bagatelldelikten wie Ladendiebstahl oder Sachbeschädigung. Mit Blick auf Gewaltdelikte zeigt die PKS: Im Jahr 2025 wurden 45.003 Kinder und Jugendliche aufgrund von einfacher Körperverletzung und 43.303 Kinder und Jugendliche aufgrund einer Tat, die zur sogenannten Gewaltkriminalität (unter anderem gefährliche und schwere Körperverletzung sowie Raub) zählt, polizeilich registriert. Neben körperlicher Gewalt können junge Menschen auch Täter:innen und Opfer anderer Gewaltformen werden – wie zum Beispiel von (Cyber-)Mobbing –, die im Jugendalter recht häufig sind. Für diese gibt es aber teilweise keine eigenständige Erfassung in der PKS.

Welche Rolle spielen Alter und Geschlecht? 

Im Jahr 2025 wurde ein Drittel der polizeilich registrierten Straftaten, die unter Gewaltkriminalität fallen, Kindern unter 14 Jahren (7 Prozent), Jugendlichen im Alter von 14 bis unter 18 Jahren (15 Prozent) und Heranwachsenden im Alter von 18 bis unter 21 Jahren (10 Prozent) zugeordnet. Die große Mehrheit der Tatverdächtigen von Gewaltkriminalität ist männlich. Während bei Mädchen der Höchststand der Tatverdächtigungen im Alter von 14 bis 16 Jahren erreicht wird, liegt er bei Jungen bei 16 bis 18 Jahren. Anschließend ist ein stetiger Rückgang der Tatverdächtigungen bis hin zur Gruppe der über 60-Jährigen zu sehen, die nur selten aufgrund von Gewaltdelikten tatverdächtigt werden. Kinder werden nach wie vor deutlich seltener als Jugendliche und Heranwachsende aufgrund einer Gewalttat polizeilich registriert. Dabei sind schwerwiegende Straftaten durch strafunmündige Kinder sehr selten. Jugendgewalt vollzieht sich oft in der gleichen Alters- und Geschlechtergruppe, das heißt, Jugendliche können sowohl Täter:innen als auch Opfer oder beides sein. 

Wer wird besonders oft bezüglich Gewalttaten polizeilich registriert?

Die Mehrzahl der bei der Polizei auffällig werdenden Kinder und Jugendlichen wird lediglich ein- bis zweimal auffällig. Dabei handelt es sich meist um geringfügigere Delikte wie Ladendiebstahl oder Sachbeschädigung, aber eben auch um Körperverletzungsdelikte. Nur ein kleiner Teil der jungen Menschen wird mit drei oder mehr Delikten polizeilich registriert. Der Großteil wiederholter und schwerwiegender Straftaten wird durch eine kleine Personengruppe verübt, die sich der kriminologischen Forschung zufolge in der Regel in komplexen Problemlagen befindet – dazu zählen unter anderem Gewalterfahrungen in der Familie, Schulprobleme, Alkohol- und Drogenmissbrauch, soziale Randständigkeit sowie delinquente Freundeskreise, wie beispielsweise Peers, die Drogen konsumieren oder ebenfalls mit Delikten auffällig geworden sind. 

Wie entwickelt sich die Anzahl der tatverdächtigen jungen Menschen? 

Für langfristige Vergleiche der PKS-Daten sollten die Tatverdächtigenbelastungszahlen (TVBZ) genutzt werden. Die TVBZ geben die Anzahl der in Deutschland wohnhaften Tatverdächtigen je 100.000 Personen der jeweiligen Altersgruppe an. In den vergangenen 16 Jahren waren die TVBZ in Bezug auf Gewaltdelikte sowohl bei den Jugendlichen (1.171) als auch bei den Heranwachsenden (1.196) im Jahr 2009 am höchsten. Es wurden damals also etwa 1 Prozent der Jugendlichen beziehungsweise Heranwachsenden aufgrund von Gewaltkriminalität tatverdächtigt. Die übrigen 99 Prozent sind polizeilich nicht in Erscheinung getreten. In den folgenden Jahren gab es in diesen Altersgruppen einen deutlichen Rückgang der TVBZ. Bei den Jugendlichen waren die Zahlen in 2015 etwa halbiert (618). Danach stieg die TVBZ bei Jugendlichen mit Ausnahme eines Rückgangs während der COVID-19-Pandemie wieder an und lag 2025 bei 913. 

Auch für die Altersgruppe der Kinder sind die TVBZ nach einer jahrelangen stabilen Phase im Bereich der Gewaltkriminalität mit Ausnahme der Zeit in der Pandemie zwischen 2016 (138) und 2025 (288) angestiegen. Absolut betrachtet sind diese Anstiege jedoch auf einem deutlich niedrigeren Niveau als bei Jugendlichen. Zuletzt wurden knapp 0,3 Prozent der 8- bis unter 14-Jährigen wegen Gewaltkriminalität tatverdächtigt. Bei den Heranwachsenden sind die TVBZ für Gewaltkriminalität zwischen 2015 (820) und 2025 (757) relativ konstant. Auch in dieser Altersgruppe sind die TVBZ während der COVID-19-Pandemie zurückgegangen.

Zusammenfassend lässt sich bezüglich der Entwicklung der Anzahl von Tatverdächtigungen aufgrund von Gewaltkriminalität festhalten: In der Langzeitbetrachtung zwischen 2009 und 2025 zeigen sich in den TVBZ für Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsenen immer noch eher rückläufige Tendenzen, bei Kindern eine Zunahme. 

Welche Aussagekraft hat die Polizeiliche Kriminalstatistik in Bezug auf das Gewaltverhalten junger Menschen?

Bei den Daten der PKS handelt es sich um eine reine Tatverdächtigenstatistik, die das polizeilich registrierte Hellfeld der Kriminalität abbildet. Die Aussagekraft zum Gewalthandeln vor allem junger Menschen ist auch dadurch eingeschränkt, da viele Taten nicht zur Anzeige gebracht werden. Gewaltverhalten, das im Dunkelfeld verbleibt, wird von der Kriminalstatistik nicht berücksichtigt. Darüber hinaus sind Änderungen in den Zahlen der PKS nicht ausschließlich auf Änderungen im Tatverhalten zurückzuführen, vielmehr können unter anderem auch Faktoren wie Kontrollintensitäten der Polizei, Anzeigeverhalten der Bevölkerung oder Änderungen des Strafrechts eine Rolle spielen. Darüber hinaus sind bestimmte (digitale) Gewaltformen durch die PKS nur bedingt erfasst. 

Zentrale Probleme bei der Interpretation der PKS sind sowohl die Einschränkungen in der Statistik selbst als auch, dass das Dunkelfeld keine Berücksichtigung findet. In der Betrachtung gewalttätigen Verhaltens junger Menschen ist es deshalb unerlässlich, auch weitere Studien zu berücksichtigen. Dunkelfeldstudien, das heißt Befragungen zu Täter- und Opfererfahrungen, Anzeigeverhalten und Kriminalitätsfurcht bestimmter Bevölkerungsgruppen, sind eine wichtige Ergänzung der polizeilichen Hellfelddaten. 

Für die Analyse der langfristigen Entwicklung der Gewaltdelinquenz in Deutschland kann allerdings nicht auf bundesweite, sondern nur auf regionale Dunkelfeldstudien zurückgegriffen werden. Diese geben wichtige Erkenntnisse zur selbstberichteten Gewalt, aber auch zu Viktimisierungserfahrungen junger Menschen. So zeigt zum Beispiel der Niedersachsensurvey, dass bei den befragten Neuntklässler:innen lediglich knapp 14 Prozent der genannten Gewalttaten angezeigt worden sind. Knapp 7 Prozent gaben an, eine Gewalttat in den letzten 12 Monaten begangen zu haben. Höher sind die Anteile der Jugendlichen, die angeben, in den letzten 12 Monaten Opfer einer Gewalttat geworden zu sein: 20 Prozent. Und sogar mehr als 40 Prozent der Befragten berichten, dass sie im Verlauf ihres bisherigen Lebens Opfer geworden sind. 

Zur Betroffenheit von Gewalt wurden darüber hinaus mit der Studie „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland (SKiD)“, dem Viktimisierungssurvey des Bundeskriminalamts und der Polizeien der Länder sowie der Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“, die insbesondere Gewalterfahrungen innerhalb und außerhalb von (Ex-)Partnerschaften untersucht, inzwischen wichtige zusätzliche Erhebungsinstrumente etabliert. Gleichwohl werden junge Menschen unter 16 Jahren hier nicht befragt. Der Forschungsbedarf zu Jugend und Gewalt ist groß.

Publikation „Zahlen – Daten – Fakten Jugendgewalt[1]Factsheet „Kinderdelinquenz in Deutschland[2]DJI-Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention[3]

Kontakt
DJI-Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention
Dr. Sabrina Hoops
089/62306-267
hoops@dji.de[4]  

Dr. Diana Willems
089/62306-139
willems@dji.de[5]  

Dr. Bettina Grüne
089/62306-330
gruene@dji.de[6]  

Bernd Holthusen
089/62306-101
holthusen@dji.de

Abteilung Medien und Kommunikation
Birgit Lindner
089/62306-180
blindner@dji.de[7]