Kita-Ausbau verliert an Tempo, regionale Unterschiede nehmen zu

Der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“ ist erschienen

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15. Juni 2026 -

Nach 20 Jahren des intensiven Ausbaus und der Professionalisierung steht die Kindertagesbetreuung aufgrund der Geburtenentwicklung in West- und Ostdeutschland nun vor unterschiedlichen Herausforderungen: Während in einigen Regionen weiterhin Plätze und Personal fehlen, werden diese in anderen bereits abgebaut. Rückgänge gibt es nicht nur in den ostdeutschen Flächenländern, sondern auch in Hamburg und Schleswig-Holstein. Insbesondere in Westdeutschland sind Eltern hingegen aufgrund personeller Engpässe bereits mit ungeplanten Schließtagen konfrontiert. Dies sind zentrale Ergebnisse der Auswertungen des Deutschen Jugendinstituts (DJI) für den Nationalen Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“. Die DJI-Forschenden analysierten die frühe Bildung, den Ganztag im Schulalter und non-formale Lernorte neben der Schule auf Basis amtlicher Statistiken und repräsentativer Surveys.

„Entscheidend ist, dass die künftigen Planungen regionale Dynamiken aufgreifen und für bevölkerungsarme Regionen Anstrengungen unternommen werden, um dort weiterhin ein qualitativ hochwertiges und verlässliches Bildungs- und Betreuungsangebot vor Ort bereitzustellen“, sagt DJI-Forschungsdirektorin Prof. Dr. Susanne Kuger anlässlich der Veröffentlichung des Berichts am 15. Juni 2026 in Berlin. 

Damit rücke auch die Frage der Qualität der Angebote immer stärker in den Fokus: In Ostdeutschland könne die mögliche Entspannung der Personalsituation genutzt werden, um die Personal-Kind-Schlüssel zu verbessern, also die Zahl der Kinder zu verringern, für die eine pädagogisch tätige Person zuständig ist, und so die Qualitätsentwicklung gezielt voranzutreiben. In Westdeutschland müsse vor allem weiterhin zusätzliches Personal gewonnen werden, ohne bei dessen Qualifizierung große Abstriche zu machen. 

Kita-Zugang und Teilnahme an früher Bildung sind nach wie vor von sozialen Ungleichheiten geprägt

Dem Bildungsbericht 2026 zufolge bestehen weiterhin Lücken zwischen dem Bedarf nach Kindertagesbetreuung und deren tatsächlicher Nutzung: Im Jahr 2024 lag der Elternbedarf an einem Bildungs- und Betreuungsangebot für einjährige Kinder in Westdeutschland 23 Prozentpunkte über der Beteiligungsquote; in Ostdeutschland waren es 12 Prozentpunkte. Auch bei den Zweijährigen übersteigt der Bedarf die Beteiligungsquote – in Westdeutschland um 14 Prozentpunkte und in Ostdeutschland um 5 Prozentpunkte. In dieser Situation der Platzknappheit war die Wahrscheinlichkeit, dass benachteiligte Familien – etwa solche mit Einwanderungsgeschichte – bei vorhandenem Bedarf einen Platz für ihr unter dreijähriges Kind bekommen, um 10 Prozentpunkte geringer als für Familien ohne dieses Merkmal. 

„Frühe Bildung ist der zentrale Schlüssel, um allen Kindern faire Bildungs- und Teilhabechancen zu eröffnen. Dass es auch nach 20 Jahren Expansion in der frühen Bildung noch immer deutlich ungleiche Teilhabechancen gibt, ist enttäuschend und muss endlich zum Handeln führen. Insbesondere Kinder aus benachteiligten Familien müssen deutlich besseren Zugang zu qualitativ hochwertigen und verlässlichen Angeboten der Kindertagesbetreuung erhalten“, fordert Kuger.

Im Ganztag weiterhin regionale Unterschiede bei Bedarf und Nutzung, Kommunen sehen sich für Rechtsanspruch noch nicht adäquat aufgestellt

Trotz des bevorstehenden Rechtsanspruchs bleibt auch beim Ganztag für Grundschulkinder das vorhandene Angebot vielerorts hinter dem Bedarf der Eltern zurück – je nach Land um bis zu 16 Prozentpunkte. Länderspezifische Unterschiede zeigen sich auch bei der Nutzung der Angebote: In den ostdeutschen Ländern trifft ein traditionell hoher elterlicher Bedarf auf ein vergleichsweise gut ausgebautes Hort-Angebot, was sich in hohen Beteiligungsquoten niederschlägt. Hamburg verzeichnet eine Vollbeteiligung aller Kinder an ganztägigen Angeboten und ähnelt damit den ostdeutschen Ländern mit Beteiligungsquoten zwischen 82 und 94 Prozent, während Bayern den niedrigsten Bedarf (43 Prozent) und die geringste Beteiligung (35 Prozent) aufweist. 

Dementsprechend sehen auch die Kommunen noch deutlichen Handlungsbedarf: 2025 gingen lediglich 17 Prozent davon aus, dass ihr Ganztagsangebot die Kriterien des kommenden Rechtsanspruchs vollständig erfüllt. Weitere 18 Prozent sahen mehr als Dreiviertel und weitere 25 Prozent mehr als die Hälfte ihrer Angebote entsprechend aufgestellt. Der neue gesetzliche Anspruch umfasst fünf Tage pro Woche bis zu acht Stunden täglich, inklusive Unterricht. Dies gilt ab dem Schuljahr 2026/2027 zunächst für Erstklässler:innen und wird bis 2029/2030 stufenweise auf alle vier Klassenstufen ausgeweitet. Die Anzahl der Grundschüler:innen in ganztägigen Angeboten ist in den letzten fünf Jahren um 15 Prozent auf knapp 1,9 Millionen im Jahr 2025 gestiegen.

Frühe Förderung wird zunehmend relevant

In der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung ist nicht nur die Anzahl der Kinder stark gestiegen, auch die Anforderungen an Einrichtungen und Fachkräfte haben zugenommen: So ist etwa der Anteil an Kindern mit Eingliederungshilfe in inklusiven Gruppen seit 2020 um 6 Prozentpunkte auf 55 Prozent im Jahr 2025 gestiegen. Der Anteil inklusiver Kitas hat sich im gleichen Zeitraum um 4 Prozentpunkte erhöht. 

Zudem spricht im bundesweiten Durchschnitt etwa ein Viertel der Kita-Kinder zwischen drei Jahren und dem Schuleintritt in seiner Familie vorrangig eine andere Sprache als Deutsch. Diese Kinder bilden insbesondere in Stadtstaaten in manchen Einrichtungen die überwiegende Mehrheit: In Bremen und Berlin werden über ein Drittel, in Hamburg und Hessen jeweils ein Viertel der Einrichtungen überwiegend von Kindern mit nicht-deutscher Familiensprache besucht. 

„Diese ungleiche Verteilung von Kindern mit nicht-deutscher Familiensprache stellt manche Kitas und Fachkräfte vor besondere Herausforderungen, Sprachbildung im Alltag gut und wirksam umzusetzen. Gleichzeitig unterstreicht der bei den Schuleingangsuntersuchungen festgestellte wachsende Anteil an Kindern mit sprachlichen Entwicklungsauffälligkeiten die Relevanz früher Förderung“, betont Susanne Kuger. Das von der Politik geplante Startchancen-Programm für Kitas müsse diesen hohen Anteil von Kindern mit besonderen Anforderungen berücksichtigen und betroffene Kitas personell besser ausstatten. 

Vereinheitlichungen bei Sprachstandserhebungen und wirksame Fördermaßnahmen nötig

Vor dem Hintergrund der im Koalitionsvertrag festgeschriebenen und angestrebten verpflichtenden Sprach- und Entwicklungsdiagnostik bei allen vierjährigen Kindern, führen immer mehr Länder Sprachstandserhebungen durch. Sie verfolgen dabei jedoch unterschiedliche Ansätze: Acht Länder erheben den Sprachstand von allen Kindern, vier Länder nur bei Kindern, die keine Kindertagesbetreuung besuchen. In acht Ländern schließen verpflichtende Sprachfördermaßnahmen an, drei weitere empfehlen diese nur. In weiteren vier Ländern gibt es keine einheitlichen Vorgaben. 

„Eine länderübergreifende Diagnostik sollte bestehende Verfahren wie die Schuleingangsuntersuchungen, U-Untersuchungen oder Sprachstandserhebungen zu einem integrierten Konzept zusammendenken“, fordert DJI-Forschungsdirektorin Kuger. Ziel müsse es sein, Parallelstrukturen abzubauen, die Ausgangslage kindgerecht zu erfassen und eine wirksame Förderung anzuschließen. Dem Bildungsbericht zufolge müssten die pädagogische Praxis in Kitas und deren Unterstützungssysteme mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet werden, damit sie trotz veränderter Rahmenbedingungen diese Aufgaben nachhaltig erfüllen können.

Datenquellen

Der Nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“ erscheint zum elften Mal und widmet sich dem Schwerpunkt „Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft“. Er bietet alle zwei Jahre eine systematische Bestandsaufnahme des gesamten deutschen Bildungswesens. Forschende des DJI untersuchen die frühe Bildung, Ganztagsbildung und -betreuung im Schulalter sowie non-formale Lernwelten jenseits der Schule. Sie analysieren hierfür Daten der amtlichen Statistik, vornehmlich der Kinder- und Jugendhilfestatistik, sowie Daten groß angelegter, repräsentativer Surveys, beispielsweise die DJI-Surveys „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten (AID:A)“, die DJI-Kinderbetreuungsstudie (KiBS) und „Entwicklung von Rahmenbedingungen in der Kindertagesbetreuung (ERiK)“. Zudem führen sie eigene Länderabfragen durch und ergänzen damit die vorliegenden Statistiken. 

Über den nationalen Bildungsbericht

Der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“ wird von einer unabhängigen Gruppe von Wissenschaftler:innen erstellt, die folgende Einrichtungen vertreten: Das DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (Federführung), das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE), das Deutsche Jugendinstitut (DJI), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), das Soziologische Forschungsinstitut (SOFI) an der Georg-August-Universität Göttingen sowie die Statistischen Ämter des Bundes (StBA) und der Länder (vertreten durch das Hessische Statistische Landesamt). Die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) fördern die Erarbeitung des Berichts.


Gesamtbericht und Kurzfassung[1]Prof. Dr. Susanne Kuger im Video-Interview (Youtube)[2]Nationale Bildungsberichterstattung am DJI[3]Nationale Bildungsberichterstattung am Forschungsverbund DJI/TU Dortmund [4]

Online-Veranstaltung: Am 22. Juni 2026 von 11 bis 12:30 Uhr können die Ergebnisse gemeinsam mit den Autor:innen des Berichts diskutiert werden. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. 
Zoom-Meeting beitreten[5]  
 

Kontakt
Prof. Dr. Susanne Kuger
DJI-Forschungsdirektorin/Autorin Nationale Bildungsberichterstattung 
kuger@dji.de[6]

Dr. Susanne Lochner
Co-Autorin Nationale Bildungsberichterstattung
lochner@dji.de

Uta Hofele
Abteilung Medien und Kommunikation
089/62306-446
hofele@dji.de