Publikationen

Die neue Kinderarmut. Eine Thematisierung des Funktionswandels sozialer Hilfe im Wohlfahrtsstaat?


Beisenherz, Gerhard
In: Sozioökonomische und soziokulturelle Dimensionen von Kindheit (Hrsg.) (1997):
Die neue Kinderarmut. Eine Thematisierung des Funktionswandels sozialer Hilfe im Wohlfahrtsstaat? Manuskript.
München Deutsches Jugendinstitut
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In den letzten Jahren haben Thematisierungen der Armut deutlich zugenommen. Daß die
Armut im Lande wächst, dürfte weitgehend unbestritten sein und hat inzwischen eine breite
Aufmerksamkeit in den Medien erfahren; beunruhigend ist am Anstieg der Armut u.a.,
daß die "verdeckte Armut" in Ostdeutschland schnell zunimmt. Aber im Zentrum der
Besorgnis im Zusammenhang mit der steigenden Armut steht eine andere Entwicklung:
Nicht nur Armutsforscher, sondern die Politik, Verbände und Gewerkschaften beschäftigen sich in diesem Kontext mit der tatsächlich oder angeblich wachsenden Kinderarmut.
Kinderarmut meint hier, daß Kinder arm sind und nicht, daß Kinder in der Gesellschaft
Mangelware werden, weil die Reproduktionsrate der Bevölkerung sinkt und das Durchschnittsalter
wächst, so daß Kinder einen immer kleiner werdenden Anteil an der Bevölkerung
ausmachen. Es geht somit auch nicht um die Sorge, daß dadurch die eingerichteten
Systeme der sozialen Sicherung in ihrer Funktionsfähigkeit gefährdet erscheinen. Letzteres
kann zwar wieder zurückwirken auf die soziale Situation armer Kinder: Die staatlichen
Ressourcen für ihre Unterstützung werden gekappt. Solche möglichen Zusammenhänge
sind aber weniger Gegenstand der öffentlichen Debatte. Vielmehr dreht sich diese um das
gerade wegen des Kindermangels paradox erscheinende Phänomen, daß es vielen Kindern,
obwohl sie als Gruppe in dieser Gesellschaft relativ kleiner werden, dennoch schlechter
geht. Die Armutsstatistik weist nach, daß ein wachsender Anteil von ihnen in Armut lebt
oder von Armut bedroht ist.